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Strauß wartet auf die Stunde der Rache

aus DER SPIEGEL 44/1965

THE

TIMES

London

Im allgemeinen haben die Freien Demokraten mehr genützt als geschadet ... Dieses Jahr fochten sie ihre Kampagne zum Teil mit dem Versprechen, Herrn Strauß aus der Regierung zu halten. Es ist schwieriger für sie, dies von ihrer reduzierten politischen Basis aus zu tun, aber die Partei vertritt in dieser Frage offenkundig mehr Deutsche, als für sie bei den Wahlen stimmten ... Die wirklichen Verlierer sind Adenauer und Strauß. Sie haben das Verbleiben von Schröder und Mende akzeptieren müssen, obwohl deren Flügel gestutzt worden sein mögen. Dies bedeutet einen Sieg für die Elemente, die darauf hinwirken, daß in der deutschen Außenpolitik ein gewisser Realismus herrschen wird.

General-Anzeiger für Bonn und Umgegend

Die Formel, es gebe weder Sieger noch Besiegte, war zu simpel, um dem in der Nacht zwischen den ungleichen Bonner Koalitionspartnern ausgehandelten Personalprogramm gerecht zu werden. Als Sieger fühlen sich die Freien Demokraten, und sie tun es nicht ohne Grund. Der gegen Erich Mendes gesamtdeutschen Ministersessel geführte Schlag prallte ab. Mende ist nicht umgefallen. Bundeskanzler Erhard, der sich dazu hatte überreden lassen, in Mende das dem CSU-Vorsitzenden Strauß zu bringende Opfer zu sehen, wurde schmerzlich daran erinnert, daß er im Bundestag auf die FDP-Stimmen angewiesen ist.

L'AURORE

Paris

Dr. Adenauer ist mit Herrn Strauß der große Verlierer der Krise, die in der vergangenen Nacht gelöst wurde. Der ehemalige Bundeskanzler, ein überzeugter Anhänger einer Annäherung an General de Gaulle, hat es nicht geschafft, Herrn Schröder, der im Gegenteil auf die angloamerikanische Welt setzt, aus dem Außenministerium zu entfernen.

National-Zeitung

Basel

Strauß müßte nicht Strauß sein, wenn er sich geschlagen gäbe, und es darf als sicher angenommen werden, daß er nur auf die günstige Stunde der Rache wartet. Seine Quittung wird darin bestehen, daß er der Regierung Erhard bei erstbester Gelegenheit - und möglicherweise in der Außenpolitik - an den Karren fährt, sekundiert von Eminenzen wie Adenauer, Barzel und Guttenberg. Das bedeutet aber gleichzeitig, daß »Erhard Cunctator« einmal mehr keine entschiedene Politik wird treiben können oder wollen.

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