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NKRUMAH Stern von Afrika

aus DER SPIEGEL 10/1966

Auf Postkarten schüttelte er Jesus Christus die Hand. Seine jungen Pioniere sangen: »Nkrumah wird nie sterben, ewig wird er leben.« Und eine staatliche Propagandaschrift (Titel: »Stern von Afrika") prophezeite: »Der allmächtige Gott und die Elemente werden diesen großen Sohn Afrikas immer schützen.«

Am Donnerstag vergangener Woche versagte ihr Schutz. Kwame Nkrumah, 56, Staats- und Regierungschef des westafrikanischen Kakao-Staates Ghana, der sich von seinen Jüngern als »Osagyefo« (Erlöser) und »Oeya Dieya« (Erneuerer aller Dinge) feiern ließ, wurde von seinen Generalen gestürzt.

Er war gerade nach Peking gereist, um sich als Friedensstifter für Vietnam zu versuchen und damit durch eine außenpolitische Großtat von der wirtschaftlichen Misere seines Landes abzulenken. Als seine sowjetische Turboprop-Maschine vom Typ Iljuschin in Peking landete, als der Lenin-Preisträger Nkrumah mit 21 Schuß Salut und schönen Reden empfangen wurde, hatten Armee und Polizei von Ghana bereits alle strategisch wichtigen Punkte der Hauptstadt Akkra besetzt und den Widerstand der sowjetisch ausgebildeten Palastwache Nkrumahs gebrochen.

Die Militär-Aktion gegen Nkrumah war das vorerst letzte Ereignis in einer Folge politischer Wirren, die vergangene Woche Entwicklungsländer in Afrika und Asien erschütterten:

- In Indonesien kämpfte Staatschef

Sukarno um den Bestand seines Regimes, nachdem er zuvor den Verteidigungsminister und Kommunistenhasser Nasution entlassen hatte.

- In Syrien wurde das gemäßigt sozialistische Regime des Ministerpräsidenten Salah el-Bitar von Extremisten der eigenen Regierungspartei gestürzt.

- Im ostafrikanischen Uganda entließ

der Premier Dr. Obote fünf Minister, setzte die Verfassung außer Kraft und sich selbst als Minister ein. Obote: »Der Nkrumahismus hat in Afrika tiefe Wurzeln geschlagen.« Nkrumahismus - das war die verschwommene Ideologie eines vereinten sozialistischen Afrika unter Führung des »Erlösers« Nkrumah. In Ghana selbst führte diese Lehre zu Diktatur, Personenkult und wirtschaftlichem Niedergang.

Nkrumah, Sohn eines Goldschmieds und einer Katholikin, die wegen ihres frommen Lebenswandels »Heilige Jungfrau von Ghana« genannt wurde, ließ alle Personen des Landes verweisen, »deren Anwesenheit dem allgemeinen Wohl schadet«.

1957, als aus der britischen Kronkolonie Goldküste das unabhängige Ghana wurde, lagen 200 Millionen Pfund Sterling (2,2 Milliarden Mark) in der Staatskasse. Heute ist kaum noch ein Viertel davon übrig. Nkrumahs Planwirtschaft und seine Großmannssucht brachten den Staat an den Rand des Bankrotts.

Von 47 staatseigenen Unternehmen, die mit großem Aufwand an Kapital und Propaganda gegründet wurden, arbeitet kaum die Hälfte. Und was sie produziert, ist wesentlich teurer als importierte Ware. Die Repräsentationsbauten Ghanas suchen in ganz Afrika ihresgleichen.

Der Kakao brachte zunächst genügend Devisen ein: Ghana ist der größte Kakao-Produzent der Welt. Dann aber fielen die Kakaopreise auf dem Weltmarkt. Nkrumah hörte gleichwohl nicht auf, ehrgeizige Projekte wie den Volta-Staudamm und das dazugehörige Wasserkraftwerk von Akosombo auf Pump voranzutreiben.

Personenkult und Wirtschaftsmisere - das schien vielen Ghanesen unerträglich, die ihrem »Erlöser« lange willig gefolgt waren, Mehrmals trachteten sie ihm nach dem Leben.

Aus Furcht vor einem neuen Attentat trug Nkrumah stets eine kugelsichere Weste und traute sich selbst bei einem Ghana-Besuch seines Freundes Tschou En-lai nicht aus seiner (von dänischen Sklavenhändlern im 17. Jahrhundert errichteten) Burg Christiansborg heraus.

Existenzangst und wirtschaftlicher Bankrott trieben ihn immer mehr in die Arme der Ostblock-Staaten. Jedesmal, wenn es galt, den Ghanesen das defizitäre Staatsbudget vorzulegen, zog es Nkrumah vor, auf Reisen zu gehen, meist in sozialistische Länder.

Diesmal kam er bis Burma, da machten die Militärs seinem Regime ein Ende. Der ghanesische Rundfunk spielte britische Militärmärsche, dann Musik von Bach und Sibelius.

Nkrumahs ägyptische Frau, die in der Ägyptischen Botschaft um Asyl gebeten hatte, durfte mit ihren beiden Kindern an den Nil fahren. Ihr Mann soll sofort verhaftet werden, falls er zurückkommt.

In Akkra zertrümmerten Bauarbeiter mit Hilfe eines Krans die überlebensgroße »Erlöser«-Statue vor dem Parlament. In Peking begann der gestürzte Staatschef seine Rede auf einem Bankett mit dem Seufzer: »Ich bin froh, hier zu sein.«

Ex-Staatschef Nkrumah, Offiziere

Zum Putsch Musik von Bach

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