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Kirche »Stimme des Eiferers«

aus DER SPIEGEL 14/1995

Der katholische Theologe lehrt seit 1960 an der Uni Tübingen. Bis 1979 war Küng, 67, Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät. Seit der Vatikan dem Kirchenkritiker die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen hat, ist er, außerhalb der theologischen Fakultät, ordentlicher Professor für ökumenische Theologie.

SPIEGEL: Die am letzten Donnerstag veröffentlichte Enzyklika »Evangelium vitae« verurteilt in einem Atemzug Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbruch und Sterbehilfe. Wie verbindlich sind diese Aussagen für Katholiken?

Küng: Es ist zwar auffällig, daß in dem Dokument das Wort »unfehlbar« konstant vermieden wird. Dieses Reizwort wird vom Vatikan seit langem umgangen. Aber der Papst hat seinen Unfehlbarkeitsanspruch natürlich nicht aufgegeben, im Gegenteil. In dieser Enzyklika wird bei den genannten Verurteilungen alle Autorität mobilisiert, die ein Papst aufbieten kann: die Autorität Petri, Schrift, Tradition und ein angeblicher Konsens der Kirche. So will er Andersdenkende in Volk, Klerus und Episkopat von vornherein einschüchtern und kritische Theologen zum Schweigen zwingen.

SPIEGEL: Aber »unfehlbar« ist der Papst doch nur, wenn er ausdrücklich »ex cathedra« spricht.

Küng: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Lehmann hat recht, wenn er sagt, daß der Papst hier wie bei den Marien- und Papstdogmen von 1854, 1870 und 1950 »definitiv und mit letzter Verbindlichkeit« spricht und »mit der höchsten Gewißheitsstufe seines Lehramtes«. Das sind aber nur andere Worte für »unfehlbar«. Viele Katholiken wissen nicht, daß es zwei Arten von Unfehlbarkeit gibt: die »außerordentliche« einer Papst- oder Konzilsdefinition und die »ordentliche«, normale, wenn ein definitiver Konsens des Gesamtepiskopats und des Papstes in einer Frage des Glaubens oder der Sitten festgestellt wird.

Und genau dies tut der Papst jetzt in den umstrittenen Fragen. Man kann deshalb, so bequem dies katholischen Theologen wäre, dem dogmatischen Zentralproblem Unfehlbarkeit nicht ausweichen.

SPIEGEL: Was bleibt da noch an Gewissensfreiheit für die Gläubigen und an Lehrfreiheit für die Theologen?

Küng: Nichts. Bei einer unfehlbaren Lehre gibt es nach römischer Auffassung weder Freiheit des Gewissens noch akademische Lehrfreiheit. Gläubige und Theologen haben ihr Gewissen der unfehlbaren Lehre zu unterwerfen. Widerspruch ist nicht mehr gestattet. Theologen riskieren bei Zuwiderhandlung den Entzug ihrer Lehrbefugnis.

SPIEGEL: Zugleich fordert der Papst die Gläubigen zum aktiven Widerstand gegen Staatsgesetze auf, die unter bestimmten Bedingungen Abtreibung oder Sterbehilfe gestatten.

Küng: Das ist nur einer der zahlreichen Widersprüche in dieser Enzyklika. Wenn es um Positionen der Kirche geht, sollen die Gläubigen selbst in einer demokratischen Gesellschaft Widerstand praktizieren. In der Kirche aber sollen sie bloß Gehorsam üben und schweigen, selbst wenn sie aus Gewissensgründen anderer Überzeugung sind. Selbstverständlich verdient der Papst Unterstützung, wenn er gegen eine »Abtreibungsmentalität« angeht oder auf die personale Würde des sterbenden Menschen hinweist. Doch mit seinem unbarmherzigen Rigorismus wird er den zahllosen Menschen nicht gerecht, die in größter Not vor einer schweren Gewissensentscheidung stehen. Viele Frauen sind zu Recht empört, wenn sie wegen eines Schwangerschaftsabbruchs faktisch als Mörderinnen kriminalisiert werden.

SPIEGEL: Das entspricht offenbar dem düsteren Weltbild des Papstes. Johannes Paul II. teilt die Menschheit auf in eine »Kultur des Lebens« und eine »Kultur des Todes«.

Küng: Eine apokalyptisch anmutende Schwarzweißmalerei. Man kann doch nicht als »Verschwörer gegen das Leben« alle diejenigen bezeichnen, die aus verantworteter Elternschaft Empfängnisverhütung praktizieren. Oder die in Fragen von pränataler Diagnose, Schwangerschaftsabbruch und Sterbehilfe in höchster Gewissensnot anders als der Papst entscheiden. Oder die als Ärzte, Pflegepersonal und Berater den Betroffenen dabei helfen. Oder die als Abgeordnete bei der Abtreibungsgesetzgebung aus innerer Überzeugung zum Beispiel für eine eugenische Indikation eintreten. In diesen intimsten Fragen des Menschenlebens und in oft bedrückenden Gewissensentscheidungen brauchen die Menschen die Stimme des guten Hirten und nicht die des rigoristischen Eiferers.

SPIEGEL: Welche Folgen wird die Enzyklika innerhalb der katholischen Kirche und auf die profane Gesellschaft haben?

Küng: Der Papst setzt sich in seinem »Evangelium des Lebens« für unverzichtbare Forderungen des Ethos ein, die vielen Menschen am Herzen liegen und die auch die meinen sind. Aber durch Extrempositionen in den umstrittenen Fragen wird er leider die katholische Kirche noch mehr polarisieren, als er es schon bisher tat. Eines jedoch wird er nicht erreichen - das hat schon die Kairoer Bevölkerungskonferenz gezeigt: der ganzen Menschheit seine rigoristischen Moralpositionen aufzuzwingen. In düsterer Vorahnung erwartet ja auch Bischof Lehmann ein »wütendes Aufbegehren« in der Bevölkerung, wenn der Papst Geburtenregelung, Beschränkung des Bevölkerungswachstums und Schwangerschaftsabbruch in eine »innere Nähe zueinander« bringt. Die Enzyklika wird leider keine Menschheitsprobleme lösen. Sie wird sie eher verschärfen. Y

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