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UNIVERSITÄTEN Studenten geben SOS

aus DER SPIEGEL 28/1948

Durch die zigarettenduftende englische Messe an der Alster in Hamburg jongliert ein smarter junger Mann in weißer Jacke Platten, Teller und Schüsseln: der 28jährige Hilfskellner Manfred N. Wenn er die weiße Jacke auszieht, ist er Student der Philosophie.

Als er aus Kriegsgefangenschaft nach Hamburg entlassen wurde, erkämpfte er sich als Bauhilfsarbeiter Aufenthalts- und Wohnberechtigung. Seine Frau, Ostflüchtling wie er, arbeitete als Fischarbeiterin und Telephonistin. Sie bereitet sich jetzt auf die Doktorpromotion vor. Von dem Hilfskellner-Lohn leben sie und bezahlen sie ihre Studiengebühren.

Gerda B., 28 Jahre alt, stud. phil., bewohnt mit ihrer Mutter ein Zimmer. Die Mutter unterstützt mit ihrer Pension eine verheiratete Tochter mit Kind, deren Mann studiert. Gerda B. verdient ihr Studium und ihre Normalverbraucherrationen als Kinderschwester.

Hans Jürgen L. schneidet Haare, wenn er die Vorlesung hinter sich hat. Stud. päd. Friedrich B. hält sich als Aushilfskellner über Wasser, Student Hans A. als Nachtwächter in einem Kinderheim in St. Pauli.

50 bis 60 Prozent der Hamburger Studenten haben bis zur Währungsreform ihr Studium durch Geldzuwendungen von Eltern und Verwandten bestritten. Die Geldquellen versiegen. Die Ersparnisse reichen nicht.

35 Prozent der 5486 Hamburger Studenten sind bisher schon Werkstudenten gewesen. 80 Prozent von ihnen wurden von »vorsichtigen« Arbeitgebern nach der Währungsreform entlassen. Rund 2000 Studierende werden in Hamburg für unabsehbare Zeit ohne Einkünfte sein. Es ist unmöglich, für sie alle eine Beschäftigung zu finden.

Jeden Tag stehen sie Schlange vor dem ASTA-Büro im Hamburger Studentenhaus in der Tesdorpfstraße. Sie suchen einen Job.

Man zerbricht sich beim ASTA und beim Studentenwerk die Köpfe, wie man helfen soll. In den Hörsälen stieg die Stimmung auf 80, als man erfuhr, daß ein Sofort-Hilfsprogramm sich dadurch verzögerte, daß der zuständige Senator auf Urlaub war. Die Studentenschaft konnte sich erst auf Umwegen Gehör beim Hamburger Senat verschaffen.

Man verlangte eine Ueberbrückungshilfe bis Semesterschluß. 50 Mark bedeuten schon eine Rettung für die meisten, vor allem für die Examenssemester. Wenn ihnen nicht geholfen wird, ist ihr Studienabschluß gefährdet.

Acht Tage lang blieb der Antrag liegen. Es fand sich kein Unterzeichnungsberechtigter.

Die Stimmung stieg auf 90, als die Hamburger Hochbahn-AG sich weigerte, Studenten Fahrpreisermäßigung zu gewähren. Man erklärte schlicht, Hamburgs Verkehrsunternehmen sei kein Sozialunternehmen, sondern ein Wirtschaftsbetrieb. Da die Hamburger Hochbahn-AG. nach monatelangen Bürgerschaftskämpfen ein sozialisiertes Unternehmen geworden ist, haben die Studenten die freundliche Bezeichnung vom »kapitalisierten Sozialismus« geprägt.

Alle zwei Tage müssen Vertreter des ASTA in den Vorlesungen erscheinen, um die Wogen der Erregung zu glätten. Die Stimmung wird immer radikaler.

Die Studenten wissen, daß der Staat arm geworden ist. Sie sind zur Selbsthilfe bereit. Aber sie sind der Ansicht, daß Vater Staat nicht darum herumkommen wird, im nächsten Semester großzügige Stipendien auszuwerfen. Ohne akademischen Nachwuchs nutzen alle schönen Aufbaupläne nichts. Der ASTA prophezeit, daß bei vorsichtigster Schätzung ohnehin nur 60 bis 70 Prozent der Hamburger Studenten ihr Studium werden fortsetzen können.

Die Studenten wollen, daß die Stipendien nur an hochqualifizierte Akademiker ausgegeben werden. Ueber die Universität, nicht über den Staat auf Parteibuchgrundlage.

Bürgermeister Brauer, alle Hamburger Parteivorstände und andere öffentliche Prominenz haben inzwischen den SOS-Ruf der »Akademischen Selbsthilfe« unterschrieben. Freunde der Universität sollen Mittagstische, Freiplätze, Arbeitsplätze spenden.

Die akademische Arbeitsvermittlungsstelle beschwört die öffentlichen und privaten Betriebe um Beschäftigung für Werkstudenten. Die ersten sind als Erbsenpflücker aufs Land gegangen, als Streckenarbeiter zur Reichsbahn, als Nachtwächter, als Ordner im Park von »Planten un Blomen«.

Nach Pariser Universitätsmuster wird ein »Mädchen für alles«-Dienst aufgezogen. Ein Telephonanruf im Studentenhaus genügt. Es erscheint eine Studentin und hütet das Baby, wenn die Eltern ins Kino wollen. Es erscheint ein Studiosus und übernimmt Botengänge oder stellt Uebersetzungen her.

Die Selbsthilfe soll noch weitergehen Man will wohlhabenden Studenten erhöhte Sozialbeiträge aufbrummen. Damit sollen sie ihren verarmten Kameraden das Studium ermöglichen.

Etwas ähnliches hat man in Mainz vor. Dort sollen die nicht zu hart betroffenen Studierenden im Juli 2. - DM für den Unterstützungsfonds geben. Die anderen drängen sich beim Sozialamt nach Arbeit. 300 Studenten kamen in einer Konservenfabrik unter. Sie sind schon wieder entlassen, die Kirschen sind ausgesteint.

»3000 Studenten werden wir wohl verlieren«, sagt die Uni. In Bonn rechnet man auch damit, daß die Hälfte der Studenten ihr Studium abbrechen muß.

Der Geschäftsführer des Kölner Studentenwerks e. V., Tuszik, apostrophiert die Situation mit: »Man kann einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen und einen Aal nicht übers Knie brechen.« Man könne immer nur von Fall zu Fall improvisieren. Die 100 Freitische und die Ermäßigung des Essens in der Mensa von 80 auf 50 Pfennige seien schließlich nur kleine Notlösungen.

In Düsseldorf, wo an der Medizinischen Akademie 810 klinische Semester studieren, vermittelte man innerhalb einer Stunde 40 Studenten eine Beschäftigung als Straßenbahnschaffner. In Köln ist man mit Wach- und Schließgesellschaften zu einem Agreement gekommen. Bei Sportveranstaltungen sollen Studenten als Ordner und Parkwächter eingesetzt werden. Stundenlohn: 1 D-Mark.

Das bedeutet bei einer Veranstaltung den Einsatz von 20 Studenten. Die Zahl der Studierenden beträgt 3500.

Auch mit Stadtverwaltung, Post und Bahn sind Besprechungen geführt worden. Aber die Verwaltungsstellen wissen selbst noch nicht über ihren Etat Bescheid.

Wie viele Studenten ihr Studium fortsetzen werden, kann niemand sagen, nicht einmal die Studienten selbst. Die erste Panik ist mitunter einer Lethargie gewichen. Voraussichtlich werden 30 bis 40 Prozent nicht weiterstudieren.

Bei den Studentinnen ist die Lage besonders ernst. »Wir haben ja nichts gelernt«, meint eine 23jährige Philologin. Körperliche Arbeiten wie ihre Kommilitonen können sie nicht ausführen, für Büroarbeiten sind sie nicht ausgebildet. Was weiterstudieren wird, ist die »höhere Tochter«. Soweit noch vorhanden.

In Heidelberg haben ein paar hundert Studenten die Koffer gepackt. »Mindestens 1200 von 4800 Studenten stehen jetzt vor dem Nichts« ist die Meinung des Rektors, Professor Dr. Wolfgang Kunkel. »Wir müssen versuchen, wenigstens unseren Examenskandidaten in den allerdringendsten Fällen zu helfen.«

Die Kassen sind leer. Seufzend sitzt der 35jährige Boß des Studentenhilfswerks, Doppeldoktor Schmitz-Massinger, hinter seinen Kontobüchern. Das Studentenhilfswerk ist in erster Linie selbständige Studentenkranken- und Unfallkasse. Jetzt stehen für jeden Versicherten noch 1,50 DM zur Verfügung.

Die werden bald aufgebraucht sein, denn 52 Prozent aller Studenten holen sich im Semester einen Krankenschein (1941: 20 Prozent). Das ist nicht verwunderlich, denn von 3600 kürzlich reihenuntersuchten Heidelberger Studenten hatten 97 offene Tb, 350 Fälle waren Tb-verdächtig.

Beim Allgemeinen Studentenausschuß weist das Konto noch 250 DM auf. Die Delegation, die zum Stuttgarter Landtag bestellt wurde, ein Erfolg der Demonstration vom 16. Juni, wird wohl per Anhalter den Gang nach Stuttgart antreten müssen.

Eine Straßenbahnfahrt ins Zementwerk Leimen hatte handgreiflichen Erfolg. 20 Studenten werden als Zementarbeiter eingestellt. Andere haben sich schon auf eigene Faust via US-Labor-Office ihren Job besorgt.

An der Spitze liegt der neue Nachtportier im Red-Cross-Hotel, dicht gefolgt von dem Pepsi-Cola-Verkäufer und dem Exwehrmachthauptmann, der den Stahlhelm wieder aufsetzt, mit dem großen IP (Industrie-Police) darauf. Nettoverdienst für diesen Job: 170 DM monatlich und einmal täglich ein warmes Essen.

Waiter- und Driver-Jobs waren schon vor der Währungsreform von Heidelberger Studenten stark gefragt. Sie sind jetzt so ziemlich ausverkauft.

Zwölf Studenten arbeiten in der ausgebrannten Peterskirche. Stundenlohn eine DM. Eine Baufirma hat 15 Studenten als Hilfsarbeiter beim Wiederaufbau der Neuen Universität eingestellt. Sozialreferent Claus Dietrich Erfurth aus Erfurt hat zwischen 6 und 24 Uhr den Strom der Stellungsuchenden in von ihm erschlossene Kanäle zu leiten.

Am 1. Juli wurden wieder Koffer gepackt, derjenigen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten. Man schätzt, daß 2000 Heidelberger Studentenbuden zum Wintersemester nicht wieder bezogen werden.

In München übernahm die TH als Sammelpunkt der Praktiker die Führung bei der Organisation der Selbsthilfe. Der Rektor der TH, Dr. August Föppl, fand die klassische Formulierung: »Alles dableiben, Ruhe behalten«. Keiner brach sein Studium ab. »Wir schaffen es«, sagte der kleine energische Arnulf Enders, ASTA-Vorsitzender.

Die Universitäts-Studenten haben es bei der Arbeitssuche schwerer. Sie sind »ungelernte Hilfsarbeiter«. Man hat seit einigen Monaten einen Bereitschaftsdienst für Studenten eingerichtet, der ab 1. Juli auf Anruf Erledigungen aller Art überweist: u. a. Kinderbeaufsichtigung, Botengänge, Platzbelegen in der Eisenbahn, Transporte.

Die städtischen Verkehrsbetriebe wollen 2300 Studenten beschäftigen, Dienstzeit von 5 - 10 Uhr, in den Ferien ganztägig. Der ASTA der Technischen Hochschule hat noch ein Extra-Unternehmen anlaufen: Der Arbeitsdienst am Aufbau der zertrümmerten Gebäude wird freiwillig, die Baufirmen sollen neueinzustellende Arbeiter zuerst unter den Studenten suchen. Deren Vorlesungen werden in die Abendstunden verlegt.

Im größten Hörsaal wird ein Kino eingerichtet, 30 Pfennig Eintritt. Die Tonfilmapparatur hat man schon, nur die Lizenz steht noch aus und das Filmmaterial. Es wird herzukriegen sein, meinen die jungen Optimisten.

Eine Baufirma für kleine Aufträge hat zwar noch Aktentaschenformat, aber kräftige Arme regen sich dafür. Im Hof wird ein uralter klappriger LKW für große Fahrt überholt. Ein Spezialist für Landmaschinen hat ein Häuflein um sich gesammelt, um mit ihm auf die Dörfer zu fahren. Reparaturen sind ein guter Verdienst bei den Bauern.

Aeltere Semester gründeten eine mathematisch-rechnerische Fabrik, wie sie es nennen. Sie nehmen Rechenaufträge für die Industriefirmen ganz Bizoniens entgegen, um die Ingenieure von mühseligen Nebenaufgaben zu entlasten. Professoren sind die Vermittler und setzen ihre Namen als Gütezeichen unter die fertigen Arbeiten. Das Beispiel dazu gab die TH in Darmstadt.

Sämtliche Angestellte der Hochschule haben zunächst ein Viertel ihres Gehaltes für die Gemeinschaftskasse des Studentenhilfswerkes geopfert, auch die Professoren. Es soll ein Grundstock für den schweren Uebergang sein. Wie man hört, erwägt die Universität eine Herabsetzung der Studienzeit, aber davon will die TH nichts wissen.

Im ASTA-Vorzimmer schlüpfen die jungen Leute, wenn sie aus dem Kolleg kommen, in die staubigen Arbeitsanzüge. »Hilf dir selbst, Student!« sagen sie. »Von Hundhammer erwarten wir nichts mehr.« Sie haben gar nicht erst mit ihm verhandelt.

Dr. Hundhammers Kultusministerium will zehn Studenten, die bedürftig und begabt sind, einen Semesterzuschuß von je 500 D-Mark gewähren. Tropfen auf einen glühend heißen Stein, sagen die Studenten. Es geht ja um die Allgemeinheit.

Den Studenten Niedersachsens soll durch ein Darlehnsgesetz geholfen werden. Es liegt bereits im Entwurf vor, und das Kultusministerium hat schon zugestimmt. Das Finanzministerium, dessen Bürgschaft für gewährte Darlehen gefordert wird, hat die Einschränkung gemacht, daß es nur für niedersächsische Landeskinder bürgen könne.

Die Zahl der hannoverschen TH-Studenten, die abreisten, ließ sich auf eigene Weise feststellen: man brauchte nur diejenigen zu zählen, die ihr Brot, das aus einer Spende der englischen Kirchen verteilt wird, nicht abholten. Es waren rund 30 Prozent der 1521 Immatrikulierten.

In Göttingen wird das Akademische Hilfswerk für Examenssemester 1200 DM Darlehen in 100-DM-Monatsraten vermitteln. Wenn die Mittel dazu besorgt sein werden. Die Mehrzahl der Studenten muß sich auch hier selbst helfen.

Ganz Tüchtige standen nach dem X-Tag am Bahnhof und verkauften. Nicht Zigaretten, sondern Fahrkarten, die sie noch für RM gekauft hatten. Nach allen Richtungen. Wenn nicht alles abgesetzt wurde - das Geld war so und so hin.

Ein Student ist bei einem Wach- und Schließinstitut untergekommen, als Nachtwächter. Das Institut hätte ihn beinahe wieder entlassen, wegen seiner langen Haare. Die Kunden könnten ihn für einen Einbrecher halten, hieß es. Er opferte 70 D-Pfennig für den Barbier. Jetzt läuft er mit gutem Haarschnitt Nacht für Nacht seine 27 km, bei guter Bezahlung.

200 Studenten gehen zum Film. Wenn es klappt. Die Göttinger »Film-Aufbau-GmbH.« braucht für die demnächst anlaufende Dreharbeit Komparsen. 10 DM pro Drehtag. So viele Drehtage kommen möglicherweise nicht heraus, daß es für den Lebensunterhalt reichen wird.

Wer schnell reagierte, konnte in den ersten Tagen noch einen Job finden, als Handlanger an der Rotationsmaschine, als Packer beim Zeitungsversand, als Bauhilfsarbeiter. Der Gang zum Arbeitsamt war weniger originell. Dort waren die Möglichkeiten am ersten Tage erschöpft. Später lautete der stereotype Hinweis: Ruhrkohlenbergbau. Ultima ratio bleibt: als freier Arbeiter nach Frankreich.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, sagten sich die Theologen und feierten ein Fest in einer Vorortkneipe. Alle waren begeistert, nur der Wirt nicht. 14 Studenten tranken je ein Bier. 74 tranken Wasser.

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