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GEFANGENE Stopfen oder Nudeln

In britischen Gefängnissen werden Häftlinge gequält -- durch Zwangsernährung.
aus DER SPIEGEL 7/1974

Die Gefangene bäumte sich auf, versuchte zu schreien, konnte aber nur röcheln. Wärterinnen hielten sie auf der Gefängnispritsche fest. Erst als ihr Gesicht sich verfärbte, wurde der lange Gummischlauch aus ihrem Mund gerissen. Die Frau erbrach Blut und gelblichen Brei. Ein Beamter hatte den Schlauch, mit dem sie »gestopft«, zwangsernährt werden sollte, in die Luft- statt in die Speiseröhre eingeführt.

Die Szene könnte aus einem Horrorfilm stammen -- doch »Stopfen« ist tägliche Praxis in den drei britischen Zuchthäusern Brixton, Wormwoos Scrubs und Gartree.

Hier, in den sichersten Strafanstalten Englands, sitzen seit dem 14. November vier prominente Strafgefangene ein: Marion, 19, und Dolours, 23, Price, Gerard Kelly, 19, und Hugh Feeney, 21, -- Anführer eines IRA-Kommandos, das im März 1973 in London mehrere Bomben explodieren ließ. Ein Mann wurde getötet, die vier Hauptangeklagten erhielten jeweils lebenslanges Zuchthaus und zusätzlich 20 Jahre Haft.

Seit der Urteilsverkündung befinden sie sich im Hungerstreik. Sie wollen ihre Verlegung in nordirische Gefängnisse durchsetzen, damit Familienangehörige sie besuchen können.

Solche Verlegungen sind in England üblich: Zwischen 1971 und 1973 wurden sechs irische Häftlinge, die in England verurteilt worden waren, in ihre Heimat verlegt. 18 in Nordirland verurteilte Personen dürfen ihre Strafe in England absitzen. Einer der so Bevorzugten ist der berüchtigte Albert Baker, der von einem Belfaster Gericht vierer sektiererischer Morde an Katholiken überführt wurde und verdächtigt wird, weitere sieben begangen zu haben.

Mrs. Price, der fast tauben und schwerkranken Mutter der beiden »Schwestern des Schreckens« ("The Observer"), wurde von der britischen Regierung die Erstattung der Reisekosten für ihre Gefängnisbesuche angeboten -- unter der Bedingung, daß sie per Schiff und Eisenbahn reist. Ein solcher Trip aber würde über die physischen Kräfte der alten Frau gehen: Er dauert 26 Stunden -- für nur eine halbe Stunde Besuchszeit pro Wochenende.

Die beiden männlichen Häftlinge, die ihre Anerkennung als politische Gefangene erreichen wollen und sich deshalb weigern, Anstaltskleidung zu tragen, dürfen überhaupt keinen Besuch empfangen. Seit zehn Wochen liegen sie nackt in ihren Zellen, der tägliche Spaziergang wurde gestrichen.

Der Zustand der Gefangenen ist nach monatelanger Behandlung durch die Gefängnisärzte »erbärmlich«, wie die radikale sozialistische Unterhausabgeordnete Bernadette Devlin-McAliskey nach einem Besuch bei den Mädchen mitteilte: »Sie sind nicht wiederzuerkennen. Dolours hat fast 30 Pfund Gewicht verloren, ihr dunkles Haar ist stumpf geworden, an den Wurzeln sogar weiß. Ihr Gesicht ist eingefallen, die Haut aschfahl.«

Denn in englischen Gefängnissen geschieht, was in Deutschland sogar für Tiere (nach Paragraph 3 Ziffer 7 des Tierschutzgesetzes) verboten ist: »durch Anwendung von Zwang Futter einzuverleiben« -- und nach dem Kommentar zu diesem Gesetz fällt auch das »Stopfen oder Nudeln des Geflügels« unter das Verbot.

In Großbritannien hat die Zwangsernährung Gefangener eine lange Tradition. Zwischen 1909 und 1913 waren bombenlegende Suffragetten in den Gefängnissen massenweise in den Hungerstreik getreten und daraufhin zwangsweise ernährt worden.

Seither hat sich die Art des Zwangs kaum geändert: Mit einem Holzkeil wird der Mund des Gefangenen unter Aufsicht des Gefängnisarztes auf geklemmt, dann ein Schlauch durch die Speiseröhre in den Magen geleitet, schließlich eine breiige Masse eingeführt -- mal gepumpt, mal mit Flüssigkeit hineingespült.

Im Fall der Price-Schwestern werden jeweils 700 Gramm »Complan« gestopft, ein Gemisch aus Magermilch, Mineralstoffen, Vitaminen. Der Brei hat etWa 1700 Kalorien. In einem Brief schildert Dolours Price die widerliche Prozedur und ergänzt: »Dr. Blyth, der uns das Zeug einverleibt, höhnt jedesmal: 'Vergeßt nicht -- es ist für eine gute Sache.'«

Der täglich um zehn Uhr sich wiederholende Akt ist nicht nur schmerzhaft -- die Häftlinge haben wunde Kehlen, aufgesprungene Lippen, anhaltendes Übelkeitsgefühl und Gleichgewichtsstörungen -, er ist auch gefährlich: Am 25. September 1917 starb der IRA-Revolutionär Thomas Ashe im Dubliner Mountjoy-Gefängnis an den Folgen einer Zwangsfütterung durch britische Beamte. Bei der den Vorfall untersuchenden Gerichtsverhandlung stellte die Jury als Todesursache Mißhandlungen fest und qualifizierte die Zwangsernährung als »gefährlich und unmenschlich«.

Die britischen Behörden stehen freilich vor einem Dilemma. Einerseits ist die rechtliche Grundlage der Zwangsernährung umstritten: Nach britischem Gesetz darf jedermann ohne Androhung von Strafe versuchen, sich das Leben zu nehmen -- also auch in den Hungerstreik treten. Viele Ärzte halten zudem die Zwangsernährung für unvereinbar mit ihrem Berufsethos.

Intravenöse Ernährung ist als Alternative auch nicht möglich, weil die Nährflüssigkeit über Stunden tröpfeln muß -- was am Widerstand der Gefangenen scheitern würde,

Andererseits will das offizielle England verhindern, daß, wie schon so oft, verurteilte IRA-Führer in britischen Gefängnissen zu Märtyrern werden:

In eben jenem Brixton, in dem heute die zwei Schwestern leiden, starb 1920 der mittlerweile zum irischen Volkshelden gewordene Terence MacSwiney nach 74tägigem Hungerstreik -- weil er nicht zwangsernährt wurde.

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