Zur Ausgabe
Artikel 3 / 52
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»STEHEN SIE AUF, VAN DER LUBBE!«

aus DER SPIEGEL 48/1959

Der ehemalige Fraktionschef der Deutschnationalen, Dr. Ernst Oberfohren, ist von den Verfechtern der Nazischuld-These - ahnlich wie der frühere Berliner Oberbranddirektor Gempp - zum Märtyrer gestempelt worden. Er sei, wie Gempp, von den Nazis verfolgt und schließlich ermordet worden, weil er die Schuld des Hitler-Regimes erkannt und auch propagiert habe Sein Wissen über das nationalsozialistische Brandattentat soll Oberfohren in einer Denkschrift niedergelegt haben. Die sogenannte »Oberfohren-Denkschrift« ist zu einem Kernstück nahezu aller Darstellungen über den Reichstagsbrand geworden.

5. Fortsetzung

Es gab »einen unerwünschten Mitwisser der Brandstiftung«, schreibt der ehemalige Reichstagspräsident Paul Löbe unter Berufung auf einen »Abgeordneten der Rechtsparteien in Bonn« in seinen Lebenserinnerungen*, »es war der Vorsitzende der deutschnationalen Reichstagsfraktion, Oberfohren. Er ist damals beseitigt worden. Man fand ihn an seinem Schreibtisch von einer Revolverkugel durchbohrt.«

Dr. Ernst Oberfohren ist zum Verfasser einer Denkschrift erklärt worden, die nach dem Reichstagsbrand in Deutschland und im Ausland kursierte; in ihr wurde das angebliche Brandattentat der Naziführer in allen Einzelheiten geschildert. »Das Oberfohren-Memorandum«, so resümierte Dr. Wolff in seinem »Forschungsbericht«, »enthält den ausführlichsten Bericht über die mit dem Feuer zusammenhängenden Umstände.«

Über die Entstehung der Denkschrift weiß Braunbuch I im einzelnen zu berichten: »Der deutschnationale Abgeordnete Dr. Oberfohren hat nach den Wahlen vom 5. März 1933, als die Nationalsozialisten Stück um Stück der deutschnationalen Positionen an sich rissen, den Kampf der Deutschnationalen und des Stahlhelms gegen Hitler zu organisieren versucht. Als Vertrauter Hugenbergs war er über alle Vorgänge im Kabinett genau unterrichtet. Er legte sein Wissen über die Vorbereitungen zum Reichstagsbrand in einer Denkschrift nieder, die er an seine Freunde versandte. Diese Denkschrift Dr. Oberfohrens ist auf Schleichwegen ins Ausland gelangt. Einzelne Abschnitte der Denkschrift wurden in englischen, französischen und Schweizer Blättern anonym, ohne Angabe des Verfassers, veröffentlicht.«

Die Darlegungen des Braunbuchs wirkten einleuchtend und machten nicht nur im Ausland, sondern auch in Deutschland so nachhaltigen Eindruck, daß man sich auch im Reichstagsbrandprozeß ausführlich mit der »Oberfohren-Denkschrift« beschäftigte. Das Dokument hatte allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Sein Urheber war nicht nachweisbar, und niemand mehr konnte den einstigen Führer der deutschnationalen Reichstagsfraktion fragen; ob er es wirklich verfaßt habe, denn er war am 7. Mai 1933 verstorben. »Mord«, sagten die Kommunisten. »Selbstmord«, sagt der Totenschein.

Die Verfolgung von Nazi-Gegnern aller Schattierungen, die bald nach der Etablierung des Dritten Reiches einsetzte, schien für die kommunistische Behauptung zu sprechen und läßt es verständlich erscheinen, daß die Braunbuch-These, der Fraktionschef der Deutschnationalen sei der Autor der »Oberfohren-Denkschrift« und al solcher von den Nazis ermordet worden, bald allgemein anerkannt war. Zwar sind in jüngster Zeit einigen deutschen Publizisten - darunter dem Forschungsbeauftragten Dr. Wolff - Zweifel daran gekommen, ob Oberfohren wirklich von den Nazis ermordet worden ist, zumal die heute in Kiel lebende Witwe Oberfohrens in einem Brief erklärt hat: »Mein Mann ist nicht von den Nazis erschossen worden.« Die angebliche »Oberfohren-Denkschrift« aber wird weiterhin in den sogenannten Tatsachenberichten verbreitet; und auf ihre Thesen sind auch namhafte Publizisten und Wissenschaftler hereingefallen, unter ihnen die Historiker Professor Carl Misch und Professor Walther Hofer, die Hitler-Biographen Konrad Heiden und Alan Bullock.

Was nun enthält die sogenannte Oberfohren-Denkschrift an wichtigen Beweisen und Argumenten? Hier einige Passagen, die nach dem Braunbuch I zitiert werden: »Herr Doktor Goebbels, von keiner Skrupel beschwert, hatte bald einen Plan festgelegt, bei dessen Ausführung man nicht nur den Widerstand bei den Deutschnationalen gegenüber den Forderungen der NSDAP auf Unterbindung der sozialdemokratischen und kommunistischen Agitation überwinden könne, sondern unter Umständen bei völligem Gelingen auch das Verbot der Kommunistischen Partei erzwingen würde ...

»Goebbels hielt es für notwendig, daß man im Karl-Liebknecht-Haus Material fände, durch das (die) verbrecherischen Absicbten der Kommunisten belegt, ein kommunistischer Aufstand als unmittelbar bevorstehend und dadurch unmittelbare Gefahr im Verzuge beweisbar waren... Am 24. Februar drang die Polizei in das seit Wochen leerstehende Karl-Liebknecht-Haus ein, durchsuchte und versiegelte es. Am gleichen Tag wurde amtlich bekanntgegeben, daß eine Fülle hochverräterischen Materials gefunden sei ...

»Innerhalb der Regierungskoalition gab es auf Grund der Ergebnisse der Durchsuchung des Karl-Liebknecht-Hauses lebhafte Auseinandersetzungen. Papen, Hugenberg und Seldte machten Herrn Göring die lebhaftesten Vorwürfe, daß er mit solchen Gaunertricks arbeitete. Sie wiesen darauf hin, daß die angeblich vorgefundenen Dokumente so ungeschickt gefälscht seien, daß man sie der Öffentlichkeit unter keinen Umständen übergeben könne.«

Da es - laut »Oberfohren-Denkschrift« - der nationalsozialistischen Minderheit des ersten Kabinetts Hitler nicht gelang, das KPD-Verbot durchzusetzen, beschlossen die Nazis, den Reichstag anzuzünden: »Die Beauftragten« Görings gingen »unter Führung des SA-Führers von Schlesien, des Reichstagsabgeordneten Heines, durch die Heizungsgänge vom Palais des Reichstagspräsidenten durch den unterirdischen Gang in den Reichstag. Für jeden einzelnen der ausgesuchten SA- und SS-Führer war die Stelle genau bezeichnet, wo er anzusetzen hatte. Am Tage vorher war Generalprobe abgehalten worden. Van der Lubbe ging als 5. oder 6. Mann. Als der Beobachtungsposten im Reichstag meldet, daß die Luft rein ist, begaben sich die Brandstifter an die Arbeit. Die Brandlegung war in wenigen Minuten vollendet ... Van der Lubbe blieb allein im Reichstagsgebäude zurück.«

Das Braunbuch fügt hier den Kommentar an: »Die Behauptung Dr. Oberfohrens, daß Heines der Führer der Brandstifterkolonne gewesen sei, wird auch von anderen Eingeweihten bestätigt. Heines war für diese 'Arbeit' wie geschaffen. Heines ist eine Landsknechtsnatur: Er mordet auf Befehl, er schießt auf Befehl, er legt auf Befehl Feuer.«

In der angeblich von Oberfohren verfaßten Denkschrift heißt es dann weiter: »So sehr die Deutschnationale Partei mit den schärfsten Maßnahmen gegen die Kommunisten einverstanden ist, so wenig billigt sie die Brandstiftung durch die Koalitionsfreunde. In der Kabinettssitzung am Dienstag (dem 28. Februar) wurde zwar den schärfsten Maßnahmen gegen die Kommunisten und zum Teil auch gegen die Sozialdemokraten zugestimmt. Es wurde jedoch kein Zweifel daran gelassen, daß die Brandstiftung das Ansehen der nationalen Front im Auslande aufs schärfste schädigen würde. In der Verurteilung wurde bei dieser Kabinettssitzung mit den schärfsten Ausdrücken nicht gespart. Es gelang den nationalsozialistischen Ministern nicht, das Verbot der Kommunistischen Partei durchzudrücken. Die Deutschnationalen brauchten... die kommunistischen Abgeordneten, um den Nationalsozialisten nicht die absolute Mehrheit im Parlament zu ermöglichen.«

Nach dem bisher unveröffentlichten Protokoll der Kabinettssitzung vom 28. Februar 1933 - das dem SPIEGEL vorliegt - ist jedoch ein Verbot der KPD in dieser Sitzung überhaupt nicht diskutiert worden. Die deutschnationalen Minister Hugenberg und Seldte haben sich nicht einmal zu Wort gemeldet.

Wer war der Mann, der aufgrund von Informationen, die er - laut Braunbuch - als »Vertrauter Hugenbergs über alle Vorgänge im Kabinett erhielt«, den Kommunisten ein so wirksames Geschoß gegen Hitler lieferte?

Das »Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft«, das Who's Who des Bürgertums in der Weimarer Republik, stellt Dr. Oberfohren im Photo als rundköpfigen Mann mit klugem Blick vor, der jedoch keineswegs die Züge eines Volkstribunen aufweist. Der Doktor der Staatswissenschaften Ernst Oberfohren, am 15. März 1881 im Landkreis Mülheim-Ruhr geboren, war mit 43 Jahren aus seinem Lehramt als Studienrat in Kiel ausgeschieden, um sich künftig nur noch der Politik zu widmen. Nach der Krise der Deutschnationalen Volkspartei Ende 1929, als sich die gemäßigte Gruppe um Graf Westarp, Treviranus und Schlange-Schöningen abspaltete, hatte Hugenberg den Parteivorsitz und Oberfohren die Führung der Reichstagsfraktion übernommen.

Das gute Verhältnis zwischen dem Parteichef und seinem Fraktionsvorsitzenden im Reichstag ging mit dem Eintritt Hugenbergs in die Hitlerregierung am 30 Januar 1933 in die Brüche. Es spricht für den Politiker Oberfohren, daß er die tragische Entwicklung Deutschlands voraussah, die mit dem 30. Januar 1933 verknüpft ist.

Gespräche, die Oberfohren damals führte, wiesen ihn als scharfen Nazigegner aus. Anscheinend war er auch überzeugt, daß die Nazis den Reichstag angesteckt hatten.

Ende März 1933 ging dann die aufsehenerregende Nachricht durch die Presse, Oberfohren habe sein Reichstagsmandat niedergelegt. In der Sitzung der deutschnationalen Reichstagsfraktion vom 11. April 1933, in der Oberfohrens Nachfolger gewählt wurde, gab Hugenberg eine Erklärung zum »Fall Oberfohren« ab, in der es laut »Deutschnationaler Pressestelle« heißt: »Daß Oberfohren mit der am 30. Januar eingeschlagenen Politik innerlich nicht einverstanden gewesen sei, wisse die Fraktion. Es sei dies auch in der Fraktionssitzung vom 24. März zutage getreten.«

Zu der Frage, warum Oberfohren zurückgetreten sei, sagte Hugenberg, dem Bericht der »Deutschnationalen Pressestelle« zufolge, es sei ohne Einmischung des Parteivorsitzenden zu einer Entwicklung gekommen, die er der Fraktion nicht vorenthalten könne. »Die zuständige preußische Behörde habe ohne seine ... Kenntnis eine Haussuchung bei der Berliner Sekretärin von Dr. Oberfohren vorgenommen. Bei dieser Gelegenheit habe diese eine eidesstattliche Aussage gemacht, daß zwei bei ihr gefundene, gegen den Parteivorsitzenden gerichtete anonyme Rundschreiben von Dr. Oberfohren diktiert und auf seine Anordnung von ihr zum Versand gebracht seien. Dr. Hugenberg sei von der Aussage in Kenntnis gesetzt worden. Den Inhalt der Rundschreiben gab er der Fraktion bekannt . . .«

Dr. Oberfohren, der die hitlerfreundliche Politik Hugenbergs nicht billigte, hatte in der Tat zahlreiche anonyme Briefe an Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft verschickt, in denen er Hugenberg kritisierte.

Am 8. Mai 1933 wurde bekannt, daß Dr. Oberfohren durch Freitod aus dem Leben geschieden sei. Im Standesamtsregister der Stadt Kiel findet sich am 9. Mai unter dem Aktenzeichen III/474/33 die Eintragung: »Selbstmord durch Erschießen.«

Über die Motive Oberfohrens äußerte sich der Verteidiger Torglers, Dr. Sack, in seinem Buch Der Reichstagsbrand-Prozeß": »Oberfohren hatte sich erschossen, weil ihm ein Verrat an seinem Parteiführer Hugenberg nachgewiesen werden konnte und er sein Spiel als verloren betrachten mußte. Dies war der Weltöffentlichkeit jedoch nicht bekannt.«

Da der Selbstmord Oberfohrens in verschiedenen Zeitungen Vorwürfe gegen Hugenberg ausgelöst hatte, publizierte die Pressestelle der Deutschnationalen Volkspartei am 8. Mai 1933 folgenden Bericht:

»Die deutschnationale Pressestelle teilt zu dem Selbstmord des deutschnationalen Abgeordneten Dr. Oberfohren mit: Der tragische Tod Dr. Oberfohrens, der alle mit tiefer Erschütterung erfüllt hat, die mit ihm in der Deutschnationalen Volkspartei gekämpft haben, hat einen Teil der Linkspresse zu Kombinationen veranlaßt, die unrichtig sind und die zum Teil darauf ausgehen, den Tod Oberfohrens mit der Behandlung, die er durch die Deutschnationale Volkspartei erfahren habe, in Verbindung zu bringen. Wir sind deshalb gezwungen, einen Brief zu veröffentlichen, den Oberfohren erst am 12. April an Herrn Dr. Hugenberg gerichtet hat:

Sehr geehrter Herr Dr. Hugenberg!

Man hat mir mitgeteilt, daß Sie trotz aller Mißhelligkeiten zwischen uns in der Fraktion doch noch gute Worte für mich gefunden hatten. Das veranlaßt mich, offen einzugestehen, daß ich falsch gehandelt habe und daß ich die aus meiner falschen Handlungsweise entstandenen schweren Schädigungen der Partei auf das tiefste bedauere. Zur Sache kann ich nur sagen, daß noch meinem festen Eindruck mit den Briefen schwerer Mißbrauch getrieben worden ist. Andererseits ist das, was ich erlebt habe, in den letzten Wachen fast übermenschlich gewesen. Schon vorher hatte mich der Verlauf der politischen Entwicklung fast zu Boden geworfen. Ich bin jetzt mit den Nerven vollständig fertig. Weitere Auseinandersetzungen kann ich nicht mehr ertragen. Ich bitte Sie infolgedessen, auch in Erinnerung an die vielen zusammen geführten Kämpfe, die Angelegenheit beizulegen. Herr (Adolf) Stein* hatte die Freundlichkeit, mir mitzuteilen, daß er sicher sei, daß ein solch offenes Wort bei Ihnen Gehör finden werde. Mit deutschem Gruß

Ihr ergebener

gez. E. Oberfohren«

Das Pressebulletin der Deutschnationalen Partei resümierte: »Zu diesem Brief erübrigt sich jeder Kommentar. Die Deutschnationale Front wird ihrem jahrelangen Mitkämpfer, dessen letzte Handlungen nur aus seiner tiefen seelischen Depression heraus zu erklären sind, ein dankbares Andenken bewahren.«

Oberfohrens Brief an seinen Parteichef, in dem er »seine falsche Handlungsweise .. auf das tiefste« bedauert, war übrigens am 17. April - Oberfohren befand sich damals im Sanatorium - von Hugenberg indirekt beantwortet worden: »Wie ich höre«, schrieb Hugenberg an Frau Oberfohren, »geht es Ihrem Gemahl nicht gut. Ich möchte deshalb Ihnen mitteilen, daß ich am Gründonnerstag mit Herrn Schmidt (Hannover) eine Verabredung getroffen habe, wonach die Vorkommnisse der letzten Zeit mit den Verdiensten ausgeglichen sein sollen, die Ihr Herr Gemahl sich im Laufe dieser Jahre um die Partei erworben hat.«

Die Pariser Braunbuch-Autoren ließen sich freilich nicht beirren. Sie blieben auch im Braunbuch II dabei, daß die Denkschrift von Oberfohren stamme und daß der frühere deutschnationale Fraktionschef von den Nazis ermordet worden sei. Denn, so argumentierten sie, Göring habe ja die Echtheit der Braunbuch-Darstellung vor dem Leipziger Reichsgericht selbst zugeben müssen. In seiner Aussage sei ihm »ein Geständnis entschlüpft, das die Echtheit der Oberfohren-Denkschrift bestätigt«

Wie kamen Münzenberg und seine Männer zu dieser Behauptung?

Am 4. November 1933 hatte Göring als Zeuge vor dem Reichsgericht eingestanden, daß dieser »Fall« eines angesehenen Politikers durch die »Telephonüberwachung« ausgelöst worden war. Derselbe Göring, der sich noch wenige Monate zuvor in einer Rede in Dresden beschwert hatte: »Unter der Regierung Schleicher sind Metternichsche Methoden in der Politik gang und gäbe: Telephongespräche werden abgehört, die Briefpost wird überwacht!« - dieser Göring hatte gleich nach der Machtergreifung unter der Tarnbezeichnung »Forschungsamt des Reichsluftfahrtministeriums« einen gigantischen Apparat aufgebaut, der zahlreiche Telephonanschlüsse überwachte.

»Minister Hugenberg«, so erklärte Göring vor Gericht, »führte die DNVP sehr stark selbständig nach dem Führerprinzip. Sein Fraktionsführer Oberfohren gab ihm wohl in der Öffentlichkeit recht und stellte sich an seine Seite. Aber hinter dem Rücken kämpfte er aufs schärfste gegen seinen eigenen Führer. Die Herren werden sich vielleicht erinnern, wie vor mehr als Jahresfrist sogenannte Briefe an alle Führer der Wirtschaft, an führende Persönlichkeiten der DNVP und anderer Parteien herumgeschickt wurden, Briefe, die Hugenberg stark angriffen, sachlich und persönlich, die ihn schmutzig belasteten. Ich wurde persönlich von einer Telephonüberwachung angerufen,

daß soeben in einem Hotel Oberfohren mit einer Dame gesprochen hatte, und hierbei habe er die Dame aufgefordert, das belastende Material, das sie über die nationalsozialistischen Führer hatte, ihm zu geben ...

»Für mich war klar, daß Oberfohren hier jemand aufforderte, Material gegen die Nationalsozialisten zu verkaufen. Ich schickte die Polizei, und es ergab sich, daß die Dame die Sekretärin von Oberfohren war. Bei der Haussuchung in dem Berliner Büro Oberfohrens fand man die Klischees zu den anonymen Briefen gegen seinen Führer (Hugenberg). Man erinnert sich noch, daß Oberfohren aus Krankheitsrücksichten plötzlich seinen Vorsitz niederlegte. Er mußte ihn niederlegen; ein Leugnen gab es nicht. Er war entlarvt, und aus dieser Tatsache heraus hat er sich schließlich erschossen.«

Die Braunbuch-Autoren, die Görings Aussage abdruckten, ließen freilich einen Satz des damaligen preußischen Ministerpräsidenten unerwähnt, der lautete: »Das Material (Oberfohrens) hat mit dem Reichstagsbrand nichts zu tun.« Sie folgerten vielmehr triumphierend: »Görings Aussage ist ein volles Geständnis. Göring muß zugeben, daß Oberfohren belastendes Material gegen die nationalsozialistischen Führer besitzt... Es kann sich nur auf den Reichstagsbrand bezogen haben... Das belastende Material, von dem Göring sprach, ist das 'Oberfohren-Memorandum'!«

Warum sollte Oberfohren, der die Naziführer verachtete und haßte, nicht irgendwelches andere Material gesammelt haben, das sie belastete? Göring selber hat ja vor Gericht gelassen eingeräumt, »daß Oberfohren immer ein enragierter Gegner der Nationalsozialisten« gewesen sei. Das war ja auch der Grund dafür gewesen, daß die Politische Polizei Oberfohrens Telephonleitung angezapft hatte.

Bemerkenswerterweise ist keiner der einstigen Funktionäre des Dritten Reiches in seinen Memoiren auf den Fall Oberfohren eingegangen, weder Papen, Meißner, Diels, Schwerin-Krosigk noch Gisevius. Dabei war Gisevius 1933 immerhin maßgeblicher Jugendführer der Deutschnationalen. Das Schweigen dieser Zeitgenossen hat viel dazu beigetragen, daß die falschen Thesen des Braunbuchs, in denen Oberfohrens Schicksal mit dem Reichstagsbrand verknüpft wird, bis heute das Geschichtsbild bestimmen.

Wie plump das sogenannte Oberfohren-Memorandum gefälscht worden ist, beweist schon seine Entstehungsgeschichte. Wenige Tage nach dem Reichstagsbrand kursierte in Berlin und anderen Städten eine Flugschrift mit dein Titel: »Der Reichstag brennt! Wer sind die Brandstifter?« Diese Schrift enthielt nach den Worten des Torgler-Verteidigers Dr. Sack »die ersten Ansätze in Beweisführung, Stil und Aufmachung, die der späteren sogenannten Denkschrift Oberfohrens eigentümlich sind.. Es fehlte nur noch der geeignete Verfasser, der der 'Denkschrift' einen Anschein von Glaubwürdigkeit verlieh. Mit dem Tode Oberfohrens (7. Mai 1933) war er gefunden«.

Am 26. und 27. April 1933 erschienen dann im liberalen »Manchester Guardian« die ersten Abdrucke der späteren »Oberfohren-Denkschrift« - ohne Nennung des Namens Oberfohren. Der »Manchester Guardian« schrieb: »Eine vertrauliche, Denkschrift, die sich mit dem Reichstagsbrand beschäftigt, zirkuliert zur Zeit in Deutschland. Sie ist handgeschrieben, da der Terror jede öffentliche Erwähnung und Erörterung unmöglich macht. Aber sie ist ein ernster Versuch, einen wohlabgewogenen Rechenschaftsbericht über die Ereignisse zu geben, unternommen von jemandem, der mit den deutschnationalen Kabinettsmitgliedern in Fühlung steht. Obgleich sie ein- oder zweimal geringfügige Ungenauigkeiten aufweist, ist sie zumindest der erste bedeutsame Beitrag zur Lösung des Reichstagsbrand-Rätsels.«

Dazu schreibt Dr. Wolff in einer Fußnote seines Forschungsberichts: »Eine solcher Ungenauigkeiten, die hernach auch vom Braunbuch (I), S. 119, und anderen Anti-Nazi-Mitteilungen übernommen wurde, ist die Angabe, daß der Trupp von dem berüchtigten SA-Führer Schlesiens, Heines, der zweifellos zu jeder Schurkentat fähig und bereit gewesen wäre, angeführt worden sei Heines war zur Stunde des Brandes, wie er vor dem Reichsgericht einwandfrei feststellen konnte, in einer Wahlversammlung in Gleiwitz anwesend.«

Nachdem der »Manchester Guardian« mit der Veröffentlichung der Denkschrift begonnen hatte, druckten schon wenige Tage später zahlreiche Zeitungen in aller Welt Teile daraus nach. Auch tauchten mehrere Neufassungen des Memorandums auf, als deren Verfasser eindeutig Dr. Oberfohren angegeben wurde.

Im Herbst 1933 konnte man dann in einer vom »German Information Bureau« in London verlegten »offiziösen« Ausgabe der Denkschrift lesen, Oberfohren habe einen Journalisten veranlaßt, das Memorandum über den Reichstagsbrand zu schreiben. Die meisten Informationen freilich, so wurde beschönigend hinzugefügt, habe Oberfohren persönlich beigesteuert.

Warum diese Korrektur in der doch entscheidend wichtigen Verfasserfrage? Warum bestritt man plötzlich die unmittelbare Urheberschaft Oberfohrens und erklärte, er sei nur für einen Teil der Denkschrift-Informationen verantwortlich? Der Grund hatte sich zwingend aus der Sitzung des Londoner Untersuchungsausschusses Mitte September 1933 ergeben, an der auch Torgler-Verteidiger Dr. Sack teilnahm. Im Laufe dieses Londoner Gegenprozesses wurden der frühere Chefredakteur der »Vossischen Zeitung«, Georg Bernhard, und der ehemalige SPD-Reichstagsabgeordnete Rudolf Breitscheid zum Thema »Denkschrift« vernommen. Dr. Sack schreibt über die Vernehmung: »Erstaunlicherweise aber erklärten sich Breitscheid und Bernhard übereinstimmend dahin, daß die sogenannte 'Oberfohren - Denkschrift' wohl der politischen Auffassung Oberfohrens entspreche, aber nicht von ihm stammen könne, da sie nicht seinen Stil zeige.«

Die Aussage der beiden prominenten deutschen Zeugen vor dem Untersuchungsausschuß in London hinderte Münzenbergs Leute nicht, im Braunbuch II auf Seite 264 festzustellen: »Der Untersuchungsausschuß zur Aufklärung des Reichstagsbrandes bemühte sich, die oder den Verfasser der im 'Manchester Guardian' veröffentlichten Denkschrift festzustellen. Die Ermittlungen ergaben, daß die Denkschrift von Dr. Oberfohren stammte.«

Von den Gegnern der Nationalsozialisten gingen freilich nur die Kommunisten derart skrupellos mit der Wahrheit um. Der sozialdemokratische »Vorwärts« der sich in Karlsbad als »Neuer Vorwärts« etabliert hatte, schrieb wenige Wochen nach Abschluß des Londoner Reichstagsbrand-Gegenprozesses:

»Es ist bestritten worden - nach unserer Kenntnis der Dinge mit Recht -, daß die sogenannte 'Oberfohren-Denkschrift' von Oberfohren selbst verfaßt worden ist. Da ihre Autorschaft im Dunkel liegt, ist ihr Wert als Beweisstück fragwürdig geworden. Es blieb aber das Geheimnis um Oberfohrens Selbstmord, und es blieb die Frage, ob der Vorsitzende der deutschnationalen Reichtragsfraktion mit den Behauptungen, die in der sogenannten Oberfohren-Denkschrift enthalten sind, überhaupt etwas zu tun hat. Auf diese Frage erteilt unser Gewährsmann eine sensationelle Antwort. Die Denkschrift ist nicht von Oberfohren verfaßt.«

Bei einem Vergleich der verschiedenen Fassungen des »Oberfohren-Memorandums« fällt auf, daß deren Texte im Wortlaut erheblich voneinander abweichen - ein Umstand, der nicht glaubhafter macht, daß man es mit einem Dokument zu tun hat. Die Abweichungen lassen sich keineswegs etwa als Übersetzungsfehler oder stilistische Verbesserungen erklären. Die Veränderungen haben durchweg einen erkennbaren politischen Sinn.

Zudem gehört viel Mut dazu, dem Studienrat Dr. Oberfohren, der in Berlin, Bonn und Kiel Theologie, Philosophie, Germanistik und Staatswissenschaften studiert hatte, dem wort- und federgewaltigen Parlamentarier, die Vaterschaft eines solchen Machwerks anzuhängen. Wer die Texte liest, versteht, warum Bernhard und Breitscheid in London einfach nicht umhin konnten, die »Verfasser-Eigenschaft« Oberfohrens zumindest wegen des Stils der »Denkschrift« zu verneinen.

Der Stil dieser Schrift deutet vielmehr darauf hin, daß sie einer kommunistischen Fälscherzentrale entstammt. Sie deckt sich in allen wesentlichen Punkten mit den später erschienenen Braunbüchern; sie weist zudem, wie fast alle kommunistischen Fälschungen dieser Art, in nahezu jedem Absatz Fehler auf, die dem angeblichen Verfasser nie unterlaufen wären.

Typisch dafür ist die Behauptung, Hitler habe Hindenburg das Ehrenwort geben müssen, an der »Regierung der nationalen Konzentration« ohne Zustimmung des Reichspräsidenten nichts zu ändern. Mindestens Oberfohren muß sehr genau gewußt haben, daß Hitler dieses Ehrenwort nicht Hindenburg, sondern Hugenberg gab.

Schwerwiegender ist freilich eine andere Behauptung, die sich wie ein roter Faden durch die »Oberfohren-Denkschrift« zieht: Hitler und seine Paladine - so kann man dort und später auch im Braunbuch lesen - hätten sofort nach der Machtübernahme versucht, das Kabinett zu einem Verbot der Kommunistischen Partei zu bewegen. Die Deutschnationalen mit Hugenberg an der Spitze hätten aber dagegen Front gemacht und Hitler den Gefallen nicht getan. So sei denn Goebbels auf die Idee gekommen, den Reichstag anzustecken, um das KPD-Verbot auf den Wogen der nationalen Empörung durchzusetzen. Diese These ist die Grundlage aller politischen Gedankengänge der »Oberfohren-Denkschrift«.

»Besondere Beachtung«, so heißt es in der »Denkschrift«, »schenkten Goebbels und Umgebung der Entwicklung, die sich in der Arbeiterschaft anbahnte. Sie fühlten deutlich das Zustandekommen einer sozialdemokratisch-kommunistischen Einheitsfront innerhalb der Arbeiterschaft, trotz aller Ungeschicklichkeiten der kommunistischen Führung. Ein Verbot der Kommunistischen Partei war für die Änderung dieser Lage notwendig, wurde aber bereits in einer der ersten Kabinettssitzungen seitens der nationalsozialistischen Minderheit des Kabinetts vergeblich durchzudrücken versucht...

»Goebbels und Göring waren über die Zähigkeit ihrer deutschnationalen Partner empört. Sie wollten unter allen Umständen das Verbot der Kommunistischen Partei erzwingen... Es mußten deshalb die geplanten Brände an einer auffallenden Stelle durchgeführt werden. Ein Schlag gegen die Kommunisten und Sozialdemokraten mußte dann in aller Eile durchgeführt werden.«

Aus dem auf Seite 54 abgedruckten Protokoll der ersten Kabinettssitzung der neuen Regierung am 30. Januar 1933 ergibt sich, daß nicht Hitler, sondern Hugenberg das Verbot der Kommunistischen Partei gefordert hat. Hitler sprach sich sogar ausdrücklich dagegen aus, weil er die KPD und einen Generalstreik weit mehr fürchtete als der nüchterne Hugenberg.

Das Protokoll widerlegt nicht nur die Sage vom »heroischen Kampf« Hugenbergs gegen ein von den Nationalsozialisten beabsichtigtes KPD-Verbot; es entlarvt zugleich die Behauptung, Oberfohren habe die unter seinem Namen kursierende Denkschrift verfaßt. Denn der Fraktionschef der Deutschnationalen war über die Vorgänge im Kabinett Hitler zweifellos besser unterrichtet als die Autoren dieser Denkschrift.

Fast mit den gleichen Worten wie die »Denkschrift«-Autoren versicherten später auch die Braunbuch-Verfasser, Hugenberg habe seine Hand zunächst schützend über die KPD gehalten »Er hatte«, so ist im Braunbuch II zu lesen, »bevor nicht der Kampf um die Positionen im Regierungsapparat zwischen ihm und den Nazis entschieden war, kein sonderliches Interesse an der sofortigen Unterdrückung der Kommunistischen Partei.«

Wie das Braunbuch beweist, haben die Kommunisten die Haltung der Naziführung falsch eingeschätzt. Hitlers Schritte in die Diktatur waren unmittelbar nach dem 30. Januar noch tastend. Die Konsolidierung seiner Macht erschien ihm wichtiger als das (in der Luft liegende) Verbot der KPD.

Auch Fraktionschef Ernst Torgler zweifelte vor dem Reichsgericht Görings Aussage an, die nationalsozialistischen Minister im Kabinett seien vor dem Reichstagsbrand gegen ein Verbot der KPD, Alfred Hugenberg aber dafür gewesen. Göring antwortete darauf mit der ihm eigenen Emphase: »Ich, der preußische Ministerpräsident, habe unter meinem Eide ausgesagt, daß Minister Hugenberg das Verbot der - KPD vorgeschlagen hat und daß es der Reichskanzler mit eingehender Begründung abgelehnt hat. Zeugen dafür können die Mitglieder des Kabinetts selber sein.«

Wie das Kabinettsprotokoll bestätigt, hat Göring in diesem Fall die Wahrheit gesagt: Hitler hielt ein KPD-Verbot damals für unzweckmäßig.

Von den Thesen der »Oberfohren-Denkschrift« wurden einige schon kurze Zeit nach ihrem Auftauchen als absurd entlarvt, so etwa die Behauptungen, daß der SAFührer Heines Anführer der Brandstifterkolonne gewesen sei oder daß der »Daily Express«-Korrespondent Sefton Delmer »in trautem Kreis« mit Hitler, Göring und Goebbels auf den Ausbruch des Brandes gewartet habe (siehe Seite 57).

Trotzdem zweifelte die Mehrzahl der Publizisten und Historiker, die sich mit dem Reichstagsbrand befaßt haben, keinen Augenblick an der Echtheit des Dokuments. »Auf dieser Denkschrift, der ersten zuverlässig wirkenden Berichterstattung, fußen mehr oder weniger alle weiteren Untersuchungen«, konnte Dr: Wolff nicht ganz zu Unrecht in seinem Forschungsbericht feststellen.

So wußte denn der heute in den Vereinigten Staaten lebende Historiker Professor Carl Misch in seinem Buch »Deutsche Geschichte im Zeitalter der Massen« (das 1952 im Kohlhammer Verlag, Stuttgart, erschien} über die Hintergründe des Reichstagsbrands zu berichten: »Göring und Goebbels suchten nach einem Vorwand, um die Kommunistische Partei zu zerschlagen. Nachdem verschiedene Pläne verworfen worden waren, kamen sie auf die Idee, das Reichstagsgebäude in Brand zu stecken.«

Daß Leute wie der frühere Kommunist Schulze-Wilde und der Nationalbolschewist Ernst Niekisch auf den Schwindel der Denkschrift hereinfielen, ist nicht weiter verwunderlich. Bemerkenswerter ist schon, daß die »Oberfohren-Denkschrift« von neutralen Wissenschaftlern, die heute die Zeitgeschichte objektiv darzustellen suchen und deren Forschungsergebnisse ihren Niederschlag nicht zuletzt in den Schulbüchern finden, weiterhin als ein historisches Dokument bewertet wird.

In Band IV seiner umfänglichen Sammlung von »Dokumenten der Deutschen Politik« hat Dr. Hohlfeld einen Auszug aus der »Denkschrift des Vorsitzenden der deutschnationalen Reichstagsfraktion Dr. Oberfohren« abgedruckt und - nach der unbefangenen Bezeichnung des Braunbuchs als seiner Quelle - den Leser in einer Fußnote auf den Zusammenhang zwischen dem »Bekanntwerden der Denkschrift« und Oberfohrens Tod am 7. Mai 1933 hingewiesen.

Als zur Zeit letzter namhafter Historiker hat Professor Walther Hofer von der Freien Universität Berlin kritiklos einen Auszug aus dem »Oberfohren-Memorandum« in seine 1957 als Fischer-Band erschienene Dokumentensammlung »Der Nationalsozialismus« aufgenommen.

Selten in der modernen Geschichte ist einer in Friedenszeiten gefälschten »Denkschrift« ein derart vollständiger Erfolg beschieden gewesen. Nächste Woche:

War der Plenarsaal für den Brand präpariert? - Das geheimnisvolle Selbstentzündungsmittel der Sachverständigen

Paul Löbe: »Der Weg war lang. Lebenserinnerungen«; arani-Verlags-GmbH, Berlin-Grunewald; 1954.

* Deutschnationaler Publizist zeitkritischer Schriften unter dem Pseudonym »Rumpelstilzchen«.

Deutschnationaler Parteichef Hugenberg: Heroischer Kampf gegen das KPD-Verbot?

Angebliche »Oberfohren-Denkschrift«

Anonyme Briefe...

Fraktionschef Oberfohren

... an prominente Politiker

Breitscheid

Bernhard

Professor Misch

Professor Hofer

Reichstagspräsident Löbe (1928): Falsche Informationen aus Bonn

Zur Ausgabe
Artikel 3 / 52
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.