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»STERBEN, UM GELIEBT ZU WERDEN«

aus DER SPIEGEL 6/1971

»Im gelben Samt des vornehmen Kinos George V« (jeder Platz 12 Franc) an den Champs-Elysées wird geschluchzt und geheult. Die Franzosen leiden in Cayattes Film »Mourir d'aimer -- mit jener Lehrerin Gabrielle Russier, 31, die einen Unterprimaner, 17, liebt und dafür von einer bigotten Gesellschaft und einer gnadenlosen Justiz abgeurteilt wird.

Die Lehrerin begeht Selbstmord. Ihre Geschichte ist wahr, sie erregte Frankreich Im Jahr nach dem Malaufstand von 1968. Im Film zittert diese Erregung noch nach -- ein letztes Grollen der Revolution.

Die Zuschauer entziehen sich den Konsequenzen des Filmes durch Flucht Ins Sentiment. Di. Revolution, man weiß es, ist tot, aber sie hat die Franzosen in einem politischen Seelenzustand hinterlassen, der durch das zunächst politische, dann auch physische Ende ihres großen Psychodramatikers eher verschlimmert denn verbessert wurde: Sie fühlen sich ohnmächtig in eine unwirtliche Welt geworfen, während sie meinten, auf der idyllischen Insel Frankreich zu sehen. Um sich die Insellage zu suggerieren, die ihnen die Natur vorenthält, nenneu sie ihr Land besonders gern »l'hexagone« -- das Sechseck.

Dieses Inselbewußtsein der Franzosen, von Herbert Lüthy als Erklärung vieler sonst unverständlicher Handlungen ihrer Politiker beschrieben, macht Paris heute für Bonn zu einem schwierigeren Partner, als der Unterschied zwischen dem umgänglichen Georges Pompidou und dem untraktierbaren Charles de Gaulle vermuten läßt.

Willy Brandt mochte letzte Woche auf dem Friedhof von Colombey seine weißen Nelken unter dem weißen Steinkreuz niederlegen -- die Franzosen sehen Ihr »hexagone« heute vor allem von den Deutschen bedroht.

Sorge vor der Wirtschaftskraft der Bundesrepublik quält sie schon seit Jahren. Aber ein selbstbewußter General Im Elysée-Palast und selbstgenügsame Politiker in Bonn garantierten, daß sich die Zahlen der deutschen Industrieproduktion nicht in einem deutschen Führungsanspruch In Europa umsetzten. Heute scheint den Franzosen dies nicht mehr so sicher.

»L'Europe allemande?« ängstigte sich daher der »Nouvel Observateur« letzte Woche auf seinem Titelblatt, auf dem Brandts Kopf Frankreich bis nach Paris bedeckt und die DDR zu Brandts Einflußzone zählt. Das Blatt malte den Wirtschaftsriesen Bundesrepublik in Farben, die selbst mutige Franzosen schaudern lassen müssen. Der »Express« verzichtete auf Fragezeichen und behauptete: »Willy Brandt ändert Europa.

Zwar: Es gibt derzeit keinen französischen Politiker, der die deutsche Ostpolitik nicht lauthals preisen würde, etwa so: »Die Öffnung nach Osten war eine französische Idee, wie könnten wir dagegen sein?« Daß man die eigenen Ideen nicht gern als Handelsware oder Erfolgsrezept Fremder sieht, wird höchstens Indirekt eingeräumt.

Die Beweisführung lautet dann etwa: »Wir können doch schon deshalb über die deutsche Ostpolitik nicht beunruhigt sein, weil sie bisher ja gar nicht so erfolgreich ist« Die Erleichterung, gut kaschiert, wird dennoch spürbar.

Ein hoher Beamter des Quai d'Orsay glaubt eine Zweideutigkeit ("équivoque") sogar in der Bonner Berlin-Haltung zu entdecken, da die Bundesregierung einerseits eine Zuständigkeit der DDR anerkennen wolle (was nicht zutrifft), andererseits sich aber mit den Russen auseinandersetzen müsse, da diese faktisch In Berlin ständen.

Als Brandt dem französischen Staatschef vorschlug, die vier Alliierten sollten über Berlin vielleicht auch mal eine ganze Woche lang beraten und nicht nur mit langen Pausen, antwortete Pompidou ausweichend: Wer sich unter Zeitdruck setzen lasse, schwäche die eigene Position. Mit anderen Worten: Es ist euer Vertrag, nicht unserer.

Orthodoxe Gaullisten lassen gar durchblicken, daß ihnen der Bonner Realismus gegenüber der bislang verteufelten DDR verdächtig ist. Schimmert dahinter am Ende ein bißchen 1871?

Als Karl Schiller letzten Montag versuchte, dem französischen Finanzminister Giscard d"Estaing gegenüber die deutschen Vorstellungen über den Ausbau der EWG zu einer Wirtschafts- und Währungsunion durchzusetzen -- hartnäckig und hochfahrend -, sahen die Franzosen darin nicht deutsche Professorenarroganz, sondern den Beweis für stärkeres Selbstbewußtsein einer jählings nach Osten vertragsfähig gewordenen Bundesrepublik.

Die psychologische Lage erscheint deutschen Diplomaten in Paris nicht ungefährlich »Die Franzosen«, sagt einer von ihnen, »sind so sehr mit ihrer eigenen Empfindlichkeit beschäftigt, daß sie die Empfindlichkeiten anderer nicht sehen.« Daß aber andere, in diesem Fall die Deutschen, überhaupt Empfindlichkeiten haben, dünkt die Franzosen bereits eine dramatische Änderung zu ihren Lasten.

Sie versuchen ihr Glück auf einem Feld zu korrigieren, auf dem sie keine Minderwertigkeitskomplexe zu haben brauchen: im diplomatischen Geschäft. Beliebteste Methode: Das eigene Verhandlungsziel wird als Verhandlungsziel des Partners herausgeputzt, das Eingehen darauf erscheint als französisches Nachgeben.

So erklärte Erziehungsminister Olivier Guichard den Deutschen letzte Woche, er habe mit Interesse gehört, daß ihnen an einem Austausch von Plänen über Strukturreformen im Erziehungswesen gelegen sei. Er sei bereit, darauf einzugehen -- in Wahrheit stammte der Vorschlag von einem Beamten aus Guichards Ministerium.

Die Deutschen neigen dazu, in dieser Kunst welsches Raffinement zu sehen. Ein deutscher Diplomat: »Wir sagen, was wir wollen.« Den Franzosen wiederum erscheint soviel Aufrichtigkeit brutal -- sozusagen typisch teutonisch.

Die Bestätigung für ihre Not bekamen die Franzosen am Tag, nachdem die Deutschen abgereist waren. Die Zeitungen meldeten, daß Frankreich im Außenhandel mit der Bundesrepublik trotz Aufwertung der Mark und Abwertung des Franc allein in den ersten elf Monaten des Jahres 1970 wiederum ein Defizit erwirtschaftet habe: 2,8 Milliarden Franc, bei Industrieerzeugnissen sogar 4.7 Milliarden -- »ein Ergebnis der Überlegenheit der deutschen Industrie gegenüber unserer«, schrieb »Le Monde«.

Die Franzosen fühlen sich den vermeintlich so fleißigen Deutschen ebenso ausgeliefert wie den gesellschaftlichen Zwängen auf jener Wunsch-Insel Frankreich, die sie konservieren möchten, obschon sie Menschen wie die Lehrerin Gabrielle Russier in den Tod treiben. Für das Opfer gibt es Tränen, nicht Trost.

Auch Staatschef Pompidou, auf einer Pressekonferenz befragt, was er über den Fall Russier denke, wußte keinen Trost. Er gestand vielmehr -- nach einem von ihm selbst herausgegebenen Gedicht von Paul Eluard -- »Gewissensbisse« angesichts eines Opfers, »das den Toten ähnelt die gestorben sind, um geliebt zu werden«.

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