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NORD-SÜD Stickige Luft

Für den Nord-Süd-Gipfel im Oktober in Mexiko gibt es zwischen Industrie- und Entwicklungsländern nur in einem einzigen Punkt Übereinstimmung.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Für Indiens Außenminister Narsimah Rao war es ein »einzigartiges Treffen«. Amerikas Alexander Haig bescheinigte seinem Konferenzpartner großzügig einen »ungewöhnlich konstruktiven Geist«.

Der mexikanische Gastgeber Jorge Castaneda pries die »neue Form des Dialogs«, die er mit seinen Ministerkollegen aus 22 Staaten der Ersten und Dritten Welt gefunden habe. Und Bonns Außenminister Hans-Dietrich Genscher urteilte bereits am ersten Tag der Zusammenkunft, als müsse er die teuren Reisespesen rechtfertigen: »Die Sache hat sich gelohnt, was man nicht von jeder Konferenz sagen kann.«

Wer immer sich äußerte, stets wußten die am vorletzten Wochenende in das mexikanische Seebad Cancun gereisten Außenminister nur Harmonisches über ihr Vorbereitungstreffen für den im Oktober geplanten Nord-Süd-Gipfel der Staats- und Regierungschefs aus acht Industrie- und 14 Entwicklungsländern mitzuteilen.

Mit Unverbindlichkeiten und Schlagworten brachten die Nord-Süd-Unterhändler ohne Mühsal einen scheinbaren Konsens zustande -- trotz handfester Interessengegensätze und enttäuschter Hoffnungen der Abgesandten aus der Dritten Welt.

Die Übereinstimmung besteht einzig darin, im Oktober zwei Tage lang miteinander zu reden über die Wiederbelebung der Weltwirtschaft, über Ernährung, Rohstoffe, Handel, Energie und Währung. Ergebnisse werden gar nicht erst eingeplant, Klimapflege geht über alles.

Es werde, dämpfte Konferenzteilnehmer Genscher vorsorglich, »kein Gipfel der Entscheidungen«, eher schon, so witzelte Österreichs Außenminister Willibald Pahr, eine »fruchtbare Anarchie«. Seinem britischen Amtskollegen Lord Carrington, ohnedies kein Vorreiter im Nord-Süd-Dialog, geht selbst das zu weit: »Ich fürchte«, ließ er sich in Cancun vernehmen, daß die Hoffnungen auf praktische Konzepte »allein durch die Tatsache steigen, daß der Gipfel tatsächlich stattfindet«.

Erfinder dieses Gipfels ist Willy Brandt. Als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission S.30 legt er es darauf an, dem auf zahllosen Mammutkonferenzen festgefahrenen »Dialog der Gehörlosen« neue Anstöße zu geben. Denn, so Brandt: »Die Luft ist stickig von Alibi-Argumenten, die Nichtstun entschuldigen wollen.«

Die Aussichten freilich, daß die Gipfel-Gäste solche Initiativen »kühn und unvoreingenommen« (Brandt) vorbereiten könnten, sind gering: Die Gegensätze zwischen Reichen und Habenichtsen sind größer denn je. Mexikos Außenminister Castaneda sieht in der für Oktober anberaumten Konferenz die letzte Chance, »eine abschließende Offensive gegen Furcht und Tod, Hunger und Ungerechtigkeit« zu starten -- trüber könnte die Bilanz der politischen und wirtschaftlichen Lage kaum aussehen.

Der Spielraum für Zugeständnisse an die Dritte Welt wird durch steigende Inflation und Arbeitslosigkeit in den Industrieländern eingeschränkt. Anstöße zu grundlegenden Verbesserungen versanden aber vor allem deshalb, weil Entwicklungspolitik für die Großmächte USA und Sowjet-Union nur dort interessant ist, wo sie sich als ideologische Waffe einsetzen läßt. Ideen, die nicht in dieses Raster passen, fallen durch.

Zwar wird es nicht zu Rededuellen zwischen den Gegenspielern Ronald Reagan und Leonid Breschnew kommen, weil die Sowjets der Einladung nach Cancun nicht folgen mögen. Statt dessen sucht der Kreml mit immer geringerem Echo den Entwicklungsländern ihre Alibi-These anzudienen, deren Lage sei das »Ergebnis sowohl der jahrhundertelangen Kolonialpolitik der kapitalistischen Länder als auch ein Beispiel für die räuberischen Aktivitäten der westlichen Monopole«.

Schon freut sich ein Berater des US-Außenministers Alexander Haig, der Gipfel im Oktober werde für den amerikanischen Präsidenten eine »gute Gelegenheit« sein, für seine Politik der Stärke zu werben, weil die Sowjet-Union nicht vertreten sein werde. Doch auch dem Westen hat es nie genutzt, mit dem Finger auf die Sowjets zu zeigen.

Die Staaten der Dritten Welt sind immer weniger bereit, sich in den ideologischen Widerstreit der Supermächte einspannen zu lassen. Sie haben ganz andere Sorgen.

1981 müssen die Entwicklungsländer

* 80 Milliarden Dollar (1973: acht Milliarden) für Ölimporte aufwenden,

* eine Schuldenlast von 500 Milliarden Dollar tragen,

* für Energie fast soviel ausgeben wie für Nahrungsmittel: allein die 30 ärmsten Länder zehn Milliarden Dollar.

Zur Verbesserung ihrer Lage fordern die Entwicklungsstaaten vor allem stabile Rohstoffpreise und einen größeren Exportanteil an Fertigwaren. Solche Zugeständnisse haben sich die meisten Industrieländer bislang nicht abringen lassen. Verdrängt ist auch ein »Soforthilfeprogramm«, das Willy Brandt als Gipfelthema vorschwebte und das das Überleben der ärmsten Länder sichern sollte.

Bei diesen Voraussetzungen erhält der Tagungsort des Nord-Süd-Gipfels symbolhafte Bedeutung. Die Stadt Cancun liegt auf der Halbinsel Yucatan. Und Yucatan heißt in der Maya-Sprache: »Wir verstehen euch nicht.«

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