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BUNDESTAG Stoff vom Wischmopp

Kokser im Bundestag? Ein Sat.1-Reporter begab sich auf Spurensuche. Er hat allerdings nicht den besten Leumund.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Wolfgang Zeitlmann, 59, hatte es offenbar schon lange geahnt. »Im Hause gibt es politische Kräfte, die die Drogenbenutzung legalisieren wollen«, verkündete der CSU-Rechtsexperte und folgerte: »Vermutlich aus eigenem Interesse.« Nach somit geklärter Motivlage gelte nur noch zu ermitteln, »wie weit man das den Grünen anhängen kann«.

Drogenhöhle Bundestag? Das Parlament ein Hort von Koksern? Muss, wie Entertainer Harald Schmidt spottete, der Fußball-Lehrer und Daum-Nachfolger Rudi Völler ("Ich bin sauber") nun auch die Leitung der Bundesregierung übernehmen?

Wie ein Donnerschlag hallte in der vergangenen Woche das Urteil des Nürnberger Pharmakologen Fritz Sörgel durch Berliner Parlamentsflure und Redaktionen: »Ein Drogenhund wäre im Deutschen Bundestag wohl fündig geworden.« Im Auftrag des Sat.1-Magazins »Akte 2000« hatte der Professor Putzlappen, Marke Sagrotan, untersucht, mit denen der Reporter Martin Lettmayer 28 Herrentoiletten im Reichstag durchgewischt hatte. Die Analyse ergab angeblich gleich 22 Kokainfunde in Konzentrationen zwischen 2,86 und 0,0796 Mikrogramm.

Der »Scoop« ("Akte«-Chef Ulrich Meyer) des Schneestöberers, der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse empörte, den Ältestenrat beschäftigen soll und den CSU-Abgeordneten Eduard Lintner nötigte, alsgleich seinen schütteren Schopf für Haarproben anzubieten, dürfte schnell zum Flop werden.

Wissenschaftler Sörgel hat nach eigenem Bekunden kaum Erfahrung mit Kokaintests. Eine genaue Analyse des Stoffs, die Aufschluss hätte geben können über Konsistenz und mögliche Quellen, unterblieb aus Zeitmangel.

Kokssammler Lettmayer wiederum hat in seiner Branche nicht den besten Leumund. Schon bei der Spurensuche ignorierte der Rechercheur Sörgels explizite Anweisung, sich Kacheln und Klobrillen mit Handschuhen zu nähern. Doch habe sich der 36-Jährige, wie Moderator Meyer treuherzig versichert, immer die Finger gut gewaschen. Er traut Sörgels schriftlicher Erklärung und eigener Menschenkenntnis: »Bei uns macht der Mann seit Jahren einen einwandfreien Job.«

Lettmayer, der sich bis zum vergangenen Freitag selbst nicht befragen lassen mochte, könnte sich an andere Zeiten erinnern. So flimmerte am 12. Juli 1994 um 21.15 Uhr bei West 3 eine Reportage über den Bildschirm, die dem Journalisten später noch »ziemliche Bauchschmerzen« bereitete. Grund: In seiner Reportage wurde gelogen.

Er zeigte in einer über 90 Sekunden langen Sequenz deformierte Säuglinge. Sie seien, so der Kommentar, Opfer eines verheimlichten Strahlenunfalls im Ural. Die Aufnahmen stammten aus einem Haus in Tscheljabinsk. »Hier finden wir ein paar der jüngsten Opfer«, heißt es, von Trauermusik begleitet. »Die Bilder verkrüppelter Kinder und an Leukämie leidender Anwohner des Katastrophengebiets gehen an die Nieren«, notierte damals das »Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt« in seiner Fernsehkritik.

In Wahrheit waren die Kinder nicht im Ural gefilmt worden, sondern 1500 Kilometer entfernt in einer Moskauer Klinik. Bevor Lettmayer sie in seinen vermeintlich aktuellen Beitrag einbaute, lagerten die Bilder bereits zwei Jahre in einem Archiv.

Als wenig später der Schwindel aufflog, verwies Lettmayer auf branchenübliche Kniffe. »Ich kann Ihnen in jedem zweiten Film Bilder zeigen«, ließ er sich zitieren, »die ungenau, oder wenn Sie so wollen, unkorrekt sind.«

Im jüngsten Kokainbeitrag dürfte dies ohne seine Hilfe schwer fallen. Gegen Gepflogenheiten seriöser TV-Magazine stöberte Lettmayer mit Kamera und Pröbchentasche allein durch die Klos im Reichstag. Einen neutralen Beobachter, der die Latrinenwischerei samt Abgabe der Proben hätte bezeugen können, wollte er offenbar nicht mitnehmen.

So blieb zunächst ungeklärt, ob in den Toiletten tatsächlich kräftig gekokst wurde, oder der Stoff vom Wischmopp des Reinigungspersonals oder vom Reporter selbst quer durch die Toiletten geschleppt wurde.

Doch sein Chef Meyer hat für derlei Arbeitsweise offenbar vollstes Verständnis: »Das wäre ja aufgefallen, wenn Männer sich gemeinsam im Klo einschließen.«

Ohnehin gibt sich der adrette Moderator, dessen Firma Meta Productions seit fünf Jahren die »Akte«-Reporterserie für Sat.1 produziert, höchst überrascht vom Echo auf die jüngste Sendung. »Wir wollten nur belegen, dass Kokain überall sein kann«, sagt Meyer.

Damit steht er nach Auffassung von Experten auf der sicheren Seite. Laut Analyse hatte Lettmayer aus einem beliebigen Taxi eine Koksmenge von 3,21 Mikrogramm gekratzt - deutlich mehr als in jeder Reichstagstoilette. Im vergangenen Jahr fand ein britisches Institut an nahezu allen untersuchten Geldscheinen Kokainspuren. »Kokain ist eine Substanz, die sehr leicht fliegt«, sagt Gustav Drasch, Toxikologe und Rechtsmediziner an der Universität München. »Als das Landeskriminalamt Haaranalysen einführte, musste das Labor monatelang gereinigt werden, um alle alten Kokainspuren zu beseitigen.«

Für die von Sat.1 als Junkies verdächtigten Parlamentarier weiß Drasch Entlastendes zu berichten: »Wer will, kann Kokain auch in ägyptischen Mumien nachweisen.« VERONIKA HACKENBROCH, ALEXANDER NEUBACHER

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