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BONN / KOALITION Strategie der Ehe

aus DER SPIEGEL 46/1967

Der Ruf des Kanzlers kam nicht an. Denn der Außenminister war nicht zu sprechen.

Kurt Georg Kiesingers Versuch, seinem Koalitionsgefährten Willy Brandt vergangenen Dienstag nachmittag am Telephon ein paar versöhnliche Worte zu sagen, scheiterte im Ministerbüro des Auswärtigen Amtes.

Der Amtschef, der gerade In Bad Godesberg einen Vortrag hielt, erfuhr zwar von den telephonischen Annäherungsversuchen des Kanzlers, rief aber nicht zurück. Erkältet zog er sich in seine Dienstvilla auf dem Bonner Venusberg, Kiefernweg 12 zurück.

Brandt war es müde, von neuem durch halbherzige Versicherungen der Koalitionstreue die Mäkeleien und Sticheleien aus der Welt zu schaffen, mit denen der christdemokratische Kanzler seinen sozialdemokratischen Vize seit Wochen strapaziert.

Besonders an den ostpolitischen Meinungsäußerungen Brandts hat Kiesinger immer wieder etwas auszusetzen gefunden.

Als der Außenminister bei seinem sommerlichen Besuch in Rumänien von einer Anerkennung der Realitäten in Mitteleuropa, also auch auf deutschem Boden, gesprochen hatte, qualifizierte Kiesinger ihn im internen Zirkel der Christenpartei ab: »Brandts Terminologie läßt oft viele Zweifel offen.« Was Brandt sage, sei zwar im Fernsehen eindrucksvoll, aber »wenn man ihn in ein sachliches Gespräch zieht, dann ist er meist wenig präzise in seinen Ausführungen«. Also: »Ich könnte mir einen besseren Partner vorstellen.«

Brandt, dem dies hinterbracht wurde, revanchierte sich bei nächster Gelegenheit: »Wenn ich mich recht erinnere«, fuhr er Kiesinger an, »hat die SPD Sie zum Bundeskanzler gewählt. Wenn Sie diesen Tatbestand ändern wollen, müssen Sie es nur sagen.«

Kiesingers Mißtrauen in Brandts Verläßlichkeit wuchs. So machte er vorletzte Woche bei seinem Antrittsbesuch in London dem britischen Premier Harold Wilson Hoffnungen auf eine Zustimmung Frankreichs zum baldigen Beginn offizieller Verhandlungen über Großbritanniens EWG-Beitritt, obwohl der Außenminister von einem Erkundungsbesuch in Paris Mitte Oktober den Eindruck mitgebracht hatte, daß sich an Frankreichs ablehnender Haltung so schnell nichts ändern werde.

Diesen Ermittlungen Brandts zog Kiesinger private Erkundigungen seines Parlamentarischen Staatssekretärs Baron Guttenberg vor ("Ein Teil des französischen Kabinetts befürwortet exploratorische Gespräche, aber keine Verhandlungen").

Als Kiesingers Privatprognose aber gleich darauf durch die ablehnende Luxemburger Rede des französischen Außenministers Couve de Murville widerlegt wurde, versuchte der Kanzler einen Teil der Schuld auf seinen Außenminister abzuwälzen: Brandt sei vielleicht zu schüchtern gewesen, bei Couve in Paris auf präzise Auskünfte zu dringen.

Brandt entnahm diesen Vorwurf dem SPIEGEL (45/1967) und schnappte ein. Im Kreise von Parteifreunden bezichtigte er den Kanzler einer »üblen Verdrehung«. Parlamentäre, die Kiesinger Anfang letzter Woche ins Außenamt schickte, um die Angelegenheit womöglich in Ordnung zu bringen, fanden Brandt verstockt.

Solche Zwistigkeiten zwischen Kanzler und Vizekanzler tragen mehr und mehr dazu bei, jene Sollbruchstellen zwischen der konservativen Union und der fortschrittswilligen Sozialdemokratie wieder sichtbar werden zu lassen, die beim Abschluß des Regierungsbündnisses vor knapp einem Jahr nur notdürftig verkleistert worden sind.

Gern nutzen CDU-Dogmatiker den Kanzlergroll, um die Distanz zur Außenpolitik der SPD, die ihnen längst nicht mehr groß genug ist, wieder herzustellen.

Aber auch manchen Genossen in der SPD-Baracke scheint die Stunde der Abrechnung ein Stück näher gekommen.

Der sozialdemokratische Nachwuchsstar Horst Ehmke, Staatssekretär im Bundesjustizministerium und eifriger Parteiarbeiter in der SPD-Zentrale, nahm sich vorletzte Woche den immer noch auf Ausgleich mit der CDU bedachten Parteivize Herbert Wehner vor: »Herbert, du bist komisch. Für dich ist in der Ehe die Hochzeit am wichtigsten. Mir geht es eher darum, wer später die Hosen anhat.«

Unterstützt von einer wachsenden Schar junger Partei-Aktivisten, will Ehmke darauf dringen, daß sich die SPD in Zukunft wieder schärfer von der Politik der Unionsparteien absetzt.

Nicht die fatalistische Formel von »Gedeih und Verderb« soll den Umgang der Partner in der Großen Koalition künftig bestimmen, sondern -- wenn es nach Horst Ehmke geht -- eine »Strategie des begrenzten Konflikts«.

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