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Kinder Strahlende Augen

Schon im Kindergarten gehen die Kids aufeinander los - sie kennen Gewalt aus Fernsehen und Familie.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Zwei Kinder spielen nebeneinander, beide viereinhalb. Der Junge rollt eine Eisenbahn, das Mädchen schichtet Holzklötze zum Turm. Plötzlich schlägt Petra dem Jungen eines der Klötzchen mit voller Wucht auf den Kopf. Streit hatte es vorher nicht gegeben.

Michael, knapp vier Jahre alt, sitzt stundenlang teilnahmslos in einer Ecke. Plötzlich steht er auf, schnappt sich eine Puppe und reißt ihr die Arme aus. Als wäre nichts geschehen, läuft der Junge an seinen Platz zurück.

Beobachtungen wie diese sind Alltag in Kindergärten der Republik. Schon immer haben Kinder gerauft, gekratzt, geknufft. Doch neuerdings, glauben Pädagogen, hat sich das Verhalten der Kleinen verändert.

Anders als noch vor zwei, drei Jahren, sagt der Erziehungswissenschaftler Heinz-Lothar Fichtner aus Hannover, komme es inzwischen »beunruhigend oft zu scheinbar grundlosen Eruptionen von Gewalt«. Ihre Zöglinge, klagt eine Erzieherin aus Rheinland-Pfalz, wirkten immer häufiger wie »kleine Kampfmaschinen mit strahlenden Augen nach einem Sieg«.

Nicht nur in Großstädten, sondern zunehmend auch auf dem Land schocken Kinder ihre Betreuer mit unerwarteten Ausbrüchen von Aggression. Eine wichtige Ursache der Misere sieht Fichtner darin, daß dem Nachwuchs immer weniger Gelegenheit bleibt, »sich die Welt auf eigene Faust zu erschließen«.

Schon die Jüngsten, kritisiert Fichtner, der im Auftrag des niedersächsischen Kultusministers Rolf Wernstedt (SPD) die vorschulische Erziehung in Niedersachsen reformieren soll, würden von den Eltern verplant und »von einer Erlebnisinsel zur anderen gebracht« - mal ins Restaurant, mal auf den Spielplatz, mal in den Märchenpark.

In der Zeit dazwischen sammeln Dreibis Sechsjährige überwiegend Erfahrungen aus zweiter Hand. Video, Fernsehen und Computerspiele ersetzen das eigene Erleben. Bereits Vorschulkinder werden allein gelassen bei Filmen »mit einem hohen Anteil an Gewaltszenen, wie He-Man, Turtles, Reality-Shows«, fand die Mainzer Landtagsabgeordnete Christine Müller (CDU) heraus.

Montags bricht in deutschen Kindergärten der Horror aus. Nach der elektronischen Wochenendschlacht verarbeiten die Kleinen Steckbausteine und andere Utensilien »fast nur noch zu Pistolen, Schwertern oder Messern«, sagt eine Erzieherin.

Gleich morgens in der Gruppe müssen viele Kinder ihre Begegnungen mit Video- und Fernsehhelden nachspielen, um das Gesehene überhaupt verkraften zu können. Gegenseitig schlagen sie sich den Kopf auf den Boden oder an die Wand. Nicht selten tritt der Stärkere auch dann noch einmal kräftig zu, wenn der andere zu Boden geht oder aus der Nase blutet. Die Pädagogen sind alarmiert, weil ihre Schützlinge Schmerzgrenzen bei sich und anderen häufig nicht mehr wahrnehmen.

Bis zu 30 Stunden verbringen manche Drei- bis Sechsjährige zwischen Freitagmittag und Sonntagnacht vor dem Schirm, kam bei Untersuchungen in Hamburg heraus, nicht selten vor dem eigenen Farbfernseher. Viele können routiniert das elterliche Videogerät bedienen und gucken sich heimlich Streifen an, die ihre Eltern aus der Videothek entliehen haben.

Noch ehe sie in den Kindergarten aufbrechen, betrachten in manchen Familien die Sprößlinge morgens Filme. Für die wachsende Schar von Einzelkindern ist Elektronik mitunter wichtigster Kommunikationspartner.

Gesteigert wird die TV-Gefahr nach Ansicht des Hamburger Erziehungswissenschaftlers Peter Struck dadurch, daß der exzessive Fernsehkonsum Auslauf und Bewegung der Kinder stark einschränkt. Viele Vorschulkinder könnten kaum mehr balancieren, rückwärts gehen oder radfahren - geschweige denn auf Bäume klettern.

Bereits zwei von drei Vorschulkindern leiden, so Struck, unter Haltungsschäden und -schwächen. Fast jedes dritte Kind zwischen drei und sechs ist übergewichtig, jedes dritte in seiner Motorik gestört.

Gegensteuern können Kindergärtnerinnen nur, wenn die Eltern mitziehen. Doch die sind nicht selten empört, wenn Erzieherinnen sie auf TV-Gewohnheiten oder Gewaltbereitschaft ihres Nachwuchses ansprechen.

Gestreßt durch Arbeitslosigkeit oder zu enge Wohnungen, falle es immer mehr Eltern »schwer, ihrem Erziehungsauftrag gerecht zu werden«, sagt der Mainzer Kindergärtner Udo Schultheis. In vielen Familien, hat Schultheis erkannt, ersetze elterliche Gewalt »Regeln für das tägliche Zusammenleben«. Diese Erfahrung verstärke den Hang der Kinder, sich an ihren TV-Helden zu orientieren, die sich mit der Faust durchsetzen.

Reformer Fichtner empfiehlt, die Erzieherinnen sollten mit ihren Schützlingen möglichst oft Exkursionen in Kaufhäuser und Polizeistationen, auf Bauernhöfe und Baustellen unternehmen, damit die Kinder frühzeitig das wahre Leben kennenlernen. Laternen basteln oder auf den Spielplatz gehen - das reiche nicht mehr aus.

Fichtners simpler Ratschlag dürfte, wie andere soziale Maßnahmen auch, am Geld scheitern: Es gibt nicht genug Personal für Ausflüge in die Realität. Y

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