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Stoltenbergs Wehrarithmetik

aus DER SPIEGEL 48/1989

Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg will die Bundeswehr in den nächsten sechs Jahren drastisch verkleinern. In Absprache mit Bundeskanzler Helmut Kohl wird der Minister dem Bonner Kabinett vorschlagen, die Truppenstärke bis 1996 von bislang 495 000 auf 420 000 Mann zu reduzieren.

Widerstand gegen diesen neuen Vorschlag regt sich in der Bonner Koalition nicht, obwohl im vergangenen Frühjahr noch offiziell die Devise galt: »operatives Minimum« der Truppenstärke seien 456 000 Soldaten in den Garnisonen plus 15 000 wehrübende Reservisten sowie 24 000 Männer Gewehr bei Fuß in Verfügungsbereitschaft. Andernfalls, so hatten Kohl und seine Mannen damals gewarnt, breche die »Vorneverteidigung« der Nato längs der innerdeutschen Grenze zwischen Freiburg und Freilassing zusammen.

Künftig soll diese Rechnung nach Vorstellung von Stoltenberg nicht mehr gelten. 420 000 aktive Uniformträger, 10 000 Wehrübende plus 40 000 Reservisten in Verfügungsbereitschaft, so die neue Wehrarithmetik des Ministers, tun's auch, ohne daß die Allianz Schäden nimmt.

Doch auch diese Rechnung des Hardthöhen-Chefs hat einen Pferdefuß, wie er kürzlich Kabinettskollegen und Wehrpolitikern der Koalition gestand. Sie geht nur auf, wenn gleichzeitig der Wehrdienst um 3 auf 18 Monate verlängert werde.

Entsprechende Pläne, erklärte Stoltenberg, beruhten auf der »Gesetzeslage«. Die sieht vor, daß eine im Frühjahr dieses Jahres nach heftigem Koalitionskrach von den Liberalen durchgesetzte Formel gilt, wonach die 1986 beschlossene Verlängerung des Wehrdienstes bis Juni 1992 nur »ausgesetzt« werde.

Mit dieser Formel wäre - theoretisch - in zweieinhalb Jahren der Weg für eine Verlängerung des Wehrdienstes von 15 auf 18 Monate wieder frei. Doch daran mag offenbar selbst Stoltenberg nicht glauben. Gegenüber Parteifreunden ließ er jetzt anklingen, die künftigen Bundeswehrstrukturen müßten so flexibel sein, daß auch eine weitere Verkleinerung der Bundeswehr möglich ist. In Zeiten von Glasnost, Perestroika und offener Mauer »müssen wir uns«, so ein Hardthöhen-Planer, »wahrscheinlich auf ganz andere Wehrdienstzeiten gefaßt machen«.

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