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Briefe

Sträflich vernachlässigt
aus DER SPIEGEL 1/1996

Sträflich vernachlässigt

(Nr. 51/1995, Titel: Prognose ''96 und Interview mit dem japanischen Unternehmensberater Minoru Tominaga über die Defizite deutscher Unternehmen)

»Deutschland hat über seine Verhältnisse gelebt«, diesen platten Satz habe ich in den letzten Jahren oft gelesen. Die Frage muß aber heißen: Wer hat in Deutschland über seine Verhältnisse gelebt? Sind es die Arbeitslosen, die Sozialhilfeempfänger, die Arbeiter, die Aktionäre? Bei fast stetigem Wachstum ist es doch eine Frage, wie der steigende Wohlstand verteilt wird. Folgt man Ihrem Motto, so heißt es: Damit die Reichen reicher werden, müssen die Armen ärmer werden. Darauf gibt es eigentlich nur zwei Antworten. Zum einen sozialen Massenprotest wie in Frankreich. Zum anderen den individuellen Protest, der leicht in den Terrorismus abgleiten kann. *UNTERSCHRIFT:

Golden (USA) GÜNTER SCHLICHTKÖRL

Die ganze Perversion des Systems zeigt sich am Beispiel Siemens, wo circa zwei Milliarden Mark Gewinn gemacht wurden, und als Dank dafür werden 7000 Mitarbeiter rausgeschmissen. *UNTERSCHRIFT:

Reinbek (Schlesw.-Holst.) KLAUS HERDER

Was ist denn die in Ihrem Bericht so hochgejubelte Dienstleistungsgesellschaft anderes als ein System, in dem immer mehr bei miserabler Arbeitszeit und miesester Bezahlung den Buckel krumm machen - für Leute, die nur noch sehr wenig oder überhaupt nicht mehr arbeiten! Die angeführten, angeblich paradiesischen Zustände in den USA, in denen an jeder Supermarktkasse ein Boy steht, der die Tüten füllt, kann man doch nicht nach Deutschland übertragen. Einerseits ist das amerikanische System völlig anders aufgebaut - Sozialabgaben tendieren gegen Null, Steuerabzüge sind gegenüber deutschen Verhältnissen ebenfalls Nebensache -, andererseits sind solche Jobs in den USA so mies bezahlt, daß mindestens vier davon benötigt werden, um überhaupt leben zu können. *UNTERSCHRIFT:

Stuttgart WOLFGANG SCHATZ

Mit dem Argument der Arbeitgeber, daß andere Länder bessere Standortvorteile haben, können wir ja auch wieder die Kinderarbeit einführen. Damit würden auch die Sozialausgaben für Kindergärten entfallen. Aber im Ernst: Eine christliche Regierung müßte verbieten, daß wir Geschäfte auf Kosten von Unterdrückung, Kinderarbeit, Ausbeutung und Sklaverei mit anderen Ländern machen, und sollte billige Ware aus dem Ausland besteuern, damit hier Sozialleistungen finanziert werden können. *UNTERSCHRIFT:

Aschaffenburg GERNOT SCHINDLER

Herr Tominaga sollte sich vielleicht mal den roten Punkt von seiner Brille wischen. In Japan ist auch nicht alles Gold, was glänzt. So hat beispielsweise Toshiba, der größte japanische Hersteller von Notebooks, keine Probleme damit, einen Kunden in Japan über einen Monat auf eine Garantiereparatur warten zu lassen - ohne Ersatzgerät. *UNTERSCHRIFT:

Marburg BJÖRN MENDEN

Die Analyse von Minoru Tominaga deckt nur ein, wenn auch sehr wichtiges, Segment unserer aktuellen wirtschaftlichen und politischen Krise ab. An der 3-K-Methode (kommandieren, kontrollieren, korrigieren) krankt auch unsere Politik, die kunden-, sprich wählerfern ist. Unsere aktuelle Wirtschaftskrise ist in Wirklichkeit eine Führungskrise. Wer sind die heutigen Führungskräfte in Wirtschaft und Politik? Beziehungen, Anpassung, Opportunismus - nicht Leistung - hießen die Stufen der Karriereleiter in den letzten Jahrzehnten. Führungskräfte haben ihre Vorbildfunktion sträflich vernachlässigt oder sogar falsche Signale gesetzt. *UNTERSCHRIFT:

Berlin DIETER G. MÜLLER

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