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KONFESSIONSFRIEDEN Stellungskrieg am Sterbebett

aus DER SPIEGEL 7/1957

Der evangelische Landesbischof von Bayern, D. Hermann Dietzfelbinger, hat sich zu einer umfänglichen Erklärung genötigt gesehen, die alle jene besorgt macht, denen es ein ernstes Anliegen ist, den Konfessionsfrieden zu erhalten. Immer noch, so schrieb der hohe Geistliche, würden zwischen den beiden großen christlichen Konfessionen »beschämende Stellungskriege... an einzelnen Sterbebetten« geführt.

Zeitlich waren dieser Erklärung des Bischofs ungewöhnliche Ereignisse vorangegangen:

- Am 5. Januar hatte der ehemalige Ordinarius für Praktische Theologie an der Universität Berlin, Professor D. Dr. Leonhard Fendt, 75, ein hervorragender protestantischer Theologe, von dem katholischen Augsburger Stadtpfarrer Haus Bumiller die Sterbesakramente empfangen.

- Am 9. Januar verstarb Professor Leonhard Fendt.

- Am 11. Januar wurde er nach lutherischem Ritus auf dem protestantischen Friedhof zu Augsburg beigesetzt. Als Geistlicher amtierte dabei einer der engsten Mitarbeiter von Bischof Dietzfelbinger, der Münchner Oberkirchenrat D. Bezzel.

Daß es zu diesen beiden kirchlichen -Amtshandlungen kam, die in solcher Folge bisher kaum beobachtet werden konnten, mag seinen Grund darin haben, daß der verstorbene Professor in seinem irdischen Leben »den Weg Martin Luthers noch einmal« gegangen war, wie es der »Evangelische Pressedienst« formulierte.

Leonhard Fendt stammte aus dem bayrischen Schwaben, war dort katholisch getauft worden und hatte sich in seiner Jugend dem Studium der katholischen Theologie gewidmet. Als er die priesterliche Weihe und seine Promotion zum Doktor der katholischen Theologie hinter sich hatte, entschloß er sich 1918 zur Konversion und wechselte ins akademische Lehramt für Evangelische Theologie über, nicht ohne vorher die entsprechenden Examina abgelegt zu haben und als lutherischer Geistlicher ordiniert worden zu sein.

Fendt lehrte und predigte bis zum Zusammenbruch 1945 in Berlin; dann siedelte er in seine schwäbische Heimat über, in der stillen Hoffnung, es werde sich wohl bald Gelegenheit bieten, ins Lehramt zurückzukehren. Aber diese Pläne zerschlugen sich. Die Erlanger Theologische Fakultät, die in Betracht gekommen wäre, meldete gegen Fendt Bedenken an, und so verbrachte der Gelehrte seine letzten Lebensjahre zurückgezogen bei wissenschaftlicher Arbeit.

Im September 1956 berichtete Leonhard Fendt in einem Brief an den Marburger Religionsgeschichtler Professor Friedrich Heiler, 65, der ebenfalls vom Katholizismus zur Lutherischen Kirche übergetreten war, ein merkwürdiges Ereignis: Bei ihm, Fendt, habe sich ein Redemptoristenpater gemeldet, der um eine wissenschaftliche Auskunft gebeten habe. Der katholische Ordensgeistliche habe diese Gelegenheit zum Anlaß genommen, den Professor Fendt aufzufordern, er möge wieder zum katholischen Glauben zurückkehren.

Zur Bestattung freigegeben

Diese Aufforderung sei zurückgewiesen worden. Das konnte niemanden überraschen, der den wissenschaftlichen Ertrag, insbesondere den der letzten Lebensjahre, des Professors Fendt gesichtet hatte. Keine der Veröffentlichungen läßt nur entfernt vermuten, daß der Gelehrte den Schritt zum reformatorischen Christentum lutherischer Art bereut hätte oder ihn gar rückgängig zu machen gedachte.

Im November letzten Jahres verschlechterte sich der Gesundheitszustand des greisen Theologen so sehr, daß ein Krankenhausaufenthalt notwendig wurde. Leonhard Fendt ließ sich zur Behandlung in das Augsburger Vincentinum einliefern, eine Klinik, die von einem katholischen Nonnenorden betreut wird. Im Vincentinum konnte nämlich der Kranke weiterhin von dem Arzt betreut werden, der ihn bis dahin behandelt hatte. Es bot sich dort aber auch dem katholischen Pfarrer Bumiller die Gelegenheit, den protestantischen Theologen Fendt zu fragen, ob er ihm den Segen geben dürfe. Fendt antwortete: »Ich werde den Segen einer Kirche nie verschmähen.« Pfarrer Bumiller legte diese Worte offenbar sehr kühn aus und nahm an, Leonhard Fendt wolle wieder katholisch werden. Jedenfalls spendete er am Morgen des 5. Januar dem schwerkranken protestantischen Theologen die Sterbesakramente.

Kein Wunder, daß dieses Ereignis alle jene überraschen mußte, denen von irgendwelchen Reversionsabsichten des Gelehrten nichts bekannt war. Die Überraschung mochte um so größer sein, als die Frau des Professors zu einem Zeitpunkt, zu dem Fendt noch lebte, mit mehreren evangelischen Geistlichen eine Korrespondenz darüber geführt hatte, wie eine evangelische Beerdigungsfeier zu gestalten sei. Kaum war Leonhard Fendt verstorben - man traf schon Anstalten, ihn auf katholische Weise zu beerdigen, und hatte ihn sogar auf den katholischen Friedhof übergeführt - da nahm das Evangelische Dekanat Augsburg Verhandlungen mit dem katholischen Bischöflichen Ordinariat auf, um zu erreichen, daß der Verstorbene nach den Bräuchen der Evangelisch-Lutherischen Kirche beigesetzt werde.

Die Verhandlungen führten zu dem Erfolg, daß Leonhard Fendt ein evangelisches Begräbnis erhielt. Am 11. Januar wurde er in Gegenwart der Augsburger evangelischen Geistlichkeit beigesetzt.

Er war jedoch noch nicht lange zur ewigen Ruhe gebettet, da hielten es die Katholische und die Evangelische Kirche für angebracht, öffentliche Erklärungen zu den Umständen abzugeben, an die Bischof Dietzfelbinger gedacht haben mochte, als er das Wort vom »Stellungskrieg an Sterbebetten« prägte.

Aussage gegen Aussage

Der evangelisch - lutherische Landeskirchenrat ließ verbreiten: »Wenige Tage vor seinem (Fendts) Tod setzten vor allem seitens der pflegenden katholischen Ordensschwestern Versuche ein, ihn für einen Übertritt zur katholischen Kirche zu gewinnen. Professor Fendt war in diesen letzten Tagen vor seinem Tode durch ein langes, qualvolles Leiden körperlich sehr geschwächt... Daß dabei (beim Empfang der Sterbesakramente) nicht eine in Freiheit gefällte Gewissensentscheidung vorlag, beweisen Äußerungen des Verstorbenen (nach dem Empfang der Sterbesakramente) ... In diesen Äußerungen ist von einer auf ihn verübten Attacke die Rede, der er nicht mehr zu widerstehen vermochte, und auch die ausdrückliche Feststellung enthalten, daß er nicht aus der evangelischen Kirche ausgetreten sei.«

Der katholische Stadtpfarrer Hans Bumiller verbreitete dagegen: »Herr Professor D. Dr. Leonhard Fendt hat vier Tage vor seinem Tode in Gegenwart und mit dem Einverständnis seiner Frau bei ganz klarem Bewußtsein die heiligen Sakramente empfangen.«

Pfarrer Bumiller stützt seine Darstellung auf »die vorliegenden Protokolle über die Aussagen der beteiligten. Personen«, der evangelisch-lutherische Landeskirchenrat publizierte seine Ansicht des Falles »nach genauer Prüfung der ihm zur Verfügung stehenden Unterlagen«. Schrieb das »Sonntagsblatt für die Evang.-Luth. Kirche in Bayern": »Ein Sterbezimmer ist ein heiliger Ort, in dem Gott handelt, und man sollte diesen Ort nicht zur Grabenstellung im Konversionskrieg machen.«

Allen jenen, die dem Professor Fendt zu Lebzeiten verbunden waren, ist es ein Trost, daß die widerstreitenden Stellungnahmen der evangelischen und der katholischen Kirche nicht das Letzte sein werden, was im Zusammenhang mit dem Namen Fendt nach dem Tode dieses bedeutenden Kirchenmannes publiziert werden wird: Zur Zeit ist die letzte Arbeit des Verstorbenen im Druck, seine »Einführung in die Liturgiewissenschaft«.

Lutherischer Bischof Dietzfelbinger

Katholische Attacke?

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