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Strengere Kontrolle für DGB-Presse?

aus DER SPIEGEL 52/1979

Eine Karikatur in der Dezember-Ausgabe des DGBJugendmagazins »ran« hat die Gewerkschaftsspitze so erbost, daß sie zu arbeitnehmerfeindlichen Maßnahmen griff: Nach der Veröffentlichung der Zeichnung, in der Maria und Josef in Bethlehem eine Schwangerschaftsunterbrechung erwägen (siehe Abbildung), entband der DGB-Vorstand am 13. Dezember den Chefredakteur von »ran«, Dieter Schmidt, von seinen Aufgaben und entließ die Redakteure Günter Isemeyer und Ingolf Zera fristlos.

Die DGB-Spitze, vor allem die Christdemokratin und stellvertretende Gewerkschaftsbund-Vorsitzende Maria Weber, empfand die Zeichnung als »schwere Verletzung der religiösen Gefühle der im DGB organisierten Arbeitnehmer«.

Aus Solidarität mit den Geschaßten kündigten daraufhin der letzte noch verbliebene »ran«-Mitarbeiter sowie die Redaktionssekretärin.

Den personellen Kahlschlag vollzogen die DGB-Oberen nach alter Unternehmerart: Den Rausschmiß besprachen die Gewerkschaftsbosse nur unter sich. Die gefeuerten Redakteure wurden zwar in die Frankfurter Zentrale der Bank für Gemeinwirtschaft zitiert, aber schließlich dann doch nicht angehört. Die Entlassung bekamen sie erst einen Tag später mitgeteilt. Das Jugendmagazin »ran«, das als Alternative zu unkritischen Jugendzeitschriften wie »Bravo« betrachtet wurde, hatte schon öfter den Unmut des Gewerkschaftsbundes hervorgerufen. Als das Blatt etwa eine freimütige Serie über Sexualaufklärung veröffentlichte, weigerten sich zahlreiche Funktionäre, das »Pornoblatt« weiterhin zu verteilen.

Und ÖTV-Chef Heinz Kluncker beschwerte sich über ein Anti-Atomkraft-Poster, das die ÖTV-Mitglieder in den Kernkraftwerken verärgerte. Auch ein »ran«-Plakat, das den damaligen CDU-Kanzlerkandidaten Helmut Kohl verspottete, befanden die Einheitsgewerkschafter als zu frech.

Solche Beschwerden dürften sich in Zukunft wohl erübrigen. Denn die »ran«-Redakteure rechnen fest damit, daß die Zeitung nach den jüngsten Vorgängen ihre kritisch-engagierte Linie nicht beibehalten kann. Sie fürchten überdies, daß auch die DGB-Wochenzeitung »Welt der Arbeit ("WdA"), seit Frühjahr 1979 ebenfalls von »ran«-Chef Schmidt geleitet, durch den DGB in Zukunft strenger kontrolliert wird. Offensichtlich als Folge des Treffens zwischen DGB-Chef Heinz-Oskar Vetter und dem Unionskanzlerkandidaten Franz Josef Strauß am 9. Oktober dieses Jahres gaben die Spitzengewerksehafter nach einem »WdA«-Kommentar über die Abschiebung von CSSR-Flüchtlingen in Bayern die Parole aus, in Zukunft keine kritischen Artikel mehr über Strauß zu drucken.

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