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»Streng vertrauliche Verbindung«

Der Stasi-Oberst Alexander Schalck hat nicht nur vertraulichen Umgang mit CSU-Chef Franz Josef Strauß gepflegt, sondern auch in der Bundesrepublik einen Ring mit Einflußagenten in Wirtschaft und Verwaltung aufgebaut. Die immer neuen Enthüllungen bringen vor allem die Union in Bedrängnis: Das Denkmal Strauß zerfällt.
aus DER SPIEGEL 34/1991

Zum »ersten Freitag nach Silvester« hatte Münchens Oberbürgermeister Georg Kronawitter (SPD) mal wieder privat zu einer kleinen Tafelrunde ins Turmstüberl des alten Münchner Rathauses eingeladen.

Bei Faßbier und Filetsteaks, die aus dem benachbarten Ratskeller herbeigeschafft wurden, plauderten ein paar langjährige gute Bekannte mit dem OB übers aktuelle Zeitgeschehen: die Politologen Kurt Sontheimer und Paul Noack sowie Chefredakteur Hans Riehl vom Münchner Boulevardblatt tz nebst weiblicher Begleitung.

Ehrengast in Kronawitters Plauderzirkel war am 5. Januar 1990 der damalige US-Generalkonsul David Joseph Fischer, ein partyerprobter Bayern-Fan (Fischer-Wahlspruch: »Schmankerl halten Leib und Seele zusammen").

Das Gespräch kam schnell auf eine aktuelle Grundstücksaffäre des CSU-Ministerpräsidenten Max Streibl, der von der Caritas Baugrund zu einem ungewöhnlich niedrigen Preis erworben hatte. Kronawitter fragte reihum, was seine Gäste davon hielten.

An die Antwort des US-Diplomaten Fischer erinnern sich mehrere Teilnehmer.

Der Amerikaner sei hochgefahren und habe, zu Kronawitter gewandt, wissen wollen, warum man sich denn über die Lappalie von Streibl so aufrege, wo doch dessen Vorgänger Franz Josef Strauß »50 Millionen gemacht« habe. Das Gespräch im Turmstüberl blieb vertraulich, bis Springers Welt, zu Lebzeiten des FJS ein stets verläßlicher Verehrer des großen Vorsitzenden, es am Mittwoch vergangener Woche publik machte. Generalkonsul Fischer, so das Blatt, habe auch mitgeteilt, wie Strauß die 50 Millionen Mark »nebenher und großenteils illegal« verdient habe - »durch mancherlei Geschäfte« mit dem Stasi-Obersten und Deviseneintreiber der DDR, Genossen Alexander Schalck-Golodkowski, »darunter auch Waffengeschäfte«.

Die Attacke war letzte Woche Höhepunkt einer Kampagne, die vor allem konservative Medien von Bild und Welt bis zur Illustrierten Quick gegen ihr früheres Idol aus Bayern führen, seit das ZDF vor vier Wochen Franz Josef Strauß bezichtigt hatte, er habe mit Schalck in Ost-Berlin gemeinsame Sache gemacht (siehe Kasten Seite 22).

Mit Strauß geriet letzte Woche ein anderer toter Christdemokrat unter begründeten Verdacht, er habe sich in den Netzen der Stasi verfangen - Uwe Barschel. Der CDU-Mann, der 1987 als schleswig-holsteinischer Ministerpräsident über die Waterkantgate-Affäre stürzte und unter ungeklärten Umständen Selbstmord im Genfer Hotel Beau-Rivage beging, war ganz offenbar - dank amouröser Ausflüge nach Rostock - für die Stasi erpreßbar (siehe Seite 26).

CSU und CDU könnten durch die Enthüllungen über Verstrickungen in die Machenschaften der Stasi ins Schleudern kommen. Denn daß ausgerechnet Spitzenleute der westdeutschen Konservativen mit den Kommunisten drüben gemauschelt haben, ist den rechten Stammwählern der Union kaum zu vermitteln. »Die Regierung«, beteuerte ein Kanzlervertrauter letzte Woche besorgt, »tut alles, um ja nicht in den Geruch der Kumpanei mit diesem Herrn Schalck zu kommen.«

Wieweit der Amerikaner Fischer tatsächlich Strauß mit Schalcks Geschäften in Verbindung gebracht hat, ist unklar.

Die Teilnehmer der Kronawitter-Runde sind da uneins. Fischer selbst, heute Präsident des »World Affairs Council of Northern California« in San Francisco, stellte am letzten Freitag gegenüber dem SPIEGEL den Gesprächsverlauf so dar: »Meine Frage an diesem Abend war, warum niemand im deutschen Journalismus den Mut gehabt hat, über Korruption zu schreiben, zum Beispiel die Tatsache, daß Franz Josef Strauß als ein wohlhabender Mann gestorben ist und dies nicht mit dem Gehalt als Politiker noch Minister und Ministerpräsident von Bayern übereinstimmen kann.«

Es sei, beteuert Fischer, aber kein Wort über Geldsummen, Waffen oder Schalck gefallen - »alles Quatsch«.

Alles wohl nicht. Kurz vor Fischers Abschied aus München war die gleiche Runde am 21. Dezember letzten Jahres noch einmal versammelt, diesmal in Kronawitters Privatwohnung in München-Perlach. Und diesmal habe Fischer, erinnern sich mehrere Teilnehmer genau, unmißverständlich wissen lassen, woher seine Informationen stammen - von seinen Beziehungen zum amerikanischen Geheimdienst, der Central Intelligence Agency (CIA).

Er habe, soll sich Fischer gebrüstet haben, Akten der DDR-Staatssicherheit auf seinem Schreibtisch gehabt, lange bevor sie der westdeutsche Bundesnachrichtendienst (BND) zu Gesicht bekam.

Die Strauß-Kinder Monika, Max und Franz Georg verwiesen die Story der Welt in den Bereich »abenteuerlicher und bösartiger Gerüchte aus zweiter, dritter oder vierter Hand«. Die Berichte über Provisionszahlungen von 50 Millionen Mark seien »rundum falsch": »Als Kinder wie als Erben von Franz Josef Strauß wissen wir, daß es solche Geschäfte mit solchen Provisionen zu keiner Zeit und nirgendwo mit und ohne Schalck-Golodkowski gegeben hat.« Die Strauß-Erben kündigten an, sie würden gegen die Welt auf Widerruf klagen.

Parallel dazu intonierte CSU-Generalsekretär Erwin Huber letzte Woche unverdrossen das Loblied auf den ostpolitischen Samariter Strauß, der durch sein selbstloses Wirken »Tausende von Familien zusammengeführt« und »Hunderte von Gefangenen des SED-Regimes aus ihren politischen Kerkern befreit« habe.

In Wahrheit sorgt sich die CSU-Spitze, die klaffenden Risse im Strauß-Denkmal könnten an der Parteibasis und im rechten Sympathisantenumfeld der Christsozialen zu schlimmen Verwerfungen führen. Die anhaltenden Attacken auf ihren toten Heros haben die Parteiführung total verunsichert.

Schon einmal hat die CSU-Klientel allergisch auf ihren Deutschlandpolitiker Strauß reagiert. Als 1983 die Rolle des Parteivorsitzenden bei der Einfädelung des Bonner Millliardenkredits an die DDR ruchbar wurde, gab es Massenaustritte aus der Partei - und der CSU-Bundestagsabgeordnete Franz Handlos gründete aus Trotz die Republikaner, die dann bei der nächsten Landtagswahl in Bayern aus dem Stand drei Prozent der Wählerstimmen eroberten.

In Bayern sind die Mutmaßungen und Spekulationen um den Milliardenkredit seit damals nie verstummt - nicht zuletzt deshalb, weil bekannt wurde, daß beim Kreditvertrag unter Federführung der Bayerischen Landesbank die übliche Bankprovision vereinbart worden war. Auch ein Untersuchungsausschuß des Bayerischen Landtags konnte nicht klären, wo die Millionen geblieben sind.

Los werden möchte die CSU als erstes jenen Mann, der ihr das alles eingebrockt hat: den ehemaligen Deviseneintreiber des SED-Regimes und Stasi-Spitzenfunktionär Schalck-Golodkowski, der nach seinem fluchtartigen Abgang aus dem Osten seit Anfang 1990 unbehelligt am Tegernsee wohnt.

Schalck, erklärte Innenminister Edmund Stoiber am vergangenen Freitag, sei in Bayern »eine unerwünschte Person«. Stoiber ruppig: »Ich wünschte, er würde so schnell wie möglich verschwinden.«

Der Wunsch kommt zu spät. Was immer in den nächsten Monaten noch bröckchenweise an Verstrickungen zwischen Stasi und westdeutschen Politikern ans Licht gefördert wird: Schon jetzt ist sicher, daß das Ansehen des toten Strauß nachhaltig beschädigt ist.

Denn der Mann, mit dem Franz Josef Strauß sich - wie auch immer - einließ und dem er Dinge bei konspirativen Treffen anvertraute, die jede westdeutsche Sekretärin wegen Landesverrats für Jahre hinter Gitter gebracht hätten, war Ost-Berlins bester Agent im Westen - so wertvoll womöglich wie der Spitzel Günter Guillaume an der Seite von Willy Brandt.

Schalck, getarnt als biederer Staatssekretär im Ost-Berliner Außenhandelsministerium und Leiter des SED-Unternehmens »Kommerzielle Koordinierung« (KoKo), gehörte zur Spitze des Ministeriums für Staatssicherheit. Seinen Auftrag formulierte der Geheimdienstmann in einer »streng geheimen« Notiz für seinen Chef Erich Mielke: Er sei beauftragt, »auch unter komplizierten Lagebedingungen bzw. in besonderen Spannungssituationen« den Laden DDR am Laufen zu halten.

Diesem Ziel dienten nicht nur jene Firmen, die verdeckt als Stasi- und KoKo-Dependancen im Westen arbeiteten. Der Deviseneintreiber der Einheitssozialisten baute parallel dazu ein flächendeckendes Netz von Agenten in der Bundesrepublik auf - nicht nur in der Industrie, sondern auch in Ministerien und Behörden.

»Diese speziellen Verbindungen« zu »ausgewählten Personen in Einrichtungen, Banken, Konzernen und Firmen . . . begründen sich«, hielt Schalck im April 1985 schriftlich fest, »auf das politisch loyale, kommerziell korrekte und persönlich disziplinierte Verhalten der Inhaber, Geschäftsführer«. Über »finanzielle Zuwendungen« sei die »materielle Abhängigkeit ausgewählter Personen weiter auszubauen«. Die Mafia läßt grüßen.

Am Sinn dieser Aktion ließ Schalck keinen Zweifel: Die »persönlichen Kontakte zu . . . Vertrauenspersonen« müßten so weit vervollkommnet werden, daß sie »bereits in normalen Lagebedingungen einen konkreten Beitrag zur Aufklärung des Vorgehens kapitalistischer Behörden, Einrichtungen, Konzerne und Firmen gegenüber der DDR« liefern könnten. Schalck weiter: Die Auftragserteilung an diese Personen hat gedeckt unter Wahrung der Konspiration durch die vom Stellvertreter des Leiters festgelegten Mitarbeiter zu erfolgen. Zu den . . . Firmen und Personen sind Objektvorgänge anzulegen.

Mit Hilfe dieser noch längst nicht enttarnten KoKo-Agenten im Handel, in der Wirtschaft und im westdeutschen Staatsapparat sollte im Fall der »Mobilmachung« und des »Verteidigungszustands« erreicht werden:

‣ »unbedingte Sicherung, Erweiterung und effektiver Einsatz des Valutavermögens«;

‣ »Entfaltung und Sicherung der speziellen Auslandsverbindungen zur Durchführung besonderer Finanz-/ Geschäftsoperationen im nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW)«;

‣ »Beschaffung/Import strategisch und militärisch wichtiger Materialien/ Rohstoffe und Ausrüstungen/Waffen«.

Mit diesem Mann pflegte Strauß Umgang wie mit einem Spezi. Nach einem Besuch der Leipziger Herbstmesse 1985 bedankte sich der bayerische Ministerpräsident bei dem Genossen Schalck überschwenglich für dessen Gastfreundschaft. Eitler Originalton Strauß:

Als sichtbares Zeichen meines Dankes übersende ich anbei für Sie den Bildband »Franz Josef Strauß - Der Mensch und der Staatsmann« und für Ihre Gattin den Bildband »Marianne Strauß - Ein Buch der Erinnerung«, in dem das Leben und Wirken meiner Frau gewürdigt wird. Ich habe beide Bände jeweils mit einer Widmung versehen.

Der so reich Beschenkte vergalt die Männerfreundschaft schlecht: Er verfertigte über alle Begegnungen mit dem CSU-Vorsitzenden umfangreiche »Informationen« für seine Brötchengeber in Ost-Berlin.

Strauß plauderte nicht nur, nach Schalcks Aussagen oftmals angetrunken, über Familiäres, Frauen und Parteifreunde. Er gab auch Politikgeheimnisse preis - etwa eine »streng interne Einschätzung« der Unionsspitze zu den Mittelstreckenraketen-Verhandlungen zwischen Washington und Moskau.

An der Unionsrunde im Mai 1987 beteiligten sich nach dem Schalck-Protokoll außer Strauß Kanzler Helmut Kohl, dessen damaliger Verteidigungsminister Manfred Wörner und Kohls Amtschef Wolfgang Schäuble.

Bevor FJS loslegte, bat er seinen Gesprächspartner Schalck, so notierte der in einer vom 12. Mai 1987 datierten »Information« an den ostdeutschen Wirtschaftslenker Günter Mittag, eindringlich um Diskretion. »Bei der Weitergabe« dieser Informationen dürfe sein Name, so Strauß laut Schalck, unter keinen Umständen genannt werden.

Die Bitte an den Stasi-Offizier um Diskretion war naiv, aber verständlich; denn die Bonner Mini-Runde kritisierte heftig den Bündnispartner USA.

Beim Abzug aller sowjetischen Mittelstreckenwaffen aus Europa und dem Verzicht der USA auf Nachrüstung, der sogenannten Null-Lösung, analysierten Wörner, Schäuble und Strauß, sei zwar die Sicherheit der Amerikaner »voll« und die anderer Nato-Staaten »weitgehend« gewährleistet. Für die »BRD (und dies würde auch für die DDR gelten)«, notierte Schalck für die Seinen, existierten allerdings »durch den Weiterbestand von taktisch-operativen Raketen kürzerer Reichweite« erhebliche »Gefahren«.

Es gebe, »nach Einschätzung der BRD« (Schalck), im Raketen-Arsenal der Supermächte ein deutliches Mißverhältnis zugunsten der UdSSR. Moskau, erfuhr der Honecker-Vertraute von Strauß, besitze 1540 Raketen kurzer Reichweite (125 bis 500 Kilometer), Washington nur 120; bei Raketen mittlerer Reichweite (500 bis 1000 Kilometer) betrage das Verhältnis 160:72 zugunsten der UdSSR.

»Als Schlußfolgerung daraus«, meldete Schalck, »wollen die USA eine massive Aufrüstung in der BRD bei der Waffenart 0 bis 500 km durchsetzen, was die Regierung der BRD« aber nicht wolle.

Schalck: »Strauß bekräftigte nochmals seine völlige Übereinstimmung mit der Feststellung Erich Honeckers, daß das Teufelszeug weg muß.« »Nach Auffassung von Strauß«, so Schalck weiter, ergäben sich aus der Raketen-Arithmetik folgende Konsequenzen:

1. Nullösung für Mittelstreckenraketen der Reichweite 1000 bis 5000 km.

2. Auf dem Territorium der BRD sollten bei den Mittelstreckenraketen der Reichweite 500 bis 1000 km 80 Stück stationiert werden (40 Stück bei der Bundeswehr sowie 40 Stück bei der US-Armee). Gegenwärtig bestehen 72 Stück Pershing-Raketen.

3. Bei den operativ-taktischen Raketen bis 500 km, bei denen gegenwärtig ein Verhältnis von 10:1 zugunsten der UdSSR besteht, müßte seitens der UdSSR eine bedeutende Reduzierung erfolgen.

Auch über Bonns Probleme mit der DDR war die Ost-Berliner Führung dank Strauß bestens unterrichtet. Im Mai 1988 informierte der Bayer ("Äußerst vertrauliche Behandlung") den Stasi-Oberst Schalck, in der Führung der Unionsfraktion habe eine »Strategiediskussion« stattgefunden, bei der »zwei politische Konzeptionen« über den Umgang mit Ost-Berlin diskutiert worden seien:

‣ »Politik der Konfrontation mit allen ökonomischen Konsequenzen . . . unter Inkaufnahme aller sich daraus für die BRD und Berlin (West) ergebenden negativen Folgen«;

‣ »Politik des Dialogs, des Aufeinanderzugehens« bis zur »Einschränkung des Niveauunterschiedes in Wirtschaft und Warenangebot, Abschluß von langfristigen Vereinbarungen«.

»Das Gremium«, beruhigte Schalck das Politbüro, habe sich »eindeutig für den zweiten Weg entschieden, weil es auch nach Auffassung von Strauß dazu keine Alternative« gebe.

Strauß und sein Intimfreund, der Rosenheimer Fleischfabrikant Josef März, halfen der SED-Führung immer wieder gern, ihre Deutschlandpolitik auf die Bonner Gemengelage abzustimmen.

Über März erfuhren beispielsweise Schalck und Stasi-Minister Erich Mielke, daß sich am 1. Mai 1987 auf Gut Spöck bei Rosenheim, dem Gästehaus der Familie März, Bundeskanzler Helmut Kohl und Strauß geheim getroffen hatten - ihr Thema: »alle aktuellen politischen Fragen, die die Sowjetunion und die DDR berühren«.

Als Hintergrundwissen dienten den Diskutanten »interne Berichte« (Schalck) des amerikanischen Geheimdienstes CIA, die, offenbar zu Schalcks Verblüffung, auch Gastgeber März »zur Kenntnis gegeben wurden«. Das für Ost-Berlin höchst interessante Kernthema der Debatte: Hält sich Gorbatschow länger, oder ist kurzfristig (Schalck: »CIA spricht von zwei Monaten") mit Änderungen zu rechnen?

Für Kohl, so referierte Schalck die Schilderungen des Gastgebers März, sei »von erstrangiger Bedeutung«, wer in Moskau das Sagen habe; denn der Kanzler »geht davon aus, daß seine Koalitionsregierung für die nächsten 15 Jahre existieren wird«.

Bei dem Treffen auf Gut Spöck habe der westdeutsche Kanzler, so teilte Schalck seinem Chef Mielke weiter mit, laut März nebenbei einen höchst interessanten Wunsch geäußert. Schalck:

In diesem Zusammenhang offenbarte März, daß er über viele Jahre enge persönliche freundschaftliche Kontakte zu Kohl unterhält. Das veranlaßte Kohl zur Feststellung, daß es doch für alle Beteiligten leichter wäre, wenn die Verbindung Strauß zu uns auch ihn einbezieht und März als Verbindungsmann fungiert. Ich habe dazu festgestellt, daß mein Mandat in der Verbindung zu Strauß besteht und alles andere danach Sache der BRD-Seite ist, vorausgesetzt, daß diese Verbindung geheim bleibt, sonst wäre dieser Kontakt zu März wertlos. Die Geheimhaltung wurde von März zugesagt.

Kohl bestreitet, diesen Wunsch je geäußert zu haben. Der CDU-Vorsitzende räumt lediglich ein, er habe sich ab und an zu Wanderungen mit Strauß auf dem März-Anwesen getroffen.

Seinen Stallwachen in Bonn, Kanzleramtschef Rudolf Seiters und Kanzlerberater Eduard Ackermann, erzählte der Kanzler, derzeit in der Sommerfrische am Wolfgangsee, bei einer der täglichen Telefonkonferenzen, wie er März kennengelernt habe. Das sei 1976 im Umfeld des Kreuther CSU-Beschlusses gewesen, sich von der CDU zu trennen.

März, so Kohl heute, habe sich ihm damals als Gegner von Straußens Trennungspolitik vorgestellt. Später sei er »zweimal von Franz Josef auf dieses Gut Spöck geschleppt worden im Rahmen von Wanderungen«. Strauß habe gesagt: »Guck dir das mal an, der hat da viele Tiere.« Er als großer Tierliebhaber sei dieser Empfehlung gefolgt. Über Politik sei nie geredet worden, erst recht nicht über geheime CIA-Informationen.

Auch von Schalck sei nie die Rede gewesen. Mit dem SED-Mann, beteuerte der Kanzler, habe er nie gesprochen. Allenfalls, so ein Kanzlerberater, könne es sein, »daß Kohl dem im Amt mal zufällig über den Weg gelaufen ist«, wenn Schalck als Honecker-Kurier in Bonn unterwegs war.

Der Fleischfabrikant und Strauß-Intimus Josef März war für den Stasi-Mann Schalck auch sonst eine Idealbesetzung. Der Unternehmer, mit der DDR seit Jahren gut im Geschäft, brachte Schalck 1983 mit Franz Josef Strauß zusammen. März fungierte als Mittelsmann, Gastgeber und Kurier bei den heiklen Kontakten zwischen München und Ost-Berlin.

Zum Schaden des Viehhändlers aus Rosenheim war die Seilschaft nicht. Das beweist etwa der rege Import von preiswertem DDR-Fleisch gerade während der Zeit, da Schalck bei der Suche nach einem Milliardenkredit im Westen erstmals auf den Wesensbruder Strauß stieß und ab und an bei den Märzens auf Gut Spöck logierte.

»Die Wochenquoten für Schweine und Bullen beispielsweise«, erinnert sich ein Bonner Agrarexperte, seien 1982 und 1983 »deutlich erhöht« gewesen - zum Nachteil der einheimischen Bauern, die ihr teureres Fleisch kaum loswurden.

Tatsächlich kauften 1981 westdeutsche Firmen für 251 Millionen Mark DDR-Fleisch, im Jahr darauf schnellte die Quote auf 321 Millionen hoch, 1983 waren es 293. Da das ostdeutsche Fleisch erheblich billiger war als EG-Fleisch, machten die Importeure gute Gewinne. Erst 1984, der Kredit war längst abgewickelt, sank der Umsatz auf den Stand von 1981 zurück.

Obgleich die Einfuhr-Kontingente stets neu ausgeschrieben wurden, teilten sich den lukrativen Markt bis zur Wende fast ausschließlich zwei Firmen - die März-Firma Marox in Rosenheim und der Fleischfabrikant Alexander Moksel in Buchloe, eine Autostunde von München entfernt.

Offiziell liefen solche Deals über den mit der DDR untergegangenen (und für kleines Geld an Moksel verschacherten) Außenhandelsbetrieb (AHB) Nahrung. Dessen Generaldirektor Manfred Wolf war den Wessis nicht immer willfährig. Als es vor fünf Jahren kriselte zwischen Wolf und März, mahnte FJS seinen Schalck, die »eingetretene Verschlechterung in den Geschäftsbeziehungen« müßte »auf Dauer zum Positiven verändert« werden.

Anlaß der Strauß-Demarche: Mitte Dezember 1986 hatte AHB-Wolf dem Marox-Chef angekündigt, er werde ihn »am 13., spätestens am 14. Januar 1987« in Rosenheim besuchen. März antwortete, er müsse am 13. Januar in Togos Hauptstadt Lome an der Parade anläßlich des Nationalfeiertages teilnehmen - ein wichtiger Termin: Marox besitzt in dem afrikanischen Kleinstaat nicht nur Fabriken, sondern auch eine riesige Rinderfarm.

Der clevere Unternehmer schlug Wolf einen teuren Kompromiß vor: Er werde einen Privat-Jet chartern, unmittelbar nach der Parade von Lome direkt zum Airport Riem fliegen und am Abend in Rosenheim sein. Beim Innsbrucker »Tyrolean Jet Service« orderte der Marox-Chef eine pfeilschnelle Falcon 50 (Kennzeichen: OE-HCS) für die Zeit vom 10. bis 14. Januar - Kosten: 93 000 Mark zuzüglich 890 Mark »Lande- und Parkgebühren« in Lome.

Doch Wolf kam nicht, und März blieb in Togo. Die Rechnung schickte er, garniert mit einer bösen Beschwerde, an den AHB Nahrung. Wolf mußte zahlen. Obendrein machte Schalck dem Generaldirektor klar, »im Interesse der Erhaltung der politischen Verbindung« dürften »atmosphärisch keine Belastungen« mehr entstehen.

Die Sorge des Landesvaters Strauß um den bayerischen Sohn März hatte offenbar nicht nur uneigennützige Gründe. Im Bayerischen kursieren seit Jahren Gerüchte, Strauß habe an vielerlei Geschäften partizipiert - nicht nur am Milliardenkredit für die DDR, sondern auch in Togo und Kanada, beim Fleischimport und beim Export von Käse.

Die bayerische SPD beteuert zwar ihr reges Interesse an der Aufarbeitung der »Bavaria-Connection« (Tageszeitung) und fordert die Einsetzung eines bayerischen Untersuchungsausschusses. Doch bislang hält sich der SPD-Fraktionschef Karl-Heinz Hiersemann in Sachen Schalck zurück. Lediglich die Bad Tölzer Landtagsabgeordnete Christa Harrer (SPD) kämpft seit Monaten um mehr Engagement ihrer Partei: Die Aufklärung der Schalck-Aktivitäten und -Verbindungen sei ein »echter Prüfstein für die Glaubwürdigkeit des Parlaments«.

Für die Zurückhaltung der bayerischen Sozis könnte es Gründe geben. Hiersemann strebt im nächsten Jahr das Amt des Vizepräsidenten im Landtag an und braucht für seine Wahl CSU-Stimmen; außerdem förderte Fleischmagnat Moksel die SPD im Unterbezirk Ostallgäu. Und die Firma Moksel machte selbst jahrelang beste Geschäfte mit Schalck.

Die größten Heuchler aber sitzen in der CSU. Daß die CSU-Führung, die jetzt so lautstark für die Ehre ihres Übervaters Franz Josef kämpft, in Wahrheit zu dem Toten längst auf Distanz gegangen ist, hat sie zwar der eigenen Basis bislang verschwiegen, nicht aber den Genossen von drüben.

Am 14. Februar 1989, vier Monate nach Straußens Tod, verfaßte Stasi-Schalck an Mielke eine »Information für Genossen Minister nur persönlich«. Darin referiert er ausführlich eine Unterredung mit den Strauß-Nachfolgern Theo Waigel (Parteivorsitz) und Max Streibl (Ministerpräsident). Auszug:

Die bisher aufrechterhaltene Verbindung über März wird von beiden Politikern nicht mehr gewünscht. Von ihrer Seite werden Personen ihres Vertrauens benannt, um den Kontakt, auch die Übermittlung von Botschaften zu gewährleisten. Streibl benannte für beide Politiker seine langjährige Sekretärin . . . bzw. in ihrer Abwesenheit die auch schon unter Strauß gediente Mitarbeiterin . . . Auf meine Frage, ob sich die Verbindung nicht bewährt habe, erklärten beide, daß die Verknüpfung der Freundschaft Strauß und Josef März nicht immer glücklich war und die CSU aufgrund auch finanzieller Verknüpfungen oft in eine schwierige Situation brachte. Die Interessen von Josef März u.a. in Togo, Spanien und Argentinien wurden von Strauß abgedeckt und dienten nicht nur staatlichen Interessen. Wie aus den Gesprächen zu entnehmen war, sind auch die Verbindungen zu den Kindern von Strauß auf eine sachliche Ebene beschränkt worden.

Den Kontakt über Schalck und Ost-Berlin indes stellten auch die Herren Waigel und Streibl nicht zur Disposition. Beide, so vermerkte Schalck mit Genugtuung, legten »großen Wert darauf, daß diese Verbindung streng vertraulich behandelt« werde.

Und auch die Firma März wurde nicht aus dem Dunstkreis der Christsozialen verstoßen. »Die Stellung des Unternehmens März«, so meldete Schalck Ende 1988 nach dem Tod des Firmenchefs Josef März im April 1988 an Mielke, »als gedeckte Finanzquelle der CSU bleibt unverändert.«

* 1984 auf der Leipziger Messe.* Mit Kronawitter-Ehefrau Hildegard (links) in München.* Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1987 zusammen mit dem damaligenCSU-Generalsekretär Gerold Tandler, SED-Mann Schalck und demdamaligen Vorsitzenden der Bonner CSU-Landesgruppe Theo Waigel.* 1984 beim Wandern am Tegernsee.

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