Zur Ausgabe
Artikel 76 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Indien Stille Invasion

Millionen Flüchtlinge aus Bangladesch fürchten ihre Abschiebung. Aber die alte Heimat wehrt sich dagegen.
aus DER SPIEGEL 43/1992

Wie Vieh trieben Polizisten die Emigranten zusammen, 132 an der Zahl. Mit einem Bus verließen sie ihr Elendsquartier am Rande der indischen Hauptstadt, um dann in einen Eisenbahnwaggon gepfercht und auf die 42 Stunden dauernde Reise an die Grenze geschickt zu werden.

Ehefrauen und Kinder, Geschwister und Väter blieben zurück im blinden Eifer dieser »operation push back«, bei der Flüchtlinge aus Indiens Nachbarstaat Bangladesch abgeschoben wurden.

Bevor die Bangladeschi den Posten der anderen Seite übergeben wurden, durchlitten sie noch eine erniedrigende Prozedur. Indische Grenzpolizisten schoren den Männern die Köpfe kahl und verbrannten die kleine, in der Hetze zusammengeraffte Habe der Malträtierten zur Abschreckung für emigrationswillige Landsleute: »Sie sollen sehen, aus Indien bringt man nichts mit nach Hause«, so ein Grenzer.

Seit dem Vorfall im September herrscht nervöse Spannung in der riesigen Gemeinde der indischen Bangladesch-Immigranten: Wer ist als nächster dran?

Indiens Parteien haben, vergleichbar den deutschen mit dem Thema Asylbewerber, die Bangladeschi als Politschlager entdeckt. Fühlten sich die meisten der Betroffenen bislang als akzeptierte Flüchtlinge, werden sie nun als »illegale Immigranten« und soziale Störenfriede bezeichnet, die »das kulturelle und demographische Profil des Staates verändern«, so ein Sprecher der regierenden Kongreßpartei.

2000 Menschen pro Monat will allein Delhi abschieben. In der 8-Millionen-Hauptstadt wohnen über 300 000 Bangladeschi. In ganz Indien sind es 16 Millionen, eingesickert in einer stillen Invasion, die seit Jahrzehnten anhält.

Die ersten kamen in den fünfziger Jahren, die meisten 1971, als sich das islamische Ostpakistan mit Indiens militärischer Hilfe nach einem Bürgerkrieg von Westpakistan abspaltete und der Staat Bangladesch entstand.

Aber auch danach riß der Migrantenstrom über die kaum kontrollierbare, 4144 Kilometer lange Grenze nicht ab. Die Menschen flohen aus nackter Not aus Asiens Armenhaus, das noch dazu Jahr für Jahr von verheerenden Überschwemmungen und Sturmfluten heimgesucht wird. »Die Armut war unerträglich«, sagt etwa Samarnath Sen aus Birati in Westbengalen, »hier in Indien müssen wir wenigstens nicht verhungern.«

Die meisten Flüchtlinge ließen sich in den Anrainerstaaten Assam und Westbengalen (jeweils vier Millionen) und Bihar (zwei Millionen) nieder. In Westbengalen mit seiner Hauptstadt Kalkutta war die Assimilation einfach - eine Verschmelzung von ethnischen Geschwistern mit derselben Sprache.

Ihren Lebensunterhalt verdienen die Zuwanderer überwiegend als billigste Tagelöhner, Bau- und Ziegelarbeiter, als Rikscha-Kulis oder Putzmägde. Hunderttausende sind weitergezogen in die Lumpenquartiere Delhis oder nach Dharavi bei Bombay, dem größten Slum Asiens. »Es ist sehr leicht, hier eine Heimat zu finden«, sagt der Dharavi-Bewohner Mohamad, »hier gibt es keine Registrierung, kein Mensch kann beweisen, daß ich Bangladeschi bin.«

Indiens Parteien, vor allem die seit der Unabhängigkeit fast ständig regierende Kongreßpartei, beuten die Einwanderer als Wählerreservoir aus; und die Bürokraten bereichern sich an ihnen.

60 bis 200 Mark Schmiergeld müssen Flüchtlinge für eine »ration card«, eine Art Lebensmittelkarte, berappen. Sie verbilligt nicht nur den Einkauf von Grundnahrungsmitteln und Heizmaterial, sondern dient auch als Berechtigungsschein für den Aufenthalt in der Region. Außerdem erlaubt sie dem Inhaber, sich an Wahlen zu beteiligen.

Solange sie als Stimmvieh parieren, können die Immigranten auf einen gewissen Schutz durch die Mächtigen rechnen. In Assam kam es allerdings schon in den achtziger Jahren zum blutigen Aufruhr einheimischer Studenten gegen die von der örtlichen Kongreßpartei geförderte Einwanderung.

In Westbengalen haben die überwiegend moslemischen Flüchtlinge jetzt die Politiker gegen sich aufgebracht, weil sie eine eigene politische Organisation gründeten und innerhalb des Gastlandes ein »Banglaland für einheimische Moslems« fordern.

Jyoti Basu, der kommunistische Regierungschef Westbengalens, will ihnen die Lebensmittelkarten und damit das Aufenthalts- und Wahlrecht streichen. Und die Hindu-chauvinistische Partei BJP möchte nur noch Hindus aus dem Moslemstaat Bangladesch ins Land lassen und die islamischen Einwanderer ausweisen.

Wieder einmal, kritisierte der Indian Express die rabiate Abschiebeaktion vom September, »werden die Armen und Machtlosen wie seelenlose Objekte von einem Platz zum anderen geschoben und irgendwo, ohne Rücksicht auf ihre eigenen Wünsche, fallengelassen«.

Wo die zwangsausgewiesenen 132 Bangladeschi landeten, ist ungewiß. Die nächsten müssen damit rechnen, zurückgejagt zu werden.

»Wir nehmen sie nur«, verlautbarte Bangladeschs Außenminister Mustafizur Rahman, »wenn Indien die Deportierten mit Dokumenten ausstattet, die eindeutig beweisen, daß sie unsere Bürger sind.«

Das wird schwer, denn die Mehrzahl der von der Abschiebung Bedrohten sind vor langer Zeit schon ohne Ausweispapiere gekommen. Viele sind in Indien geboren.

Nichts als Verwunderung äußerte denn auch Bangladeschs Regierungschefin Begum Khaleda Zia, als sie bei ihrem letzten Besuch in Neu-Delhi auf das Problem der »illegalen Immigranten« angesprochen wurde.

»Wieso illegal«, wünschte die Politikerin von ihren Gesprächspartnern zu wissen, »Sie geben ihnen doch die ,ration cards'.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 76 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.