Zur Ausgabe
Artikel 42 / 74
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ÄGYPTEN Stern des Orients

Millionen Araber trauern um die Sängerin Umm Kuithum -- die »vielleicht stärkste Verkörperung panarabischen Fühlens«.
aus DER SPIEGEL 7/1975

Nasser nannte sie »meine Geheimwaffe. Gaddafi vertagte seinen Coup gegen den König Idris. weil sic am Tag X in Tripolis auftrat. Und über Jahrzehnte hin verzichteten Arabiens Herrscher ihretwegen am ersten Donnerstag im Monat auf Reden und Massenveranstaltungen.

Denn am Donnerstagabend waren die Straßen der nahöstlichen Städte leergefegt wie deutsche Orte während der Fußball-WM. In saudiarabischen Beduinenzelten, Hütten am Nil und marokkanischen Bergdörfern drängten sich die Menschen vor Transistorradios.

Sie lauschten einer Stimme, die schrill wie der Schrei des Muezzin, rauchig und dunkel wie ein Kontrabaß oder triumphierend wie die Arie einer Wagner-Diva klingen konnte: Umm ("Mutter") Kulthum sang von liebe und Leid, von Volk und Vaterland.

Und als die »Nachtigall vom Nil« am vergangenen Montag in Kairo im Alter von 77 Jahren an Gehirnschlag starb, unterbrachen die Rundfunkstationen zwischen Atlantik und Persischem Golf das Programm und sendeten Trauermusik. Gromiykos Nahostbesuch, die bevorstehende Mission Kissingers rückten aus den Schlagzeilen. Arabien trauerte um den »Stern des Orients«.

»Umm Kulthum und die Pyramiden -- das sind ewige Werte«. schwärmen Millionen Bewunderer der Sängerin. Sie sang Lieder im über tausend Jahre alten arabischen Stil in einer Zeit des arabischen Wiedererwachens und der Suche nach einer eigenen Identität. »Vielleicht von Nasser abgesehen«, urteilt die Londoner »Times«, »ist sie die stärkste Verkörperung panarabischen Fühlens.« Der Rundfunk. vor allem Kairos kilowattstarke »Stimme der Araber«, trug Umm Kulthums Gesang in die hintersten Winkel Arabiens, wo heute auch arme Analphabeten über das Prestige-Objekt Transistorradio verfügen.

Umm Kulthum hatte einst selbst zu den Ärmsten gehört. Ihr Vater war ein Fellache aus dem Nildorf Tarnai el-Scheira, der sich als Sänger auf Hochzeiten ein wenig Extra-Geld verdiente. Er wurde auf die ungewöhnliche Stimme seiner achtjährigen Tochter aufmerksam, steckte sie in Jungenkleider und ließ sie auf Feiern Koranverse vortragen. Ihre Gage für einen Auftritt von fünf bis zehn Stunden: drei Piaster (30 Pfennig). Die als Knabe verkleidete Kulthum trottete fast zehn Jahre lang mit ihrem Vater auf einem Esel durch das Niltal. Dann ging sie nach Kairo, wo sie berühmt und reich wurde.

Allein ihre vorn Rundfunk direkt übertragenen Donnerstagskonzerte -- von 1934 bis 1973 praktisch ununterbrochen im Progranim -- brachten ihr jährlich über 200 000 Mark ein. Scheichs vom Golf reisten dazu in eigenen Jets an und zahlten Phantasiepreise, um dabeizusein. Kairos Polizei mußte gegen die drängenden Massen Sondereinheiten einsetzen. In vielen Gegenden schoß vor dein Donnerstagkonzert der Haschisch-Umsatz in die Höhe: Die Fans wollten sich in die richtige Stimmung versetzen.

Umm Kulthum war indes alles andere als ein bauchwackelnder orientalischer Vamp. Eher wie eine sittsame Matrone wirkend, bewegte sie sich während ihrer stets Stunden dauernden Auftritte nur sparsam, indem sie etwa ihrem Begleitorchester mit einem Spitzentuch Zeichen gab. Nie war sie in Skandale verwickelt. Sie war mit dem angesehenen Arzt Dr. Hassan eI-Hifnawi verheiratet und blieb kinderlos.

Die »Stimme Arabiens« stand über den Parteien: Während der Monarchie pries Umm Kulthum den Herrscher: »König Faruk, mögest du ewig leben.« Sie jubilierte: »Abd el-Nasser und der Nil sind die Väter des (Assuan)Dammes.« Nach der Sechs-Tage-Katastrophe von 1967 verkündete sie trotzig »Ich hab« ein Gewehr«. Sie sang »Gib mir meine Freiheit«, als Präsident Sadat die Sowjet-Berater ausgewiesen hatte, und sammelte vor dem Oktoberkrieg rund fünf Millionen Mark für Ägyptens Kriegsvorbereitungen.

Als die Diva vorletzte Woche todkrank in Kairos Meadi-Militär-Hospital eingeliefert wurde, boten Tausende Araber an, ihrem Idol Blut oder eine Niere zu spenden. Auf die Frage, ob sie von ihren Anhängern so viel Liebe erwartet habe, antwortete Umm Kulthum: »Ja, denn ich habe ihnen meine ganze Liebe gegeben.«

Zur Ausgabe
Artikel 42 / 74
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.