Zur Ausgabe
Artikel 16 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

TERRORISMUS Stück für Stück

Generalbundesanwalt Kurt Rebmann fahndet unter Exil-Kurden nach einer neuen terroristischen Vereinigung. Die Politkämpfer drohen mit Vergeltungsschlägen. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Die Leiche in einer Parkanlage des Berliner Stadtteils Moabit war geknebelt und bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Erst anderthalb Jahre nach dem grausigen Fund im Sommer 1985 konnte Murat Bayrakli, ein junger Kurde aus Tunceli im Osten der Türkei, identifiziert werden.

Auch der Tote in Hamburg. den ein Spaziergänger am 20. August 1986 in der Alten Süderelbe am Spülfeld Blumensand entdeckte, war übel zugerichtet. Die Polizei zählte »weit über 40 Stichverletzungen« in Kopf und Schulter des Asylbewerbers Ahmet Demir. Den Spuren zufolge war der 36jährige auf der Uferböschung niedergestochen und ins Wasser gestoßen worden.

Bislang kamen die Ermittler in beiden Fällen mit der Aufklärung nicht voran. Doch jetzt wird mit neuem Eifer ermittelt, Generalbundesanwalt Kurt Rebmann hat sich eingeschaltet. Die Gewalttaten, vermutet der Karlsruher Chefankläger, gehören zu einer Serie von fünf Morden, zwei Mordversuchen und sechs Brandanschlägen, geplant und ausgeführt von einer »terroristischen Vereinigung«.

Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) durchsuchten Anfang August, im Auftrag der Bundesanwaltschaft, in elf Städten 43 Wohnungen und Büros. Die Großaktion sollte Beweise für die Existenz einer Terrortruppe bringen, die gezielt »die Ermordung von politischen Gegnern und abtrünnigen Mitgliedern« (Rebmann) plant und ausführt.

Rebmanns Verdacht richtet sich gegen Mitstreiter der »Arbeiterpartei Kurdistans« (PKK), die am vergangenen Wochenende den dritten Jahrestag ihres Guerilla-Krieges in der Südost-Türkei beging. Die marxistisch-leninistische Organisation, geführt von dem im syrischen Exil lebenden Abdullah Öcalan, will dem verhaßten Regime in Ankara ein freies Kurdistan abtrotzen.

Nach Schätzungen von Verfassungsschützern sind in der Bundesrepublik tausend Öcalan-Anhänger in der PKK organisiert, die aktivsten unter ihnen in der Propagandaeinheit ERNK und der Kampftruppe HRK. Rebmann vermutet, daß die von ihm gesuchte terroristische Vereinigung auch die Vereinsstrukturen der »Feyka-Kurdistan«, einer Föderation kurdischer Patriotenklubs, »ausnutzt und sich auch aus Mitgliedern dieser Vereine rekrutiert«.

Indizien dafür, daß die PKK massiv gegen Landsleute vorgeht, die den Alleinvertretungsanspruch der Kaderorganisation anzweifeln, häufen sich seit Frühjahr dieses Jahres. Im März wurde in Bochum ein Kurde niedergestochen, im April feuerte ein Unbekannter in einem Stuttgarter Imbiß auf ein Führungsmitglied der »Komkar«, einer gemäßigt linken kurdischen Exilorganisation. Mehrere Komkar-Büros gingen in Flammen auf. Anfang Mai schließlich starb ein Komkar-Mann, der Lehrer Ramazan Adigüzel, in Hannover auf offener Straße durch Kopfschuß.

Begonnen hatte die PKK mit drakonischen Maßnahmen gegen Parteiabtrünnige. Als ein einstiges ZK-Mitglied, das die Truppe öffentlich kritisiert hatte, im November 1985 in Stockholm erschossen wurde, teilte die PKK lakonisch mit, »Dracula« sei »von einem Patrioten bestraft worden«.

Daß solche Patrioten auch in der Bundesrepublik aktiv sind, vermuten Kölner Staatsanwälte, die derzeit wegen »Verdachts der Freiheitsberaubung« gegen Unbekannt ermitteln. Ali Cetiner, Führungsmitglied der PKK, soll seit Ende Juni verschwunden sein, weil er sich einem Rückruf in die syrische Parteizentrale entzogen hat.

Ein anderer Funktionär stürzte Mitte Juli aus einem Hochhaus in Köln-Meschenich. Bei der Leiche fand sich ein Brief, in dem das Opfer darüber rätselte, was die Partei an ihm auszusetzen hatte.

Wenige Tage vor der Großaktion des Generalbundesanwalts durchsuchten Staatsschutzbeamte in Köln vier Wohnungen und ein Verlagsbüro. Neben allerlei Unterlagen und Tonbändern beschlagnahmten die Fahnder rund 700000 Mark in bar sowie Goldmünzen, Armringe, Ketten und Uhren.

Die Beschlagnahme löste heftige Reaktionen aus. PKK-Anhänger besetzten den Niedersächsischen Landtag, das Bonner DGB-Büro und Funkhäuser, um gegen die »willkürliche Schikane« zu protestieren. In Bonn warf ERNK-Sprecher Hüseyin Yildirim der Regierung vor, sie habe auf Bitten der Türkei »Polizeiterror« veranstaltet. Das Geld gehöre dem Kurdistan-Komitee in Paris und sei »von kurdischen Patrioten gespendet«.

Yildirim schimpfte auf die deutschen Firmen Thyssen, Siemens, AEG, Krupp, MBB und Bayer, weil sie angeblich »seit Jahren unsere Heimat ausbeuten«. Falls das beschlagnahmte Geld nicht umgehend zurückgegeben werde, würde »das kurdische Volk es verstehen, alle Wege der Ausbeutung zu verschließen«, und sein Eigentum »Stück für Stück mit Gewalt zurückholen«.

Rebmann setzte daraufhin ein weiteres Verfahren in Gang: Das Bundeskriminalamt ermittelt seit vergangener Woche gegen Yildirim wegen »Verdachts der Nötigung der Bundesregierung«.

Dabei sind die BKA-Ermittler bereits voll ausgelastet. Bei der Polizei stapelt sich kartonweise Material, das noch ausgewertet werden muß. Bislang haben die Fahnder nur vage Vorstellungen über das Innenleben der PKK.

Zudem weigern sich gewaltlose Kurden-Organisationen aus Angst vor Racheakten, mit westdeutschen Ermittlern zu kooperieren. Sie fürchten einen Rundumschlag Rebmanns gegen alle im bundesdeutschen Exil lebenden Kurden fast ebenso wie die Attacken der PKK.

Außerdem gelangen Erkenntnisse deutscher Behörden oft auf wundersame

Weise an den Nato-Partner Türkei. Und in ihrer Heimat werden kurdische Oppositionelle auf eine Art behandelt, die der CSU-Chef Franz Josef Strauß als »unfein« bezeichnen würde: Ihnen droht Folter und die Todesstrafe.

Obendrein versucht der türkische Geheimdienst, die durch die PKK-Aktivitäten angespannte Atmosphäre unter den rund 350000 in der Bundesrepublik lebenden Kurden gezielt aufzuheizen.

Anfang letzten Monats etwa tauchte bundesweit eine »Erklärung« auf, in der die sonst so gemäßigte Komkar rabiat gegen PKK-Chef Öcalan wetterte: Der Kurden-Führer sei ein »Größenwahnsinniger«, der Spenden für sein »Luxusleben« in Syrien verbrate und die Leibgarde aus der eigenen Verwandtschaft rekrutiere. Außerdem drücke sich der Guerilla-Chef »ängstlich, aber schlau« vor gefährlichen Kommandounternehmen und lasse sich statt dessen »aus Deutschland Frauen bringen«.

Die vermeintlichen Autoren der Kampfschrift, in der auch »Gegenangriffe« auf die PKK angedroht wurden, erfuhren von ihrem Pamphlet erst, als die Post unzustellbare Exemplare in der Komkar-Zentrale ablieferte. Nachforschungen ergaben, daß die Schimpfkanonade über einen Verteiler verschickt worden war, der üblicherweise für türkische Regierungspropaganda genutzt wird. Das Flugblatt war eine Fälschung.

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.