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SPIONAGE Stimme aus der Katakombe

Entlastung für Wiens Ex-Bürgermeister Zilk: Sein angeblicher Führungsoffizier beim Prager Geheimdienst redet ihn heraus.
Von Siegfried Kogelfranz und Mathias Müller von Blumencron
aus DER SPIEGEL 47/1998

Wochenlang hatte der Kronzeuge sich verweigert. Er habe keinen Kommentar zu der Geschichte abzugeben, beschied der ehemalige tschechische Geheimdienstmajor Ladislav Bittman Anfragen zu dem Vorwurf aus Prag, Wiens früherer Bürgermeister Helmut Zilk sei unter seiner Leitung bezahlter Agent des kommunistischen Geheimdienstes StB gewesen (SPIEGEL 45/1998).

Vergangene Woche meldete er sich angesichts der »chaotischen Diskussion in Prag« doch zu Wort und sprach Zilk in einer Erklärung für die tschechische Nachrichtenagentur vom Spionageverdacht frei. Dem SPIEGEL erläuterte der angebliche Führungsoffizier des angeblichen Spions: Zilk sei kein Agent gewesen - bloß ein Gesprächspartner, mit dem er sich »über allerlei Politklatsch« unterhalten habe.

Der frühere Geheimdienstler Bittman, nach seiner Flucht in den Westen 1968 in Prag zum Tode verurteilt, leitet heute unter dem Namen Lawrence Martin-Bittman das »Center for Disinformation« an der Boston University. Das kärgliche Ein-Mann-Institut besteht nur aus dem Arbeitszimmer des Professors, einem von Heizungsrohren durchzogenen fensterlosen Kellerraum mit einem Ambiente, das an den früheren Wirkungsbereich des Überläufers erinnert: In den Regalen stapeln sich Aktenhaufen, alte Bücher, Hunderte von Videobändern, die Computer sind abgedeckt.

In seiner Katakombe gibt sich Bittman »absolut überzeugt«, daß die Zilk-Affäre von innenpolitischen Gegnern des Prager Präsidenten Václav Havel ausgelöst worden sei, um das gesundheitlich und politisch angeschlagene Staatsoberhaupt zu beschädigen. Der Wiener Zilk sei dabei Opfer in einem abgekarteten Spiel.

Bittman, vorher als Major Vizechef der wegen ihrer Skrupellosigkeit berüchtigten Abteilung 8 des StB (Desinformation), war 1966 an die tschechoslowakische Botschaft nach Wien versetzt worden, in die »Hauptstadt der Agenten« während des Kalten Krieges, wie er noch heute schwärmt. Dort spielte er offiziell den Presseattaché und knüpfte Kontakte vornehmlich zu Journalisten, unter denen er Mitarbeiter rekrutieren sollte.

Zilk war damals Fernsehdirektor mit speziellen Interessen für den Nachbarn Tschechoslowakei. Der Pressemann der Botschaft suchte ihn »etwa alle sechs Wochen für eine halbe bis eine Stunde auf, entweder in seinem Büro oder zu Hause«, so Bittman heute. Das Verhältnis sei freundschaftlich gewesen, einmal habe er sogar seinen Sohn zu einem Treffen mitgebracht: »Das allein zeigt schon, daß Zilk kein Agent war - zu den eisernen Regeln unter Geheimdienstlern zählt, einen Agenten nie zu Hause oder an seinem Arbeitsplatz aufzusuchen und schon gar nicht mit dem eigenen Kind.«

Natürlich habe Zilk in seiner bekannten Art Klatschgeschichten erzählt, Gerüchte und Geraune aus den Kulissen der Wiener Regierungs- und Parteienszene. Das alles sei jedoch »oberflächlich« gewesen, und »nie habe ich Papiere oder anderes Material von Zilk bekommen, nie hatte Zilk den Status eines Agenten«. Zu seiner Zeit habe es »keine Verpflichtungserklärung Zilks« gegeben - »von mir hat er auch nie Geld bekommen, allenfalls kleine Geschenke, wie das so üblich war, vielleicht eine Flasche Likör oder ein paar Weine«.

Zu den 66 000 Schilling (9600 Mark), die nach Prager Angaben als Spitzellohn an Zilk gezahlt wurden, äußert sich Bittman so: »Hätte Zilk tatsächlich spioniert, hätte er von mir sehr viel mehr bekommen.« Allerdings erinnert sich Bittman, daß Zilk ihm auf seine Bitte hin Tonbandkassetten besprochen habe, die er dann nach Prag weiterleitete. Möglicherweise ("Das alles ist schließlich 30 Jahre her") habe er auch selber Unterhaltungen mit seinem Tonbandgerät mitgeschnitten, »aber auf jeden Fall mit Billigung von Zilk«.

Der Wiener, der Bittman als »kultivierten Mann« in Erinnerung hat, den er vielleicht zehnmal getroffen habe, will von Tonbändern oder Kassetten nichts wissen. Auf keinen Fall habe er für den Tschechen etwas aufgenommen. »Ich kann mit solchen Werkln gar nicht richtig umgehen«, sagte er der Wiener Zeitschrift »News«.

Aber warum war der Prager Geheimdienst an Zilk so interessiert, wenn der doch nur Unverbindliches ausplauderte? Dazu meint Bittman, man habe damit gerechnet, daß der ehrgeizige Wiener noch eine große Karriere vor sich haben könnte. Und damit wäre womöglich ein »Einfluß-Agent« zu gewinnen gewesen, »ein Mann wie Guillaume in Deutschland«. Zumindest habe Prag damit gerechnet, daß der liberal gesinnte Journalist einmal den Wiener Fernsehintendanten Gerd Bachér ablösen würde, der als »aggressiver Antikommunist« verhaßt gewesen sei.

Zilk wurde nie TV-Intendant, wohl aber Minister und langjähriger Bürgermeister von Wien - nach Bittmans Zeit. Weiter an der tschechoslowakischen Botschaft wirkte Bittmans Vorgesetzter, Oberstleutnant Evzen Vacek. Der wiederum erklärte jetzt in einem Brief an den österreichischen Bundeskanzler Viktor Klima, Zilk habe »niemals mit dem tschechoslowakischen Geheimdienst kollaboriert«.

Den verunglimpften Zilk hat Präsident Havel nach Prag eingeladen, damit er seine Akten einsehen könne, was der Österreicher als Ausländer laut Gesetz aber gar nicht dürfte. Der mit 71 immer noch rastlose Zilk kann der Einladung zur Zeit sowieso nicht folgen: Er reist gerade in Vertretung des Wiener Bürgermeisters an der Spitze einer österreichischen Wirtschaftsdelegation durch China. SIEGFRIED KOGELFRANZ

MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON

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