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BERLIN Still miteinander

aus DER SPIEGEL 8/1968

Medizin-Student Götz Friedenberg, 21, lag am Boden. Drei Polizisten hieben auf ihn ein. Photoreporter Heinrich Burger, 26, hielt -- am Abend des 2. Juni 1967 in der Krummen Straße zu Berlin -- die Szene mit seiner Praktina-Kamera fest.

Mehrere Zeitungen druckten das Bild; der Asta der Freien Universität nahm es in eine Beweismittel-Dokumentation auf; die Staatsanwaltschaft, die sich nach den Ausschreitungen bei den Anti-Schah-Demonstrationen vor der Berliner Oper mit 92 Anzeigen gegen Prügel-Polizisten zu befassen hatte, reihte es in ihre Untersuchungsakten ein.

Einer der Anzeiger war Student Friedenberg, der in der Krummen Straße eine Platzwunde am Kopf und Prellungen davongetragen hatte. Im Vertrauen auf das eindeutige Burger-Photo sah er seine drei Häscher schon wegen Körperverletzung im Amt ins Gefängnis wandern.

Die Vorfreude war verfrüht. Denn Berlins Staatsanwaltschaft stellte mitsamt 81 weiteren Fällen auch die Friedenberg-Ermittlungen ein. Oberstaatsanwalt Severin, Leiter des politischen Dezernats, an den Friedenberg-Anwalt Mahler: »Die mit den Zug- bzw. Grup-

* V. l. n. r.: Hauptwachtmeister Nickstat, Oberwachtmeister Haase, Oberwachtmeister Kremkus.

penführern durchgeführte Identifizierungsaktion ... hat nicht zur Namhaftmachung derjenigen Polizeibeamten geführt, die ... als Beschuldigte in Betracht kommen.«

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit: Einer der Polizisten, der Oberwachtmeister Thomas Haase, war festgestellt und einvernommen worden. Aber an die beiden Mitstreiter wollte er sich -- wie seine Vorgesetzten -- nicht erinnern.

Damit war für Oberstaatsanwalt Severin in Zimmer 553 des Moabiter Justizpalastes der Fall erledigt. Doch auf demselben Flur, im Zimmer 525 des Ersten Staatsanwaltes Voigt, gingen die Unauffindbaren still mit einander ein und aus: nebst Haase die Polizisten Klaus Nickstat und Ulrich Kremkus, die im Verfahren gegen Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, den Todesschützen vom 2. Juni, als Zeugen auftraten.

In einem Brief an Severin wies Anwalt Mahler, besser informiert als die Staatsanwaltschaft, auf diesen Umstand hin. Er bat, die Ermittlungen wieder aufzunehmen und »auch auf den Tatbestand der Begünstigung im Amt auszudehnen« (Strafdrohung: bis zu fünf Jahren Zuchthaus).

Die Moabiter Ermittler machten sich erneut an den Fall, doch der Versuch, ihn in aller Stille zu erledigen, mißlang: Berlins »Extra-Dienst«, Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition, berichtete über die Affäre, und der konservative »Tagesspiegel« rügte, daß »diese Staatsanwaltschaft weder in der Lage noch willens war, die ihr in einem Rechtsstaat zufallenden ... Aufgaben zu erfüllen«.

Nicht einmal Justizsenator Hans-Günter Hoppe wollte seine Behörde nun noch vor solchen Vorwürfen schützen. Doch allzu hart mochte er mit seinen Staatsanwälten nicht ins Gericht gehen: Für Hoppe ist der Skandal nur »ein bedauerlicher Fehler«.

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