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Neonazis Stille Faschos

Nationale Emotionen haben in der DDR den braunen Bodensatz nach oben gespült.
aus DER SPIEGEL 2/1990

Die Unbekannten kamen mit Leitern und Farbsprühdosen. Im Schutze der Dunkelheit schlichen sie an dem Sowjet-Gardisten vorbei, der im Ost-Berliner Bezirk Treptow die zentrale Gedenkstätte über den Gräbern für die 5000 im Endkampf um Berlin gefallenen russischen Soldaten bewacht.

An dem Ehrenmal, das teilweise aus dem Marmor der zerstörten Reichskanzlei gebaut ist, schritten sie zwei Tage nach Weihnachten zur Tat. In bis zu 40 Zentimeter hohen Lettern sprühten sie Parolen wie »Besatzer raus« oder »Nationalismus für ein Europa freier Völker« auf den dunklen Stein.

Als der Spuk vorbei war, hatten die Täter acht Sarkophage sowie den Sockel der Krypta besudelt und die Legende zerstört, daß es Rechtsradikalismus im Sozialismus nicht gebe. Jahrelang war von der DDR-Führung jener braune Bodensatz totgeschwiegen worden, der nun mit gesamtdeutschen Emotionen und Vereinigungsforderungen nach oben gespült wird.

Die Unterdrückung von Nationalgefühl und die Frustration über ständige Bevormundung haben in der DDR einen verkappten Rechtsextremismus entstehen lassen - parallel zu bundesdeutschen Entwicklungen, aber ganz eigenständig.

Seit Anfang der achtziger Jahre sind auch in der DDR Verfahren gegen Grabschänder, SS-Fans und Skinheads an der Tagesordnung. Doch sie blieben zumeist unbeachtet und wurden vorwiegend so geführt, »als handele es sich um harmlose Raufereien«, klagt ein Berichterstatter des FDJ-Organs Junge Welt.

Schätzungen über die Zahl der DDR-Skinheads schwanken zwischen 1000 und 3000. Die Zahl der Strafverfahren wegen rechtsextremistischer Delikte stieg von 44 im Jahr 1988 auf 144 in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres.

Republikweit häuften sich, in den Tagen vor und nach den Schmierereien am Treptower Ehrenhain, rechtsextremistische Aktionen. In Halle beschmierten in der Neujahrsnacht rund 300 alkoholisierte Jugendliche das Denkmal für die Opfer des Faschismus mit Parolen wie »SED nein danke«. In Pirna im Bezirk Dresden pinselten Unbekannte »Hitler lebt« in roter und gelber Farbe. In Görlitz klecksten die rechtsextremen Schmierer »Ausländer raus« und »Juden raus« an die Wände.

Erfurts Jüdische Gemeinde registrierte anonyme Anrufe: »Der Ofen von Buchenwald wartet ja noch auf euch.« Auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde Adass Jisroel im Ost-Berliner Stadtteil Weißensee wurde die Grabstelle des am 13. Januar 1939 gestorbenen Rabbiners Moritz Moses Stern beschädigt - die vierte Weißenseer Grabschändung innerhalb eines Jahres.

Der Erfurter Bezirksstaatsanwalt Harri Müller, Anklagevertreter im Prozeß gegen einen ehemaligen NS-Täter, erhielt anonyme Morddrohungen. Für das »ehemalige Deutsche Reich, von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, kämpfen wir«, so das Credo der Briefschreiber, »und nicht um die am Boden liegende DDR oder den Fetzen BRD«.

Im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald, wo rund 56 000 KZ-Insassen ihr Leben ließen, erhielt die Leiterin der Gedenkstätte Pamphlete einer »Untergrundbewegung Republikaner« zugesandt: »Haltet die Öfen offen, jeder Schuß ein Russ' und ein Kommunist.«

Bisher schien die Neonazi-Szene in der DDR abgekapselt und ohne nennenswerte Verbindungen zu Gesinnungsgenossen im Westen. Doch nun, meint der West-Berliner Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, bestehe nicht mehr »der geringste Zweifel«, daß die ostdeutschen Neonazis über »enge Verbindungen zu rechtsradikalen Gruppen in der Bundesrepublik« verfügen.

Eine Verbrüderung wurde jüngst verhindert. Mitglieder der rechtsextremistischen westdeutschen Wiking-Jugend hatten in Osthessen an der Grenze zur DDR ihr Neujahrstreffen abgehalten und die Öffnung eines Übergangs erzwingen wollen. Der geplante Ostmarsch wurde, in Kooperation von West-Polizei und DDR-Grenzern, mit der Festnahme von 50 Randalierern vereitelt.

Zum Namensgeber und Hoffnungsträger für einige Ost-Nationalisten sind, nach Öffnung der Grenzen, die Republikaner (Reps) des bayerischen Populisten Franz Schönhuber geworden. Schönhuber behauptet seit Wochen, seine Reps verfügten im Osten bereits über »intakte Gruppen«. Der Parteichef kündigte letzte Woche die bevorstehende Gründung von Republikaner-Verbänden in der DDR an.

Laut DDR-Presse wurden zum Jahresbeginn etwa in Leipzig Materialien der Republikaner wie Postkarten mit dem Konterfei des Vorsitzenden Schönhuber, Mützen, Feuerzeuge, Kugelschreiber und Parteiprogramme verteilt. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung habe die Volkspolizei »rund 5000 Flugblätter und Handzettel sowie 150 Plakate und 500 Zeitungen der Republikaner« (Neues Deutschland) sichergestellt.

Bis zur Wende waren Einheitspartei und Exekutive nach Kräften bemüht, Anzeichen für rechte Gewalt, sofern nicht mehr zu vertuschen, als verabscheuungswerten Westimport zu kaschieren. Jahrelang beschränkte sich der Apparat auf die stereotype Beschwörung, es gebe im Staat der Arbeiter und Bauern »für derartige Ansichten und Umtriebe keinen Raum«, so das SED-Zentralkomitee noch 1987.

Als im selben Jahr bei einem Punk-Konzert in der Ost-Berliner Zionskirche DDR-Faschos zusammen mit Skinheads aus dem Westteil der Stadt wüteten, mokierte sich die (Ost-)Berliner Zeitung: »Jeder kann sich vorstellen, was sich hier alles tummeln würde, gäbe es keine sicheren Grenzen.«

Er sei zu seiner »abscheulichen Tat durch Filme des BRD-Fernsehens angeregt« worden, zitierte die DDR-Nachrichtenagentur ADN den Schänder eines jüdischen Friedhofs, der 1988 zusammen mit fünf anderen Neonazis abgeurteilt wurde.

Im übrigen gab es Neonazis, nach offizieller Lesart, nur im Westen. Mittlerweile reden jedoch auch Ost-Berliner Verbrechensbekämpfer wie Oberst Wolfgang Pauleit aus der Kripoabteilung des Innenministeriums selbstkritisch vom früheren »Hang zur Verdeckung« des Rechtsextremismus. Es sei jetzt keine Frage mehr, daß ein »harter Kern« von Jungradikalen mit »verfestigter neofaschistischer, rassistischer oder ausländerfeindlicher Einstellung« in der DDR existiere.

Rund zwei Prozent der DDR-Jugendlichen tendieren nach einer Umfrage des Ost-Berliner »Zentralinstituts für Jugendforschung« nach »rechtsaußen«, in örtlichen Schwerpunkten wie Ost-Berlin und Leipzig seien es an die sechs Prozent.

Wolfgang Brück, Kriminalsoziologe vom Zentralinstitut, sieht die »sich formierende rechtsradikale Szene« zwar noch im Anfangsstadium. Die ostdeutschen Skinheads allerdings organisierten sich seit Jahren in illegalen Kommandostrukturen und schotteten sich systematisch gegen amtliche Beobachtung ab.

Ursachenforscher in der DDR wissen längst, daß der Neonazismus keineswegs erst mit Besucherströmen und Westmedien hereingeschwappt ist, sondern hausgemachte Ursachen hat.

Soziale Fehlentwicklungen waren es zum Beispiel, die zum Rechtsruck beigetragen haben. Die Jugend suche sich, so Erhard Hexelschneider, Institutsleiter an Leipzigs Karl-Marx-Universität, ein »Ventil für gesellschaftliche Defizite in diesem Land«. Hexelschneider hatte Gelegenheit zu persönlicher Anschauung: Vor einem Wohnheim der Uni hatten sich eine Woche vor Weihnachten Rechtsgruppen versammelt und lauthals ausländerfeindliche Parolen gegrölt.

Vor allem im Bildungsbereich vermuten DDR-Rechercheure den Ursprung rechter Tendenzen. Die »stalinistische Sozialismus-Variante« habe negative Folgen für die Gesellschaft gezeitigt, klagte Anfang Dezember Manfred Behrend vom Ost-Berliner Institut für internationale Politik und Wirtschaft. Der Staat habe nicht nur Entfremdung im Produktionsbereich, sondern auch die »Erziehung zu Mittelmaß und Doppelzüngigkeit« gefördert.

Erziehungsprodukte seien vielfach »im stillen wirkende Faschos«, junge Menschen, die ansonsten allenfalls als gute Schüler und fleißige Arbeiter auffielen. Sie seien oft, schreibt die Junge Welt, wegen ihrer »preußischen Tugenden« wie Ordnung, Sauberkeit und Disziplin in den Betrieben »geschätzte Mitarbeiter«.

Trendfördernd wirkt offenbar auch die schematische Auseinandersetzung von Staat und Partei mit dem Nationalsozialismus. Die Gründer der DDR, darunter viele ehemalige Widerständler, verbreiteten vier Jahrezehnte lang die Doktrin, die Faschisten, nicht insgesamt die Deutschen, hätten den Greuelkrieg geführt.

»Diese Darstellung«, vermerkt der langjährige Ost-Berliner ARD-Korrespondent Peter Merseburger, »erlaubte es dem angeblich besseren deutschen Staat, sich gleichsam von diesem bösen Kapitel der gemeinsamen Geschichte einfach davonzustehlen.«

Die Geschichtsthesen, in Schulen und Hochschulen stets mit absolutem Wahrheitsanspruch vorgetragen, haben bei den Jungen Widerspruchsgeist genährt. Die Leipziger Volkszeitung beschrieb es am Beispiel eines jugendlichen Skinheads so: »Einpaukerei und ständiges Wiederholen von zwar richtigen Auffassungen und Meinungen, Bevormundung und Besserwisserei stumpfen junge Leute ab, verkehren das Gewollte ins Gegenteil.«

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