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TV-Forschung Stoß am Morgen

Kollaps bei den Quotenzählern: Derzeit gibt es keine akzeptablen Daten mehr, wer was im Fernsehen sieht.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Wie lange Margarethe Schreinemakers die Nation noch nerven darf, wie spät Thomas Gottschalk quasselt oder welche Fönfrisur der RTL-Nachrichtensprecher trägt: Das entscheiden die Manager der Kommerz-Sender nach dem Willen der Zuschauer - wenn sie denn noch wüßten, was die Leute wirklich sehen.

Doch die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), jenes Nürnberger Unternehmen, das schon seit 1985 die Einschaltquoten ermittelt, versagt. Und zwar in Folge.

Bereits voriges Jahr, als GfK-Manager Michael Darkow 80 Prozent seiner Testhaushalte austauschte und die Software zur Zuschauerzählung runderneuern ließ (SPIEGEL 52/1994), ging vieles schief. Winzsender RTL 2 etwa konnte sich über Phantom-Seher freuen, die nur in Darkows Computer existierten, er steigerte seinen Marktanteil von vier auf über acht Prozent. Sogar das Vox-Testbild, berichtete die GfK ihren Kunden, finde mehr Zuschauer, als manche Kreisstadt Einwohner zählt.

Neues Jahr, altes Pech. Schon am 1. Januar versagte die GfK erneut: »Rudis Urlaubsshow« sahen 5,85 und nicht 6,27 Millionen Zuschauer, korrigierte RTL zum eigenen Nachteil die Zahlen aus Nürnberg.

Wenige Tage später war im ARD/ ZDF-Videotext (Tafel 666) für jedermann die Schande der GfK zu lesen: »Wegen technischer Probleme bei der Datenauswertung z. Z. keine aktuellen Werte.« Auch wenn Werbekunden oder Sender detaillierte Quoten zu TV-Stücken aus dem vergangenen Jahr haben wollten, mußte Darkow passen.

Vom Donnerstag voriger Woche an mußten die TV-Chefs länger als gewöhnlich auf ihren »morgendlichen Adrenalinstoß« (Pro-Sieben-Manager Georg Kofler) warten. Die GfK repariert gerade ihre Software. Hintergrund der Probleme: Technische Umstellungen bei der Zuschauerforschung hatten die GfK-Programmierer überfordert.

Nach all den Pannen fordert RTL-Boß Helmut Thoma nun ein »unabhängiges Eichamt«, um die GfK-Zahlen regelmäßig zu prüfen. Und im Arbeitskreis Werbefernsehen (AKW) der deutschen Industrie, die im TV täglich für 13 Millionen Mark Spots schaltet, herrscht »weitflächige Verärgerung«, so eine Sprecherin.

»Wir hatten lange eine absolute Zahlengläubigkeit«, sagt Hartmut Rolff, AKW-Vorstand und Mediadirektor bei Deutschlands größten Fernsehwerbekunden Procter & Gamble (Pampers, Ariel). Jetzt werde in der Branche »jede Zahl aus Nürnberg einzeln umgedreht«.

Endlich bestehe auch Hoffnung, so Rolff, »daß die Werbeindustrie eine Stimme in der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung erhält«. Dieses Gremium entscheidet, wer in Deutschland die Quoten messen darf. Bislang saßen dort Vertreter der großen TV-Sender.

Weder Sender noch Werbekunden wollen der GfK den Prestigeauftrag vorerst entziehen. Zwar steht mit der deutschen Dependance des US-Forschungsinstituts Nielsen, das im Fernsehwunderland USA schon seit Jahrzehnten die Publikumsvorlieben ermittelt, ein kompetenter Konkurrent bereit. Doch Klaus-Peter Schulz, Mediamanager beim Lebensmittelriesen Kraft Jacobs Suchard, sagt: »Im Moment hat kein Mitbewerber das Know-how der GfK.« Bis es soweit ist, rät Schulz: »Man sollte gegenüber den Zahlen aus Nürnberg immer mißtrauisch bleiben.« Y

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