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KOSOVO Strohhalm in der Gottlosigkeit

Politisches Comeback eines Autisten: Rugovas Wahlsieg in der Krisenprovinz eröffnet die Chance zum Dialog mit Belgrad.
Von Carolin Emcke
aus DER SPIEGEL 45/2000

Überschwängliche Freude ist Hamz Hoti nicht gewohnt. Dafür gab es in den zehn langen Jahren serbischer Unterdrückung, in den vier Monaten des Krieges, die er in einem Versteck in Pristina verbrachte, aber auch in den anderthalb Jahren des Friedens seit der erfolgreichen Nato-Intervention keinen Anlass.

Doch nun »ist ein Traum in Erfüllung gegangen«, sagt Hamz, 67, »eine neue Zeit beginnt«. Drei Stunden hatte er geduldig in der Schlange am Wahllokal gestanden und dann für die Demokratische Liga (LDK) des Literaturwissenschaftlers und Pazifisten Ibrahim Rugova, 56, gestimmt.

Mit der ersten freien Kommunalwahl in der befriedeten, aber nicht beruhigten Provinz Kosovo sei ein »historischer Schritt in Richtung Demokratie getan«, jubelte auch der Franzose Bernard Kouchner, Chef der Uno-Verwaltung Unmik in diesem internationalen Balkan-Protektorat.

Mit 58 Prozent der abgegebenen Stimmen und der Mehrheit in 26 der 30 Gemeindebezirke hatte Rugovas LDK nach dem vorläufigen Wahlergebnis vor allem die PDK-Extremisten um den vormaligen UÇK-Guerrillaführer Hashim Thaçi klar distanziert.

»Albaner brauchen eine Geschichte, einen Mythos«, deutet Ramiz Kelmendi, 70, einer der Mitbegründer der LDK, den Erfolg Rugovas, »nach 50 Jahren Kommunismus glaubt hier niemand mehr an einen Gott, aber der geduldige Rugova ist in der Gottlosigkeit der Strohhalm der Menschen.« Nach all den Jahren der Repression und dem unsicheren Neubeginn steht der Mann mit dem Seidenschal, dem Symbol des passiven Widerstands gegen die Serben-Dominanz, für Ruhe und Kontinuität.

Der smarte UÇK-Vormann Thaçi aber, auf den seit den gescheiterten Rambouillet-Friedensverhandlungen vor allem Amerikaner und Westeuropäer gesetzt hatten, während Rugova als altmodisch und »verbraucht« galt, erlitt ein Desaster. »Die Leute identifizieren die UÇK mit der Kriminalität der Nachkriegszeit«, erklärt Baton Haxhiu, Chefredakteur der unabhängigen Tageszeitung »Koha Ditore« diese Schlappe.

Viele Vertraute Thaçis und einstige UÇK-Kommandanten waren mit Korruption, Schmuggel und Mord in Verbindung gebracht worden, überdies mit barbarischen Racheakten an den Serben.

Von vormals einer viertel Million leben derzeit nur noch etwa 90 000 Serben in ihrem mittelalterlichen Stammland rund um das Amselfeld, Stätte der historischen Schlacht gegen die Türken vor 600 Jahren.

Auf den Terror serbischer Freischärlerverbände folgten Kriminalität und mafiose Schattenwirtschaft mancher UÇK-Kriegshelden. »Albaner haben weniger Toleranz für die Verbrechen ihrer eigenen Leute als für die der Serben«, sagt Ramiz Kelmende, »Vertreibung und physische Angriffe durch Serben, das ist eines. Aber Gewalt durch Albaner - das verzeihen sie nie.« Die Stimmen der Enttäuschten sammelte Rugovas LDK.

Doch der Weg zu einem unabhängigen Staat »Kosova« scheint nach der politischen Wende in Belgrad vorerst blockiert. Nach internationalem, auch durch die Uno-Resolution 1244 bestätigtem Recht gehört die Krisenprovinz weiterhin zum Staatsverband Jugoslawien. Dessen neu gewählter demokratischer Präsident Vojislav Kostunica, ein serbischer Patriot, ist nicht gewillt, die Kosovaren einfach ziehen zu lassen.

»Kostunica würde sich den Respekt der Welt erwerben, wenn er das Kosovo aus seinem Kolonialstatus entlässt«, sagt Rugovas außenpolitische Sprecherin Edita Tahiri. Deren Chef gibt sich, wie es seine autistische Art ist, recht zugeknöpft.

Doch ist er bereit zum Dialog mit den Belgrader Demokraten. Das wiederum lässt Thaçi grollen: »Rugova kann mit Kostunica sprechen, aber nicht hier im Kosovo, dazu soll er nach Belgrad fahren.«

Erste Signale deuten auf ein verändertes Klima: Am Mittwoch voriger Woche entließ Kostunica die Dichterin und Ärztin Flora Brovina, die prominenteste der über 900 verschleppten Albaner, die seit dem Nato-Luftkrieg im Frühjahr 1999 noch immer in serbischen Gefängnissen eingesperrt sind.

Die schwedischen Kfor-Soldaten indes, die hinter Sandsäcken den Eingang der serbischen Enklave von Gracanica sichern, wollen an ein friedfertiges multiethnisches Leben in der zerrütteten Region noch immer nicht so recht glauben: Knapp 90 zerstörte Kirchen und 600 Morde an Serben seit Ende des Krieges begründen ihr Misstrauen. Jedes Auto, das in das serbische Ghetto um das spätmittelalterliche Kloster fahren will, wird streng auf Waffen kontrolliert.

Für Pater Sava, den serbischorthodoxen Mönch und eloquenten Sprecher der verängstigten Minderheit in der Enklave, muss Rugova nun erst beweisen, »wer er wirklich ist«. Bisher hätten mit dem Albaner-Führer keinerlei Gespräche stattgefunden, beklagt der Geistliche. »Wir brauchen mehr Selbstkritik auf beiden Seiten«, sagt Sava, »alle glauben, sie seien die einzigen Opfer.« CAROLIN EMCKE

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