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Sterben bis zum Schluss

Die letzten Toten an der Grenze zwischen Ost und West
Von Hans Michael Kloth
aus DER SPIEGEL 32/2001

Der Flüchtling hatte aufgegeben und stand mit dem Rücken zum Grenzzaun, als ihn die Kugel aus der Kalaschnikow ins Herz traf. Der Ost-Berliner Chris Gueffroy, gerade 20 Jahre alt, wurde am 6. Februar 1989 an der Berliner Mauer erschossen, als er versuchte, von Berlin-Ost nach Berlin-West zu fliehen.

Der gelernte Kellner ging als letzter Mauertoter in die deutschdeutsche Geschichte ein. Doch dass mit Chris Gueffroys tragischem Tod das Sterben an der Mauer ein Ende hatte, ist eine Legende.

An Winfried Freudenberg, der dem »Grenzregime« der SED-Diktatur noch einen Monat nach Chris Gueffroy zum Opfer fiel, erinnerte bis vor kurzem nur ein schlichtes Holzkreuz an einer Fußgängerbrücke im gutbürgerlichen Berliner Stadtteil Zehlendorf, rund zwei Kilometer Luftlinie von der ehemaligen »Sektorengrenze« entfernt.

Früh am Morgen des 8. März 1989 gegen halb acht hatte ein Anwohner der Zehlendorfer Limastraße draußen ein »plumpsendes Geräusch« wahrgenommen, dem er keine Bedeutung beimaß. Erst acht Stunden später wurde im Garten der zerschmetterte Körper Freudenbergs gefunden.

Der 32-jährige Diplom-Ingenieur aus Lüttgenrode am Harz wurde nicht kaltblütig exekutiert wie Chris Gueffroy oder unter den Augen der Weltöffentlichkeit verblutend im Todesstreifen liegen gelassen wie - wohl der schockierendste Mauermord - der 18-jährige Peter Fechter am 17. August 1962. Freudenberg hatte das brutale Bauwerk in einem selbst gefertigten Gasballon schon heil überwunden und schwebte über sicherem West-Berliner Gebiet, als er in Zehlendorf wie Ikarus vom Himmel stürzte - fast auf den Tag genau acht Monate bevor die Mauer fiel.

Bis heute sind die genauen Umstände seines Todesflugs nicht geklärt. Kurz nach Mitternacht am 8. März 1989 hatte sich das Ehepaar Freudenberg aus seiner Hinterhof-Wohnung im Stadtteil Prenzlauer Berg auf den Weg in das im Norden Berlins gelegene Blankenburg gemacht. Mit dabei: ein auffälliges, 38 Kilogramm schweres Paket - der Ballon, gefertigt aus Gartenfolie, wie sie zur Abdeckung von Beeten verwendet wird: sieben Bahnen zu je 13 mal 2,50 Meter, in monatelanger Nachtarbeit Zentimeter für Zentimeter zusammengeklebt und tagsüber notdürftig unter dem Bett versteckt.

Anfang 1988 hatte Winfried Freudenberg zum ersten Mal seine verwegene Fluchtidee erwähnt. Einige spektakuläre Ballonfluchten waren geglückt; die Geschichte der Familien Wetzel und Strzelczyk, die es 1979 in einem Heißluftballon in den Westen geschafft hatten, wurde sogar in Hollywood verfilmt.

Freudenberg war Risiken noch nie aus dem Weg gegangen; zweimal hatte der rasante Fahrer bei Motorrad- und Autounfällen nur knapp überlebt. Seiner Frau Sabine dagegen hatte der Gedanke an eine Flucht, zumal durch die Luft, von Anfang an Alpträume bereitet.

Doch weil sie die Trennung fürchtet, macht sie schließlich mit. In Blankenburg steuert das Paar eine Schrebergartenkolonie an. Dort betreibt das Energiekombinat Berlin eine Gasversorgungsstation, an der die Freudenbergs ihren Ballon füllen. Unter dem Ballon ist mit rosa Gardinenstrippen und einem Kunststoffgürtel ein 40 Zentimeter langes Rundholz als Sitzstange befestigt.

Ein Kellner, der auf dem Heimweg ist, glaubt an eine Sinnestäuschung, als er den am Boden schwankenden Ballon sieht. Er ruft die Polizei - die beiden sind entdeckt. »Los, steig auf!«, habe sie Winfried zugerufen, schilderte Sabine Freudenberg Jahre später die dramatische Situation der Berliner »B.Z.«. »Das Gas reicht nicht für uns beide!« »Nein, komm mit«, habe er zurückgebrüllt. Und sie: »Nein, wir bleiben beide hier, wir stehen das gemeinsam durch, Hauptsache, wir leben!« Es knallt; sie glaubt an Schüsse - beim Abheben hat der Ballon eine Stromleitung touchiert.

Dann steigt Winfried Freudenberg, an seine Konstruktion geklammert, allein in den Nachthimmel. Sabine Freudenberg wird verhaftet; sie bekommt drei Jahre auf Bewährung.

Beim Flughafen Tegel, über den der mäßige Nordostwind den fragilen Ballon treibt, wird später Freudenbergs Geburtsurkunde gefunden. Gegen 7.30 Uhr wird der Flüchtende weiter südlich zum letzten Mal lebend gesehen. Spaziergänger erspähen den Ballon am Teufelsberg in etwa 500 Meter Höhe. Nur 20 Minuten später weht seine leere Hülle in der Krone einer Eiche auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Chaussee/Ecke Spanische Allee.

Als Todesursache gibt der West-Berliner Staatsschutz einen Sturz aus großer Höhe mit zahlreichen Knochenbrüchen und inneren Verletzungen an. Doch war es ein Unfall? Oder fürchtete Freudenberg, über West-Berlin hinaus in die DDR zurückgetrieben zu werden - und sprang aus Verzweiflung aus mindestens 50 Meter Höhe ab?

Winfried Freudenberg war der Letzte, der sein Leben bei der Überwindung der Berliner Mauer ließ. Doch fast bis zum letzten Tag des Eisernen Vorhangs kamen DDR-Bürger an den Grenzen des Ostblocks um, als sie sich in die Freiheit absetzen wollten:

* Bei dem Versuch, mit seinem Lada den Schlagbaum an der tschechoslowakischösterreichischen Grenze bei Petrzalka zu durchbrechen, starb am 21. April 1989 der 21-jährige Ost-Berliner Ralph-Peter Saunen.

* Am 15. Mai 1989 wurde ein achtjähriger Junge aus Ost-Berlin getötet, als seine Mutter mit Freunden im Auto die Grenzsperren nach Bayern bei der tschechoslowakischen Ortschaft Strázný durchbrach.

* Der 19-jährige Michael Weber aus Mölkau bei Leipzig wurde am 7. Juli 1989 auf der Flucht erschossen, als er in der Nähe der bulgarischen Ortschaft Nowo-Chodshowo die Grenze nach Griechenland überwinden wollte.

* Am 23. September 1989 ertrank der ebenfalls 19-jährige Mario Poetsch bei dem Versuch, von der CSSR in die Bundesrepublik zu gelangen.

Die allerletzten Toten, die sich Honeckers Diktatur zurechnen lassen muss, starben jedoch - Ironie der Geschichte - bei der Flucht in Richtung Osten: Als in Polen Anfang Juni 1989 die Kommunisten die Macht an die Gewerkschaft Solidarnosc verloren, strebten immer mehr DDR-Bürger illegal in das östliche Nachbarland. Nicht wenige versuchten, die Oder zu durchschwimmen.

Allein im Oktober 1989 ertranken dabei vier junge Ostdeutsche - als Letzter Frank M., der am 27. Oktober in Bad Freienwalde aufgebrochen war. Seine Leiche wurde Anfang November aus dem Fluss gezogen.

HANS MICHAEL KLOTH

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