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Stromlinie mit Stuck

aus DER SPIEGEL 16/1948

Gustav Fröhlich mußte sich eigenhändig ins Zeug legen, bevor die Uraufführung der »Wege im Zwielicht« vor sich gehen konnte. Im hannoverschen Palast-Theater blieb der Vorhang stecken, Gustav Fröhlich zog ihn auf. »Das fängt ja gut an«, sagte er.

Vorher hatte er, Regisseur und einer der Hauptdarsteller des neuen Films der Jungen Film-Union, die Premièren-Gäste begrüßt. Franz Konwitschny und sein Opernhausorchester hatten das Feierliche des Aktus musikalisch betont. Man hatte die romantische Oberon-Ouvertüre zur Einleitung des Films aus diesen erheblich weniger romantischen Tagen gewählt.

Es stellte sich indessen heraus, daß der Film sein realistisches Thema mit romantisierenden Schnörkeln verbrämt hat. Es kommt dabei so etwas wie eine Stromlinie mit gar anmutigen Stuckarabesken heraus. Manchmal ist viel Stuck da.

Es handelt sich um drei junge Leute, die den Boden unter den Füßen verloren haben in einer aus den Angeln gehobenen Zeit. Der Bürgermeister eines kleinen Heidedorfes unternimmt es, ihnen wieder auf die Beine zu helfen.

Er, vom Kriege selbst hart getroffen, von Haus aus kein Behördenmensch, setzt sich über bürokratische Formulare hinweg, hat Vertrauen zu den Jungens und läßt sie nützliche Arbeit tun. Er läßt sie eine Brücke bauen. Wenn die Brücke fertig ist, ist wenigstens ein Verkehrsproblem gelöst.

Es sieht so aus, als habe der Film sich nicht zugetraut, allein mit dem Echten und Wahren zu wirken. Er tut allerlei von dem hinzu, was von alters her in Drehkochbüchern als publikumswirksames Streckmittel empfohlen wird. Es förderte auch diesmal die Tränensekretion.

Da ist der nette kleine Junge, den der Drehbuchautor R. A. Stemmle jach ertrinken läßt, nachdem er ihn kurz vorher in einer Soloszene brillieren ließ. Wenn er beerdigt wird (der Junge), singt links der Chor der Heidekinder und rechts wartet taktvoll und griffbereit die großstädtische Kriminalpolizei.

Dann ist da die Liebe, mit allem, was sie dem Betrachter lieb und wert macht. Eine Frau (Johanna Lepski) steht zwischen dem einen der Brückenbauer (Benno Sterzenbach) und dem Bürgermeister, ein personifiziertes privates Problem. Der Bürgermeister (Gustav Fröhlich) sondert Edelmut in größeren Mengen ab. Er entsagt, lächelnden Mundes, schmerzenden Herzens.

Er greift, damit kein Schatten auf das Glück der anderen falle, zu einer mildtätigen Lüge und dann zur Aktentasche und geht. Man sieht seine Hand noch einmal über den blanken Amtstisch streichen.

Bei der Uraufführung und an den nächsten Tagen ging der Film dem Publikum glatt ein. Am Mittwoch gab es Skandal.

Es waren junge Leute, Primaner hannoverscher Schulen, die riefen und pfiffen. Die Szene, wo einer der drei flüchtigen Jungens ausgerechnet um Mitternacht in der Kirche des Heidedorfes Orgel spielt, war der erste Anlaß. Es gab noch mehrere andere. Auch die Schlußapotheose des happy end wurde mit Gepfeife und Zwischenbemerkungen zur Kenntnis genommen.

Ganz zum Schluß noch einmal ein Furioso des Protestes. Vor dem Theater schlugen zwei Damen temperamentvoll auf einen schmächtigen Jüngling ein. Er hatte gepfiffen, mit Trillerpfeife.

Sie lehnten das Drehbuch ab, erklärten die jungen Leute, die Verquickung eines ernsten Themas mit »sentimentalem Blödsinn«. Und sie hätten keine andere Möglichkeit, ihren Unwillen zum Ausdruck zu bringen.

Und sie lehnten auch die Kritik der hannoverschen Rezensenten über diesen Film ab, auch denen habe ihr Pfeifen gegolten, sagten die jungen Leute noch. »Die Jugend in Deutschland wird diesen Film ablehnen«.

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