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FRANKREICH Stern übermalt

Israel will auf bereits bezahlte und nach de Gaulles Embargo eingemottete 50 Mirage-Jagdbomber verzichten. Bedingung: Frankreich muß die Flugzeuge selbst verwenden.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Entsetzen im arabischen Lager«, vermeldete die Pariser satirische Wochenzeitung »Le Canard enchainé«, denn: »Israel verkauft Frankreich Flugzeuge.«

Tatsächlich ist Israel heute bereit, Frankreich jene 50 Jagdbomber »Mirage V« zuruckzuverkaufen, die es vor Jahren bezahlt, aber niemals erhalten hatte, weil der damalige Staatschef Charles de Gaulle nach dem israelischen Blitzkrieg 1967 die französischen Überschall-Jets sequestrierte.

Speziell für den Kriegsschauplatz im Nahen Osten hatten Techniker und Ingenieure des Mirage-Produzenten »Avions Marcel Dassault« aus der Standard-Version Mirage III den Wüsten-Typ Mirage V entwickelt -- ein Schönwetterflugzeug mit vergrößertem Aktionsradius und einer nach israelischen Vorschlägen verbesserten Elektronik.

Mit israelischer Seriennummer und dem Davidstern versehen, standen die bereits fertiggestellten und von französischen und israelischen Technikern gewarteten Maschinen zu Beginn des Sechs-Tage-Kriegs auf Flugplätzen der französischen Luftwaffe -- die meisten von ihnen auf dem Stützpunkt Istres bei Marseille. Als de Gaulle sein Embargo verhängte, überpinselten die Franzosen Seriennummern und Davidstern und malten die blau-weiß-rote Kokarde auf.

Am 28. Dezember 1968 überfiel ein israelisches Rollkommando den Flughafen von Beirut und zerstörte 13 arabische Zivilmaschinen. Charles de Gaulle dehnte daraufhin das bislang auf Mirage- Bomber beschränkte Embargo auf alle französischen Waffen-Lieferungen nach Israel aus. Genau ein Jahr später -- am ersten Weihnachtstag 1969 um drei Uhr früh -- rächten sich die Israelis und holten heimlich fünf auf französischen Werften im Atlantikhafen Cherbourg gebaute und noch nicht voll bezahlte Schnellboote ab.

Um eine ähnliche Heimführ-Aktion der schon voll bezahlten Mirage-Jagdbomber zu verhindern, konzentrierte Frankreichs Luftwaffenführung die 50 Mach-Zwei-Jets auf einem Stützpunkt nahe Châteaudun bei Orléans. Dassault-Techniker bauten die Navigations-Instrumente aus und deckten die Flugzeuge mit Planen ab.

110 aus allen Regionen der Großen Nation rekrutierte -- und monatlich ausgewechselte -- Offiziere, Unteroffiziere und Gendarmen bewachen seither die Mirage-Flotte, die nachts von Scheinwerfern angeleuchtet wird. An den drei die »Basis 279« tangierenden Straßen stellten die Wächter Halteverbotsschilder auf, auf zwei von ihnen dürfen nur Anrainer mit Spezialerlaubnis fahren. Ein mit Fernrohren ausgerüsteter Ausguck meldet die Autonummern verdächtiger Wagen an Funkstreifen, die ständig die israelischen Jets umkreisen.

Israels blockierte Jagdbomber schreckten so zwar keine Araber- aber sie töteten dennoch. Am 26. März vergangenen Jahres löste sich bei einer Routine-Inspektion der Schleudersitz einer Mirage V und zerschmetterte den kontrollierenden Dassault-Techniker am Schuppendach.

Trotz des Embargos und der martialischen Bewachung fehlte es den Israelis nie an französischen Waffen und Flugzeug-Ersatzteilen. Die Namen der staatlichen »Manufacture nationale d'armes de Saint-Etienne« und der »Arsenaux d'Etat« stehen auf Munitionskisten, die -- via Belgien -- in israelische Häfen geschickt werden. Sie enthalten Geschosse für die am Suezkanal stationierten israelischen Mörser.

Mitte dieses Jahres schloß die südafrikanische Rüstungsfirma »Armaments Development and Production Corp.« (Armscor) mit Dassault Lizenz-Verträge über den Bau von Mirage-III-Jagdbombern. Südafrika handelt Rüstungsgüter mit Israel.

Jede Woche verläßt ein Neun-Tonnen-Container -- als Diplomaten-Gepäck deklariert -- den französischen Hafen Marseille zur Reise in den Israel-Hafen Haifa. Gewicht einer Mirage III: sieben Tonnen.

Doch will Israel das Waffengeschäft mit Frankreich künftig wieder legalisieren. Da die Mirage-V-Jäger inzwischen nicht mehr auf dem neuesten Stand sind, erklärte sich Israels Regierung zum Rückverkauf bereit.

Zum viertenmal traf Israels Pariser Botschafter Ben Natan vergangene Woche seine französischen Verhandlungspartner. Die Israelis verlangten die Rückerstattung des Kaufpreises von ursprünglich 60 Millionen US-Dollar plus zehn Prozent Verzinsung, eine Erhöhung um den Abwertungssatz von 11,1 Prozent vom August 1969 sowie eine Vertragsbruchprämie.

Die Franzosen waren nur zur Erstattung der Kaufsumme plus drei Prozent Zinsen bereit. Darüber hinaus wollen Frankreichs Verhandler den Israelis die Unterhaltungskosten -- jährlich drei Millionen Franc -- anrechnen, die noch immer offenstehen, nachdem die Israelis die Dassault-Rechnungen regelmäßig an die Franzosen weitergereicht hatten.

Die Israelis scheinen bereit, ihre Geldforderungen zu mindern -- auf einer Bedingung wollen sie aber bestehen: Frankreich muß die Mirage V selbst verwenden und darf sie nicht an Drittländer weiterverkaufen.

Sonst, frozzelt der »Canard enchainé«, »werden die Israelis über ihre Flugzeuge ein Embargo verhängen«.

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