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SERBIEN Streiks gegen Massenkündigung

aus DER SPIEGEL 43/2001

Serbiens Regierung fürchtet eine gefährliche Streikwelle und womöglich Unruhen, nachdem vergangene Woche Gewerkschaftsführer drohten, in Belgrad Straßensperren zu errichten und einen Generalstreik auszurufen. Grund: Die Gewerkschaften fordern die Rücknahme eines Gesetzesvorschlags, der einen alten Anspruch abschaffen würde - das Recht auf praktisch lebenslange Anstellung in einem Betrieb, unter Staatschef Tito »Selbstverwaltung« genannt und vom früheren jugoslawischen Präsidenten Milosevic weitgehend übernommen.

Von den rund 1,8 Millionen Beschäftigten Serbiens wäre fast die Hälfte von der Kündigung bedroht, wenn das Gesetz in Kraft treten würde. Außer den Bergleuten von Kolubara südlich von Belgrad, die mit ihren Arbeitsniederlegungen den Sturz von Milosevic einleiteten, streikten bisher auch die serbische Telecom, Krankenhäuser, die Autofabrik Zastava und eine immer größer werdende Zahl anderer Industriebetriebe. Insgesamt protestierten vorige Woche 140 000 Arbeiter und Angestellte. Die Streikführer beschuldigen Premier Zoran Djindjic, er behandele das Land wie ein Privatunternehmen; sie drohten, er werde »den Krieg gegen die Arbeiter verlieren«. Djindjic konterte, man werde die Streikenden nicht länger »wie artgeschützte weiße Bären behandeln«. Allerdings gestand der serbische Regierungschef auch Fehler ein: Hätte er die nur schleppend anlaufenden Hilfen des Westens vorausgeahnt, hätte er die von den internationalen Finanzorganisationen geforderten Wirtschaftsreformen weniger rigoros durchgesetzt.

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