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Strahlende Schlammschlacht

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aus DER SPIEGEL 21/1986

Im Bonner Verteidigungsministerium und bei Truppenverbänden riefen besorgte Eltern von Wehrpflichtigen an: ob denn ihre Söhne nach dem radioaktiven Fallout aus Rußland jetzt durch strahlenverseuchten Schlamm robben müßten? Auch die Offiziere waren verunsichert. Etliche von ihnen fragten etwa beim Münchner Wehrbereichskommando VI nach, wie sie sich verhalten sollten.

Nach kurzer Beratung waren sich Minister Manfred Wörners Spitzen-Soldaten einig, die Ausbildung im Gelände werde »ohne Einschränkung« weitergeführt. Denn, so Hardthöhen-Sprecher Oberst Horst Prayon: »Werte, die Besorgnisse auslösen könnten, sind an keinem Ort zu keiner Zeit erreicht worden.«

Die Militärs berufen sich dabei auf die Zahlen und Empfehlungen der Strahlenschutzkommission, die allerdings von unabhängigen Wissenschaftlern inzwischen heftig angegriffen werden. Soldaten, die ein nächtliches Biwak im Freien oder die simulierte Schlammschlacht aus Sorge um ihre Gesundheit verweigern, gelten als Befehlsverweigerer und müssen nach Paragraph 19 des Wehrstrafgesetzes mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren rechnen.

Umgekehrt wird ein Offizier, der einen Untergebenen »an der Gesundheit beschädigt«, mit Strafen bis zu fünf Jahren bedroht. Vor allem Vorgesetzte im besonders strahlenbelasteten süddeutschen Raum haben daraus intern Konsequenzen gezogen und auf risikobelastete Übungen verzichtet. »Einige haben«, sagt ein Münchner Bundeswehr-Sprecher, »deshalb eigene Vorsichtsmaßnahmen getroffen.«

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