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HAUPTSTADT Steinerne Hülle

Soll das Schloss wieder aufgebaut werden? Die Regierung erhofft sich von einer Kommission konsensfähige Vorschläge für Berlins historische Mitte.
Von Petra Bornhöft
aus DER SPIEGEL 45/2000

Von Tag zu Tag wird der Berliner Schlossplatz hässlicher. Baustellen, Parkplätze, Ausgrabungsstätten und ein Rummelpark sind über das Areal verstreut, wo einst die Hohenzollern residierten.

Mühsam versuchen die Berliner Stadtverschönerer die Freifläche vor dem provisorischen Kanzleramt mit Rollrasen ansehnlicher zu machen. Am Rande, in Richtung Osten, zerlegen Sanierer den asbestverseuchten Palast der Republik zu einem Stahlskelett.

Flaneure meiden den Schlossplatz. Allenfalls Baustellen-Touristen verirren sich bisweilen an den unwirtlichen Ort. Denn ähnlich wie die alte Bundesregierung tut sich die rotgrüne Koalition schwer mit Entscheidungen darüber, was sie ins Zentrum der Berliner Republik bauen will.

Immerhin hat das Kabinett am Mittwoch vergangener Woche die Expertenkommission »Historische Mitte Berlins« ernannt. Sie soll endgültig herausfinden, wie, zu welchem Preis und zu welchem Zweck das Areal zwischen Lustgarten, Auswärtigem Amt sowie Ex-Staatsratsgebäude zu gestalten und zu nutzen wäre.

Seit zehn Jahren reden sich ganze Hundertschaften von Politikern und Bürgern über diese Aufgabe die Köpfe heiß. Berliner Lokalmatadore verknäulten sich im Für und Wider einer möglichen Rekonstruktion des 1950 gesprengten Hohenzollernschlosses. Ganz, teilweise oder gar nicht sollte die steinerne Hülle des Schlosses wieder errichtet werden.

Seit dem Umzug an die Spree mischen sich Minister und Bundestagsabgeordnete in die Debatte: Das Gelände gehört zu etwa gleichen Teilen dem Bund und dem Land Berlin. Entscheidungen, so der Kulturpolitische Sprecher der Union, Norbert Lammert, müssten »ähnlich wie beim Holocaust-Mahnmal am Ende gemeinsam vom Parlament getroffen werden«.

Die Union ist in der Expertenkommission allerdings nicht vertreten. Der Abgeordnete Dietmar Kansy (CDU) klagt, dies sei »keine seriöse Behandlung der Opposition«. In der Ära Kohl sei die SPD in vergleichbaren Fällen immer beteiligt worden. Die Nichtberufung in die Kommission empfindet die Union als besonders kränkend, weil eigentlich niemand »außer dem Müttergenesungswerk und der Gewerkschaft der Eisenbahner« fehlt, wie die »Frankfurter Allgemeine« mäkelt.

Tatsächlich sind von der Bundeszentrale für politische Bildung über den Ost-Berliner Publizisten Friedrich Dieckmann bis zu Ernst Freiberger, Pizza-Fabrikant und Vermieter des Bundesinnenministeriums, die verschiedensten gesellschaftlichen Interessen vertreten.

Außerdem sitzen in der Kommission aber auch Jerry Speyer, ein New Yorker Immobilien-Tycoon, der Unternehmensberater Roland Berger und der pensionierte Finanzstaatssekretär Peter Klemm neben Architekten wie Josef Paul Kleihues und den rot-grünen Politikern Reinhard Klimmt, Wolfgang Thierse, Michael Naumann und Franziska Eichstädt-Bohlig.

Einer raschen Entscheidungsfindung ist diese Zusammensetzung nicht unbedingt dienlich. Aber der Kommissionsvorsitzende Hannes Swoboda findet, dass es gemütlich auch vorangeht: »Im Jänner fangen wir an«, verspricht Wiens ehemaliger Stadtbaurat und heutiger Chef der österreichischen Sozialdemokraten im Europaparlament. Für die Erarbeitung der Ratschläge, »die derzeit spannendste städtebauliche Aufgabe in Europa«, veranschlagt er etwa ein Jahr: »Alles andere wäre Pfusch.«

Mittlerweile zeichnet sich eine mögliche Nutzung ab. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und zugleich Kommissionsmitglied, hat vorgeschlagen, die außereuropäischen Kunstwerke der Stiftung aus dem Berliner Bezirk Dahlem in die unmittelbare Nachbarschaft zur Museumsinsel zu verlagern. Die Idee, die wichtigsten musealen Schätze Berlins auf engstem Raum, umgeben von herausragender Architektur, zu präsentieren, fasziniert viele.

Eine Gruppe ließ sich von der Begeisterung bisher nicht anstecken: die Abgeordneten im Haushaltsausschuss. Die Vertreter der rot-grünen Bundestagsfraktionen verständigten sich in der vorvergangenen Woche ausdrücklich darauf, der Bund dürfe nur sein Grundstück kostenlos einbringen. »Mehr als diese rund 200 Millionen Mark können wir nicht zur Verfügung stellen«, sagt der Grüne Oswald Metzger.

Ähnlich spitz hatte schon der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) alle Wünsche abgeblockt. Sein eigenes Konzept einer »public-private-partnership« scheiterte mangels Interesse der Investoren. Kleinlaut muss Minister Klimmt jetzt einräumen, dass die Haushaltspolitiker sich erneut gegen Kultur- und Bauexperten durchgesetzt haben. Umso mehr hofft der SPD-Mann auf die Überzeugungskraft der Kommission: »Warten wir doch erst mal ab, was die Fachleute empfehlen.« PETRA BORNHÖFT

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