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SPD-BREMEN Stürzt und stürzt

aus DER SPIEGEL 46/1969

Ich bin oft hingefallen, aber immer wieder aufgestanden«, tönte Richard Boljahn (SPD) nach dem ersten Niederschlag. Zum Aufstehen kam es nie wieder: Ex-»König Richard« von Bremen wird ausgezählt.

Was für rebellierende Einzelgänger politischem Kamikaze gleichkam, ist bei den Genossen an der Weser mittlerweile Mode geworden: Man ist gegen Boljahn, 56. »Das ist nun mal so in der Politik.«

Die Macht des in der Braunkohl- und-Pinkelstadt einst mächtigsten Genossen begann zu bröckeln, als Boljahn Anfang 1968 bei der Vorstandswahl in seinem Ortsverein durchfiel und Parteifreunde ihn auch aus dem Landesvorstand boxten. Um nicht gestürzt zu werden, trat er auch als Chef der Bremer SPD-Fraktion zurück -- nach 17jähriger Kommandogewalt.

Seitdem stürzt und stürzt er. Beschleunigt wurde sein Fall durch seine Verquickung in den Bremer Bauland-Skandal, die ihn zum »betroffenen Zeugen« vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß gemacht hat. Zwar ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft sogar gegen sieben ebenfalls »betroffene Zeugen«, aber Boljahn ist noch immer die Hauptfigur.

Verdrossen wartet er, daß der Ausschuß, der seine Arbeit unterbrochen hat, weil der einstige Boljahn-Makler Wilhelm Lohmann vernehmungsunfähig im »Harzburger Hof« weilt, endlich weitermacht. Boljahn: »Die können doch keine Jahresarbeit daraus machen.«

Bei der Partei dagegen geht es weiter. Ende vorletzter Woche beschnitten die Genossen Boljahns einstige Amterfülle um zwei weitere Posten: Die Fraktion zog ihn aus dem Aufsichtsrat der Bremer Stadthalle GmbH und aus dem gemeinsamen Planungsausschuß Bremen-Niedersachsen zurück -- beiden Gremien hatte der Multi-Funktionär vorgesessen.

Daß er in der Stadthalle nun gar nichts mehr zu melden haben soll, trifft ihn besonders. Sie war gleichsam sein eigenes Projekt ("Boljahneum"), das er mit 30 Millionen statt der ursprünglich veranschlagten 9,3 Millionen Mark bauen ließ. Das Richtfest wurde, so Boljahn, »der Höhepunkt meines Lebens«. Weitere Höhepunkte erlebte er, wenn später dort die Sechstage-Matadore ihre Runden zogen und die Catcher in den Seilen hingen. Boljahn war immer dabei.

Nun, selber an die Seile gedrängt, pocht er auf die Regeln: »Vorsitzender im Planungsausschuß bin ich noch heute. Die Fraktion kann viel beschließen, ich bin doch nicht von ihr, sondern vom ganzen Parlament gewählt.«

Im Parlament wollen ihn die Genossen nun gar nicht mehr sehen, und im Gewerkschaftshaus kann sich Bremens DGB-Chef auch nicht mehr sicher fühlen. Bremens SPD-Landesvorsitzender Moritz Thape: »Boljahns Ära ist endgültig abgelaufen.«

Weil Boljahn einem Beschluß der Unterbezirks -- Delegierten -- Konferenz, er möge sein Mandat als Abgeordneter der Bürgerschaft (Landtag) niederlegen, nicht nachkommen will, wird ihm am 1. Dezember der Partei-Prozeß gemacht. Die Anklage lautet: »Ämterhäufung« und »Ämtermißbrauch«.

Dazu Boljahn, der erfahren mußte, daß Genossen ihn nun nicht mehr grüßen: »Ich bin ganz ruhig.«

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