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»Stern": »Das ist eine ungeheure Geschichte«

Aufstand im »Stern": Einmütig stellten die Redakteure dem Verlagsvorstand ein Ultimatum zur Abberufung der neuen Chefredakteure Johannes Gross und Peter Scholl-Latour. Die Empörung über den Reinfall mit den angeblichen Hitler-Tagebüchern hält an. War der Lieferant, Konrad Paul Kujau, auch der Fälscher? *
aus DER SPIEGEL 20/1983

Beim »Stern« in Hamburg war »der Teufel los«, »die Hölle«, »ein Aufruhr, wie es ihn wohl in keiner Redaktion gegeben hat«. Die Beteiligten, Redakteure und Verlagsleute, erinnerten sich selbst Stunden danach noch mit einer Art Schock an die Tumultkonferenz vom Freitag letzter Woche.

»Raus« wurde geschrien, »lassen Sie uns in Ruhe«, »hauen Sie endlich ab nach Gütersloh« - gemeint: der Vorstandsvorsitzende Gerd Schulte-Hillen.

»Das ist eine Machtergreifung wie 1933«, empörte sich lautstark ein Journalist, »es fehlt nur das Ermächtigungsgesetz« - gemeint: »Stern«-Herausgeber Henri Nannen.

Der fast Siebzigjährige hatte der Redaktionskonferenz gerade die Einsetzung einer neuen Chefredaktion verkündet, da brach der Proteststurm los. »Quer durch das politische Spektrum«, beobachtete ein Redakteur, »ging der Widerstand - dies nicht!« Der in Hamburg so genannte »Affenfelsen« bebte.

Dies war die Fortsetzung und mißratene Bewältigung der »Stern«-Affäre um die gefälschten Tagebücher Adolf Hitlers, des größten Presseschwindels seit Hitlers Schwindelpresse. Ausgerechnet der von der Verlags- und Redaktionsführung eingebrockte Nazi-Flop, argwöhnten liberale »Stern«-Leute, sollte nun zur Einleitung einer »konservativen Revolution«, zum »Handstreich von rechts oben« herhalten.

Nach dem Rückzug der tagebuchgeschädigten Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt präsentierte der Vorstand des Verlags Gruner + Jahr als neue Vorstandsmitglieder, »Stern«-Herausgeber und Chefredakteure: *___ZDF-Sonderkorrespondent Peter Scholl-Latour aus Paris, ____59, renommierter Publizist und Immer-noch-Gaullist, und *___Johannes Gross, 51, Herausgeber der ____G+J-Wirtschaftsblätter »Capital« und »Impulse«, ____erzberedter und -konservativer Kolumnist und ____"Tagebuch«-Schreiber der »Frankfurter Allgemeinen ____Zeitung« ("FAZ").

Die einhellige Redaktionsmeinung: »Raus!« für Nannen und Schulte-Hillen. Der Vorstandsvorsitzende wurde zum Rücktritt aufgefordert, verteidigte sich brüllend gegen Schuldvorwürfe, und Nannen tat einem fast weinenden alten Getreuen »eigentlich nur noch leid«. Abstimmung, fast einstimmig: Die beiden Chefs wurden zum Verlassen des Saals aufgefordert - und gingen ab.

Die Erbitterung richtete sich gegen den autoritären Stil einer unsensiblen Personalentscheidung in einer äußerst brenzligen Situation. Fieberhaft hatten die Chefs bei Gruner + Jahr und beim Mehrheitseigner Bertelsmann in Gütersloh integre Figuren zur Schnellreparatur des Rufschadens gesucht.

Die eilig erfundene Paarung zweier publizistischer Schmetterlinge, denen schon bei Funk und Fernsehen die Schreibtischarbeit zu mühsam war, ist offenbar eine mehr tendenz- als arbeitsbezogene Lösung. Die Blattliberalen, die der fahrlässige Hitler-Deal am meisten entsetzte, fühlten sich doppelt düpiert.

Die Erschütterung über die brachiale Personalpolitik verdrängte für eine Weile sogar den Verdruß über die auslösende Fälscher-Affäre, die in den voraufgegangenen Tagen auch den letzten Zug des Grandiosen verloren hatte und an Banalität kaum noch zu überbieten war.

Die Versicherung Henri Nannens, daß der »Stern«, wenn schon betrogen, nun auch die »Geschichte der Fälschung« präsentieren werde, hätte der Illustrierten eine wenig originelle Story verschafft.

Wer hat gefälscht und warum? Die geheimnisvolle Werkstatt in der DDR? Der Naziklüngel in Deutschland und Übersee? Wer hat geliefert? Der pensionierte Generalmajor der DDR-Volksarmee, um schnelles Geld zu machen? Oder ehemalige Waffen-SS-Leute vom Schlage eines General a. D. Karl Wolff? - die vielen Fragen fanden simple Antworten.

Der große Mann in der Kulisse ist der kleine Andenkenhöker Konrad Paul Kujau, 45, alias Fischer alias Dr. Dr. Koja, Stuttgart, Schreiberstraße 22. Ein Mann, der in seinem »Militaria«-Laden Hitler-Reliquien und anderes Zeugs aus dem Dritten Reich an- und verkaufte. Staatsanwaltschaft und Polizei durchsuchten am Freitag seine Geschäftsräume.

Der Polizei ist er seit 1960 bekannt, wegen Diebstahls, Urkundenfälschung, Unterschlagung, Verstößen gegen das Waffengesetz und unerlaubten Waffenbesitzes. Verurteilt wurde er zum letzten Mal im Juli 1980 wegen Titelmißbrauchs.

Die Nachbarn in der Schreiberstraße wissen kaum was über ihn. Zurückhaltend sei er gewesen und wortkarg. Er habe eine Göring-Uniform auf dem Kleiderbügel und auch schon mal mit seinem Nazi-Krimskrams geprotzt. In der Kneipe gegenüber schmiß er ab und an eine Runde.

Einen Tag nachdem das Bundesarchiv die plumpe Fälschung entlarvt hatte, packte er mit seiner Freundin die Koffer; seitdem ist er verschwunden. Zweimal hat Kujau noch von sich hören lassen, telephonisch. Den Waiblinger Sammler Fritz Stiefel, einen Geschäftspartner, rief er am Freitag vorletzter Woche vorgeblich von einem Campingplatz in Bayern an, und beim »Stern«-Reporter Gerd Heidemann meldete er sich »aus der Nähe von Prag«.

Dieser Kujau ist der Lieferant der Tagebücher, ihm ist der »hartnäckigste, raffinierteste Reporter« ("Stern") auf den Leim gegangen. Ihm hat Heidemann nach und nach kofferweise gut neun Millionen Mark zugesteckt. Heidemann über Kujau: _____« Ja, das ist ein Mann, der mir erzählt hat, sein » _____« Bruder sei General der Nationalen Volksarmee, und er » _____« würde dieses Geld mit drei anderen Generalen teilen, um » _____« sich abzusichern. Dieser General hätte von einem Bauern » _____« aus Börnersdorf, der das aus der abgestürzten Maschine » _____« geborgen hat, sichergestellt und würde also nun gemeinsam » _____« mit diesen drei anderen Generalen die Sache zu Geld » _____« machen. Mich hat das überzeugt. »

Verlag und Chefredaktion vom »Stern« auch - Heidemann kannte, wie er selber sagte, »ja nur diese Geschichte«, und er konnte ja »nicht in die DDR fahren und nachforschen«, ob es wirklich stimmte mit der Generalität und ob es »bis zum Armeegeneral Hoffmann«, dem DDR-Verteidigungsminister, »hoch« gegangen sei.

Erst der Anruf »aus der Nähe von Prag« ließ Zweifel aufkommen. Da erzählte Kujau laut Heidemann, _____« daß die ganze Geschichte mit dem General und so » _____« weiter nicht stimmen würde. Er hätte das Zeug aufgrund » _____« einer Annonce, wo er nach Orden und Helm und so weiter » _____« suchte. Es hätte sich einer gemeldet aus der Gegend von » _____« Börnersdorf und hätte ihm diese Bücher angeboten und » _____« anderes Zeug von Adolf Hitler. Nun gab er zu, daß dieser » _____« Mann, der ihm das angeboten hätte, gesagt hat, er solle » _____« doch einfach behaupten, sein Bruder sei General der » _____« Volksarmee. »

»Stern«-Herausgeber Nannen will dieses Dementi offenbar nicht wahrhaben. Er glaubt immer noch an Spuren, die in die DDR führen. Laut »Hamburger Abendblatt« sollen »Bundesbehörden, die die Tagebücher untersuchten«, eine »sehr interessante Entdeckung« gemacht haben: »Die geprüften Bände sind nach einer Methode gebunden und geheftet, die ausschließlich in der DDR in Gebrauch ist.« Tatsächlich jedoch hat das zuständige Bundesamt für Materialprüfung befunden, daß es »sich um Einbindungsarten und Stoffe handelt, die in der DDR durchaus gebräuchlich sind« - was nicht besagt, daß nicht auch anderswo gleiches Material verwandt und nach gleicher Methode verfahren wird.

Wohin die Spuren auch führen - Kujau, der Lieferant, ist die zentrale Figur. Ist er auch der Fälscher? Hat er, wie die »Stuttgarter Nachrichten« als erste Zeitung veröffentlichten, die Tagebücher ganz allein, Stück für Stück selbst geschrieben, deutsche Buchstaben, lateinische Buchstaben, Sütterlin, und Zug um Zug dem »Stern« untergejubelt? Gelernter Kunst- und Schriftenmaler ist er jedenfalls.

Da erschien dieser Tage der Italiener Domenico Modesti, der in Stuttgart zwei Pizzerien besitzt, bei seinem Anwalt und gab, auch zur Verwendung für die Staatsanwaltschaft, diverse Wahrnehmungen zu Protokoll. Kujau habe ihm im Januar 1982 eröffnet, er schreibe für den »Stern« an Hitlers Lebensgeschichte, »Tag und Nacht«, er sei »schon ganz kaputt«.

So schnell kann es gehen, und so kalt kann es einen erwischen, wenn »Frettchen die Strecke bestimmen und nicht die Jagdherren« (so die »Zeit"); Frettchen wie Heidemann, den die »Stern«-Deuter den »zähesten Spürhund, der sich denken läßt«, nannten - und Jagdherren wie Nannen, Koch, Schmidt, die einer »Gruppensuggestion« verfielen, wie Herausgeber Nannen nun einsieht.

»Außer dem Etikett des 'Stern', das jetzt weg ist«, jammerte ein Ressortleiter, »ist hier nicht mehr viel.« Der »Aufregung« über den Fund und dem »Aktionismus« nach der Fälschung folgte zunächst »das große Zusammenbrechen«. Redakteure hatten Tränen in den Augen, als sie bei Anrufen »ausgelacht und abgehängt«, bei Recherchen vor die Tür gesetzt wurden.

Beim »Stern« wurde eine Findungskommission eingesetzt, die hausinternen

Hintergründe des Trauerspiels auszuleuchten; sie stellte ihre Tätigkeit inzwischen ergebnislos ein. Aber erst einmal ging es nur Heidemann an den Kragen. Eine ganze Nacht lang nahmen, nachdem der Schwindel aufgeflogen war, vier »Stern«-Redakteure ihren einstigen Starreporter in die Mangel: Heidemanns Erzählungen über die Herkunft der 60 Hitler-Bände stimmten hinten und vorne nicht.

Noch einmal sechs Stunden beknieten drei Kollegen bei Tee und Sekt den Tagebuch-Beschaffer und seine Frau Gina, mit keinem besseren Ergebnis. In einen dritten Treff bei Heidemanns an der Hamburger Elbchaussee, am Dienstag letzter Woche, platzte die Nachricht, daß Nannen Strafanzeige wegen Betrugsverdachts gegen seinen Reporter eingereicht hatte. Die fristlose Kündigung kam hinterher.

Heidemann hatte stets abgelehnt, seine Quellen beim Namen zu nennen, auch dann noch, als kurz vor dem Abdruck der Gruner + Jahr-Vorsitzende Gerd Schulte-Hillen schriftliche Auskunft von ihm verlangte. Heidemann pochte darauf, Informanten in der DDR würden durch eine Indiskretion in Lebensgefahr geraten (auch er selbst sei vor Racheakten gewarnt worden), und beteuerte: »Beim Leben meiner Kinder schwöre ich Ihnen, daß die Tagebücher echt sind.« Schulte-Hillen: »Das war sehr eindrucksvoll.«

Dabei hätte sich den »Stern«-Chefs frühzeitig erschließen müssen, daß der Reporter Heidemann der Sache weder journalistisch noch persönlich gewachsen war. Doch »Begeisterung bis Euphorie« (Schulte-Hillen) hatten längst auch sie gepackt. Das Milieu, in das Heidemann sich begeben hatte, begann ihn anzuziehen. Dem Sammler, der die Göring-Yacht »Carin II« und jede Menge Hitler-Reste gekauft hatte, fehlten Abstand und Durchblick. Alte Nazis zogen ihn in ihren Bann.

Den Waffen-SS-General Wolff, der wegen Ermordung von 300 000 Juden zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, nennt er einen »netten Mann«; er ist sein Trauzeuge. Den »sehr geehrten Herrn Altmann«, alias Klaus Barbie, einst Gestapochef von Lyon, bat Heidemann 1981 brieflich »um Verzeihung« für die kritische Tendenz einer »Stern«-Geschichte über Barbie. Er bedauerte, »durch diese dumme Geschichte« Barbies »Freundschaft verloren zu haben«. Sogleich wollte er bei dem Ex-Gestapo-Mann alles wiedergutmachen und diente sich ihm als Wahrer von NS-Reliquien an. Heidemann an Barbie: _____« Es ist mir gelungen, den Großteil von Hitlers Besitz » _____« sicherzustellen - hochinteressante Aufzeichnungen, » _____« Aquarelle und Ölbilder aus seiner Hand, die Pistole, mit » _____« der sich der Führer im Bunker das Leben genommen hat (ein » _____« handschriftlicher Brief Bormanns verbürgt das), Kisten » _____« mit Akten aus der Reichskanzlei und dann vor allem die » _____« Blutfahne ... Daß ich die Fahne nicht allzu lange in » _____« Deutschland lagern möchte, werden Sie verstehen. Hier » _____« werden die betreffenden Gesetze und Bestimmungen immer » _____« strenger ausgelegt, und es finden sehr oft » _____« Hausdurchsuchungen nach NS-Orden etc. statt. Vielleicht » _____« können Sie mir raten, wohin man diese Reliquie in » _____« Sicherheit bringen könnte. »

Finanzieren konnte er den teuren Plunder, Hitler-Bilder, Hitler-Autographen, Hitler-Devotionalien, durch ein von Gruner + Jahr gewährtes zinsloses Darlehen von über einer Million Mark. Vorstandschef Schulte-Hillen glaubte an eine besonders gute Kreditsicherung, als er vertraglich auf die Rückzahlung verzichtete und Ansprüche, die Heidemann beim Verkauf der Hitler-Tagebücher zustanden, gegen das Darlehen verrechnen wollte.

Der Historiker und Hitler-Biograph Werner Maser hält die meisten der privaten Heidemann-Objekte für Fälschungen. Dies sagte er beim Kanzlerfest im Juli 1982 auf eine entsprechende Frage auch »Stern«-Herausgeber Nannen. Da Heidemann seinem Herausgeber aber erzählt hatte, seine privaten Reliquien und die Hitler-Tagebücher stammten aus ein und demselben Fund, hätte Nannen stutzen müssen.

Doch alle Hinweise auf eine Fälschung wurden, nicht nur von Nannen, in den Wind geschlagen. »Hysterie der Gläubigkeit«, so ein »Stern«-Redakteur, gedieh im Klima einer vermeintlich heraufdämmernden Weltsensation.

Das Phänomen hatte mit dem Journalismus a la »Stern«, aber auch mit dem einzig auf Effizienz und Kommerz bedachten Kalkül beim Verlag Gruner + Jahr zu tun, der wiederum zum weltgrößten Medienkonzern, Bertelsmann in Gütersloh, gehört. Mit dem Scheckbuch-Journalismus ist der »Stern« groß geworden - zur größten Illustrierten im Lande mit wöchentlich 1,65 Millionen Käufern.

Der Mentor und Motor des Aufschwungs, Henri Nannen, hat als langjähriger Chefredakteur mit Gespür für die Wünsche des Publikums zwar auch eine populär-politische Note ins Blatt gebracht. Aber er war stets auch ein Verfechter der harten »Verkaufe«, wie das Aufdonnern und Hinbiegen von Stories redaktionsintern heißt. Letztlich, sagt ein Ressortleiter, habe sich niemand dem Sog entziehen können, mit dem »das Selbstverständnis des Journalisten vom Selbstverständnis des 'Stern' verschüttet worden« sei.

Abgefedert wurde die rauhe Blattmache bei der Illustrierten in früheren Jahren durch die ständigen Einreden der damaligen Eigentümer und Hauspatriarchen Gerd Bucerius und John Jahr. Allerlei genialische Wurstelei und ein Stück persönlicher Verleger-Verantwortung waren, von tonangebenden Redakteuren oft genug als Belästigung empfunden, aus G + J-Gründertagen in die siebziger Jahre hinein erhalten geblieben.

Das änderte sich, als Bucerius mit dem Verkauf seines Anteils Bertelsmann die

Mehrheit zuschanzte. Mitte der Siebziger übernahmen die »schneidigen Jungs von der Gütersloher Weide«, wie die Hanseaten zuerst noch spotteten, bei Gruner + Jahr das Kommando.

Und das kam Heidemann nun zupaß. Bei den Verlagsökonomen fand er mit seiner Hitler-Spekulation Anklang, als die Redaktion vorübergehend die Lust daran verloren hatte und für den »Tick« kein Geld mehr ausgeben wollte.

Manfred Fischer, damals Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr, der auf Anschaffer Heidemann große Stücke hielt, machte das Projekt mit praktisch unbegrenzten Mitteln wieder flott: Das Thema Hitler gewann einen »gleichsam kapitalpsychologischen Hintergrund« ("Süddeutsche Zeitung").

Ende Januar 1981 lag das Angebot der Tagebücher auf dem Tisch. Heidemann und der Ressortleiter für Zeitgeschichte, Thomas Walde, zogen Fischer und das zuständige Vorstandsmitglied für Zeitschriften, Jan Hensmann, ins Vertrauen. Die Viererrunde entschied, die Bände zu kaufen, und beschloß »absolute Vertraulichkeit«.

Erst drei Monate später wurden Herausgeber Nannen sowie seine Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt eingeweiht. Vor seiner Beförderung zum Bertelsmann-Vorstandschef im Juli 1981 informierte Fischer dann auch seinen designierten Nachfolger Schulte-Hillen, und der behandelte die Offenbarung »wie das allergrößte Staatsgeheimnis« (Schulte-Hillen).

Als Heidemann dann, im Spätsommer, die erste Million bei ihm lockermachen wollte, fiel es Schulte-Hillen nicht leicht, die Anweisung abzuzeichnen: »Ist das wirklich in Ordnung?«

Alles o.k., signalisierten Hensmann und der stellvertretende »Stern«-Verlagsleiter Winfried Sorge bedenkenlos. »Dies ist eine ungeheure Geschichte«, hörte er auch anderswo im Haus. »Ich habe mich heute damit auseinanderzusetzen«, klagt Schulte-Hillen. »daß ich nicht in die Details gegangen bin.«

Das versuchten andere, ansatzweise. Die Chefredakteure ließen sich von Schriftgutachtern die Echtheit der Tagebücher bescheinigen, freilich nicht von Hitler-Spezialisten.

Dann beschloß man, zuerst nur zwei Bände über den Englandflug von Rudolf Heß zu publizieren (ein Plan, der später wieder verworfen wurde), und gab deshalb zwei Blätter aus diesem Bestand zur wissenschaftlichen Papieranalyse. Im Gegensatz zu anderen Tagebüchern und Tagebuchteilen - Kunstlederumschlägen, Klebstoff, Kordeln - war in diesem Fall von den Fälschern altes Papier verwendet worden. Die Expertise ergab die Echtheit.

Die »Stern«-Leute schlossen von zwei Blättern auf 60 Bände und hielten für bestätigt, was sie ohnehin felsenfest glaubten: »Es gibt nicht den Hauch eines Bedenkens gegen die Echtheit der Tagebücher.«

Triumphgefühl kam auf.

Schulte-Hillen sah sich auf der »Brücke eines Dampfers, wo Sie den Leuten vertrauen müssen, die fürs Manövrieren zuständig sind«. Die aber, die journalistischen Steuerleute, ließen das Dickschiff »Stern« aus dem Ruder laufen - es gab ja den Kapitän, den der Gütersloher Eigner Reinhard Mohn an Bord geschickt hatte.

Nannen war, so sagt er, von seinen Chefredakteuren »immer informiert«, aber das Großprojekt Hitler-Tagebücher zu »kontrollieren, war nicht meine Aufgabe« - und die kargen Informationen reichten ihm? Doch die Redaktionschefs Koch und Schmidt ließen sich, bis alles zu spät war, mit der Heidemann-Legende vom Sammler irgendwo in Süddeutschland und seinem General in der DDR abspeisen.

Noch zweieinhalb Stunden vor der vernichtenden Bilanz des Bundesarchivs verkündete Kollege Schmidt den »Stern«-Redakteuren, er sei »gewisser denn je, wir machen das weiter«. Tags darauf nahmen er und Koch den Hut und schieden, mit hohen Abfindungen, aus den Diensten des »Stern«.

Als die Woche zur Neige ging, war das ganze Ausmaß des Pressedebakels sichtbar geworden - aber die wuchtigste Erschütterung stand dem »Stern« erst noch bevor: als am Freitag die Nachfolger für Koch und Schmidt avisiert wurden.

Nach der hektischen, zornerfüllten Redaktionskonferenz machte auch der Verlauf einer Redaktionsvollversammlung am Abend deutlich, daß weder Gross noch Scholl-Latour als neue Chefs willkommen waren.

162 von 164 Anwesenden erklärten sich am Freitagabend auf einer Redaktionsversammlung »außerstande, mit Johannes Gross und Peter Scholl-Latour die bisherige fortschrittlich-liberale Linie des 'Stern' fortzusetzen«.

Dem Verlagschef Schulte-Hillen warfen sie »Ignoranz« vor, weil er das Angebot der Redaktionsvertretung zur einvernehmlichen Findung einer neuen Chefredaktion unbeantwortet ließ - »eine Kriegserklärung«, wie Redakteure und Verlagsleute die sofort über die Presse verbreitete Resolution bewerteten.

Der »Skandal um die 'Hitler-Tagebücher'« steht auch auf der Tagesordnung einer außerordentlichen Betriebsversammlung am Dienstag dieser Woche im Auditorium maximum der Hamburger Universität. »Die Verantwortung«, so eine Vorab-Erklärung von Vertrauensleuten der IG Druck und Papier, trage »in erster Linie der Vorstandsvorsitzende": Schulte-Hillen habe Millionen für einen Schwindel vergeudet, während er »unter dem Stichwort 'Kostenhygiene' Löhne abbaut und Arbeitsplätze vernichtet«.

Der gelernte Maschinenbauer und frühere G+J-Druckereichef Schulte-Hillen war im Konzern bisher als »Pfennigfuchser« und »Sparkommissar« verschrien, der kostenlosen Saft für Spätdienstler strich, Taxis für Sekretärinnen verbot und die Bewilligungsgrenze der Ressortleiter für Honorare und Reisen auf 800 Mark eingrenzte.

»Stern«-Redakteure halten die rigorose Einsetzung von Gross und Scholl-Latour für eine »Lösung aus Gütersloh, wo das Bild des journalistischen Weltmanns aus der Röhre kommt« - Anspielung auf die eindrücklich abgeklärte Bildschirmpräsenz der beiden Neuen an der Spitze.

Gross wie Scholl-Latour wird auch in der Resolution der »Stern«-Redakteure nicht die »persönliche Reputation bestritten und handwerkliches Können abgesprochen«. Nur, ihre »konservativen

Grundhaltungen und Wertentscheidungen« seien »unvereinbar mit der redaktionellen Linie des 'Stern'«.

Der eine, der frankophile Scholl-Latour, hat sich vom Tagesjournalismus längst hinwegbegeben in die Gefilde essayistischen Nachdenkens, Titel seines jüngsten Buches: »Allah ist mit den Standhaften«. Das Managen war er als Programmdirektor beim Westdeutschen Rundfunk in Köln bald leid geworden.

Der andere, der gemessen wendige Gross, hat schon so viele Themen geistreich umplaudert, daß darunter auch Hitler und der Faschismus nicht fehlten. Hitler sei der »anti-christliche, anti-intellektuelle« Verderber des Faschismus gewesen, schrieb er 1981 im »FAZ Magazin«, während sich der romanische Faschismus, eine »progressive Strömung«, »auf eine lateinische Überlieferung und altrömische Tugenden« sowie »Elemente der katholischen Tradition« stützte - manch »schönes Zeugnis« dafür sei in Italien noch vorhanden.

Das konservative Duo an der Spitze des »Stern« kam nicht nur der Illustriertenmannschaft paradox vor. Dem hessischen CDU-Chef Walter Wallmann etwa schien das so, »als käme Willy Brandt an die Spitze der CDU oder Helmut Kohl an die Spitze der SPD«.

So groß war die Erbitterung der Redakteure, daß sie den Vorstand Freitag abend ultimativ aufforderten, diese beiden neuen Chefs bis Sonntag, 14 Uhr, zurückzuziehen. Bis dahin, so der Beschluß, wollten sie ihre Arbeitsplätze »rund um die Uhr« symbolisch besetzt halten - bereit zu weiteren »Kampfmaßnahmen«.

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