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»STEHEN SIE AUF, VAN DER LUBBE!«

aus DER SPIEGEL 50/1959

Der Landstreicher von der Lubbe habe den Reichstag unmöglich mit ein paar harmlosen Kohlenanzündern anstecken können, er müsse daher Helfershelfer gehabt haben, die zumindest den Plenarsaal mit irgendwelchen Brandmitteln präparierten Das behaupteten die Brandsachverständigen vor dem Leipziger Reichsgericht, und die Richter schlossen sich dieser Auffassung an. Wie in der letzten Woche nachgewiesen wurde, stützten sich die Gutachten der Sachverständigen großenteils auf Vermutungen und leichtfertige Kombinationen

7. Fortsetzung

Die Pariser Braunbuch-Autoren haben 1933 behauptet, Marinus van der Lubbe sei durch Drogen zu einem »Werkzeug der Nazis« gemacht worden; vor allem während des Prozesses in Leipzig habe er ständig unter der Einwirkung von Rauschgiften gestanden.

Wie so viele kommunistische Propagandaparolen aus jener Zeit wird auch diese Behauptung bis heute geglaubt und in allen, »Tatsachenberichten« über den Reichstagsbrand verzeichnet. Niemand fragt sich, warum der angeblich willenlose Holländer den Herren des Dritten Reiches dann nicht wenigstens einmal den Gefallen getan hat, zuzugeben: Ja, ich hatte Helfershelfer. Dort sitzen sie - Torgler, Dimitroff, Taneff und Popoff!

Marinus van der Lubbe hat vielmehr stets darauf bestanden, den Reichstag allein und ohne Wissen anderer angesteckt zu haben. Er hat weder seine kommunistischen Mitangeklagten noch sonst irgend jemanden belastet, sondern blieb bis zur Stunde der Hinrichtung bei seiner ersten Aussage. Trotzdem wurde die Haltung dieses Mannes von niemandem gewürdigt oder auch nur registriert. Sein Bild ist von der Geschichtsschreibung zu einer widerwärtigen Fratze verzerrt worden.

»Untermensch«, »Pyromane«, »Verbrecher«, »asoziales Subjekt« - das sind einige der Attribute, die ihm in den Urteilen der Nationalsozialisten beigelegt wurden. »Gekauftes Werkzeug der Faschisten«, »Strichjunge«, ,syphilitischer Sproß eines Abenteurers«, »Spitzel«, »Arbeiterverräter«, »Schwachsinniger« - so haben ihn die Kommunisten charakterisiert, die es nicht verschmähten, ihn darüber hinaus - im Braunbuch - mit gefälschten Dokumenten und gekauften Zeugenaussagen zu einer erbärmlichen Figur zu stempeln.

Lubbe war ein geständiger Täter. Er war im Reichstag, er legte den Brand, und er ist und bleibt der Hauptakteur des Reichstagsbrands. Seine Persönlichkeit ist daher ein wichtiger Schlüssel zur Wahrheit über diese welthistorische Affäre.

War van der Lubbe glaubwürdig? War er geistig gesund? Waren die Motive echt, die er für seine Tat anführte? Das sind entscheidende Fragen, aus denen sich zwei weitere Fragen zwangsläufig ergeben: Wurde van der Lubbe vor dem Reichstagsbrandprozeß gedopt? Wenn nicht, warum machte er dann vor Gericht den Eindruck eines an seinem Schicksal nicht mehr interessierten, völlig gebrochenen Menschen?

Im Braunbuch steht über die Eltern des ehemaligen Genossen van der Lubbe: »Die Ehe van der Lubbe ist nicht glücklich. Der Beruf des Mannes treibt ihn für Tage und Wochen in die umliegenden Dörfer, wo er den Bauern seine Galanteriewaren verkauft. Die meisten Verkäufe werden in Gasthäusern und Kneipen abgeschlossen. Man gewöhnt sich ans Trinken. Der Alkohol, ursprünglich nur Mittel zum Geschäftsabschluß, wird zum Freunde auch außerhalb der Geschäftsstunden. Franziscus Cornelis van der Lubbe verfällt dem Trunk. Cornelis van der Lubbe sorgt schlecht für die Familie. Das Geld, das der Handel einbringt, wandert zum größten Teil in die Kneipe. Haushaltungsgeld gibt es nur selten und wenig.«

Was kann dabei für die Kinder schon herauskommen? - soll sich der Leser offenbar fragen. Raffiniert heißt es über die Mutter Lubbes: »Für die Erziehung der Kinder bleibt ihr keine Zeit. Sie beschränkt sich darauf, ihre kinder religiös zu beeinflussen. Vom Dorfe, vom Elternhause her ist sie an Frömmigkeit gewöhnt, und sie bemüht sich, ihren Kindern die gleiche primitive Gläubigkeit einzupflanzen. Der junge Marinus geht in s'Hertogenbosch in die protestantische Schule des Domine Voorhoeve. Er lernt nur mühsam schreiben. Im Religionsunterricht ist er unter den Besten. Jeden Sonntag trottet er neben Mutter und Geschwistern zur Kirche.«

Der Vater ein Säufer, die Mutter eine bigotte, unordentliche Person. Marinus ist so etwas wie ein Dorfdepp. Angeblich ver-sucht er schon in der Schule zu predigen. Und vor allem: »Die Kameraden necken ihn wegen seiner Scheu vor Mädchen.« Diese angebliche Scheu vor dem Weiblichen kommt, fein dosiert, in der Jugendgeschichte noch oft vor, bis es dann klipp und klar ausgesprochen wird: homosexuell!

Lubbe wird verdächtigt, durch homosexuelle Beziehungen zu einem gewissen Dr. Beil - einem internationalen Spion und Nachrichtenhändler - 1931 mit deutschen Nazis Bekanntschaft geschlossen zu haben. Braunbuch: »Dr. Bell hat van der Lubbe in nationalsozialistische Kreise eingeführt, mit denen van der Lubbe von da ab ständig in Verbindung blieb. Seine Bekannten berichten übereinstimmend, daß Lubbe sehr viel Briefe aus Deutschland erhalten habe. Lubbe war immer ängstlich bemüht, die Briefe aus Deutschland vor seinen Freunden und Bekannten geheimzuhalten.«

Weiter heißt es dann, vernichtend für den Kommunisten van der Lubbe: »Wir besitzen Zeugnisse von van der Lubbes Kampf gegen die Kommunisten. Er nahm am 6. Oktober 1932 in der Getreidebörse zu Leiden an einer Versammlung teil, deren Hauptredner der Führer der holländischen Faschisten I. A. Baars war.«

Wenn jeder ein Faschist war, der vor Hitlers Machtübernahme an einer Versammlung der Nazis teilnahm, dann würden sich die Reihen der alten KP-Kämpen wahrscheinlich erheblich lichten.

Das Braunbuch-Kapitel über Lubbe schließt: »Warum wurde van der Lubbe als Werkzeug gewählt? Van der Lubbe war bis April 1931 Mitglied der Kommunistischen Partei Hollands. Die von Göring und Goebbels Beauftragten glaubten, daß diese Tatsache ausreiche, um den Kommunisten die Schuld am Reichstagsbrand aufbürden zu können.

»Van der Lubbes homosexuelle Beziehungen zu nationalsozialistischen Führern, seine materielle Abhängigkeit von ihnen, machten ihn dem Willen der Brandstifter hörig und gefügig. Van der Lubbes holländische Staatsangehörigkeit war eine erwünschte Zugabe. Sie erleichterte Göring und Goebbels, den Reichstagsbrand als ein internationales Komplott darzustellen. Göring und Goebbels wollten den Reichstagsbrand als Werk des internationalen Kommunismus erscheinen lassen. Deshalb wurden auch die drei Bulgaren verhaftet und der Mittäterschaft beschuldigt, obwohl sie am Reichstagsbrand völlig unbeteiligt waren.

»Aus allen diesen Gründen wurde van der Lubbe zum Werkzeug der Brandstiftung gewählt.

»Seht die Hauptfiguren des Komplotts:

»Den Plan zur Brandstiftung ersann der fanatische Verfechter der Lüge und Provokation: Dr. Goebbels.

»Die Leitung der Aktion hatte ein Morphinist: Hauptmann Göring.

»Die Führung der Brandstifterkolonne war einem Fememörder anvertraut: Edmund Heines. Das Werkzeug war ein kleiner, halbblinder Lustknabe: Marinus van der Lubbe.«

Der Versuch, aus van der Lubbe im Braunbuch ein Monstrum zu machen, nur um seine frühere Zugehörigkeit zur holländischen KP zu bemänteln, mobilisierte Lubbes Verwandte und Freunde. Der Bruder van der Lubbes, Jan, gab - nach einem Bericht der nationalsozialistischen »Niedersächsischen Tageszeitung vom 9. September 1933 - der holländischen Zeitung »Telegraaf« ein Interview, in dem er die Angaben des Braunbuchs energisch bestritt: »Er erklärt, daß alles, was in diesem Buch über die Persönlichkeit Marinus van der Lubbes gesagt werde, eine unerhörte Verleumdung, Schmähung und Beleidigung des Menschen Marinus darstellte.«

Der Bericht der »Niedersächsischen Tageszeitung« schließt mit dem Satz: »Der Bruder van der Lubbes, der gleichfalls überzeugter Kommunist ist, erklärt ganz offen, es sei besser, wenn man seinen Bruder ob seiner kommunistischen Überzeugung und seiner Tat aufhänge, als daß man ihn mit einer solch unerhörten Verschleierung der Dinge retten wolle.«

Jan van der Lubbe ahnte offenbar nicht, warum seine Parteigenossen den Bruder so schlechtmachten. Münzenberg-Gehilfe Otto Katz und seine Freunde dachten nicht im Traum daran, durch ihre »Verschleierung der Dinge« etwa den armen Marinus vom Schafott retten zu wollen. Es paßte ihnen nur nicht anders ins Konzept. Wie konnte man die kommunistische Unschuld glaubhaft machen und die Nazis anklagen, wenn man ihren Komplicen van der Lubbe als braven Jungen und edlen, wenn auch nicht mehr organisierten Kommunisten anerkannte! Also mußte aus ihm ein Nazi, ein »Achtgroschenjunge« und ein »Lustknabe Röhms« gemacht werden.

Mit Entrüstung und Ironie deckten van der Lubbes politische Freunde aus Leiden - jene »Raden"(Räte)-Kommunisten, die von Moskau abgefallen und sozusagen Vorläufer Titos waren - die schäbigen Tricks der Braunbuch-Schreiber auf. Im Spätsommer 1933 gaben sie ein »Rotbuch«

- Roodboek - heraus und verspotteten

darin den Aufmarsch der seltsamen Ritterschar, die sich für die »proletarischen Hungerleider in den Konzentrationslagern« in die Schanze schlagen wollten: »Als würdige Nachhut erscheint Otto Katz in feuerrotem Mantel, worauf 'Hammer und Sichel' gestickt sind.«

Dank ihrer politischen Vergangenheit verstanden es die »Rotbuch«-Autoren, in einer Sprache zu reden, die ihren früheren Genossen Unbehagen bereiten mußte. »Die Verfasser dieser Schrift«, so heißt es im »Rotbuch«, »haben nicht, wie das Braunbuch, die Mitwirkung von Künstlern und Intellektuellen der ganzen Welt gehabt. Sie haben nicht die Beziehungen und die zahlreichen Unternehmungen des Herrn Münzenberg, noch die Verfügungsgewalt über den Apparat und die Geldmittel der II. und III. Internationale zu Gebote. Sie verfügen auch nicht über einen Stamm geheimer GPU-Agenten, sondern sie haben so gut wie völlig ohne Mittel das in dieser Schrift verarbeitete Material zusammengebracht und sich dabei auf sehr kleine Gruppen klassenbewußter, revolutionärer Proletarier gestützt.«

Die »Rotbuch«-Autoren bestreiten, daß im kommunistischen Braunbuch irgend etwas Wahres über die Vergangenheit van der Lubbes steht, und konstatieren sarkastisch: »Der Sensationsroman des 'Braunbuches' beginnt mit der Mitteilung, daß Marinus van der Lubbe am 13. Januar 1909 in Leiden geboren wurde... Diese Mitteilung ist zutreffend. Mit der Bekanntgabe des Geburtsdatums beginnt - und endet auch die Reihe der zutreffenden Angaben, die über Marinus van der Lubbe im ,Braunbuch' veröffentlicht werden.«

Um praktisch zu zeigen, wie schlampig die Kompilatoren zu Werke gegangen sind und wie gewissenlos sie die Tatsachen verdreht haben zitieren die »Rotbuch«-Autoren den zweiten Absatz, des Abschnitts, der von Lubbe handelt. Auf Seite 44 des Bräunbuchs I heißt es:

»Das Kind erhält den Namen Marinus. Die Mutter Petronella van Handel ist mit Franziscus Cornelis van der Lubbe in zweiter Ehe verbunden. Tochter eines reichen Bauern aus Nord-Brabant, heiratete sie in jungen Jahren den Kolonialunteroffizier van Peuthe. Sie gebar ihm eine Tochter und drei Söhne. Peuthe starb verhältnismäßig jung an einer Krankheit, die er sich in den Kolonien geholt hatte. Seine Witwe ehelichte kurz nach seinem Tode den Hausierer van der Lubbe, der in Leiden ein Geschäft betrieb. Dieser Ehe entsprangen drei Söhne. Marinus war das siebente und letzte Kind der Petronella van Handel.«

Zu diesem Braunbuch-Zitat stellen die »Rotbuch«-Autoren fest: »Zunächst ist es unwahr, daß Peuthe 'verhältnismäßig jung starb'. Im Gegenteil, er starb 'verhältnismäßig alt', nämlich 1919, und war an die Siebzig. Wenn es nun zuträfe, daß die Witwe, kurz hach seinem Tode (1919) wieder heiratete; dann würde - van der Lubbe als das dritte Kind aus der neuen Ehe - wenn Vater und Mutter mindestens jedes Jahr für einen neuen Erdenbürger gesorgt hatten - heute (1933) nicht älter als 11 bis 12 Jahre sein können.

»Die gerissenen-,Braunbuch'-Jäger haben sich hier selbst gefangen. Peuthe mußte jung sterben, weil er doch an einer 'gewissen' Krankheit litt, die er sich in den Kolonien geholt hatte . .. Die 'Braunbuch-Schreiber, die mit der Unaufmerksamkeit ihrer Leser rechneten, meinten, daß es ausreichend wäre, über 'eine Krankheit' zu sprechen, um der Welt die Vorstellung zu vermitteln, daß die Familie, der Marinus entstammte, erbärmlich genug war, um völlig degenerierte Abkömmlinge zu liefern.«

Auch das übrige Braunbuch-Material über Lubbe wird von den »Rotbuch«-Autoren entwertet, wobei sich sogar die Behauptung, das Baby auf dem Eltern-Photo sei Marinus van der Lubbe, als falsch erweist. Besonders ausführlich befaßt sich das »Rotbuch« dann mit der These, Lubbe sei homosexuell gewesen:

»Als man mit der Beschreibung von Marinus' Jugend ungefähr beim zwölften Lebensjahr angelangt ist, beginnen die roten Edelleute ihr Leserpublikum bereits darauf vorzubereiten, daß Marinus ein sonderbares Kerlchen ist, und - ohne es direkt auszusprechen - läßt man den scharfsinnigen Leser zwischen den Zeilen erkennen, daß sich ja wohl nur ein Homosexueller aus diesem sonderbaren Bürschlein entwickeln könne. Nun läßt es uns persönlich kalt, ob jemand homosexuell, Schwergewichts-Champion oder vielleicht Spiritist oder sonst etwas anderes ist; aber wenn hier Marinus' angebliche Homosexualität eigens erfunden wird, um später seine Bekanntschaft mit den Nazis zu erklären, dann müssen wir uns doch etwas damit beschäftigen.«

Als typisch für die kriminelle Bedenkenlosigkeit, mit der Münzenbergs Leute bei ihren Fälschungen vorgehen, zitiert das »Rotbuch« dann einen der Braunbuch"Beweise« für die Homosexualität van der Lubbes: »Izak Vink hat unserem Berichterstatter erzählt, daß er mit van der Lubbe oft in einem Bett geschlafen hat.«

Im »Rotbuch« wird jedoch klar festgestellt, daß die Aussage Vinks damit nicht zu Ende war, sondern so weiterging: ».. ohne daß ich jemals irgend etwas von homosexuellen Neigungen bei ihm wahrgenommen habe.«

Dazu das »Rotbuch": »Glaubt dieser pfiffige Pfuscher Dr. Otto Katz denn wirklich, daß Vink oder auch sonst jemand es öffentlich zugegeben haben würde, wenn er tatsächlich homosexuellgewesen wäre?«

Im Gegensatz zum Braunbuch, wo alle Angaben über Lubbes angebliche Homosexualität anonym und mithin nicht nachprüfbar sind, werden im »Rotbuch« Erklärungen Leidener Bürger mit vollem Namen und genauer Anschrift veröffentlicht, aus denen hervorgeht, daß in Leiden niemand etwas von den angeblichen homosexuellen Neigungen van der Lubbes bemerkt hatte.

Das Paradestück im Braunbuch über van der Lubbes angebliche Homosexualität liefert »ein Freund Dr. Bells«, nämlich »Herr W.S.«, der im Londoner Gegenprozeß als Zeuge aufgetreten war. Die Aussage, die »Herr W.S.« in London machte, lautet:

»Bell erzählte mir, wenn ich mich recht erinnere, war das im Mai 1931, daß er die Bekanntschaft eines jungen holländischen Arbeiters gemacht hat, der ihm sehr gut gefiel. Er muß ihm auf einer Autofahrt in der Gegend von Berlin oder Potsdam begegnet sein. Sie trafen auf der Straße einen Wanderburschen, den sie im Auto mitnahmen. Das war ein junger holländischer Arbeiter. Der junge Holländer hat Bell später auch in München besucht. Bell nannte ihn Renus oder Rinus. Er ist öfter mit ihm zusammengekommen.«

»Herr W.S.« gab dann weiter an, daß Bell eine »genaue Liste über alle Jünglinge (führte), die er Röhm zugetrieben hätte«. Diese Liste wollte »W.S.« sogar gesehen haben: »Dr. Bell holte einige Papiere aus seinem Geheimschrank. Er wies auf einen Bogen hin und sagte: Das ist Röhms Liebesliste. Wenn ich die einmal veröffentliche, ist Röhm ein toter Mann. Er ließ mich die Liste sehen. Es waren ungefähr 30 Namen darauf vermerkt. Ich erinnere mich genau an einen Vornamen ,Rinus', hinter dem in Klammern ein holländischer Name, beginnend mit 'van der' stand.«

Dieser Protokollauszug aus den Londoner Verhandlungen ist im Braunbuch schon ein bißchen kaschiert, weil anscheinend selbst den Braunbuch-Schreibern dabei nicht wohl war. Die holländische Zeitung »Het Volk« jedenfalls gab am 16. September 1933 das Protokoll aus dem Londoner Gegenprozeß so wieder:

»Auf dem unteren Viertel der Seite sah ich einen Namen, der mir als ungewöhnlich auffiel: Marinus van der... und dann ein oder zwei Buchstaben, die ich nicht so gut lesen konnte, St oder H und dann ... ubbe, dahinter: Holland.«

Über den Zeugen »W.S.« machen sich die »Rotbuch«-Leute besonders lustig: »Es war doch gescheit von Dr. Bell, den Namen van der Lubbe auf einer Liste mit lauter kurzen Namensandeutungen voll auszuschreiben und dahinter sogar dann noch den Namen des Landes, woher er kam. Man war in Deutschland damals natürlich schon übernationalistisch und wollte die einheimischen Homosexuellen von den ausländischen unterscheiden.«

Im »Rotbuch« wird dann das Bild eines attraktiven jungen Mädchens wiedergegeben, das Marinus in Ungarn kennengelernt und zu dem er nähere Beziehungen unterhalten haben soll. Das Braunbuch hatte daraus die Legende gemacht, Marinus habe dieses Mädchen aus einem Budapester Bordell befreien wollen.

Kommentierte das »Rotbuch": »Man bemüht sogar Professor Freuds Psychoanalyse, sagt, daß es ein typischer Zug von Homosexuellen ist, Mädchen aus Bordellen zu erlösen, und daß Freud dieses Verlangen den ,Parsifal-Komplex' nennt. Man verschweigt jedoch dabei, daß diese Neigung

- ebenfalls nach Freud - auch bei sexuell

vollkommen normalen Burschen vorkommt.«

Obwohl die Londoner Kommission sich nicht entschließen konnte, das Protokoll des »Herrn W.S.« anzuerkennen, hatte sie in ihrem Urteil lapidar festgestellt: »(Marinus van der Lubbe) lebte von 1927 bis 1933 in einem Milieu von mehr oder minder anarchistischen Elementen, von Homosexuellen, zu denen er selbst gehörte.«

Auch Dr. Richard Wolff, der 1955 von der Bonner »Bundeszentrale für Heimatdienst« beauftragt worden war, das Geheimnis des Reichstagsbrands zu klären, konnte sich in seinem »Forschungsbericht« nicht von der Idee trennen, daß Lubbe zu führenden Nazis Beziehungen hatte. Zwar zitiert er die Angaben von drei ehemaligen kommunistischen Emigranten, die bestätigen, »... daß die Homosexualität van der Lubbes eine bewußte Fälschung von Katz gewesen sei... Katz habe., um die mit den Sowjets gut stehenden Leute des Reichswehrministeriums gegen Röhm auszuspielen, beschlossen, den Stabschef der SA zum Anzünder des Reichstagsgebäudes zu stempeln. So sei die Legende entstanden.«

Trotzdem resümiert Dr Wolff in seinem »Forschungsbericht": »Wenn ich mich auch ohne weiteres der Wucht dieser Tatsache beuge und die Theorie fallenlasse, daß van der Lübbe in Hörigkeit Röhms gehandelt habe, so kann ich doch nicht umhin, zu vermuten, daß van der Lubbe bei seinem planlosen, von einem manischen Wandertrieb erfaßten Herumirren in Berlin irgendwie mit nationalsozialistischen Strichjungen (gleichgültig, ob in brauner Uniform oder nicht) zusammengekommen ist.«

Dr. Wolffs auf keinerlei Tatsachen gestützte Kombination beweist einmal mehr, daß die heute allgemein anerkannte Theorie, Lubbe sei homosexuell gewesen ebenso unzuverlässig ist, wie der Zeuge, auf den man sich ständig beruft: Georg Bell.

Wer war dieser Mann, der in den meisten Quellen einfach »Dr. Bell« genannt wird und der angeblich so gute Verbindungen zu den Nazi-Führern hatte? Bell war ein internationaler Abenteurer bayrischer Abkunft, der in Spionageaffären und Geldfälscherprozesse verwickelt war. Der Doktortitel war Hochstapelei. In den dreißiger Jahren hatte Beil als Nachrichtenhändler Kontakt mit Röhm; er wußte von dessen homosexueller Veranlagung. 1932 trennte er sich von ihm und ging nach Österreich.

Diesem Bell widmet Dr. Wolff in seinem »Forschungsbericht« einen ganzen Abschnitt: »Eine wichtige Persönlichkeit ist der von Geheimnissen umwitterte, von einer Gruppe Münchner SA und SS am 3. April 1933 in Durchholzen bei Kufstein in Tirol ermordete Ingenieur Georg Bell.«

Im chronologischen Anhang des Braunbuchs I wird Bell erst zwei Tage später, am 5. April 1933, umgebracht. Dr. Wolff wird selbst konfus und verlegt den Todestag an einer anderen Stelle seines Berichts auf den 4. April. Immerhin steht für Dr. Wolff fest: »Mit der Ermordung Bells ist einer der wichtigsten Kenner der Vorgeschichte des Reichstagsbrandes für immer zum Schweigen gebracht.«

Wie Bell mit dem Brand in Verbindung gebracht wurde, enthüllt der emigrierte KPD-Reichstagsabgeordnete. Alexander

- Pseudonym »Ludwig« - in seiner Schrift

»Der Reichstagsbrand": »Der Verdacht, daß Bell mit dem Reichstagsbrand zu tun hatte, wird durch Äußerungen bestätigt, die ihm selbst entschlüpft sind.«

Einem Ehrenmann wie Bell nahm man solche Äußerungen also bedenkenlos ab.

»Einige Tage nach dem Brand kam er angetrunken in einen nationalen Klub' in Berlin und vertraute dort unter dem Siegel der Verschwiegenheit einem ehemaligen volksparteilichen Reichstagsabgeordneten an, er - Bell - sei einer der intellektuellen Urheber des Reichstagsbrandes. Der andere behielt die interessante Neuigkeit nicht für sich, sondern unterrichtete davon brieflich mehrere Freunde.«

Eine ähnliche Szene schildert der als Historiker umstrittene Konrad Heiden im ersten Band seiner Hitler-Biographie: »Am Tage nach dem Reichstagsbrand kam ein hoher, damals etwas kaltgestellter Funktionär in den Nationalen Klub, dessen Räume dem Reichstag gegenüber liegen. Eine etwa zwölfköpfige Gesellschaft besprach den Brand. Der Funktionär sagte verächtlich: Dilettantische Arbeit! Das hätten meine Leute besser gemacht. Es hätte doch nicht passieren dürfen, daß der Oberbranddirektor Gempp, als er an der Brandstätte, eintraf, noch die SA-Leute in Rauferei mit van der Lubbe vorfand'.«

Der Rest der Heidenschen Legende lautet: Der Brand sei durch den Sturm 17, den »Horst-Wessel-Sturm«, gelegt worden. Van der Lubbe sei für 50 000 Mark und das Versprechen gekauft worden, nach zwei Jahren unversehrt in die Freiheit entlassen,zu werden. Als man mit der Brandlegung fertig war und die SA-Leute flüchten wollten, habe van der Lubbe sich ihnen anschließen wollen. Es entstand eine Rauferei; van der Lubbe wurden dabei Rock und Hemd vom Leibe gerissen, so daß man ihn später halbnackt auffand. Der Berliner Oberbranddirektor Gempp - der ja nachweislich erst nach der Verhaftung van der Lubbes ins Reichstagsgebäude kam - habe diesen Kampf noch gesehen. Heiden wundert sich, daß Gempp davon »als Zeuge vorm Reichsgericht nichts erwähnte«.

Für die kommunistischen Braunbuch-Autoren war Bell, den sie als scharf antikommunistischen Nazi-Agenten und Spitzel gehaßt hatten, nach seinem Tode ein besonders geeigneter, weil schweigsamer Zeuge für die Schuld der Nazis. Ungeschickterweise zitierten die Münzenberg-Männer Bell als einen der Zeugen dafür, »daß die Führung der Brandstifterkolonne in den Händen von Heines lag«. Bell habe dies »in den letzten Mitteilungen, die er seinen Freunden zukommen lassen konnte, ausdrücklich erklärt«.

Bell war demnach genauso schlecht informiert wie die Verfasser der »Oberfohren-Denkschrift« und wie Münzenberg in Paris« denn Heines hatte ja am Brandabend auf einer Wahlkundgebung in Schlesien gesprochen.

Woher sollte Bell im Jahre 1933 denn auch etwas erfahren? Selbst wenn Röhm Heines und der Berliner SA-Häuptling Ernst hinter dem Brande gesteckt hätten, wäre Bell der letzte gewesen, den sie ins Vertrauen gezogen hätten, zumal er sich bereits seit 1932 - wie Dr. Wolff angibt die »Feindschaft der höchsten Parteileitung und Röhms zugleich« zugezogen hatte und auf der Hut sein mußte. Nicht umsonst hat er sich - vergebens - vor ihnen ins Ausland zu retten versucht. .

Der Forschungsbeauftragte Dr. Wolff aber hält an diesem Zeugen unentwegt fest. Für ihn besteht nicht der geringste Zweifel: »Daß Bell von der Absicht, den Reichstag in Brand zu setzen, im voraus gewußt hat, ist sicher.«

Wolff gibt sogar an, worauf sich seine Sicherheit stützt: »Eine kurze Notiz, Bell habe den Berliner Korrespondenten des 'Manchester Guardian' vor dem Ereignis telephonisch aufgefordert: Wenn er den Reichstag brennen sehen wolle, so solle er zu der und der Stunde sich vor dem Reichstagsgebäude einfinden, stand in jenen Tagen in der ,Neuen Zürcher Zeitung'.«

Wer die »Neue Zürcher Zeitung«, aus »jenen Tagen« durchblättert, wird vergebens nach dieser Notiz suchen. Der Verdacht ist daher nicht von der Hand zu weisen, daß Dr. Wolff die unbestimmte Formulierung »in jenen Tagen« nicht aus zufälliger Zerstreutheit verwendet hat.

Dr. Wolff hat sich viel Mühe mit »Dr. Bell« gegeben. Am 14. September 1955 hat er mit »Dr. med. Klein (Pg. Nr. 99), Brigadearzt und Standartenführer der SA-Gruppe 'Hochland', einem besonders guten Bekannten Bells«, gesprochen. Von diesem Alt-Parteigenossen will er erfahren haben, daß Goebbels und Göring das Attentat erdacht und organisiert hätten und Hitler davon gewußt habe. Bell habe Dr. Klein auch erzählt, daß der ehemalige Stabschef Röhm ihn (Bell) dafür gewinnen wollte, mit dem Holländer van der Lubbe zusammen das Reichstagsgebäude in Berlin in Brand zu setzen'.«

Als Dr. Wolff daraufhin den Vertrauensmann Bells fragte, »wie van der Lubbe mit den Nazis zusammengebracht worden sei«, habe der SA-Brigadearzt prompt erwidert: ».. daß van der Lubbe irgendeinem hohen SA-Führer in Berlin bekannt gewesen sei und von diesem, ohne zu wissen, wozu er mißbraucht werden würde, zum Reichstag hinbestellt worden sei. Alles übrige habe sich dann automatisch weiter abgerollt.«

Zwar meint Dr. Wolff: »Daß Röhm Bell aufgefordert habe, zusammen mit van der Lubbe den Reichstag anzuzünden, halte ich für unwahrscheinlich.« Aber immerhin findet er es »interessant, wenn mir Dr. Ernst Klein in Rosenheim noch 22 Jahre nach dem Ereignis sagen konnte: 'Mein und meiner Freunde Eindruck unmittelbar nachdem wir die Nachricht von dem Brande hörten, war der: 'Das haben die Nazis gemacht'.«

»Das haben die Nazis gemacht.« Der SA-Standartenführer mit der Parteinummer 99 distanziert sich also vornehm von seinen einstigen Kumpanen, und Dr. Wolff schenkt ihm ebenso Vertrauen, wie er auch den auf dubiosern Weg überlieferten Zeugnissen Georg Bells Glauben schenkt.

Warum der Nachrichtenhändler Bell in Tirol von der SA umgebracht worden ist, läßt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Vielleicht kommt der einstige Gestapochef Rudolf Diels. der Wahrheit nahe, wenn er in seinem Buch »Lucifer ante portas« schreibt:

»Der Gedanke, Hitler zu beseitigen, wenn er ganz seinen Maßlosigkeiten verfallen sollte, hatte Röhm nicht völlig ferngelegen. Er war ihm schon vor 1933 gekommen. Der

Ingenieur Georg Bell, ein einflußreicher

und in viele dunkle Affären verstrickter Nachrichtenagent aus Röhms engstem Kreis, wußte von solchen Plänen. (Der Chef des SS-Sicherheitsdienstes Reinhard) Heydrich wollte dieses gefährlichen Mitwissers von Röhms Verrat habhaft werden. Bevor er ihn aus Österreich, wohin sich Beil geflüchtet hatte, zurückholen konnte, war Beil von einem Rollkommando der SA am Ufer des Walehensees 'umgelegt' worden. Die Ermordung Belas hatte Hitler nervös gemacht. Auch Göring interessierte sich für die Hintergründe...«

Auf jeden Fall war es kein edles Wild, das Fememörder der SA am 3., 4. oder 5. April 1933 in Durchholzen bei Kufstein zur Strecke brachten. Was auch immer sie zu dem Mord bewog - mit dem Reichstagsbrand hatte der Tod Georg Bells nichts zu tun.

Georg Bell, der eindeutige Beweise für Lubbes Homosexualität und dessen Verbindung zu Naziführern besessen haben soll, wird von den Verfechtern der Nazischuld-These nicht zufällig so gern zitiert: Er ist tot und kann nicht mehr aussagen. Wer die zahllosen Darstellungen des Reichstagsbrands durchforscht, wird ja überhaupt sehr bald feststellen, daß ausgerechnet die sogenannten Kronzeugen für die Schuld der Nazis alle tot sind: die

angeblichen Täter (Göring, Goebbels, die SA-Führer Heines, Karl Ernst, Graf Helldorf) ebenso wie die angeblichen Mitwisser (der Feuerwehrchef Gempp, der deutschnationale Fraktionschef Oberfohren, der Abenteurer Georg Bell), wobei die Mitwisser naturgemäß leicht als »ermordet« deklariert wurden.

In den sogenannten Dokumentarberichten über den Reichstagsbrand wird noch eine ganze Reihe mehr oder minder prominenter »Augenzeugen« und »Mitwisser« der Nazischuld zitiert, die niemand mehr fragen kann, weil sie nicht mehr am Leben sind. Einer von ihnen ist der Schriftsetzer und spätere Kriegsberichterstatter der Luftwaffe Werner Thaler, - jener Passant, der am Abend des Reichstagsbrands unmittelbar nach dem Theologiestudenten Flöter den Einstieg van der Lubbes in den Reichstag beobachtet und daraufhin den Wachtmeister Poeschel alarmiert hatte. In seinem »Weltbild«-Dokumentarbericht (Nr. 25/1957) weiß Meißner junior über den Zufallszeugen Thaler zu berichten: »Als der Jugendmeister im Hundertmeterlauf, Beni Thaler, an einem Februarabend des Jahres 1933 mit seiner Freundin durch die nächtliche Berliner Innenstadt schlendert, ahnt er nicht, daß er binnen weniger Minuten Zeuge eines der größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit sein wird. Fast möchte man sagen - der einzige wirkliche Augenzeuge...

»Die Freundin eng an sich gepreßt, überquert Thaler die breite Friedrich-Ebert-Straße und wandert an der dunklen Seitenfront des Reichstagsgebäudes entlang.«

In Wirklichkeit ist Thaler, wie er bei der Polizei und später vor Gericht aussagte, am Abend des 27. Februar 1933 keineswegs mit einer Freundin zusammengewesen. Auch schlenderte er nicht durch die Berliner Innenstadt, sondern hatte es ziemlich eilig, zum Lehrter Bahnhof zu gelangen.

Doch zurück zu Meißner junior: »Da sieht Beni Thaler etwas, was ihn verblüfft, was er nicht begreift und was die letzten zehn Jahre seines Lebens in eine Hölle verwandeln wird. Durch die fast ebenerdig gelegenen vergitterten Fenster sieht er in das Untergeschoß des Reichstages. Er sieht dort SA-Leute, fünf oder sechs, einen mit einer lodernden Wachsfackel in der Hand. Der Fackel-Träger scheint der Gruppe irgendwelche Befehle zu erteilen. Die SA-Männer lauschen, die Sturmriemen unter dem Kinn festgeschnallt. Unwillkürlich bleibt Beni Thaler stehen und beugt sich zum Fenster vor, um besser sehen zu können. Es ist ein Bild, das er sein Leben nicht vergessen wird.«

Der Illustrierten-Autor Meißner, der die Ereignisse des 27. Februar so farbig zu beschreiben weiß, hat freilich übersehen, daß die Erdgeschoßfenster des Reichstagsgebäudes nicht nur vergittert, sondern auch mit undurchsichtigem Glas ausgestattet waren. Durch dieses Glas hätte der Passant Thaler allenfalls einen Lichtschein, nicht aber »fünf oder sechs SA-Leute« erkennen können.

Die einzige Feststellung in der Meißnerschen Darstellung, die mit der Wahrheit übereinstimmt, lautet: »Die Nazis mag er (Thaler) nicht.« In der Tat hielt Werner Thaler, der einer alten sozialistischen Familie in München entstammte, von dem NS-Regime nicht viel. Er hatte die höhere Schule besucht und sollte Verlagskaufmann werden. Er lernte in einer großen und angesehenen jüdischen Münchner Firma, in der auch sein Vater als Graveurmeister tätig war.

Im April des Krisenjahres 1932 wurde Thaler - ebenso wie sein Vater - arbeitslos. Als man ihm kurz vor Weihnachten desselben Jahres eine Stellung als Schriftsetzer beim »Völkischen Beobachter« in Berlin anbot, mußte er sie wohl oder übel akzeptieren.

Am Abend des 27. Februar hatte Thaler dann - ebenso wie der Theologiestudent Flöter - rein zufällig beobachtet, wie Lubbe in den Reichstag einstieg. Flöter alarmierte den Oberwachtmeister Buwert, Thaler jenen Wachtmeister Poeschel, der zwanzig Minuten später den Brandstifter van der Lubbe festnahm. Thaler war dann zur Auffahrtsrampe zurückgelaufen, wo er auf den Oberwachtmeister Buwert und den dritten Zufallszeugen, Neumann, traf.

Bei Meißner junior freilich liest es sich anders: »Der junge Beni Thaler hat die Übeltäter mit eigenen Augen gesehen. Aber noch in derselben Nacht wurde ihm auf handgreifliche Weise klargemacht, daß er über die SA-Männer, die er im Keller beobachtet hatte, zu niemandem sprechen dürfe, daß er darüber zu schweigen habe wie ein Grab. Aber er hat es seinen Freunden erzählt, gleich am nächsten Tage und anderen Freunden wieder... Bis zu seinem Tode im Jahre 1943 ist Beni Thaler das entsetzliche Erlebnis nicht losgeworden.«

Allzu redselig aber kann »Beni« Thaler - immer nach Meißners Schilderung - auch wieder nicht gewesen sein, denn: »Welche Mächte auf ihn einwirkten, um ihn zum Vergessen 'zu bringen, hat er nie gesagt, aber die Einwirkung muß furchtbar gewesen sein.«

Einer der angeblichen Freunde Thalers, auf den Meißner sich beruft, ist der »Weltbild«-Mitarbeiter Benno Wundshammer, der ebenso wie Thaler Kriegsberichterstatter an der Ostfront war. Erinnert sich Kamerad Wundshammer: »(Thaler) riß sich um jeden Einsatz mit dem Geschwader Immelmann. Aber nachts, wenn wir zusammensaßen, brach es aus ihm hervor: sein Wissen um eines der größten Verbrechen der Geschichte.«

Dieses »Wissen« habe Thaler »erzählt nach zwei Flaschen Frascati in der Berliner 'Taverne', wenn er unter dem ungeheuren Druck, unter dem er immer noch stand, das heulende Elend bekam.« .

Soweit Benno Wundshammer. Der »Weltbild«-Leser mußte sich freilich fragen, was denn - nach allen KZ- und Kriegsgreueln der Jahre 1933 bis 1943 - an dem Anblick einiger SA-Männer im Reichstagskeller eigentlich so furchtbar gewesen sein mag, daß den armen Thaler noch zehn Jahre danach »das heulende Entsetzen« packte.

Nun hat Werner Thaler, wie seine Angehörigen dem SPIEGEL bestätigten, 1933 in der Tat ein furchtbares Erlebnis gehabt, das ihn zeit seines Lebens nicht losgelassen hat. Mit dem Reichstagsbrand allerdings hatte es nur wenig zu tun:

In den ersten Märztagen des Jahres 1933 wurde der Schriftsetzer Thaler in das Personalbüro des »Völkischen Beobachters« zitiert. Dort erwartete ihn ein SA-Mann, der ihn mit einem Zivilwagen zu einer SADienststelle in der City brachte. Dort mußte Thaler den üblichen Besucherzettel ausfüllen und wurde dann in ein kleines Wartezimmer gewiesen. Er solle, so wurde ihm bedeutet, »in Sachen Reichstagsbrand« vernommen werden.

Von diesem Zimmer aus konnte Thaler den Hof des Gebäudes überblicken. Als er eine Weile gewartet hatte, tauchte plötzlich ein Lastkraftwagen auf, aus dem acht Inhaftierte - einige davon in Reichsbanner-Uniform - stiegen. Durch ein Spalier von SA-Männern, die auf sie einschlugen, mußten diese Männer Spießruten laufen. Vier von ihnen wurden dann in den Keller des Gebäudes getrieben, wo man sie offenbar zu Tode prügelte. Thaler mußte ihre entsetzlichen Schreie minutenlang mit anhören.

Werner Thaler selbst hat die gräßliche Szene seinen Angehörigen so geschildert: »Ich glaube nicht, daß nur einer davon am Leben blieb. Ich war dem Wahnsinn nahe, mußte mir die Ohren zuhalten und mußte weinen und schreien. Nie in meinem ganzen Leben werde ich diese Schreie zu Tode gemarterter Menschen vergessen. Und das Furchtbarste war: Ich hörte diese Hilferufe und konnte keinem von ihnen helfen. Außerdem mußte ich annehmen, daß mir Gleiches bevorstand ...

»Ich raffte mich auf und ging... zum Ausgang. Dort stellte mich ein Posten. Ich gab ihm Auskunft, daß man mich hierher zur Vernehmung bestellt hätte und daß man mich anscheinend vergessen hätte. Schließlich wurde ich in ein Zimmer im ersten Stock geführt. Ich mußte meine Aussage machen, und sie wurde zu Protokoll genommen.

»Dann mußte ich ein bereits fertiges, hektographiertes Formular unterschreiben, daß ich über meine Einvernahme und sonstige Vorgänge bei der SA mich zu keinem Menschen äußern dürfe. Es folgten dann die Androhungen verschiedener Repressalien.«

Das war das schreckliche Erlebnis des jungen Thaler, das er für den Rest seines Lebens nicht vergessen konnte und von dem er andeutungsweise zu seinen Freunden gesprochen hat. Die SA-Führung, die auf eigene Faust Nachforschungen betrieb, weil man sie in der Auslandspresse der Brandstiftung bezichtigte, wollte von Thaler lediglich wissen, was er am Abend des 27. Februar gesehen hatte. Und Werner Thaler hat bei der SA nicht anders ausgesagt als vorher bei der Polizei und später vor dem Reichsgericht in Leipzig.

Nächste Woche:

Das »irre Lachen« des Angeklagten van der Lubbe vor dem Reichsgericht - Lubbes seltsame Wesensveränderung.

* Das Bild, das dem Braunbuch I entnommen ist, zeigt die Eltern Lubbes und dessen Bruder Jan. Im Braunbuch wird fälschlich behauptet, das Baby sei Marinus van der Lubbe.

* Konrad Heiden: »Adolf Hitler«; Band: I Europa-Verlag, Zürich; 1936.

Brandstifter van der Lubbe, Kriminalkommissar Heisig: Dorfdepp oder Idealist?

Familie van der Lubbe*: »Lieber aufhängen...

Van der Lubbes Bruder Jan (1956)

... als verleumden«

Kommunistisches Flugblatt (1933

Iswestija, Moskau

Sowjetische Karikatur (1933)

SA-Stabschef Röhm (r.), Adjutant Graf Spreti: »Meine Leute hätten das besser gemacht«

Brandzeuge Thaler

Ein gräßliches Erlebnis

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