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»Stets mit scharfer Munition zum Einsatz«

aus DER SPIEGEL 44/1979

Die Queen winkte von den Treppen

der Gedächtniskirche. Kennedy sprach, was ihm sein Berater Ted Sorensen aufgeschrieben hatte: »Ich bin ein Berliner.« Carter kletterte aufs Aussichtspodest an der Mauer. Breschnew küßte im Osten seine DDR-Brüder. Eigentlich waren sie alle schon mal da -- bis auf die Franzosen.

Die vierte unter den Siegermächten, die in Berlin Verantwortung tragen, holt nun nach, was für den Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe »einfach mal überfällig« war: Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard d?Estaing ist am Montag dieser Woche in der Stadt zu Besuch.

Nahezu auf den Tag genau vor 173 Jahren, am 27. Oktober 1806, hatte dort schon einmal, später freilich nie wieder, ein französisches Staatsoberhaupt Einzug gehalten: Napoleon 1. marschierte damals nach dem Sieg über die Preußen mit Grenadieren und Generalen triumphierend durchs Brandenburger Tor. »Ich komme«, sagt dazu der Nachfolger, »mit anderen Absichten.«

Noch ehe aufgetafelt wird, im Schloß Charlottenburg wie im französischen Hauptquartier, noch bevor der Kanzler hinzustößt und Giscard den Offiziellen der Stadt bedeuten kann, daß Frankreich wenigstens in Groß-Berlin noch Großmacht ist, erweist der Gast den Kommunalpolitikern seines Sektors Reverenz: Acht Minuten lang tut er sich im Bezirksamt Wedding mit Bezirksbürgermeistern und -parlamentariern um -- eine Geste, der die Franzosen Symbolwert beimessen.

Denn in Berlin, sagt der französische Stadtkommandant, Divisionsgeneral Bernard d'Astorg, »erfüllen wir Franzosen die von uns übernommenen Pflichten im Rahmen des Viermächte-Abkommens bis ins Detail«.

Zwar stellen sie mit eben 2700 Soldaten (USA: 5700, Großbritannien: 3600 Mann) das kleinste von West-Berlins Schutzkontingenten. Häufig aber waren es gerade die Franzosen, die auf ihre Art, mit bisweilen pingelig anmutender Akkuratesse, hartnäckiger als andere Berlins Positionen gegen östliche Machtansprüche verteidigen halfen. Befehlshaber d'Astorg, der im Krieg nach Deutschland verschleppt worden war und Träger der Widerstandsmedaille ist: »Selbstverständlich sind wir, wie uns nachgesagt wird, juristisch.« Und wenn es um ihre Rechte in

· Am »Tag der Alliierten Streitkräfte« auf der Straße des 11. Juni.

der alten Reichshauptstadt geht, sind sie von allen Besatzern die größten.

Vielleicht liegt das auch daran, daß die rechtsbewußten Franzosen ihren Status vor allem der Milde ihrer Kriegskameraden verdanken. Denn im September 1944, als sich der Zusammenbruch des Hitler-Reichs abzuzeichnen begann. einigten sich die Großen, daß Berlin gemeinschaftlich von den drei Mächten UdSSR, USA und Großbritannien besetzt werden solle -- kein Wart von Frankreich. Erst fünf Monate später drang Churchill gegen anfänglichen Widerstand Stalins in Jalta darauf, Paris an der vorgesehenen Ockupation zu beteiligen.

Für Roosevelt war das »keine schlechte Idee«. Sein Memento: »Wenn wir ihnen eine Zone geben, dann aus Mitleid.« Darauf Stalin: »Ich bin völlig einverstanden, das ist das einzig wahre Argument, Mitleid.« Am 12. August 1945, drei Monate nach der Kapitulation, übernahm Frankreich seinen Besatzungssektor -- die Stadtbezirke Wedding und Reinickendorf, die von den Briten gestiftet worden waren.

Heute hat die kleinste Schutzmacht, die gerade 31 Panzer vom Typ AMX 13 und zehn vom Typ AMX 30 in Bereitschaft hält, allein in Reinickendorf einen Grenzwall von 36 Kilometern zu beobachten. Im Wedding zählt zum

Terrain unter anderem die Bernauer

Straße in der Mahnmale für tote

Flüchtlinge die Grenzen aufzeigen, die

den in Westberlin stationierten Militärs

gesetzt sind.

Dreimal pro Tag patrouillieren Einheiten des 46. Infanterie-Regiments, des 11. Regiment de Chasseurs (Panzer) und der Gendarmerie an der Mauer. Ihre Aufgabe, so der General d'Astorg: »Sie sollen präsent sein, sie sollen Flagge zeigen, wie es die gegenüber auch tun. Sie sollen sehen, ob neue Befestigungen errichtet, oder feststellen, wo zusätzlich Hunde eingesetzt werden.«

Wie die Sowjets, die täglich siebenbis zehnmal in die West-Sektoren einrollen, entsenden die West-Alliierten ihre Späh-Wagen im Schichtdienst auch gen Osten -- die Franzosen im Schnitt zweimal am Tag, die Engländer viermal, die Amerikaner, natürlich, sechsmal.

Im französischen Demonstrationsauto sitzen jeweils vier Uniformierte -- Offiziere und Unteroffiziere. »Wir müssen immer wieder durch die Mauer wie mit der Nadel in eine Wunde, damit sie nicht vernarbt«, glaubt d'Astorg, der sein Hauptquartier in einer ehemaligen Kaserne der Göring-Luftwaffe hat, »es geht um unseren ungehinderten Zugang in ganz Berlin.«

* Im alten BSC-Fußballstadion.

Immerhin lassen es die Franzosen nicht bei solchen Nadelstichen. Auf einen Ernstfall, wie entfernt der auch sein mag, sind sie schon eingerichtet. Ein Trupp motorisierter Infanterie, etwa dreißig Mann, und drei Panzer sind in der französischen Garnison in ständiger Alarmbereitschaft. Die Eingreifreserve geht mit Stiefeln und Kampfanzug ins Bett. Die Waffen sind schart geladen. Wenn etwas an der

Mauer passieren sollte, so errechneten didie französischen Militärs, »sind wir in

fünfzehn bis achtzehn Minuten am Einsatzort«. Und »unsere Panzer«, so der Stadtkommandant, »ein Novum unter französischen Truppen in Europa«, rücken stets »mit scharfer Munition zum Einsatz aus

Als einzige alliierte Truppe bildet Frankreich auf seinem Berlin-Vorposten Wehrpflichtige aus. Allein 1600 eingezogene Jung-Franzosen (Wehrsold: 250 Franc plus 42 Deutsche Mark, mehr als ihre in der Bundesrepublik oder in Frankreich stationierten Kameraden) lernen in zehneinhalbmonatigem Berliner Waffendienst das Schießen.

Der erste Schritt ins Soldatenleben führt die Rekruten allerdings in ein Berliner Kino. Sonntags um elf Uhr sehen sie im »Gloria«, nahe der Gedächtniskirche, den Dokumentarfilm »Schlacht um Berlin«. Der Besuch eines Aufklärungsfilms des dritten französischen Fernsehprogramms FR 3 über die Realitäten der Großstadt Berlin gehört ebenfalls zum Ausbildungsplan.

Auf diese etwas unerfahrenen Berlin-Verteidiger läßt der Befehlshaber nichts kommen. Seine Jungsoldaten seien meistens ebensogut wie die Berufssoldaten der Amerikaner und Briten. Und dadurch, meint d'Astorg, daß sie Wehrpflichtige seien, bleibe Berlin überhaupt erst im Blickpunkt der Heimat: »Mein ganzes Land beteiligt sich an der Wache in Berlin.«

Gleichwohl setzt der General an jenen Frontabschnitten, an denen Konfrontationen noch am ehesten möglich erscheinen, Profis ein, seine Gendarmerie-Einheiten. Die Gendarmen, die dem Pariser Verteidigungsministerium unterstehen, bleiben fünf Jahre lang in Berlin. Damit und mit den Panzern und natürlich auch im Verband mit den anderen Westmächten, glaubt der General, sei die Bastion Berlin keineswegs nur symbolisch gesichert: »Wir sind 12000 Mann. Auf dem engen Raum einer Stadt ist das eine ganze Menge, und dahinter stehen drei motivierte und in Berlin engagierte Nationen. Wir sind ein großer Knochen, der schwer zu schlucken ist.«

Zu wirklich gefährlichen Lagen jedenfalls ist es, abgesehen von Blockade und Mauerbau, in 34 Jahren Wachdienst nicht gekommen. Die erste große Bewährungsprobe für die Beschützer war das Abschnüren der Zugangswege, die Blockade 1948 durch die Sowjets. Damals allerdings flogen die Franzosen nur vorübergehend mit einigen zweimotorigen amerikanischen »Dakotas« Nachschub in die abgeriegelte Kommune.

Für die Existenz Berlins sorgten die amerikanischen »Skymasters« und britischen »Yorks«. Die noch mit Indochina beschäftigten Franzosen leisteten ihren Beistand am Boden: Mit Hilfe von 19 000 Berlinern stampften sie in einer Rekordzeit von 92 Tagen aus dem Manövergelände in der Nähe ihrer Kaserne »Quartier Napoleon« den Flugplatz Tegel -- heute, mit jährlich vier Millionen Passagieren, West-Berlins einziger Zivilflughafen, für dessen Sicherheit zivile und uniformierte französische Fluglotsen rund um die Uhr sorgen.

Auf bloße Lokal-Konflikte setzten die Franzosen selber bisweilen spektakuläre Akzente. Da befahl beispielsweise der damalige französische Stadtkommandant Jean Ganeval, ehemaliger Buchenwald-Häftling, die Sprengung von drei Sendemasten des Ost-Senders »Radio Berlin«, die den Flugverkehr zur französischen Militärbasis gestört hatten. Und nach dem Mauer-Bau kommandierte General Jean Lacomme Maschinengewehrschützen auf die obersten Tribünenstufen des alten Fußballstadions von Hertha BSC am Gesundbrunnen: DDR-Leute hatten im französischen Sektor auf Reichsbahngelände einen Wasser* Beim Deutsch-Französischen Volksfest (o.), am Nationalfeiertag (u.).

turm besetzt, beflaggt und bemalt und sich der Forderung widersetzt, zu räumen und die FDJ-Fahne einzuholen. Die Kommunisten wurden vertrieben, der Turm wurde gesprengt.

So empfindsam die Militärs auf die östliche Herausforderung reagieren, so penibel pochen auch die Pariser Vertreter auf den Bestand ihrer Besatzer-Rechte. So genau sind sie da, daß sie einmal sogar am Flugplatz Tegel einen Gerichtsreferendar festnahmen, weil der während der Hissung der Trikolore die Hände in den Manteltaschen belassen hatte. Selbst die Tischordnung für ein Senatsessen beim Besuch ihres Außenministers wollten die Franzosen mitbestimmen.

In Berliner Diskussionen über die ursprünglich vom Senat angestrebte und in allen westlichen EG-Regionen schließlich praktizierte Direktwahl der Europa-Parlamentarier überzeugten die Giscard-Vertreter die Amerikaner und Briten davon, daß es wieder einmal auf die schiere Legalität ankomme. Die drei Volksvertreter für Straßburg werden nun vom Abgeordnetenhaus delegiert.

Und auch im Osten der Stadt versuchen die Franzosen hartnäckig, ihre überkommenen Rechte durchzusetzen, allerdings meist nur mit kosmetischem Effekt. So erkannte Paris die DDR zwar an, beharrte jedoch im Ernennungsgesetz auf der Bezeichnung »Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter bei der DDR« und nicht, wie es internationalem Diplomaten-Brauch entsprochen hätte, »in der DDR«.

Keine Frage, daß trotz solchen Beiwerks von gemeinsamer Viermächte-Verantwortung für Groß-Berlin kaum noch die Rede sein kann. In der »Alliierten Kommandantura« redigieren allein die westlichen Verbündeten ihre Befehle und Demarchen. Die Russen, die 1948 einseitig ihre Mitarbeit aufgekündigt haben, sind nur optisch vorhanden: An der Wand eines Sitzungsraumes hängt das Abbild eines ehemaligen russischen Stadtkommandanten. Ein Stuhl jedoch bleibt für die Sowjet-Vertreter reserviert.

Dienstlichen Dauerkontakt mit den einst verbündeten Russen pflegen auch die Franzosen nur noch im Gefängnis -- bei der Bewachung des siechen Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß -- und in der alliierten Luftsicherheitszentrale. Die verbliebene Dreierallianz andererseits zwingt die französischen Verteidiger, ihre sonst sorgsam ausgemessene Distanz gegenüber Engländern und Amerikanern bis auf Tuchfühlung zu verringern.

Anderswo in der Welt etwa lehnen sie gemeinsame Nato-Manöver mit Amerikanern und Briten ab. In Berlin indessen üben selbst die Generalstäbe miteinander, und dort ziehen die Truppen, ein halbes Dutzend Mal im Jahr, im Grunewald und im Tegeler Forst vereint ins Manöver.

Gemeinsam auch sind die westlichen Alliierten allgegenwärtig in der Berliner Kommunalpolitik. Täglich stimmen sich deutsche und alliierte Rechtsberater, Polit-Experten und Polizeifachleute ab. Wöchentlich einmal trifft sich Peter Sötje, Chef der Senatskanzlei, mit den Rathaus-Verbindungsoffizieren. Einmal monatlich steht ein »Ministeressen« mit den politischen Vertretern der Außenministerien auf dem Programm, und alle vier Wochen sehen sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Stobbe und die Stadtkommandanten. »Berlin«, witzelt Kommmandeur d'Astorg, »ist das Paradies der Ausschüsse und Konferenzen.«

Ganz und gar durcheinander gerät alle Abschirmung und Abstimmung im Konsumbereich. Die Genossen Offiziere aus der Sowjet-Union können etwa ihren Château Pommard im Einkaufszentrum »Economats« der Franzosen und ihren Bourbon-Whiskey im PX der Amerikaner einkaufen. Und im Ausnahmefall dürfen auch Schutzbefohlene an den Gaben französischer Lebensart teilhaben:

Während sich Normalbürger ihre Croissants im Kaufhaus des Westens ("KaDeWe") holen oder im 6. Stock Austern »tagesfrisch aus den Pariser Markthallen« schlürfen, können auserwählte Berliner wie der Weddinger Bezirksbürgermeister und »Ehrengendarm« Horst Bowitz ("Bei Giscard trage ich erstmals Amtskette") samt seinem kompletten Abiturjahrgang schon mal im »Pavillon du Lac« dinieren, der ansonsten französischen Berlin-Besatzern reserviert ist. Die Delikatessen fürs Tegeler Feinschmecker-Lokal treffen dreimal wöchentlich frisch aus Straßburg ein -- in Militärzügen, die von Ost-Lokomotiven durch die DDR gezogen werden.

Privatim klappt es ohnehin mit der deutsch-französischen Verständigung, schließlich sind die Bande zwischen der Stadt und dem Staat ungleich älter als das Besatzungsstatut. Die Französische Kirche am Halensee etwa, in der Pastorin Horsta Krum gelegentlich zweisprachig zum Abendmahl bittet, vereint an die 2000 Berliner Hugenotten -- Nachfahren jener von den Katholiken aus Frankreich vertriebenen Protestanten, die nach einem Edikt des Großen Kurfürsten vom 29. Oktober 1685 in Berlin ansiedeln durften.

In der Gemeinde, zu deren Gliedern bis 1948 der spätere Kanzierspion Guillaume zählte, heißt der Kirchenvorstand noch immer Consistoire und der Kirchenkassierer Trésorier. Und nicht wenige von ihnen schicken, traditionsbewußt, ihre Kinder in das im 17. Jahrhundert gegründete Französische Gymnasium, das Collége Francais.

Frankreichfreunden bieten die französischen Kulturzentren in der Stadt -- das »Centre Francais« und das »Centre Bagatelle« im Berliner Norden wie das »Institut Francais« am Kurfürstendamm -- seit Jahren ein breitgefächertes Angebot an Gallischem: vom französischen Kochkurs bis zum historischen Vortrag. Und zum Deutsch-Französischen Volksfest kommen jeden Sommer gut 350 000 Berliner, um Majoretten, Stierkämpfern und Volkstänzern zuzuschauen. Am 14. Juli schließlich, Tag der Unabhängigkeit und der »Offenen Tür«, stürmen Tausende die Berliner Bastille der Franzosen und begutachten Panzer, Räumgerät und Milan-Raketen.

Bernard Widemann, französischer Generalkonsul in Berlin, führt in seiner Residenz eine Statistik mit steigender Tendenz: Für fünfzig deutsch-französische Eheschließungen ließ er 1978 das Aufgebot vorbereiten, bisweilen macht er selber den Standesbeamten. Der Diplomat sieht auch darin »ein Indiz, daß Franzosen gute Berliner sind und daß Deutsche und Franzosen letztlich doch eine Sprache sprechen«.

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