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»Sterben, bevor der Morgen graut«

Die großen Seuchen (IV): Pocken, Malaria, Gelbfieber und Lepra
aus DER SPIEGEL 42/1985

Im November 1975 schien es geschafft. In Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, sollte das Menschheitsereignis gebührend gefeiert werden.

Hundert Mediziner, 65 davon aus Übersee, dazu 25 000 einheimische Helfer, waren zuletzt im Einsatz. Fast vier Jahre lang hatten sie mit Jeeps und Booten, auf Motor- und Fahrrädern oder zu Fuß bis ins entlegenste Dschungelnest, bis zum fernsten Inselchen im weiten Gangesdelta jede Hütte, in den brodelnden Hauptstadt-Slums jeden Verschlag inspiziert.

Keine Abfalltonne hatten sie ausgelassen, keine Lumpenhaufen, unter denen Mütter ein krankes Kind versteckt haben könnten. Ein furchterregendes Spitzelsystem auf der Basis von Belohnung war aufgezogen worden, Impftrupps hatten im springenden Einsatz selbst die Passagiere auf den Dächern fahrender Züge erwischt.

Dann, am 13. November, meldete die »New York Times« den Sieg: Bangladesch, die letzte hartnäckige Bastion, sei nunmehr frei von der Seuche - »pockenfrei«.

»Glückwünsche zum größten Erfolg«, kabelte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus Genf an ihre Leute vor Ort. Fast gleichzeitig traf, mitten in das Klirren der Gläser, noch ein Telegramm ein, das einen Rückschlag signalisierte: »Fall von Pockenverdacht in Kuralia U.S. South Dingali PS Bhola. Datum der Entdeckung: 14.11.75.« Die Jagd begann von neuem.

Doch vierzehn Tage später, Ende November, war auch die Insel Bhola »durchgeimpft«, wie die Mediziner sagen. Der Welt letztes Opfer des gefährlichen Pockenvirus Variola major, die dreijährige Rahima Banu, wurde eingekreist*.

Ein jahrtausendealter Alptraum der Menschheit, eine der tödlichsten aller Krankheiten, war damit gewichen.

Nur acht Jahre zuvor hatte die Seuche weltweit noch zehn Millionen Menschen befallen, zwei Millionen davon getötet.

In einem wahren Feldzug hatte die WHO den Sieg über die Seuche vollbracht: 200 700 Frauen und Männer hatten im Auftrag der Organisation in 70 Ländern der Erde rund 4,8 Milliarden Impfungen vorgenommen - Gesamtkosten: 300 Millionen US-Dollar. »In der Geschichte der Menschheit«, schwärmt die Medizinhistorikerin June Goodfield in einem demnächst erscheinenden Buch über diese Kampagne, »haben noch nie so viele Nationen für so einen ruhmreichen Zweck zusammengearbeitet.«

So wurde 1975 zum Jahr des großen Ausrottungsoptimismus. Die WHO sagte gleich den nächsten Plagen den Kampf an - den Krankheiten der armen, warmen Länder der Tropen. »In den Griff« bekommen wollten die Gesundheitswächter Leiden mit so unaussprechlichen Namen wie Schistosomiasis, Filariasis, Onchozerkose, Trypanosomiasis, Leishmaniasis, aber endlich auch Lepra, Malaria, Gelbfieber, jene Schreckensseuchen, die im vorigen Jahrhundert Westafrikas traurigen Ruhm begründet hatten, das »Grab des weißen Mannes« zu sein. Natürlich war es vor allem das Grab der Schwarzen.

Das bibische Leiden Lepra, das in seiner schlimmsten, der lepramotösen Form, seine Opfer grausam entstellt, könne »aus unserer Welt ganz verschwinden«, die Gesellschaft könne einfach beschließen, sie »nicht mehr haben zu wollen«. Das meinte noch vor wenigen Jahren Professor Enno Freerksen, ehemaliger Chef des Forschungsinstituts für Experimentelle Medizin in Borstel bei Hamburg und Leiter eines erfolgreichen Lepra-Heilungsprogrammes auf Malta.

Doch bei der Beseitigung der »Kulturschande« (Freerksen) auf der Mittelmeerinsel ging es, Mitte der siebziger Jahre, um ganze 213 Fälle. In Amerika, Asien und Afrika zusammen leiden jedoch 20 bis 30 Millionen Menschen am Aussatz.

Gelbfieber und Malaria, beide von Mücken übertragen, schienen in den frühen

siebziger Jahren ebenfalls kein Problem mehr zu sein: Gegen Gelbfieber gab es eine Schutzimpfung, gegen Malaria vorbeugende und kurierende Medikamente, gegen die stechenden Überbringer das Insektengift DDT.

Doch inzwischen erleben all diese Krankheiten »ein alarmierendes Comeback« ("Business Week"). »Wir sind«, klagt Luc Eyckmans, Direktor des belgischen Instituts für Tropenmedizin, »fast wieder auf die Situation am Anfang dieses Jahrhunderts zurückgeworfen.«

Armut ist die eine, List der Natur eine andere von vielen Ursachen.

Das von zwei Tigermücken-Arten, der Aedes aegypti und der Aedes gambiae, transportierte Gelbfieber-Virus gehört derzeit wohl zu den unterschätzteren Kleinlebewesen. Experten der WHO registrieren in Lateinamerika und der Karibik ansteigende Krankheitszahlen, weil aus Geldmangel Massenimpfungen aufgegeben wurden und die Mücke verstärkt vom Dschungel in die städtischen Slums vordringt.

Verheerende Epidemien mit über 100 000 Kranken, die der WHO nie gemeldet wurden, vermuten Mediziner im afrikanischen Busch. Zwei Münchner Ärzte berichteten im vergangenen Jahr in der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift«, sie hätten bei 42 Prozent einer untersuchten Gruppe von Bantus in Südafrika Gelbfieber-Antikörper im Blut gefunden. Da keiner der Getesteten geimpft war, muß fast jeder zweite das Fieber durchlitten haben.

Die Wiederkehr von Lepra und Malaria hat einen tückischeren Grund. Die Waffen gegen sie drohen stumpf zu werden. Der Lepra-Erreger Mycobacterium leprae hat, genau wie die Malariamücke Anopheles und deren krankheitserregende Parasiten, Widerstandskräfte (Resistenzen) entwickelt:
▷ das Lepra-Bakterium gegen das erfolgreiche, billige Medikament Dapson,
▷ der Malaria-Parasit (mit regionalen Unterschieden) gegen fast alle gängigen Arzneien,
▷ die Malaria-Mücke gegen das DDT. Angesichts der extrem niedrigen Ansteckungsgefahr bei Lepra (das Risiko ist geringer als eins zu hundert) erscheint die Aufwärtskurve der Krankenzahlen, etwa in Lateinamerika, um so schockierender. 1970 zählte der Kontinent nur 7500 Kranke, 1982 waren es schon 279 000, die Dunkelziffer liegt weit höher.

Doch die Lepra-Zahlen nehmen sich noch relativ harmlos aus gegenüber den Meldungen über die Malaria:
▷ Fast zwei Milliarden Menschen, das sind 40 Prozent der Weltbevölkerung, leben in Ländern, in denen Malaria grassiert.
▷ 250 bis 400 Millionen Menschen jährlich erkranken, zwei bis vier Millionen sterben an der Malaria, davon die Hälfte Kinder unter fünf Jahren.

Professor Manfred Dietrich, Leiter des Hamburger Tropen-Instituts, versteht angesichts dieser »Zeitbombe« nicht, »warum die Menschheit vor diesen Zahlen nicht zu Tode erschrickt«.

Das liegt vielleicht daran, daß die Erinnerung an die großen Plagen auf der nördlichen Halbkugel so wenig gegenwärtig ist: Die Pocken - ausgemerzt; die Lepra - abgedrängt ins Mittelalter; Gelbfieber und Malaria - fern im unzugänglichen Regenwald oder in Bombays verborgenen Slums.

Diese (bis auf das Gelbfieber) nur vermeintlich tropischen Krankheiten haben auch die Völker nördlich des Äquators Jahrtausende hindurch erschreckt, gemartert und dezimiert.

Furchtbar verstümmelte Lepröse sind bis heute in Südeuropa zu sehen, die Pocken waren vor 200 Jahren im Norden noch so häufig wie heute die Masern;

Abraham Lincoln (1809 bis 1865) und Josef Stalin (1879 bis 1953) trugen unverkennbar die Male der Krankheit im Gesicht.

Vor nur 120 Jahren, bei den großen Erdarbeiten zur Stadtmodernisierung durch den Präfekten Georges Eugene Haussmann in Paris, wütete die Malaria. Das Gelbfieber spielte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein »eine große, man kann schon sagen geschichtliche Rolle«, so Seuchenhistoriker Erwin A. Ackerknecht. Geschichte beeinflußt haben Pocken, Malaria und Gelbfieber alle mehr oder minder. Sie haben Soldaten, Zivilisten, ganze Kulturen demoralisiert.

Bei den Pocken schockten die enorm hohe Ansteckungsgefahr, die hohe Todesrate sowie das entsetzliche Krankheitsbild.

Die Chancen, sich mit Pocken zu infizieren, standen eins zu eins. Quelle der Krankheit waren nicht allein die Befallenen, welche die Luft um sich herum auf viele Meter mit Keimen verpesteten, sondern auch ihre Kleidung, Gegenstände, die sie berührt hatten, sogar noch ihre Leichentücher.

Fast alle der damals 50 000 Isländer wurden im 18. Jahrhundert von Pocken befallen, das Volk nahezu ausgerottet, nachdem die Habseligkeiten eines in Kopenhagen an den Blattern gestorbenen isländischen Studenten per Schiff die Heimat erreicht hatten.

Am neunten Tag nach der Infektion zeigen sich bei Pocken die ersten Symptome, vier Tage später überziehen von oben nach unten, dicht an dicht, die eitrigen, bei den »schwarzen« Blattern auch mit Blut gefüllten Pusteln den ganzen Körper. Die Kranken glichen »ekelhaften, geschwollenen Ungeheuern«, so der Mediziner Donald R. Hopkins in einem Buch über die Pocken, und sie »verbreiteten einen Gestank zum Speien"**.

Drei von vier Kranken kamen durch, von Narben entstellt, manchmal blind, dafür gegen die Seuche gefeit auf Lebenszeit.

Bei der Malaria sind es vier von hundert, die an der Seuche sterben, die meisten an der schwersten Form, der Malaria tropica. Gelbfieber wirkt weit verheerender: In bis zu 80 Prozent aller Fälle verläuft es tödlich, infolge schwerer innerer Blutungen. »Der Stuhl erscheint wie pures Blut«, beschrieb ein Tropenarzt des vorigen Jahrhunderts die Krankheit, »das Erbrochene sieht aus wie schlechtgekochter schwarzer Kaffee.«

Ohne solche furiosen Attacken, die ganze Heere außer Gefecht zu setzen imstande sind, schleicht sich die Lepra heran. Sie war darum von den Menschen nicht minder gefürchtet. Der Erreger dringt durch die Haut in die Nervenenden ein und tötet sie ab. Bis zu zwanzig Jahre kann es dauern, bis ein Kranker merkt, daß er von dem Leiden befallen ist, das als »horridior morte« galt, als schrecklicher denn der Tod, weil die Opfer lebendigen Leibes verfaulen.

Der Schriftsteller Jack London beschrieb Lepröse als »Ungeheuer«, als »in Angesicht und Gestalt groteske Karikaturen alles Menschlichen«, als »mißgeschaffene Verirrungen, zerschmettert und zerquetscht von irgendeinem irrsinnigen Gott, der mit der Maschinerie des Lebens gespielt hatte«.

Übertragen wird das grausame Leiden überall da, wo Menschen lange intensiven Körperkontakt haben in unhygienischer Umgebung. Armut ist ein Nährboden, aber auch der Krieg. Und so war die Lepra auch immer mit dabei, wenn sich die anderen Seuchen auf den Weg machten: mit Karawanen, Kreuzzügen und Konquistadoren, mit Flüchtlingen und Soldaten.

Pocken, Lepra und Malaria waren den Menschen in der Alten Welt peinigende Begleiter seit Urzeiten her. In Indien, vermutlich dem Mutterland von Pocken und Lepra, enthalten medizinische Schriften, die sich teils auf jahrtausendealte Quellen stützen, genaue Beschreibungen der Gebresten. 400 vor Christus notierte der Hindu-Heilkundige Dhanwantari, Pockenkranke erkenne man daran, daß sie aussähen wie »übersät mit Reis«.

Diesem Dhanwantari wird auch die erstaunlich klingende Schilderung einer Schutzmethode zugeschrieben: »Nimm die Flüssigkeit aus der Pocke am Euter einer Kuh auf eine Lanzette und ritze sie (dem Menschen) zwischen Schultern und Ellenbogen, bis Blut kommt. Dann, nachdem die Flüssigkeit und das Blut gemischt sind, entsteht das Fieber der Pocken.« Mehr als 2000 Jahre vergingen, bis auf genau diese Art die erste Schutzimpfung in Europa vollzogen wurde.

Die ersten mobilen Impftrupps sollen Priester der indischen Pockengöttin Shitala mata gewesen sein, die Gottesdienste mit der »Inokulation« verbanden: dem künstlichen Einpflanzen der Kuhpocken, was eine leichte Infektion und darauffolgende Immunität bewirkte. Eine ähnliche, aber gefährlichere Methode war auch bei einigen afrikanischen Stämmen bekannt: Sie übertrugen Lymphe aus Menschenpocken. Chinesen erzielten ähnliche Erfolge, indem sie Pulver aus getrockneten Pocken mit Röhrchen in die Nase bliesen.

Jahrhunderte vor der Zeitenwende waren die Pocken auf der Arabischen Halbinsel, in Äthiopien und im alten Ägypten eingetroffen. 1157 vor Christus rafften sie als eines der erhabensten Opfer den Pharao Ramses V. dahin; dank ägyptischer Mumifizierungskünste blieben seine Pockenpusteln der forschenden Nachwelt erhalten.

Auch lepraverstümmelte Pharaonen sind ausgegraben worden. Die in der Bibel erwähnte Krankheit »Zaraath«, von Luther mit »Aussatz« übersetzt, ist vermutlich nicht Lepra allein, sondern umfaßt auch eine Reihe anderer Hautkrankheiten. Gleichwohl hat die Passage im 4. Buch Mose («... daß sie aus dem Lager tun alle Aussätzigen") bis auf den heutigen Tag als Rechtfertigung für den Bann der Leprösen von Haus und Tisch, sogar von Wasserstellen gedient.

Die alten Griechen und Römer kannten die Lepra. »Satyria« hieß das Leiden bei den Griechen. Der Name spielt auf die krankhaft veränderten, satyrhaften Züge der Leprösen an, auf die spitzen Ohren, die dicken, wie zu einem tückischen Grinsen weit auseinandergezogenen Lippen - und auf ihre angeblich unersättliche sexuelle Begierde. Die Römer hielten es wie die Christen, sie sperrten die Kranken weg in Siechenhäuser, sogenannte Leprosorien.

Mit der Geißel Malaria waren die beiden Zentren der Antike »nur allzu vertraut«, so Ackerknecht, der allerdings bezweifelt, daß die Seuche für den Untergang der Metropolen verantwortlich gewesen sei.

Als Kur empfahl der Römer Plinius: »Die Abschnitzel der Hand- und Fußnägel vor Sonnenaufgang an eine fremde Tür geschmiert« oder »das Herz eines Löwen, als Speise genossen« sowie sein »Fett mit Rosenöl zubereitet«. Auch Menstrualblut, in der Wolle eines schwarzen Widders in ein Armband eingefügt, sollte helfen, und der Beischlaf zu Beginn der Menstruation.

Gelehrte Römer ahnten sehr wohl, daß kleinste Organismen (animalia quaedam minuta) etwas mit dem Fieber zu tun haben. Dem griechischen Arzt und Naturphilosophen Empedokles schwanten sogar Zusammenhänge zwischen Brackwasser und Krankheit. Im fünften vorchristlichen Jahrhundert raubte er im sizilianischen Selinunt der Anopheles-Mücke die Brutstätten, indem er die umliegenden Sümpfe trockenlegen ließ.

Hätte es ihm Rom, das tatenlos zusah, wie die Campagna versumpfte, nur nachgetan, die Römer, der Adel, die Päpste hätten ihre Metropole nicht verlassen müssen. Doch das Fieber wirkte schließlich auch segensreich gegen Ostgoten, Westgoten und Jahrhunderte später gegen das Herr Friedrich Barbarossas, über dessen zweiten Zug nach Rom der Chronist Gottfried von Viterbo reimte:

Nicht dem Schwerte - allein des Fiebers giftigem Anhauch
Wich der Herrscher der Welt, sank seine tapfere Schar.
Fürchterlich tobte die Wut der männermordenden Seuche
Und zerschmettert erlag ihr das gewaltige Heer ...
Grausige Ernte vollzieht hier der Tod, nicht reichen die Bahren.

Schon im 2. Jahrhundert waren auch noch die Pocken auf die Römer gekommen, eingeschleppt von ihrer Armee in Mesopotamien. Dreieinhalb bis sieben Millionen Bürger kamen um, ein schwerer Aderlaß für das Imperium. Ohne seinen griechischen Leibarzt Galen, der bei Ausbruch der Seuche die Stadt fluchtartig verlassen hatte, starb Kaiser Mark Aurel.

Nur zweieinhalb Jahrzehnte darauf stand Athen am Seuchen-Abgrund, die Pocken wüteten so, daß der Historiker Thukydides zum Häretiker wurde: »Was die Götter anlangt, war es wohl das gleiche, ob man sie anbetete oder nicht, wenn man zusah, wie die Guten und die Bösen gleichermaßen starben.«

Von Athen nahmen die Pocken ihren Weg über Persien, wo die Hunnen sie einfingen. Als die im 5. Jahrhundert ins heutige Frankreich einfielen, war die Seuche schon da.

Der Erzbischof von Reims, den einer der rauhen Reiter auf den Stufen seiner Kathedrale hinmetzelte, hatte zuvor die Pocken überlebt. Der fromme Mann wurde heiliggesprochen und als Saint Nicaise der Schutzpatron blatternkranker Christen.

Er wurde ein vielbeschäftigter Heiliger, dank des christlichen Dranges nach Jerusalem. Mit der Pest brachten die Ritter Jesu und ihr Gefolge auch die Pocken, die um 1300 herum endgültig den Norden erreichten. Das größere Entsetzen galt zunächst jedoch dem Schwarzen Tod.

Seinem Wüten wird zugeschrieben, daß die große Zahl der Aussätzigen zurückging. Ein wenn nicht gnädiges, so doch schnelles Ende für die lebendig Toten, über die bereits die Totenmesse gelesen war und die ihre drei Hände voll Erde auf dem Anger auch schon nachgeworfen bekommen hatten.

Dem Grauen, das ihre Erscheinungsform verbreitete, entsprachen die Geheimtips, wie man die Lepra loswerden könne: mit Bädern im Blut kleiner Kinder oder junger Hunde, besser noch durch den Beischlaf mit einer gesunden Jungfrau.

Merkwürdigerweise hat sich die Christenheit, der in jenen Tagen alle Krankheiten, aber erst recht die Lepra als Strafe Gottes galten, den Aussätzigen stets auch mildtätig zugewandt. Für Spenden an Leprosorien, in denen die Kranken in klösterlicher Gemeinschaft und verordneter Enthaltsamkeit lebten, gab es Ablaßzettel.

Der Dienst am Aussätzigen galt quasi als Dienst am Gekreuzigten selber. Die heilige Elisabeth, so will es die Legende, wusch ihnen die Füße und küßte die Wunden der Kranken mit den Worten: »Wie gut wir es haben, so unseren Herren waschen und bedecken zu dürfen.« Sie legte die Aussätzigen, heißt es, auch zu sich ins Bett, wo sich einer von ihnen in Jesus verwandelt haben soll.

Ein eigens gegründeter Orden vom heiligen Lazarus hatte die Aussätzigen zu umsorgen (daher der spätere Ausdruck Lazarett). Die Lepra-Anstalten lagen, wegen der zu er wartenden Almosen, an den großen Handelsstraßen, auf denen Kreuzzüge und Heere sich entlangwälzten und die großen Seuchen durch die Lande trugen.

Nachdem die Pest sich ausgetobt hatte, waren die Pocken am Zuge. Sie wurden, so der britische Historiker Thomas Macaulay, vom 16. Jahrhundert an zum »schrecklichsten aller Boten des Todes«. Die Deutschen fanden ein neues Sprichwort: »Von Pocken und Liebe bleibt keiner frei.«

Die Blattern erreichten die Häuser der Könige in Frankreich, Spanien und England. Am 15. Oktober 1562 schloß Königin Elisabeth I. einen Brief an ihre Rivalin, die in Schottland regierende Maria Stuart, mit den Worten: »Das Fieber, an dem ich leide, verbietet mir weiterzuschreiben.« Die Queen überlebte die Pocken ohne große Narben, die sie besonders in Hinblick auf die Schönheit der Schottin gefürchtet hatte.

Pocken, Malaria und das Henkerbeil löschten das Haus Stuart aus. Der Sohn der geköpften Maria, der als Jakob I. Elisabeths Nachfolger wurde, starb an Malaria, genau wie der ärgste Widersacher der Stuarts, Oliver Cromwell. Während London zwischen 1650 und 1699 von furchtbaren Pockenepidemien heimgesucht wurde, griff sich die Krankheit Maria II., die kinderlos starb. Nach der achtjährigen Regentschaft ihres Mannes, Wilhelms III., kam Schwester Anne, die letzte Stuart, auf den Thron. Als die Pocken deren einzigen Sohn holten, war die Stunde des Hauses Hannover nahe.

Thomas Sydenham, der bedeutendste zu jener Zeit in England wirkende Mediziner, grübelte darüber nach, warum so viele Reiche den Pocken zum Opfer fielen. Dem Italiener Gerolamo Fracastoro, der die Pocken für ansteckend hielt, mochte er nicht glauben.

Da sich nur Reiche ärztlich behandeln lassen konnten, kombinierte er - nicht eben schmeichelhaft für die Zunft -, es müsse wohl an der Therapie liegen. Aderlaß, Erbrechen, Abführmittel waren die gängigsten Mittel. Die Blutverluste der Angezapften waren sicherlich die am schwersten wiegende Schwächung.

Sydenham jedoch nahm an, daß die weitverbreitete Methode des arabischen Arztes Rhazes (865 bis 925) schuld sei. Der Orientale hielt die Pocken, weil sie vornehmlich Kinder befielen, für ein Säfteverderbnis im noch nicht abgekühlten jungen Blut.

Warum da ausgerechnet seine Hitzetherapie helfen sollte, ist Mysterium. Jedenfalls wurde den pockigen Fiebernden nach besten Kräften eingeheizt, wurden die Fenster verrammelt, die Bettvorhänge geschlossen und die stinkenden Laken niemals entfernt. Sydenham wechselte die Methode und rettete damit sicher manchem das Leben: Er verordnete Kühlung und frische Luft.

Eine britin wies den Europäern einen noch besseren Weg, den Horror der Pocken einzudämmen: Lady Mary Wortley Montagu, die Frau des Londoner Botschafters bei der Hohen Pforte in Konstantinopel.

Die Lady, von den Pocken ihrer Augenlider beraubt, auch ansonsten bös entstellt, hielt sich gern bei den Damen des Harems auf und erlebte dort, wie Kindern nach einer von den Tscherkessinnen importierten Prozedur Pocken »eingepflanzt« wurden. Die Kinder bekämen Fieber und einen leichten Ausschlag von Pockenpusteln, die »niemals Spuren hinterlassen«.

Nach London schrieb sie 1717: »Ich bin Patriot genug, Unbill auf mich zu nehmen, um diese nützliche Erfindung nach England zu bringen«, notfalls wolle sie mit den Ärzten darum »Krieg führen«.

Ein lohnender Kampf, denn in Lady Montagus Jahrhundert klang die Malaria zwar ab, aber die Pocken rafften 400 000 Europäer jährlich dahin, ein Drittel aller Blinden hatten ihr Leiden durch Pocken davongetragen.

Mit der sogenannten Inokulation der Pocken ging das britische Königshaus voran, wohl eingedenk des traurigen Untergangs der Stuarts. Zwei Töchter des Prinzen von Wales wurden 1722 auf diese Weise immunisiert, trotz heftiger Widerstände protestantischer Wortführer, die darin einen Eingriff in die göttliche Ordnung sahen.

Das Haus Habsburg zahlte für sein Zögern einen hohen Preis. Die Pocken töteten 1761 Kaiserin Maria Theresias Sohn Karl Josef, 1762 Tochter Johanna, 1763 Schwiegertochter Maria Isabella, 1767 Schwiegertochter Maria Josefa.

In der Kapuzinergruft, wo Maria Josefa aufgebahrt lag, habe sie selbst die Krankheit eingefangen, glaubte die Kaiserin, zusammen mit einer Tochter, die ebenfalls auf den Namen Josefa hörte. Die kaiserliche Mutter überlebte, die Tochter, zur Ehe mit dem König von Neapel ausersehen, starb mitten in den Hochzeitsvorbereitungen.

Das bevorstehende Fest hatte die Familie Mozart mit ihrem elfjährigen Wunderkind in die Stadt gelockt. Wolfgang Amadeus infizierte sich mit Pocken, aber es brauchte für ihn noch kein Requiem gesungen zu werden.

Der König von Neapel bekam dann schließlich die Habsburger Prinzessin Maria Carolina. Das Brautsortiment war stark dezimiert, zumal zwei weitere Töchter der Maria Theresia, Marianna und Elisabeth, von Pocken entstellt, ins Kloster gingen.

Was der Familie noch blieb, wurde im Jahr nach Maria Josefas Tod inokuliert. Zur selben Zeit entschloß sich Zarin Katharina die Große von Rußland zu dem Schritt. Katharinas Untertanen und Soldaten starben in Massen an den Pocken. Sie selbst war auch insofern von der Seuche geschädigt, als ihr Mann, Peter III., grausig entstellt war. Dessen Mutter hatte es nach Peters Genesung für nötig gehalten, das Zimmer abzudunkeln, als Katharina ihren Peter besuchte.

Die Zarin holte den renommierten britischen Arzt Thomas Dimsdale nach Petersburg in den Winterpalast. Der Eingriff war nicht ganz ungefährlich: Gelegentlich reagierten Patienten mit einem normalen Pockenausschlag, starben an der Infektion oder lösten sogar Epidemien aus.

Im Falle der Zarin ging die Sache gut, Dimsdale kehrte reich belohnt und mit dem Titel eines erblichen Grafen des Russischen Reiches nach England heim. Der Spender der Pockenlymphe, ein Kind, wurde ebenfalls geadelt.

Der Mut der Zarin machte in Europa Furore. Voltaire, ein Befürworter der Inokulation (weil sie »die Schönheit der Frauen« erhielt), schrieb einen begeisterten Brief an die Zarin: »Oh, Madame, was für eine Lektion erteilen Ihre Majestät uns schlauen Franzosen, unserer lächerlichen Sorbonne und den streitsüchtigen Scharlatanen in unseren Medizinschulen!«

Als in Frankreich zwei Königskinder nach der neuen Methode traktiert wurden, hatte das eine neue Hutmode zur Folge: »Bonnets a l''inoculation«, Kreationen mit Schleifen voller Pünktchen.

Aber es mußte noch ein König sterben, noch eine Belagerung mißlingen, bis Frankreichs tonangebende Schicht von Medizinern die lebenserhaltende Impfung akzeptierte. Ludwig XV., Liebhaber der Dubarry und der Pompadour, hatte sich bei einer jugendlichen Bettgefährtin mit Pocken infiziert, so jedenfalls munkelte man bei Hofe in Versailles. Trotz (oder wegen) eines gigantischen Aderlasses, »vier große Becken voll«, erlag der Urenkel des Sonnenkönigs, 64 Jahre alt, dem Leiden.

Das militärische Debakel, das den Sinn der Franzosen wenden half, ereignete sich 1779 im Ärmelkanal, wo die Flotte Ludwigs XVI. zusammen mit den Spaniern England belagerte. 80 Schiffe lagen vor den britischen Docks, und die Briten waren nirgendwo in Sicht. Albion habe vielleicht niemals »einer ernsteren Gefahr der Invasion« gegenübergestanden, meint die »Cambridge Modern History«.

Und doch griffen die Franzosen und Spanier nicht an, die Hälfte der Crews lag mit Pocken und Typhus darnieder. Um die 8000 Leichen flogen über Bord, die Einwohner von Plymouth aßen einen Monat keinen Fisch mehr.

In dieser Zeit der wundersamen Rettung Großbritanniens trieb den englischen Landarzt Edward Jenner die Bemerkung eines Bauernmädchens um. Keck hatte das Landkind behauptet, es könne die Pocken nicht mehr bekommen, weil es schon die Kuhpocken gehabt habe, eine von einem verwandten Virus hervorgerufene milde Erkrankung, die bei Melkern häufiger auftrat und zu haselnußgroßen Knoten an den Händen führte.

1796 inokulierte der Arzt probehalber den Knaben James Philipps mit Lymphe, die er aus der Hand einer mit Kuhpocken infizierten Melkerin entnahm. Eine Woche darauf bekam der Junge eine leichte Infektion. Dann übertrug Jenner dem Kind die echten Pocken. Da es keine Reaktion zeigte, schien der Beweis erbracht, daß das gutartige Virus vom Euter der Kuh Immunität verschafft.

Nach weiteren Tests stellte Jenner 1798 in London seine Entdeckung vor. »Es war«, schreibt der Medizinhistoriker Edward Edwardes, »als schallte die Trompete eines Engels um die Erde.«

Da war eines der furiosesten Kapitel der Seuchen-Historie bereits geschrieben: von Europas Konquistadoren, den Kolonialisten und dem Sklavenhandel.

Weit mehr als bei Eroberungen anderswo auf der Welt machten Krankheiten auf dem amerikanischen Kontinent Geschichte. Hochkulturen gingen unter, Völkerstämme verschwanden von ethnologischen Landkarten, ganze Heerscharen lagen im Delirium.

Der amerikanische Kontinent lieferte die Bühne für eine Weltpremiere: den »ersten bakteriologischen Krieg« (Medizinhistoriker Hopkins). Viren und Bakterien im Verbund mit Fiebermücken machten das bis dahin weitgehend seuchenfreie Gelände sturmreif für die Eroberer aus der Alten Welt.

Auf Haiti beginnt um 1500 die Todesschneise der Spanier. Hier brauchten die Pocken knapp vier Jahrzehnte, um die Zahl der eingeborenen Bevölkerung von über einer Million auf ganze 500 zu dezimieren. Oviedo, ein spanischer Zeitzeuge, erklärt diese Sterberate von 99,95 Prozent mit »Gottes Reue darüber, ein so häßliches, nichtswürdiges und sündhaftes Volk« geschaffen zu haben.

Ein Negersklave auf dem Schiff des Eroberers Panfilo de Narvaez schleppte die Pocken 1520 bei Vera Cruz aufs Festland. Das war im selben Jahr, als des großen Montezumas Nachfolger, der Aztekenkönig Cuitlahuac, den Konquistador Hernan Cortes von den Toren der Hauptstadt Tenochtitlan verjagte.

Der König starb bald darauf als einer der ersten Ureinwohner Mexikos an den unheimlichen »Hueyzahuatl«, den »großen« Pocken. In sechs Monaten war nach Schätzungen des Medizinhistorikers F. F. Cartwright die Hälfte der schätzungsweise 30 Millionen Azteken tot - den großen wie den kleinen Pocken, den Masern, erlegen. »Sie starben in Haufen wie die Bettwanzen«, notierte ein spanischer Mönch, »es war unmöglich, sie alle zu begraben.«

Geschichtsforscher rätseln, wie es ein paar hundert Eindringlingen gelingen konnte, ein zahlenmäßig tausendfach überlegenes kriegerisches Volk in so kurzer Zeit zu unterjochen.

Die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman erklärt das mit der »Torheit der Regierenden«, im Fall der Azteken sei der Aberglaube schuld. Die Invasoren in ihren »Steinkleidern«, ihre »schwimmenden Häuser mit weißen Flügeln, ihr magisches Feuer, das aus Rohren hervorschoß und auf weite Entfernung zu töten vermochte, die seltsamen Tiere, von denen ihre Anführer getragen wurden« - all das habe sie an übernatürliche Wesen, an die Ankunft von lange angekündigten Göttern glauben lassen.

Doch Medizinhistoriker glauben, daß die Seuchen viel einschüchternder gewirkt haben. Die Indios haben sie in ihrer Bilderschrift festgehalten, sie hielten sie für eine Waffe der Eroberer. Der Effekt der Krankheit war um so demoralisierender, als die Feinde sie nicht bekamen, denn die Spanier hatten die Pocken durchweg bei Epidemien in Europa überstanden und waren immun.

Als die Seuche südwärts zu den Mayas kam, nannten die sie »Nohkakil«, das Große Feuer. Es eilte dem Eroberer Cortes im Körper von Boten, die über die Ankunft der Weißen berichteten, ins Maya-Reich voraus und tötete die Hälfte der Bevölkerung. Wenig später gelangte der Brand durch Kuriere in die Kapitalen der Inkas, Cuzco in Peru und Tumipampa bei Quito. In Quito starben bei der ersten Epidemie 100 000 Indios, Pocken oder Masern löschten das Lebenslicht des Häuptlings Huaina Capac aus, der sich in ein einsames Steinhaus verkroch mit den Worten: »Mein Vater, die Sonne, ruft mich.«

Der Vater hatte seine Söhne verlassen. Die Bevölkerung Perus sank binnen 25 Jahren von zehn auf acht Millionen, binnen zweieinhalb Jahrhunderten auf eine Million, überwiegend wegen der Pocken, die immer wieder ausbrachen, wenn genügend nicht-immune Kinder nachgeboren worden waren.

Als der Eroberer Francisco Pizarro 1532 auf den Inka-König Atahualpa traf, war dessen Reich von den Seuchen geschwächt und reif zum Untergang. »Ohne sie«, glaubt Hopkins, »hätten Cortes und Pizarro nicht gesiegt.« Am Ende des Jahrhunderts der Eroberungen hatten Kolonisten, Hugenotten, Missionare und Sklaven die Seuchen über den ganzen südlichen Kontinent verbreitet.

Das Leiden der Indios wiederholte sich bei den indianischen Ureinwohnern im Norden, als die ersten britischen Pilgerväter, als französische und holländische Siedler den Boden Nordamerikas betraten.

Increase Mather, einer der führenden Geistlichen bei den Puritanern, berichtete nach einem Streit um Land mit den Indianern: »Gott beendete die Kontroverse, indem er die Pocken schickte ... Ganze Siedlungen wurden hinweggefegt, in einigen überlebte nicht eine Seele.« Einige Handelsleute halfen dem göttlichen Ratschluß in der Neuen Welt noch nach, indem sie Rumfässer für die Indianer in pockeninfizierte Flaggen hüllten - mit höchstprozentigem Todeserfolg.

Ganze Stämme kamen vom Kriegspfad ab. Der damalige Gouverneur von Kanada, Chronist einer Pockenepidemie unter den Irokesen, schrieb: »Sie sind verzweifelt in einem Ausmaß, daß sie nicht mehr an Versammlungen, geschweige denn ans Kämpfen denken, sie beklagen nur noch die riesige Zahl ihrer Toten.«

Bei den Sterbenden machten sich Missionare so eifrig ans Taufen, daß Überlebende annahmen, die Krankheit würde mit dem Weihwasser übertragen. Jedenfalls gaben sie nicht ihrem Manitu die Schuld. Ein Häuptling zu einem Missionar: »Es kommt von draußen. Niemals haben wir einen grausameren Geist gesehen.«

Der Dämon brauchte zweieinhalb Jahrhunderte, bis er das große Sterben vom Atlantik über den Kontinent zu den Sioux gebracht hatte. Mit ihnen gelangte er über die Rocky Mountains nach Kalifornien an den Pazifik.

Für ihre ausgedehnten Plantagen brauchten die Weißen Nordamerikas Arbeiter. Diesen Bedarf teilten die katholischen Brüder im Süden, denen wegen der dramatischen Entvölkerung unter den Ureinwohnern die Arbeitskräfte ausgegangen waren. Die gesamte Wirtschaft kam zum Erliegen, Bergwerke ruhten und Zuckermühlen standen still.

So wurde mit dem Sklavenhandel aus Afrika das größte Seuchenkarussell aller Zeiten in Gang gesetzt. Es stand auch nach der Abschaffung der Sklaverei nicht still, weil die findigen Briten für ihre Kolonien auf Kulis aus Indien und China zurückgriffen.

Mit Sklavenhändlern und Kolonisten gelangten die Pocken erstmals auch nach Südafrika und in das Innere des Kontinents, wo Joseph Conrad »Das Herz der Finsternis« schlagen hörte. Die Pocken »breiteten sich aus wie ein Todessturm«, berichtete der Leiter einer britischen Afrika-Expedition, der Engländer Richard Burton.

Entlang der Routen der Sklavenkarawanen aus Zentralafrika entdeckte Henry Morton Stanley auf seiner Suche nach dem verschollenen Afrika-Forscher David Livingstone vor 114 Jahren »die gebleichten Knochen« unzähliger Neger, die an Seuchen gestorben waren. Oft trugen die Skelette noch die Sklavenketten. Expeditionsleiter Burton erstattete Meldung über so einen von Pocken befallenen Todeszug: »Männer torkeln, blind und fast ohnmächtig dahin und stolpern über jeden auf ihrem Weg; Mütter mit Kindern im Arm, beide im virulenten Stadium dieser grimmigen Krankheit.«

Auch in Afrika gingen ganze Stämme unter. Der Kampf der Hottentotten wurde hauptsächlich durch die Pocken aussichtslos, ebenso erging es den Aschanti 1900 bei ihrem letzten Krieg gegen die Briten. In Kenia starben 70 Prozent der Kikuyu an der Seuche. Die Überlebenden flüchteten in die Wälder und überließen das Hochland mit seinem gesunden Klima kampflos den Briten, deren Ladies in das fruchtbare Land die Saat von Veilchen und Vergißmeinnicht streuten.

Zum Aufbau der weißen Kolonien im Norden und Süden Amerikas sind in vierhundert Jahren 4 bis 6,5 Millionen Schwarze aus Gambia, Sierra Leone, von der Goldküste, aus Dahome, Benin, Angola und vom Sambesi über den Atlantik geschifft worden.

Die ankamen, waren nur der überlebende Rest. Nach einer Sklavenhändler-Regel starb ein Drittel der Schwarzen auf dem Marsch der Karawanen, ein weiteres Drittel in Baracken an der Küste, wo sie vor der Abfahrt zusammengetrieben wurden.

Viele erlagen dem Seuchenfieber auch noch in den unermeßlich engen, stinkenden Decks der Schiffe. Ungebetene Reisegäste waren Myriaden von Fiebermücken und deren Larven.

Die Karibik, erste Station der Sklavenschiffe, sollte für zweieinhalb Jahrhunderte ein Gelbfieberzentrum werden. Im Jahr 1803 verdankte Haiti dem schwarzen Erbrechen gewissermaßen seine Unabhängigkeit. Napoleons Besatzungssoldaten, die von hier aus den amerikanischen Südstaat Louisiana unter Kontrolle bringen sollten, starben so massenhaft an Gelbfieber, daß die aufrührerischen Negersklaven, die Mehrheit der Inselbevölkerung, leichtes Spiel mit ihnen hatten: Von 33 000 Franzosen erlagen 29 000 dem Gelbfieber.

Die Sklavenschiffe brachten auch immer wieder die Pocken mit, abwechselnd mit ihnen rasten Gelbfieber und Malaria durch die nächsten Stationen, die Hafenstädte von Rio über Maracaibo, von Charleston bis New York, von dort in die europäischen Mutterländer der Kolonisten nach England, Holland, nach Portugal und Spanien.

Als seuchenmedizinisch gewinnbringend erwies sich der rege Verkehr gelegentlich auch. Im 17. Jahrhundert machten Indios in Peru die Spanier auf die fiebersenkende Wirkung der Rinde vom Cinchona-Baum aufmerksam: Chinarinde war der Ausgangsstoff des Chinin, das fast allen bis heute gebräuchlichen Malariamitteln zugrunde liegt.

In Indien lernten Tropenmediziner die lindernde Wirkung der Samen des Chaulmoogra-Baumes auf Lepraleiden kennen. Das Öl der Samen blieb bis zum Beginn der modernen Chemotherapie das einzig wirksame Mittel.

Und mit einem Negersklaven vom Stamm der Guramantese an der Westküste Afrikas kam die Kunde von der Kunst der Pocken-Inokulation nach Nordamerika.

Dieser gegen die Pocken immune Sklave namens Onesimus hatte seinem Herrn, dem Bostoner Pastor und Hexenmeister Cotton Mather, auf die Frage, ob er schon an Pocken erkrankt sei, geantwortet: »Ja und nein.«

Mather war brennend interessiert an der Methode, denn in Boston hielten die Pocken gerade wieder reiche Ernte: Obwohl Nordamerikas Hafenbehörden die verseuchten Schiffe seit Jahrzehnten in Quarantäne und die pockenkranken Patienten in Isolationsspitäler legten, wurden die Sperren häufig durchbrochen.

1721 konnte der Hexenmeister einen der zehn in Boston praktizierenden Ärzte dazu bewegen, eine Inokulation zu wagen.

Bostons Society war entgeistert: Der »zerstörerische Engel«, so ein zeitgenössischer Buchtitel über eine Pockenepidemie, war absichtlich an ein unschuldiges Kind herangelassen worden. Die Bürger wünschten den Arzt hängen zu sehen.

Doch wie in Europa setzte sich die Schutzmaßnahme in kleinen Kreisen durch. Sie fand einen wichtigen Fürsprecher, den späteren Präsidenten Benjamin Franklin, damals Herausgeber der »Pennsylvania Gazette«, dessen Sohn an Pocken gestorben war.

Das Inokulieren wurde sogar schick. Wortlaut einer Einladung an die künftige First Lady Martha Washington: »Mrs. Hancock würde sich glücklich schätzen, wenn Mrs. Washington in ihrem Hause die Pocken entgegennehmen würde.«

Doch noch während der Unabhängigkeitskämpfe 1775 bis 1783 war »Major Variola« (Hopkins) oft stärker als die Generäle. Heerführer George Washington, Amerikas erster Präsident, fürchtete, die Briten könnten pockeninfizierte Dirnen in die von der Seuche bereits arg gelichteten Reihen seiner Soldaten schleusen. Darum bestand er auf der Inokulation der Soldaten, was der Kongreß 1777 genehmigte. »Ein Faktor von beträchtlicher Bedeutung«, glaubt der Historiker H. Thursfield, denn die Pocken hätten gedroht, »die amerikanische Sache zu ruinieren«.

Als wenig später in Nordamerika die Engelstrompete mit der Kunde von Jenners Kuhpocken-Impfstoff ertönte, hörte das Sterben noch lange nicht auf. 1829 war die Notwendigkeit einer Zweitimpfung noch unbekannt. Außerdem waren die Methoden zur Erhaltung einer potenten Vakzine noch nicht verfügbar. Das Trocknen des Impfstoffs gelang erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts, das Gefriertrocknen erst 1949. In den Tropen blieb das Impfen deshalb lange Zeit unmöglich.

Im Jahr 1863, mitten im amerikanischen Bürgerkrieg, zogen die Pocken ins Weiße Haus ein, Präsident Abraham Lincoln erkrankte. Wie bei Ronald Reagans Krebsleiden versuchten die Ärzte, das Leiden des Präsidenten herunterzuspielen. Es handele sich, so ein Bulletin, um eine »varioloide« Form der Pocken, wie sie bei geimpften Personen vorkommen könne. Aber Lincoln, der die Pocken überlebte (und zwei Jahre später ermordet wurde), war gar nicht geimpft.

In Europa war König Friedrich Wilhelm IV. (1795 bis 1861) der erste Souverän, der sich, seine Familie und seine Soldaten impfen ließ. Mitglieder der herrschenden Häuser Dänemarks, Polens und Rußlands folgten. Das erste Kind, das im Zarenreich, als Vorkoster gewissermaßen für den Herrscher, geimpft wurde, erhielt den wohlklingenden Namen Waksinoff und eine lebenslange Pension.

Auch Spaniens König Karl IV. schloß sich an. Er setzte eines der denkwürdigsten Unternehmen der Seuchengeschichte in Gang: die »Expedicion Filantropica de la Vacuna« (Philanthropische Expedition der Impfung), die Spaniens Kolonien in Südamerika und die Philippinen vor den Pocken retten sollte.

Die Gründe waren durchaus nicht rein humanitärer Natur. Des Königs Ärzte hatten festgestellt, daß die Blattern »die Hauptursache für die Entvölkerung Amerikas« sei, und das, hatten ihm seine Kolonialexperten vorgerechnet, bedeute weniger Tribut, weniger Handel, weniger Bergbau und Plantagen.

Die Pocken-Armada startete 1803 in Richtung Karibik. Um bei der Ankunft frische, einwandfreie Kuhpocken-Vakzine zu haben, kamen Waisenkinder mit an Bord, die in Abständen infiziert und angezapft wurden. Bei ihrem Turn rund um den Globus impften des Königs Abgesandte Hunderttausende von Menschen. Nach der Heimkehr der Schiffe 1806 und 1808 ehrte der König die Glieder der Impfstoff-Staffette, indem er sie auf seine Kosten erziehen ließ. Die Lehrer der Waisenkinder hatten die größten Schwierigkeiten, ihnen die Seemannsflüche abzugewöhnen.

Den militärischen Wert der Pockenimpfung begriff, mitten in seinen Kriegen, Napoleon. Er ließ seine Soldaten von 1805 an immunisieren. Beim Namen des Impfstoff-Entdeckers Jenner wurde der Imperator weich: Mehrfach ließ er britische Gefangene frei, wenn der Landarzt Petitionen unterschrieben hatte. Von einem solchen Anlaß ist das Kaiserwort überliefert: »Ah, Jenner, ich kann Jenner nichts abschlagen.«

Napoleons Nachfolger vernachlässigten die Impfung wieder, die Franzosen sollten schwer dafür büßen - und ganz Europa mit. Die Negligence verursachte die größte europäische Pockenepidemie des 19. Jahrhunderts, deren Ausläufer bis nach Übersee schwappten.

Zu Beginn des Krieges der Deutschen gegen Frankreich im Juli 1870 war Bismarcks Reich zwar längst nicht durchgeimpft, aber fast pockenfrei. In der Armee war das Gros geimpft, anders als bei den Feinden.

Auf beiden Seiten brach die Krankheit aus. Doch während bei dem deutschen 800 000-Mann-Heer 8463 Leute angesteckt wurden und 459 starben, hatten die Franzosen in ihrem Ein-Millionen-Heer 125 000 Kranke, von denen 23 470 nicht überlebten.

Nach der Niederlage von Sedan schleppten heimkehrende Soldaten die Pocken nach Paris, Flüchtlinge verteilten sie über ganz Frankreich, 90 000 Menschen starben.

Die Deutschen hatten 700 000 Gefangene gemacht, ins Reich geschickt und sich damit wieder die Pocken eingefangen. Besonders in Norddeutschland, wo die Bevölkerung weniger geimpft war als im Süden, hielten sie reiche Ernte. Insgesamt waren bis 1872 über 160 000 Menschen tot. »Hätte Bismarck die Epidemie in Verbindung mit dem Krieg gebracht«, meint der Seuchenmediziner Hopkins, »dann hätte er sich wohl fragen müssen, wer den Krieg eigentlich gewonnen hat.«

Diese Pockenwelle forderte in ganz Europa 500 000 Tote. Die unterschiedlichen Verluste in der deutschen und französischen Armee hatten den Beweis erbracht, wie lebensrettend die Impfung war. Viele Länder führten sie jetzt obligatorisch ein. Preußen tat das 1874.

Während Europa mit dieser letzten großen Pocken-Epidemie darniederlag, bahnte sich in Amerika einer der schrecklichsten Siege von Krankheit über Menschen an: Gelbfieber und Malaria vereitelten, beim ersten Versuch, den Bau des Panamakanals.

Die 1876 in Paris von Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA gegründete Kanalbaugesellschaft hatte Ferdinand de Lesseps, den gefeierten Baumeister des Suezkanals, mit der Ausführung beauftragt. Lesseps war überzeugt, daß sich die Neuauflage seines Erfolges mühelos erbringen ließe. Er übersah, wie der brititsche Tropenmediziner Harold Scott schreibt, daß der »Isthmus von Suez eine flache, sterile Wüste war, Panama dagegen hügelig mit fast undurchdringlichem Dschungel, mit tropischer Vegetation«. Kurz: »Suez war gesund, Panama tödlich.«

»Alle Wege bringen euch zur Hölle«, hatte der kubanische Poet Gilbert über die Region gedichtet. Gleichwohl wähnte der Maler Paul Gauguin dort seine tropischen Paradiese und ließ sich von den Kanalbauern anheuern. »Von halb sechs am Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit muß ich mich abschinden. Jede Nacht werde ich von den Moskitos aufgefressen«, notierte er.

Zum Glück feuerten die Bosse den Maler, der sich in Martinique niederließ. Als Lesseps nach acht Jahren das Handtuch warf und die Firma den Bankrott anmeldete, waren von 86 800 Kanalarbeitern 52 814 wegen Malaria und Gelbfieber ausgefallen, 5627 gestorben. 300 Millionen Dollar, viermal soviel wie der Suezkanal, hatte das Unternehmen verschlungen, »eine kolossale Verschwendung von Menschen und Geld« (Scott).

Daß der Bau dann den Amerikanern bis 1912 gelang - auch sie hatten über 4000 Fiebertote in acht Jahren -, ist bahnbrechender medizinischer Forschung zu verdanken.

Tropenmedizin war immer auch Militärmedizin, nicht ohne Grund spürten Doktoren im Dienst der Armee den männermordenden Fiebern nach.

Der französische Militärarzt Alphonse Laveran entdeckte 1880 in Algerien im Blut von Kranken den Erreger der Malaria. Aber medizinisch wäre damit noch nichts erreicht gewesen, denn er ahnte nicht, wie der Erreger ins Blut gekommen war. Der Moskito-Connection kam jedoch 17 Jahre später der in Indien wirkende britische Militärmediziner Ronald Ross auf die Spur.

Plötzlich schien der schon Mitte des 19. Jahrhunderts geäußerte Verdacht des als spinnert geltenden Augenarztes Carlos Juan Finlay in Havanna nicht mehr abwegig: Er hatte ein Moskito, Aedes aegypti, im Verdacht, das von den amerikanischen Besatzern »Yellow Jack« genannte Gelbfieber zu verbreiten.

Eine aus den USA 1900 nach Kuba entsandte Armee-Kommission unter Führung des Tropenmediziners Walter Reed brachte in heroischen Selbstversuchen den Beweis. Der Bakteriologe James Carroll und der Insektenforscher Jesse William Lazear ließen sich von den Mücken stechen, die zuvor an Gelbfieberpatienten gesaugt hatten.

Carroll erkrankte schwer, Lazear bezahlte seinen Mut mit dem Leben. Das Ergebnis der Tests befähigte den ebenfalls im Auftrag der Armee in Kuba im Kampf gegen das Gelbfieber wirkenden Mediziner William Crawford Gorgas, seine Strategie zu wechseln.

Gorgas, der die Krankheit auf die unhygienischen Verhältnisse in Havanna zurückführte, hatte bis dahin beherzt den Dreck bekämpft, ein Abwässersystem bauen und die Straßen säubern lassen. Das Fieber nahm allerdings noch zu.

Nachdem er sein Gefecht auf die Mücken umstellen konnte, kam die Wende. Er ließ Pfütze für Pfütze trockenlegen, Haus für Haus nach offenstehenden Wasserbehältern durchkämmen und diese auskippen. 1905 war Havanna frei vom gelben Jack. Gorgas zog an die Panama-Kanalbaustelle. Er schützte die Schlafstellen der Arbeiter mit Moskitonetzen und Fliegengaze (die Mücke sticht nur nachts). Weil es unmöglich war, alle Feuchtgebiete trockenzulegen, überlistete er die Mücken mit ihrer Vorliebe für frisches Wasser bei der Eiablage. Das Wasser bekamen die Moskitos in ständig kontrollierten Näpfen. Milliarden Larven konnten so vernichtet werden.

Gorgas'' mühselige und teure Kampagnen blieben Jahrzehnte Vorbild, bis der massenhafte Einsatz des Insektengiftes DDT gegen die Fiebermücken in den fünfziger Jahren sie ablöste.

Malaria-Kampagnen nach der Gorgas-Methode hatten freilich auch nur in Friedenszeiten eine Chance. Die Soldaten des Ersten Weltkrieges auf dem Balkan erkrankten zu Hunderttausenden an Malaria. Im Zweiten Weltkrieg waren die Verluste gering, dank eines verbesserten Medikaments, das die Pharma-Firma Bayer kurz vor Kriegsausbruch entwickelt hatte.

Unabhängig davon hatten die Amerikaner kurz darauf das Resochin entdeckt, das die WHO zu ihrer schönen Hoffnung verleitete, die Malaria könne nun ebenso wie andere Tropenkrankheiten ausgerottet werden.

Die Schlacht gegen das Pocken-Virus ist jedoch die erste und einzig erfolgreich geschlagene. Bei Praktikern in der Dritten Welt ist jede Euphorie verflogen.

Daß die Existenz eines Impfstoffes nicht gleich zur Ausrottung einer Krankheit führt, zeigt das wieder aufflackernde Gelbfieber in Lateinamerika und Afrika. Das »British Medical Journal« sieht Anzeichen dafür, daß diese mörderische Krankheit »noch einmal zu einer großen Bedrohung wird«.

Ein Rückschlag auf der ganzen Linie war die Resistenz-Entwicklung der Anopheles-Mücke gegen DDT und des Erregers gegen Malaria-Drogen. Ein weiterer Schlag war der Widerstand des Lepra-Bakteriums gegen das Medikament Dapson (DDS). Das aus der Tuberkulose-Therapie übernommene Dapson, das über Jahre eingenommen werden muß, hat den Vorteil, billig zu sein. Nun, da in vielen Weltgegenden der Lepraerreger Dapson-resistent ist, wird die Therapie in den Entwicklungsländern erneut »zum Sorgenkind« ("Praxis-Kurier").

Ohnehin ist jeweils nur einer von fünf Aussätzigen erfaßt und in Behandlung - das Stigma der Krankheit ist allenthalben so mächtig, daß man »die Befallenen regelrecht suchen muß«, wie Tropenmediziner Dietrich weiß.

Solche Suchaktionen haben die deutsche Ärztin und Ordensschwester Ruth Pfau, die im pakistanischen Karatschi eine Lepra-Station leitet, schon auf geheimen Pfaden nach Afghanistan geführt. Dort und im rauhen Gilgit-Gebirge Nordpakistans befreite sie Aussätzige, die von ihren Familien eingemauert oder in Verschläge eingesperrt waren.

Wenn schon, nach Ansicht eines WHO-Experten, Lepra »außer Kontrolle« ist, so bietet die Lage an der Malaria-Front Anlaß zu tiefem Pessimismus.

Zu den Malaria-Variationen hat sich noch die »manmade«, die vom Menschen gemachte Malaria, gesellt. Staudämme, Bewässerungsprojekte, Großbaustellen sind ideale Brutstätten für die Mücke. Rabindra Nath Basu, ein hoher indischer Gesundheitsbeamter, hält das Streben nach Ausrottung der Malaria derzeit für aussichtslos: »Malaria ist der Preis, den wir für Entwicklung zahlen.«

Die Resistenz der Anopheles-Mücke nimmt mit furchterregendem Tempo zu: Nur zehn Jahre dauerte es beispielsweise in Thailand, bis Heilerfolge mit Resochin von hundert auf zehn Prozent absanken. Das Alternativ-Mittel Fansidar hat so schwere Nebenwirkungen, daß seine Anwendung vom Bundesgesundheitsamt eingeschränkt wurde auf die Behandlung von Fällen, die auf Resochin nicht mehr ansprechen. Die WHO: »Neue Mittel, sichere Mittel, sind dringend vonnöten.«

Ein neues Mittel gibt es, ursprünglich von der amerikanischen Armee während des Vietnamkrieges entwickelt: Mefloquin. Der Schweizer Pharma-Multi Hoffmann-LaRoche hat es soeben in der Schweiz unter dem Namen Lariam auf den Markt gebracht, zum Preis von 28 Mark für die Sechs-Tabletten-Packung - ein Medikament für Geschäftsreisende und Wohlstandstouristen.

Einen »Strahl der Hoffnung« sah das US-Magazin »Time« letztes Jahr, als dank der modernen Gentechnologie neue Impfstoffe in Sicht kamen, für Lepra ebenso wie für Malaria.

Am Medical Center der New York University gelang es Ruth Nussenzweig zusammen mit ihrem Mann Viktor, jenes Antigen des Malaria-Parasiten zu isolieren, das die Immunabwehr des Menschen alarmiert und den Organismus zur Bildung von Antikörpern veranlaßt. Auch die gentechnologische Herstellung des Antigens gelang - Voraussetzung für die Massenproduktion einer Vakzine (SPIEGEL 33/1984).

Doch Nussenzweigs Impfstoff attackiert nur das erste Stadium des sich dreimal verwandelnden Killers. Australische und amerikanische Forscher testen einen Impfstoff gegen die zwei anderen Entwicklungsstadien des Erregers, der jedesmal seine chemische Oberflächenstruktur ändert. Der optimale Impfstoff müßte ein schwer zu mixender Cocktail aus allen sein. Trotz solcher Schwierigkeiten, sagt Viktor Nussenzweig, sei »die Atmosphäre voller Optimismus«.

Zuversicht herrscht auch in der Lepra-Forschung, die seit Jahren mit der Produktion von Antikörpern festsitzt. Nur zwei Versuchstiere sprechen auf den Erreger an und bilden Kulturen von Antikörpern.

Das eine, zuerst entdeckte ist die Maus. Die reagierte, allerdings nur an den kühlen Füßen - das Lepra-Bakterium braucht eine Temperatur von ein bis zwei Grad unter der normalen menschlichen Körpertemperatur. Die Ausbeute von den Mäusepfoten war naturgemäß zum Verzweifeln gering.

Das zweite Tier, das Gürteltier (Armadillo), ist am ganzen Körper untertemperiert. Doch auch sein Lepratod dient allein der Wissenschaft. Da es sich in Gefangenschaft nicht vermehrt, ist auch hier eine Großproduktion von Antikörpern nicht möglich.

Die Lage könnte sich bessern. Vor wenigen Wochen gelang es amerikanischen Wissenschaftlern, Gene des Lepra-Bakteriums auf ein anderes Bakterium zu übertragen und von diesem in großer Zahl produzieren zu lassen. Ein von britischen Forschern entwickelter Impfstoff soll von 1986 an im afrikanischen Malawi getestet werden.

Eines werden diese Impfstoffe, schon aufgrund ihrer hohen Entwicklungskosten, einstweilen nicht sein können: preiswert.

Und das dürfte der Dämpfer sein für die Trompete des Engels, sollte sie denn abermals siegkündend ums Erdenrund schmettern.

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Im nächsten Heft

Wie geht es mit Aids weiter? - 1995: zwei Millionen Infizierte, 300 000 Aids-Tote in der Bundesrepublik? - Warum gegen die Seuche so wenig getan wird - Die Schwierigkeiten, Schutzimpfungen zu entwickeln

*Der endgültig letzte, 1977 entdeckte Pockenkranke, der Somalier Ali Maaow Maalin, hatte sich mit der leichteren Form, der Variola minor, infiziert.
**Donald R. Hopkins: »Princes and Peasants«. The University of Chicago Press, Chicago und London; 380 Seiten; 25 Dollar.

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