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»STEHEN SIE AUF, VAN DER LUBBE!«

aus DER SPIEGEL 52/1959

Tagelang stierte der Angeklagte van der Lubbe während des Leipziger Prozesses teilnahmslos vor sich hin; nur ein paarmal lachte er - scheinbar ohne Grund - plötzlich auf Sein Verhalten vor Gericht hat zu der heute allgemein verbreiteten Auffassung geführt, der Holländer sei »geistig dumpf« und schwachsinnig gewesen oder aber die Nazis hatten ihn unter Drogen gesetzt, damit er keine für sie gefährlichen Wahrheiten aussagen könne.

9. Fortsetzung

Eine »Persönlichkeit, die weiß, was sie will«, schrieben die Psychiater Professor Bonhoeffer und Professor Zutt im März 1933 über den Häftling van der Lubbe. Der Holländer sei »jungenhaft«, aufgeschlossen und lebendig gewesen, »im Tonfall und im mimischen Gebaren ... recht präzise und vielfältig an Nuancen«.

Als die beiden Professoren Lubbe Monate später nach Prozeßbeginn wiedersahen, erkannten sie ihn kaum wieder. Mit hängendem Kopf und tropfender Nase saß er da und stierte teilnahmslos vor sich hin. Fragen beantwortete er nur unwillig oder gar nicht. Die Menschen um ihn herum, die Verhandlungen und der Ausgang des Prozesses schienen ihn nicht mehr zu interessieren. Wie war diese Veränderung möglich gewesen? Was war inzwischen geschehen?

Unmittelbar nach Eingang des ersten psychiatrischen Gutachtens, am 6. April 1933, hatte Untersuchungsrichter Vogt die Fesselung Lubbes und der anderen Häftlinge angeordnet, vorgeblich, um Selbstmordabsichten zu vereiteln. Van der Lubbe selbst war von diesem Tag an bis zum 22. September an Händen und Füßen gefesselt.

Die körperlichen und seelischen Qualen, die damit verbunden waren, kann man sich kaum vorstellen. Das hatte Lubbe nicht geahnt, als er seine Tat beging, die für ihn doch »keine große Sache war«. Seine letzten Hoffnungen brachen zusammen, als ihm Ende Mai der Untersuchungsrichter die Gutachten der Brandexperten vorhielt.

In diesen Gutachten wurde ihm auch noch die Show gestohlen. Man wies ihm eine armselige Handlangerrolle zu, denn den Sachverständigen galt es als ausgemacht, daß er den Brand unter gar keinen Umständen allein habe anlegen können. Man stempelte ihn zum Lügner, verhöhnte seine Aussagen, bestritt ihm die Tat.

Ende Juli 1933 erhielt Lubbe dann die Anklageschrift. Er versuchte angestrengt, die absonderlichen Konstruktionen und Kombinationen zu begreifen, die man da um ihn gewoben hatte. Von jener Zeit an änderte sich sein Wesen grundlegend. Sein Körpergewicht nahm, wie Messungen ergaben, rapide ab. Bis zum Oktober verlor er 25 Pfund.

»Es wäre wohl allzu gezwungen, wollte man diese Veränderung des Verhaltens und den Gewichtsverlust nicht als Reaktion auf die Erkenntnis der Schwierigkeit der Situation auffassen«, urteilten die Psychiater Bonhoeffer und Zutt in einem Gutachten.

Was die Psychiater als »Schwierigkeit« umschrieben, bedeutete für van der Lubbe den Sturz in die Hoffnungslosigkeit. Denn in der Anklageschrift war mit dürren Worten der Tod angekündigt, der Tod für eine Tat, für die er ursprünglich schlimmstenfalls mit einer begrenzten Zuchthausstrafe hatte rechnen müssen. Jetzt mußte er erkennen, daß er keine Chance mehr hatte.

Konstatierten die Psychiater: »Sein verstocktes, nahezu völliges Schweigen in der Verhandlung war ein Ausdruck dafür, daß er einfach nicht mehr mitmachen wollte.«

Über das Wiedersehen mit Lubbe am 9. Oktober 1933 in Berlin, am Vorabend der Beweisaufnahme, berichteten die Professoren: »Wir sahen ihn am ersten Tage (offenbar angestrengt von der nächtlichen Autofahrt von Leipzig) im Untersuchungsgefängnis in Berlin. Wir trafen ihn gebückt in der Zelle sitzend, die Nase ungeputzt, ein Tropfen hing herunter. Dazu angeregt, griff er in die Tasche, zog sein Taschentuch heraus und putzte die Nase. Von sich aus sprach er nichts, folgte aber ganz willig - immer mit gesenktem Kopf - mit unruhigem, leidendem Gesichtsausdruck ins Arztzimmer über den Gang.«

Dann folgt eine Feststellung, die zugleich Aufschluß gibt über die Streitfrage, ob van der Lubbe bei seiner Vernehmung durch die Kriminalpolizei wirklich so ausgezeichnet Deutsch gesprochen und verstanden hatte: »Hier (im Arztzimmer) antwortete er auf Fragen zunächst Holländisch, auf Zureden aber wieder so viel Deutsch, daß man ihn ganz gut verstand.«

Marinus van der Lubbe hatte aufgegeben. Selbst die Mühe, Deutsch zu sprechen, erschien ihm sinnlos. Auch in der Verhandlung vor dem Reichsgericht dachte er nicht mehr daran, sich für seine Peiniger noch etwa anzustrengen und auf deutsch zu antworten. Die ahnungslosen Zuhörer, insbesondere der mißtrauische Dimitroff, glaubten daher, Lubbe könne allenfalls nur ganz miserabel Deutsch. Sie, die ihn nie erlebt hatten, wenn er lebendig und in verständlichem Deutsch, ungefesselt und ungebrochen seine Erklärungen abgab, vermochten keine Vergleiche zu ziehen. Sie sahen und hörten ihn nur mürrisch lallen.

Wenn aber, wie die Kriminalisten behaupteten, Lubbe »intelligent, willensstark und selbstbewußt« gewesen war, seine Haltung munter und übermütig, dann - so folgerte man - mußte eben mit ihm etwas angestellt worden sein. So kam es zu den Gerüchten über die Anwendung von Drogen und Hypnose.

Die Gerüchte, die bald von den ausländischen Zeitungen aufgegriffen wurden, veranlaßten den Gerichtspräsidenten, den schwedischen Privatdozenten und Kriminalexperten Harry Söderman - »Revolver -Harry« genannt - als neutralen Sachverständigen zu Rate zu ziehen. Am 27. September

1933 berichtete Harry Söderman vor dem Reichsgericht:

»Ich kann sagen, daß er (Lubbe) besser behandelt wird als die übrigen Gefangenen, zum Beispiel was das Essen betrifft. Van der Lubbe hat mich gleich bei meinem Eintritt gefragt: 'Warum machen Sie diese Untersuchung?' Ich sagte ihm: Weil man in der Auslandspresse sagt, daß Sie schlecht behandelt werden.' Da hat van der Lubbe ein bißchen gelacht und mit dem Kopf geschüttelt.«

Söderman hatte van der Lubbe untersucht und keinerlei Anzeichen einer Drogenbehandlung, wie etwa Injektionsnarben, wahrnehmen können. »Ich habe ihn auch

gefragt, ob er irgendwann oder irgendwo nach der Einnahme von Essen oder Getränken sich merkwürdig in irgendeiner Weise gefühlt habe: Er hat aber kräftig verneint.«

Auch die beiden Professoren Bonhoeffer und Zutt nahmen zu den Gerüchten Stellung: »Es sind dann noch wunderliche, ärztlich nicht ernst zu nehmende Diagnosen im Publikum, vor allem in der ausländischen Presse, umgegangen, die nur aus der dort herrschenden eigenartigen Atmosphäre des Mißtrauens zu verstehen sind. Van der Lubbe sei im Gefängnis künstlich in Hypnose versetzt worden, sein Verhalten sei auf die Einwirkungen narkotischer Mittel (Scopolamin) zurückzuführen gewesen.«

Die Gerüchte haben sich trotzdem behauptet: Der Schriftsteller Arthur Koestler zum Beispiel vertritt noch heute die Meinung, Lubbe sei mit Scopolamin behandelt worden. Und ein angeblicher französischer Sachverständiger und Braunbuch-II-Mitarbeiter, Charles Reber, veröffentlichte im »Neuen Tagebuch« (Paris und Amsterdam) einen Aufsatz zu dem Thema »Toxikologisches zum Fall van der Lubbe«, in dem er

nach einigen populärwissenschaltlichen Weisheiten über Rauschgifte im allgemeinen und Scopolamin im besonderen zu dem Schluß kam: Lubbe wurde vergiftet, und zwar mit Scopolamin!

Den französischen »Sachverständigen« kümmerte es wenig, daß Lubbe zu keinem Zeitpunkt die Symptome einer Scopolamin -Vergiftung zeigte. Über die Wirkung des Scopolamins schreibt Dr. Mengering*:

»Scopolamin fördert in außerordentlicher Weise die in den meisten Menschen schlummernde Neigung zu phantasiehaften Darstellungen. Die Versuchsperson gibt dabei dank ihrer Enthemmung und dem Ausfall des steuernden Willens ein Potpourri von tatsächlichen Erinnerungsinhalten, aus den Tiefen aufsteigenden Triebwünschen und Halluzinationen wieder. Noch bedenklicher ... ist eine die Kriminalistik häufig unangenehm beschäftigende Eigenschaft ... nämlich die davon berauschten Personen zu eigenartigen Schuldvorstellungen zu

bringen. Diese ... münden dann in Selbstanklagen, wobei die unter diesem Einfluß stehende Persönlichkeit sich selbst beliebiger Schandtaten bezichtigt.«

Eine weitere Eigenschaft des Scopolamins besteht nach Mengering darin, daß »die Unterdrückung des Willens so groß wird, daß die Suggestionen, die von außen kommen, ähnlich stark übernommen werden wie bei der Hypnose«.

Wo fanden sich nun bei van der Lubbe Anhaltspunkte für »phantasievolle« Darstellungen? Er gab immer nur phantasielos seine erste Aussage wieder. Wo sind die suggerierten Schandtaten? Wo der Ausfall des steuernden Willens? Wo die eigenartigen Schuldvorstellungen über sein normales Eingeständnis hinaus?

Es wäre verwunderlich, wenn sich nicht auch der Forschungsbeauftragte Dr. Wolff, ohne Rücksicht auf das von ihm selbst zitierte Gutachten der beiden Professoren, der Drogen-Theorie angeschlossen hätte: »Mehrere Ärzte, mit denen ich habe sprechen können und viele zeitgenössische Emigrantenveröffentlichungen (sind) der Ansicht, daß van der Lubbe mit einer Droge, vermutlich Scopolamin, behandelt worden ist. Gisevius schließt sich dieser Annahme an. Auch ich neige dieser Ansicht zu.«

Forscher Dr. Wolff zog also anonyme Ferndiagnosen den klaren und sachlichen Mitteilungen der Psychiater vor, die nicht das geringste Interesse daran haben konnten, etwa den Nationalsozialisten zu Gefallen ihren Ruf und ihre Selbstachtung aufs Spiel zu setzen und irgend etwas zu vertuschen. Ihre Veröffentlichung im August 1934 beweist vielmehr, daß sie van der Lubbes Angaben ernst nahmen und ihn selbst als menschlich eindrucksvolle Persönlichkeit anerkannten.

Die Auffassung der Gelehrten war vielmehr geeignet, sie in den Augen der damaligen Machthaber verdächtig zu machen, für die Lubbe ein notorischer Lügner war. Zudem hat Professor Zutt im Dezember 1953 in einem Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« nochmals erklärt:. »Es gibt kein Mittel, das einen Menschen zum Schweigen bringt. Nein, van der Lubbes merkwürdiges Verhalten erklärt sich allein aus seiner Persönlichkeit.«

Schon 1934 hatten Professor Bonhoeffer und Professor Zutt diese Meinung vertreten: »Unter Berücksichtigung der Eigenart der Persönlichkeit und der ungeheuren Schwere seiner Situation war sein äußeres Verhalten als eine Reaktion auf sein Erleben sehr wohl verständlich und zu erklären.«

Sie hatten darauf hingewiesen, daß van der Lubbe keineswegs so teilnahmslos war, wie es in den Zeitungsberichten geschildert wurde: »Während der Verhandlung beobachtete man oft, auch wenn er teilnahmslos schien, ein kurzes Auf- und Umsichblicken, fast ohne Mitbewegung des Kopfes.«

Daß van der Lubbe durchaus aufnahm, was um ihn herum vorging, sollte sich in der Reichsgerichtsverhandlung am 13. und 23. Novermber 1933 zeigen. Die Reporter sprachen damals vom »Erwachen Lubbes«. Die Psychiater freilich waren nicht so überrascht, denn sie hatten schon seit Wochen Lubbes innere Kämpfe beobachtet.

Am 9. Oktober 1933 drängte Lubbe bei einer Untersuchung in seine Zelle zurück. Als ihn die Ärzte fragen, ob denn nicht der Aufenthalt im Arztzimmer eine angenehme Abwechslung für ihn sei, »wird er sichtlich böse, stößt kurz und erregt heraus, dazu sei es doch wohl 'zu traurig'!«

Er wollte sein Gegenüber auch nicht mehr ansehen. Abends kniff er die Augen zusammen, wenn ihn die Ärzte schon im

Bett antrafen und zu einem Gespräch veranlassen wollten: »Die sein Verhalten bestimmenden psychologischen Komponenten - Ablehnung des ganzen Verfahrens und Trotz gegen alle, die etwas damit zu tun hatten - waren auch in diesem Zustandsbild dauernd zu erkennen.«

»Allmählich«, so fährt der Bericht fort, »bemerkte man aber, daß neben der gleichbleibenden äußeren Ablehnung eine gewisse Veränderung in seinem Innern vorging. Zunächst trat der stark gequälte Ausdruck zurück, es kam ein paarmal vor, daß er auf Scherze deutlich lachen mußte. Anfang November macht sich dann eine zunehmende, aber zurückhaltende Erregung bemerkbar ... Man sah ihm an, daß er unentschlossen war, ob er etwas sagen sollte oder nicht.«

Am 13. November 1933 saß van der Lubbe dann zur Überraschung der Zuschauer aufrecht und schaute aufmerksam im Saal umher. Wäre er, wie Dr. Wolff meint, scopolamin verseucht gewesen, dann hätte er mit »seinem gelähmten Hirn« und seinem

»gekrümmten« Rücken dazu eigentlich gar nicht imstande sein dürfen.

Als er dem Friseurmeister Grawe aus Hennigsdorf gegenübergestellt wird, bricht van der Lubbe das Schweigen und beantwortet die ihm gestellten Fragen. Dabei gibt es sogleich eine Sensation. Der Präsident will wissen, wo Lubbe in Spandau gewesen sei. Nach Lubbes Antwort: »Bei den Nazis« schlägt die Erregung im Saal hoch, fällt aber rasch zusammen wie auf einem Fußballplatz, wenn das schon erwartete

Tor dann doch nicht geschossen worden ist. Lubbe erzählt nämlich, er habe in Spandau nur einen SA-Aufmarsch beobachtet.

Dimitroff, der immer wachsame Kämpe, sah seine Stunde. »Gott sei Dank spricht der jetzt ein bißchen mehr«, bemerkte er und deckte Lubbe dann mit Fragen ein.

Als Lubbe später erklärt: »Ja, in Hennigsdorf gibt es ziemlich viele Nationalsozialisten«, schlägt die Erregung noch einmal hoch. Der verdutzte Präsident will wissen, woher ihm denn das bekannt sei.

Lubbe: »Ich habe sie gesehen; in Uniform!«

Mit solchen Antworten brachte er nicht nur die Richter, sondern auch Dimitroff zur Verzweiflung, der hartnäckig die Verbindung van der Lubbes zu den Nazis in Hennigsdorf zu konstruieren suchte. Einmal wirft der Bulgare lauernd ein, es sei doch wohl kein Zufall gewesen, daß Lubbe ausgerechnet in Hennigsdorf geschlafen habe.

Der Präsident fragt van der Lubbe: »Aus welchem Grunde sind Sie nach Hennigsdorf gegangen und haben dort übernachtet?«

Van der Lubbe: »Weil ich dort gut schlafen konnte.« Diese Antwort brachte sogar Dimitroff vorübergehend aus dem Konzept. Für Lubbe war schließlich die Übernachtung in Hennigsdorf genauso unwichtig wie alle seine Nächte in zahllosen Asylen.

Das war am 13. November. Zehn Tage später erlebten Richter und Zuschauer eine noch größere Überraschung.

Am 42. Verhandlungstag, mitten in der Zeugenvernehmung, erhebt sich van der Lubbe unvermittelt.

»Ich möchte eine Frage stellen«, sagte er laut. Der bescheidene Satz des Angeklagten bewirkte im Gerichtssaal eine Revolution.

»Erschreckt starrten die Richter ihn an«, schrieb »Times«-Korrespondent Douglas Reed. »Die Verteidiger wandten sich in ihren Sitzen um und hingen an seinen Worten. Seine Mitangeklagten schüttelten die Müdigkeit von zwei Monaten ab wie ein Gewand und saßen gespannt da - die Ohren spitzend, was er wohl sagen werde. Das Publikum verdrehte den Hals. Die paar Zeitungskorrespondenten, die dem Gericht nach Leipzig gefolgt und früh genug aufgestanden waren, um bei van der Lubbes Erwachen, seinem kurzen Erwachen, zugegen zu sein - gratulierten sich selbst zu ihrer Beharrlichkeit und dachten ohne Mitleid an ihre abwesenden Kollegen.«

Sechs Stunden lang stand Lubbe dann vor dem Richtertisch und antwortete, wie der Torgiler-Verteidiger Dr. Sack schrieb, »auf jede Frage in langen Ausführungen, war äußerst geschickt in seinen Antworten - dann verstummte er wieder«.

VAN DER LUBBE: Wir haben jetzt dreimal den Prozeß gehabt, einmal in Leipzig, das zweite Mal in Berlin und jetzt das dritte Mal in Leipzig. Ich möchte wissen, wann das Urteil gesprochen und vollstreckt wird?

PRÄSIDENT BÜNGER: Das kann ich heute noch nicht sagen Es liegt an Ihnen, wenn Sie mit der Sprache herauskommen, wer Ihre Mittäter sind.

RECHTSANWALT SEUFFERT (der Verteidiger van der Lubbes): Hat Ihnen niemand geholfen?

VAN DER LUBBE: Das ist doch aufgeklärt, ich habe zu verstehen gegeben, daß ich den Reichstag angezündet habe. Es muß bei diesem Prozeß doch mal zu einem Urteil kommen. Das geht jetzt acht Monate, und ich bin gar nicht damit einverstanden.

PRÄSIDENT: Sagen Sie doch einmal, mit wem Sie das gemacht haben.

VAN DER LUBBE: Die anderen Angeklagten bestätigen doch selbst, daß sie nichts mit dem Prozeß zu tun und den Reichstag nicht angesteckt haben und nicht darin gewesen sind.

Gerichtspräsident Bünger und Oberreichsanwalt Werner dringen erneut in van der Lubbe, doch endlich zu sagen, daß er Mithelfer gehabt habe.

PRÄSIDENT: Ich habe Ihnen schon wiederholt gesagt, daß das Gericht

Ihren Angaben, daß Sie es allein gemacht haben, nicht glauben kann. Nun sagen Sie uns doch, mit wem Sie es gemacht haben und wer Sie dabei unterstützt hat.

VAN DER LUBBE: Ich kann nur immer wieder sagen, daß ich den Reichstag ganz allein angesteckt habe. Die Beweise sind ja jetzt in der Verhandlung erbracht worden, daß Dimitroff und die anderen gar nicht dabei gewesen sind. Sie sind zwar in den Prozeß gekommen, aber an der Tat sind sie nicht beteiligt.

RECHTSANWALT SEUFFERT: Und der Herr Torgler?

VAN DER LUBBE: Der auch nicht. (Zu Torgler gewendet:) Sie haben ja selber zugeben müssen, daß Sie nicht dabei gewesen sind. Ich bin der Angeklagte, und ich will mein Urteil haben, damit ich zwanzig Jahre Gefängnis bekomme oder den Tod. Aber ich will jedenfalls, daß etwas geschieht. Die ganze Entwicklung ist

so geworden, weil man in den Reichstagsbrand den Symbolismus hineingebracht hat.

OBERREICHSANWALT WERNER: Was meint der Angeklagte mit dem Wort »Symbolismus«?

RECHTSANWALT SEUFFERT: Er wendet sich dagegen, daß der Reichstagsbrand die Bedeutung eines Symbols, eines Fanals haben soll.

VAN DER LUBBE: Was ist denn das für eine Tat, diese Reichstagsbrandstiftung? Das ist eine Tat von zehn Minuten oder höchstens einer Viertelstunde gewesen. Das habe ich ganz allein gemacht!

In erregten Sätzen, mit ungewohnt lauter Stimme und lebhaften Handbewegungen schleudert Lubbe seine Anklage gegen die Peiniger in den roten Talaren. Er hat diesen betulichen und würdevollen Betrieb satt, bei dem von morgens bis abends, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat nichts als leeres Stroh gedroschen wird. Er verwahrt sich gegen den »dummen Symbolismus«, den man dem Prozeß zugrunde gelegt habe, - die »Fehltheorie« nämlich, der Reichstagsbrand sei ein Aufstandsfanal, ein Zeichen für seine Komplicen gewesen. Er versichert, daß er wirklich mit niemandem über die Tat gesprochen hat.

Aber mit greisenhafter Unbeirrbarkeit halten ihm Präsident Bünger und Oberreichsanwalt Werner entgegen, es sei unmöglich, daß ein Mann den Brand allein gelegt habe.

VAN DER LUBBE (laut und erregt): Das Gericht glaubt es nicht, es ist aber dennoch zu glauben!

PRÄSIDENT: Haben Sie denn die Aussagen der Sachverständigen verstanden, die das für unmöglich erklärten?

VAN DER LUBBE: Ja! Das ist der persönliche Glaube der Sachverständigen. Die sagen immer, es sei ausgeschlossen, daß eine Person das allein gemacht haben kann. Ich habe es aber allein gemacht! Ich habe mit meiner Jacke allein den Plenarsaal angezündet.

Van der Lubbes Antworten machen deutlich, wie die Professoren Bonhoeffer und Zutt feststellten, »daß er sicher den Verhandlungen gefolgt war, trotz seines ungewöhnlichen äußeren Verhaltens, das von vielen als ein Zeichen von Apathie gedeutet worden war«.

Sechs Stunden lang versucht van der Lubbe verzweifelt, seine Richter davon zu überzeugen, daß er die Wahrheit, die reine Wahrheit spricht. Präsident Bünger hat dazu nichts anderes zu sagen, als: Lubbe möge doch endlich erzählen, wie es denn wirklich gewesen sei.

VAN DER LUBBE: Man kommt aber wenig damit vorwärts, wenn ich erkläre, wie das gewesen ist. Das ist doch in so vielen Untersuchungen schon festgestellt. Das andere, das sich darum dreht, ob ich gut gegessen habe oder drei oder vier Schritte gemacht habe - damit kann ich mich nicht einverstanden erklären. Ich bin damit nicht einverstanden, daß man alles mit meinem Persönlichen in den Prozeß hineinzieht.

PRÄSIDENT: Gewiß, das ist nicht so sehr wichtig. Die Sache an sich ist ganz einfach. Sie haben die Tat eingestanden, und damit ist infolge der Beweisaufnahme dieser Punkt klar. Aber es bleibt dabei, daß Anklage gegen andere Personen erhoben ist, und daß nun geprüft werden muß, ob diese Personen schuldig sind. Dazu können Sie am meisten beitragen, wenn Sie sagen, mit wem Sie zusammengearbeitet haben.

VAN DER LUBBE: Ich kann bloß zugeben, daß ich den Brand allein angelegt habe, aber mit der Entwicklung des Prozesses bin ich nicht einverstanden. Ich verlange jetzt von dem Senat, daß ich eine Strafe bekomme; was hier geschieht, ist ein Verrat an den Menschen, an der Polizei, an der kommunistischen und nationalsozialistischen Partei. Ich verlange hier, daß ein Urteil gesprochen wird, daß meine Schuld geklärt wird, daß ich mit Gefängnis oder mit dem Tode bestraft werde.

Und als Dimitroff mit Fragen kommt und erklärt: »Nach meiner Ansicht ist es unmöglich, daß eine Person diesen komplizierten Reichstagsbrand...«, fällt ihm van der Lubbe lächelnd ins Wort: »Er ist nicht kompliziert, der Brand; er ist ganz einfach zu erklären. Was darum herum geschah, ist etwas anderes gewesen. Der Brand selbst aber ist sehr einfach.«

Der Präsident will daraufhin wissen, was er mit dem »Drumherum« meint.

VAN DER LUBBE: Das Anlegen des Brandes nenne ich die Tat als solche. Die

Schuldfrage ist eine andere Frage, da kann ich nicht mit übereinstimmen. Man hat sich über meine deutliche Erklärung, daß ich den Brand allein gelegt habe, nicht einigen können. Ich bin allein auf eigene Veranlassung aus Holland gekommen und habe mit niemand über diese Sache gesprochen. Ich habe alles allein gemacht.

Van der Lubbe, der vom Verrat an den Menschen, der Polizei und den Parteien spricht, will nicht, daß andere Personen oder auch die beiden feindlichen Parteien, die Kommunisten und die NSDAP, mit seiner Tat in Verbindung gebracht und in das Verfahren einbezogen werden. Dem törichten Vorsitzenden fällt mitten in der erregenden Debatte nichts Besseres ein, als Pause zu machen.

Als Lubbe nach der Pause wieder vor den Richtertisch tritt, ist er zunächst wie umgewandelt. Die Hochspannung war in sich zusammengefallen. Er spricht ein paar Sätze mit halblauter Stimme, die unverständlich sind. Der Dolmetscher versteht, daß van der Lubbe gesagt habe: »Ich habe Stimmen - oder Stimmungen - in meinem Körper.« Sofort beginnt wieder das mißtrauische Beäugen und Betasten mit Fragen, ob er etwa Halluzinationen habe, also doch geistesgestört sei; man hatte sich an diese Erklärung bereits so sehr gewöhnt, daß man ihm fast böse war, die Gemüter durch sein unerwartetes »Erwachen« abermals in Ungewißheit versetzt zu haben.

Lebendig wird er erst wieder, als der Vorsitzende nochmals den Verdacht äußert, der Schlüssel für van der Lubbes Tat und der Weg zu seinen Mittätern und Auftraggebern sei in Neukölln zu suchen. Er fragt ihn, ob die Neuköllner,

mit denen er mehrere Tage verkehrt habe, »Kommunisten« gewesen seien.

VAN DER LUBBE (ärgerlich und aufgeregt): Das kann ich doch nicht sagen, ob es Kommunisten waren!

PRÄSIDENT: Haben Sie denn nicht mit den Leuten darüber gesprochen? Haben Sie nicht gefragt, ob sie Kommunisten sind?

Und wieder einmal wird der Vorsitzende von Lubbe klassisch zurechtgewiesen:

VAN DER LUBBE: Man fragt doch so etwas nicht!

PRÄSIDENT: Wenn Sie jetzt sagen, Sie wüßten nicht, ob es Kommunisten waren, so glauben wir Ihnen nicht.

VAN DER LUBBE: Ich antworte auf die Frage das, was ich weiß.

PRÄSIDENT: Wann haben Sie denn die Absicht gehabt, den Reichstag anzuzünden?

Van der Lubbe erwidert, daß er den Entschluß erst am Montagmorgen - also am Tage des Brandes - auf dem Wege von Hennigsdorf nach Berlin gefaßt habe. Darüber habe er mit niemandem gesprochen.

PRÄSIDENT: Warum nicht?

VAN DER LUBBE: Weil ich das als meine eigene Angelegenheit ansehe. Ich habe das doch alles schon angeführt. Wenn es so wichtig erscheint, kann ich es ja wiederholen.

Über die Gründe für sein Tun will Lubbe nicht genauer nachgedacht haben.

PRÄSIDENT: Das glaube Ich Ihnen nicht!

VAN DER LUBBE: Das ist keine Angelegenheit des Glaubens, sondern eine Angelegenheit der Wahrheit.

Er sei nach Deutschland gekommen wegen der aufregenden Berichte über die Nationalsozialisten und deren Putschabsichten.

Der Präsident hält ihm vor, daß der Plenarsaal schwer entzündbar gewesen sei; deshalb müsse er doch Helfershelfer gehabt haben. Darauf van der Lubbe: »Die Mitschuldigen, welche mitgeholfen haben sollen, können Sie nicht aufweisen. Ich habe den Brand gelegt, und er hat sich selbst weiter ausgedehnt.«

Van der Lubbe betont noch einmal, er sei nie zuvor im Reichstag gewesen, und niemand habe ihm den Weg gezeigt. Nach dem Einsteigen durch das Restaurantfenster habe er spontan den bekannten Brandweg eingeschlagen. Den Umgang habe er nur deshalb zuerst angesteckt, weil er zuerst dorthin gekommen sei. Van der Lubbe: »Ich habe gar nicht gewußt, daß dahinter der Plenarsaal war. Den habe ich erst zuletzt gefunden.«

Die stereotypen Erklärungen und Fragen des Gerichtspräsidenten Bünger und des Oberreichsanwalt

Werner münden stets in dem Schluß, man könne und wolle seinen Angaben nicht glauben. Präsident Bünger: »Das wird Ihnen keiner glauben. Im übrigen haben die Gelehrten festgestellt und auch der gesunde Menschenverstand sagt es, daß Sie den Reichstagsbrand nicht allein gemacht haben können.«

Die Voreingenommenheit des Gerichts, die durch keine Macht der Welt zu erschüttern war, fiel offenbar nur einem Zuhörer im Saal auf: dem Amsterdamer Amtsgerichtspräsidenten Dr. de Jongh. Er schrieb damals unter dem Eindruck des dramatischen Verhörs*: »Die Frage, ob die Kommunisten die Schuldigen sind, beherrscht das gesamte Verfahren, und es ist, als ob jedermann unter dem Bann steht, daß es einfach nicht anders sein könne. Woher kommt diese Abkehr von der Wirklichkeit?«

De Jongh fragt, ob diese Schachspieler vielleicht alle »schachblind« geworden sind: »Kommt es denn in niemandes Gehirn auf, daß es ganz und gar nicht unmöglich ist,

daß sowohl die Nationalsozialisten als auch die Kommunisten ihre Hände in derselben Unschuld waschen könnten und daß der unselige Marinus van der Lubbe es allein getan haben kann ... Warum mißachtet man diese Möglichkeit? Kann man doch ein paar gute Rechercheure hinterher jagen und untersuchen lassen, wo er die Mittel gekauft hat und ob das, was er gesagt hat, wahr ist, und dann kann eine Menge an den Tag kommen, wovon man bislang noch keine Ahnung hat.«

Der erfahrene Jurist de Jongh kannte wie man sieht - das Ausmaß der kriminalistischen und juristischen Katastrophe dieses Prozesses nicht. Was er vorschlägt, war ja längst geschehen. Die Kriminalkommissare hatten alle Angaben van der Lubbes überprüft. Sie hatten aufgespürt, wo Lubbe jedes Paket Kohlenanzünder, jede Schachtel Streichhölzer gekauft hatte. Sie waren mit ihm immer wieder den Weg abgeschritten, den er im Reichstag genommen hatte. Sie hatten die von ihm benötigte Zeit mit der Stoppuhr nachgemessen. Sie hatten alle seine Angaben bestätigt gefunden.

Für die Kriminalisten war der Fall absolut klar. Aber dann kam er in die Hände des Untersuchungsrichters Vogt, der noch heute glaubt, Lubbe habe kommunistische Helfershelfer gehabt. Auch gemäß der Intuition Hitlers mußte es ja kommunistische Mittäter gegeben haben. Und weil Lubbe dieser Theorie immer wieder verzweifelt die Wahrheit entgegenhielt, mußte er zum notorischen Lügner gestempelt werden.

Schrieb Amtsgerichtspräsident Dr. de Jongh weiter: »Gewiß, es liegt mehr Romantik in der Unterstellung, daß diese Reichstagsbrandstiftung das Signal - das Fanal, wie man es hier nennt - gewesen sein sollte für den großen kommunistischen Aufstand, für eine Revolution ... Und es liegt etwas Kindisches, etwas Lächerliches in der Vorstellung, daß ein mehr oder weniger geistig zurückgebliebener Junge aus Leiden, der mit halbblinden Augen im Lande umherzieht, den Plan entworfen haben soll, in dem großmächtigen Deutschland ... wo es nach seiner Meinung nicht ganz richtig zugeht, die Sache wieder in Ordnung zu bringen ...

»Nein - für die Ehre und den romantischen Sinn des großen deutschen Volkes, mit seinen sechzig Millionen Einwohnern ist das kein Gedanke, den man in Betracht ziehen könnte ....Und deshalb wird meiner Meinung nach der Prozeß um den Reichstagsbrand einen schlechten Nachgeschmack haben. Viel schlechter, als man sich hier jetzt vorstellen will.«

Es gab also eine Stimme der Vernunft im Saal von Leipzig; es gab zumindest einen Mann, der es für möglich hielt, daß van der Lubbe die Wahrheit sprach.

Als Gerichtspräsident Bünger die Verhandlung schließen will, steht van der Lubbe noch einmal auf. Verzweifelt klingt seine Stimme durch den Saal: »Sie können mir doch glauben, daß ich allein den Reichstag angesteckt habe.«

Sie glaubten es ihm nicht, und sie wollen es bis heute nicht glauben.

Lubbe versank wieder in Schweigen, aber er versank nicht in Dumpfheit, wie behauptet wurde. Eines Tages erhielt er einen Brief von einem holländischen Mädchen. »Ich habe Mitleid mit Dir«, schrieb das Mädchen und sagte ihm einige Freundlichkeiten. Aber Dimitroff, so schrieb es, sei ein langweiliger Kerl.

Lubbe antwortete der Holländerin sogleich. Es sei nett, daß sie ihm geschrieben habe, aber mit Dimitroff sei es doch anders. Den Brief des Mädchens legte er dem Bulgaren während der Verhandlung auf den

Tisch. Am 6. Dezember bat Lubbe in der Verhandlung noch einmal dringend um ein baldiges Urteil. Auf ein Schlußwort verzichtete er.

Am 23. Dezember, dem 57. Verhandlungstag, ergeht das Urteil. Die Sitzung wird durch den Senatspräsidenten Dr. Bünger um 9 Uhr 10 Minuten eröffnet.

Präsident: »Die Angeklagten wollen sich erheben. Im Namen des Reiches verkündige ich folgendes Urteil: Die Angeklagten Torgler, Dimitroff, Popoff und Taneff werden freigesprochen. Der Angeklagte van der Lubbe wird wegen Hochverrats in Tateinheit mit aufrührerischer Brandstiftung und versuchter einfacher Brandstiftung zum Tode und dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Die Kosten des Verfahrens fallen, soweit Verurteilung erfolgt ist, dem Verurteilten, im übrigen der Reichskasse zur Last.«

Oberreichsanwalt Dr. Werner, der Ankläger, und sein Gehilfe, Landgerichtsdirektor Parrisius, hatten versucht, von der verworrenen Anklage zu retten, was zu retten war. Dennoch war es schon zu Beginn des Prozesses klar, daß die Anklage zusammengebrochen war. Bei den drei Bulgaren waren die Gegenbeweise eindeutig. Der Oberreichsanwalt, der Vertreter des NS-Staates, hatte daraus die Konsequenz gezogen und in seinem Schlußplädoyer selbst den Freispruch beantragt.

Blieb also nur Torgler. Obwohl sich auch hier die Anklagepunkte als haltlos erwiesen hatten und von Torglers Verteidiger Dr. Sack restlos zerpflückt worden waren, brachte es der Oberreichsanwalt nicht fertig, auch für Torgler Freispruch zu beantragen.

Werners Plädoyer war beschämend und ließ den Verdacht aufkommen, er habe eine Anweisung bekommen, für Torgler nicht den Freispruch zu beantragen. Er Muß das selbst gewußt haben, denn einem Jurastudenten im zweiten Semester würde man nicht nachgesehen haben, daß er für einen Angeklagten - für Torgler - die Todesstrafe mit der Begründung forderte,

er sei »der Mittäterschaft in irgendeiner Form« schuldig.

Mit Recht fragte der »Times«-Korrespondent Douglas Reed: »War jemals ein so seltsames Plädoyer von einem Staatsanwalt vorgetragen worden?« Es war Rechtsbeugung; und hätte der Oberreichsanwalt Erfolg gehabt, so wäre es Justizmord gewesen.

Torgler wurde freigesprochen, van der Lubbe dagegen »wegen Hochverrats in Tateinheit mit aufrührerischer Brandstiftung« zum Tode verurteilt. Die Leipziger Richter fällten ihr Todesurteil aufgrund der sogenannten »Lex van der Lubbe« vom 29. März 1933, die - in Ergänzung der »Verordnung zum Schutz von Volk und Staat« vom 28. Februar 1933 - für bestimmte politische Vergehen die Todesstrafe rückwirkend auch dann vorsah, wenn diese Vergehen »zwischen dem 31. Januar und dem 28. Februar 1933« begangen worden waren.

Van der Lubbe unterschrieb das übliche Gnadengesuch. Zahllose Bittschriften gingen aus Holland ein. Der holländische Gesandte in Berlin unternahm auf Weisung seiner Regierung eine Demarche, die Reichsregierung möge einen Gnadenakt vollziehen und die Todesstrafe in eine mildere Strafe umwandeln. Aber der Reichspräsident v. Hindenburg lehnte eine Begnadigung ab. Man hatte ihn unterrichtet, die Hinrichtung sei von Hitler bereits angekündigt worden, und der alte Herr wollte keine Komplikationen und keine weiteren Gerüchte.

Als man van der Lubbe am 9. Januar 1934 die Ablehnung des Gnadengesuchs eröffnete, antwortete er dem Oberreichsanwalt Werner in ruhigem Ton: »Ich danke Ihnen für die Mitteilung; ich warte bis morgen.«

Als aber die Psychiater Bonhoeffer und Zutt an diesem Tage nochmals bei Lubbe erschienen, war er zornig und warf sie hinaus: »Als der eine von uns, sich an ihn wendet und ihn nach seinem Ergehen fragt, ist er sichtlich empört und abweisend, sagt, er brauche keine ärztliche Untersuchung; man solle aus der Zelle gehen... Seine Haltung war in der Entschlossenheit des Ausdrucks und in der entrüsteten Abweisung ärztlicher Einmischung von einem durchaus natürlichen und Respekt fordernden Affekt getragen. Der Geistliche berichtete uns, daß van der Lubbe ihn in der gleichen Weise aus der Zelle gewiesen habe. Er habe sogar den Eindruck gehabt, daß er tätlich werden wollte.«

Er schrieb keine Abschiedsbriefe.

Als er am 10. Januar 1934 hinausgeführt wurde, war er ruhig und gefaßt. Eine große Gesellschaft hatte sich zu diesem letzten Akt des Trauerspiels zusammengefunden. Gerichtspräsident Bünger und drei seiner Beisitzer, Oberreichsanwalt Dr. Werner und sein Mitarbeiter Parrisius, Lubbe-Verteidiger Dr. Seuffert, der Dolmetscher Meyer-Collings, der Gefängnispfarrer, der Strafanstaltsdirektor, zwei Ärzte und zwölf Leipziger Bürger, die vom Stadtrat zur

Teilnahme an der feierlich-bestialischen Handlung ausgesucht worden waren. Der Henker, Alwin Engelhardt-Schmölln, war im sogenannten Gesellschaftsanzug: Er trug Frack, Zylinder und weiße Handschuhe.

Im Braunbuch II steht die Behauptung, van der Lubbe habe vor seiner Hinrichtung »markerschütternde Schreie« ausgestoßen und in »qualvoller Angst« gebrüllt: »Laßt mich doch sprechen! Nicht allein! Nicht allein!« Die Kommunisten ließen ihren einstigen Genossen nicht einmal anständig sterben, weil sie noch einen »Beweis« für die Schuld der Nazis brauchten.

In dem Bemühen, ihre synthetisch erzeugte, aus politischen Gründen notwendige »Wahrheit« möglichst weit zu verbreiten, gaben die Braunbuch-Autoren ihre Legenden an die Auslandsblätter weiter. Schrieb das »Prager Montagsblatt« über Lubbes letzte Minuten: »Als er auf den Hof geführt wurde, tobte und schrie er und mußte Schritt für Schritt zum Schaffott geschleppt werden. Noch in letzter Minute gelang es ihm, sich einen Augenblick von den vier Wärtern, die ihn zum Fallbeil zerrten, loszumachen. Er schlug dabei einem der Wärter einen Zahn aus. Während der ganzen Zeit brüllte er laut und beschuldigte mehrere sehr hochstehende Personen der deutschen Regierung in schärfster Form.«

In Wirklichkeit gab es - wie Zeugen der Hinrichtung übereinstimmend ausgesagt haben - keine Komplikationen, kein Geschrei und kein verspätetes Geständnis. Der Oberreichsanwalt teilte noch einmal die Ablehnung des Gnadengesuchs mit. Lubbe hörte ruhig zu. Dann kam das Stichwort: »Ich übergebe Sie dem Nachrichter.«

Marinus van der Lubbe hatte endlich Ruhe.

* Dr. Bob Mengering: »Das Wahrheitsserum«; Kinau-Verlag, Lüneburg: 1957.

* Dr. G. T. J. de Jongh: »De Brand - Het proces van der Lubbe«; Amsterdam; 1934.

Van der Lubbe vor Gericht*; »So glauben Sie mir doch!«

Naziführer** in Berlin: Geständnis in letzter Minute?

Torgler vor Gericht

Freispruch

Popoff

Taneff

Dimitroff vor Gericht: Die Anklage ...

... brach zusammen: Dimitroff und Göring im Film*

Meyer-Collings

Oberreichsanwalt Werner beim Plädoyer: »Schuldig ...

... in irgendeiner Form": Die Angeklagten bei der Urteilsverkündung**

Plädierender van der Lubbe

Todesstrafe mit...

... rückwirkender Kraft: Zusammengebrochener van der Lubbe

* Rechts von Lubbe: Dolmetscher Meyer-Collings.

** Von l. nach r. (1. Reihe): SA-Obergruppenführer Schneidhuber und Heines, Himmler, Ritter von Epp, Röhm, Graf Helldorf.

* Szene aus dem bulgarischen Film »Eine Geschichtslektion«.

** Von l. (stehend, in Zivil): Popoff (halb verdeckt), Torgler, Taneff, van der Lubbe, Dimitroff.

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