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Briefe

Stillschweigend geduldet
aus DER SPIEGEL 37/1977

Stillschweigend geduldet

(Nr. 34/1977, SPIEGEL-Redakteur Werner Harenberg spricht mit den Professoren Heide Gerstenberger, Knieper und Preuß über ihre »Mescalero«-Veröffentlichung)

Die Studentenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen hat den Göttinger »Mescalero«-Artikel ebenfalls vollständig veröffentlicht, allerdings versehen mit einer scharfen Kritik daran: aber nicht weil wir den Artikel als Diskussionsgrundlage für geeignet hielten, sondern um der mit Verzerrungen und Verleumdungen geführten Kampagne gegen die Studentenschaften entgegenzutreten.

Gießen KARL-HEINZ FUNCK, RALF MAYER Allgemeiner Studentenausschuß der Studentenschaft der Justus-Liebig-Universität

Terrorismus ist für diese Hochschullehrer eine Frage der Methode; die Sprache des Mescalero fällt unter ästhetische Kategorien, aber am Klassenkampf, am opferreichen Sieg über den Klassenfeind wird nicht gezweifelt. Auf diesen Sieg arbeiten diese hochbezahlten und pensionsberechtigten Beamten eifrig hin, während der verantwortliche Senator Franke mit ihnen »kritische« Dialoge führt, die Gelegenheit zur Selbstdarstellung gekonnt nutzt, aber nicht handelt, als ob es nicht abgestufte disziplinarrechtliche Möglichkeiten gäbe.

Bremen DR. F. MENKE

Bund Freiheit der Wissenschaft/Sektion Bremen

Bei der gegenwärtigen Kampagne gegen drei Handvoll Professoren drängt sich als Tatsachenvergleich die gegenwärtige Hitler-Euphorie auf, die stillschweigend geduldet wird.

Im ersten Fall ein Papier, das im vollen Wortlaut nur wenigen bekannt war. Im zweiten Fall nicht nur ein Papier, sondern Millionen von Zeitschriften, und dank des Regisseurs Fest auch wieder im Kino zu bewundern in einem Film, der den Lebenslauf Hitlers, also eines Massenmörders, neutral als »Karriere« betitelt, wodurch jedes Mitglied unserer Leistungsgesellschaft angeregt wird, sich mit Hitler als Idol zu identifizieren.

Der mögliche Einwand, die Massenexekutionen unter Hitler gehörten einer überwundenen Vergangenheit an, die Todesschüsse gegen Buback und Ponto seien aktuelle Gegenwart, kann das Problem nicht umwenden, daß politischer Mord so lange nicht der Vergangenheit angehört als ein von allen Kulturnationen verworfenes Mittel, wie die emotionalen Voraussetzungen dazu geschürt werden, sei es durch Informationen über Hitler, die weitgehend kommentarlos in den Kinos flimmern, oder durch Kommentare, die man weitgehend informationslos öffentlich verbreitet.

Wildeshausen (Nieders.) PROF. DR. P. GABELE

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