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PIRATEN-SENDER Stützpunkt Hamburg

aus DER SPIEGEL 1/1960

Obwohl die Direktoren der skandinavischen Staatsrundfunkanstalten - wie einst die deutschen Funkhaus-Chefs - dem Prinzip huldigen, ihren Ätherkunden weder Radio- noch Fernsehwerbung anzubieten, empfangen dänische und schwedische Radiohörer Tag für Tag gefunkte Marmeladen-, Zahnpasta- und Zigaretten-Reklame. Es sind Sendungen der privaten Radiostation »Mercur«, die auf einem außerhalb der dänischen Hoheitsgewässer ankernden Schiff untergebracht ist (SPIEGEL 25/1958). Wahrscheinlich schon vom nächsten Monat an werden die Skandinavier außer den Reklame-Rundfunksendungen nun auch Werbefernsehprogramme sogenannter Piratensender empfangen können.

Gleich zwei private Unternehmen bereiten sich zur Zeit darauf vor, die skandinavischen Rundfunkgesetze zu unterlaufen und Werbefernsehprogramme auszustrahlen. Beide Projekte werden diskret vorangetrieben, denn nach Ansicht der dänischen wie der schwedischen Post sind sie ungesetzlich. Freilich steht fest, daß die Behörden der skandinavischen Länder keine rechtlichen Mittel besitzen, die Tätigkeit der geplanten illegalen Sender zu unterbinden. Die dänische Justiz hat nämlich eine Untersuchung einstellen müssen, die mit dem Ziel angeordnet worden war, den Schiffssender »Mercur«, die erste und bisher einzige kommerzielle Rundfunkstation im skandinavischen Bereich, zum Schweigen zu bringen.

Dieser kuriose Sender, der täglich vier bis sechs Stunden lang auf UKW flotte Musik und kurze Werbesprüche überträgt, hatte sich im Sommer 1958 mit den Worten »Hier ist Radio Mercur« zum ersten Male gemeldet. Er besaß keine Sendegenehmigung und war bei keiner Behörde registriert.

Die Direktoren des staatlichen dänischen Rundfunks sandten damals umgehend Rechercheure aus, um zu erfahren, was es mit dem nicht lizenzierten Sender - dem »Piratensender«, wie ihn skandinavische Zeitungen nannten - auf sich hatte. Das Ergebnis der Nachforschungen war verblüffend: Obgleich der schwimmende Sender sich stets außerhalb der Hoheitsgewässer aufhielt, wurden die Werbeprogramme auf dänischem Boden fabriziert - in einer Elf -Zimmer-Villa des Kopenhagener Vororts Gentofte. Jeden Tag schafften Motorboote die sendefertigen Tonbänder von Kopenhagen zu dem im Öresund

schwimmenden

Sendeschiff. Eigentümer des raffiniert angelegten Werbefunk-Unternehmens - so fanden die Ermittler weiter heraus - war die im Fürstentum Liechtenstein ansässige »Internationale Radio Anstalt«, also eine ausländische Firma.

Die Hoffnungen der dänischen Staatsrundfunkler, der kommerzielle Sender werde aus Mangel an Werbekunden pleite gehen, erwiesen sich als trügerisch. Die Geschäfte des Senders, der das staatliche Funkmonopol und das Werbefunkverbot der skandinavischen Staaten gleichermaßen durchbrach, dehnten sich im Gegenteil schnell aus, unter anderem, weil »Radio Mercur« seine Sendezeit zu günstigen Preisen offerieren konnte. Der Mitarbeiterstab des Senders - zum Teil erfahrene Funkleute, die vorher beim dänischen Rundfunk arbeiteten - ist gegenüber dem aufgeblähten Apparat des Staatsrundfunks klein; das Sendeschiff kostete nur 18 500 Mark, und die Sendeanlagen einschließlich der 32 Meter hohen Bordantenne erstanden die Werbefunker ebenfalls preisgünstig aus zweiter Hand.

Allerdings mußten die »Mercur«-Leute auch zahlreiche Widrigkeiten in Kauf nehmen, unter denen auf dem Festland arbeitende Rundfunkstationen nicht zu leiden haben; denn das kleine Radioschiff bietet für den Sendebetrieb denkbar ungünstige Voraussetzungen. So zerfetzten Stürme mehrmals die Sendeantenne und den Sendemast; das Schiff riß sich von der Verankerung los und wurde schließlich sogar während einer Sendung von einem deutschen Frachtschiff gerammt.

Die Rundfunkrechtler, die im Auftrag der Rundfunkanstalten nach Wegen suchten, den Eindringling aus dem Bereich des Monopolrundfunks wieder zu vertreiben, mußten freilich bald erkennen, daß sie sich einer völlig neuen, komplizierten Situation gegenübersahen: Die »Mercur«-Manager hatten ihr Sendeschiff vorsorglich in Panama registrieren lassen - einem Land, dessen Regierung europäische Funkverträge nicht anerkennt. Die dänische und die schwedische Regierung protestierten zunächst in Panama und forderten den mittelamerikanischen Staat auf, ein Sendeverbot für den im Öresund stationierten Schiffssender zu erlassen. Die Tätigkeit des Senders »Mercur«, so argumentierten die Skandinavier, stelle einen klaren Verstoß gegen das Rundfunk-Reglement von Stockholm (1952) dar. Durch diesen Vertrag seien die Kanäle des UKW-Bereichs genau verteilt worden; »Radio Mercur« habe keine Frequenz beantragt, folglich arbeite der Sender auf einer »gestohlenen Welle«.

Vor ihrem Publikum verteidigte sich die »Mercur«-Direktion mit idealistisch verbrämten Argumenten: »Die Ätherfreiheit ist der Pressefreiheit gleichzusetzen. Der dänische Staat weigert sich, Werbesendungen zuzulassen, deshalb haben wir das staatliche Funkmonopol durchbrochen.«

Die dänischen Behörden wandten sich daraufhin an die Internationale Vereinigung für das Fernmeldewesen, die sich speziell mit der Verteilung der Ätherwellen befaßt: Panama mißachte vorsätzlich die Bestimmungen der internationalen Radio-Abkommen. Die Vollzugsordnung des 1947 in Atlantic City abgeschlossenen Internationalen Fernmeldevertrags verbiete ausdrücklich Sendungen von »beweglichen Stationen«.

»Mercur«-Direktor Per Jansen entgegnete bieder: »Unser Sendekutter liegt fest vor Anker und verändert niemals seine Position. Folglich ist er auch keine bewegliche Station im Sinne dieser Bestimmung.«

Die juristischen Auseinandersetzungen verschafften dem illegalen Werbefunk -Unternehmen unterdessen kostenlos Publizität, und die Stammhörerschaft des schwimmenden Senders wuchs - nach Schätzungen des »Mercur«-Chefingenieurs William Pedersen - auf 500 000 Dänen und Schweden.

Ermutigt durch den Erfolg, planen die »Mercur«-Leute nun, ein größeres Schiff auszurüsten und - vom Öresund aus - auch Werbefernsehsendungen zu verbreiten. Die technischen und juristischen Voraussetzungen ähneln den Umständen, unter denen der »Mercur«-Rundfunksender arbeitet, so daß sich die dänischen Werbefunker für ihr neues Projekt wiederum günstige Geschäfte versprechen.

Freilich: In jüngster Zeit ist ein Konkurrent aufgetaucht, der sich die gesetzbrecherische Methode der »Mercur«-Leute aneignen und gleichfalls ohne staatliche Lizenz Werbefernsehen veranstalten will - der schwedische Werbefachmann Gunnar Wallström. Seine Pläne gehen sogar noch weit über das »Mercur«-Fernsehprojekt hinaus; er beabsichtigt, fliegende Fernsehstationen über den internationalen Gewässern kreisen zu lassen, um seinem Werbefernsehen einen besonders großen Aktionsradius zu verschaffen

Wallströms Firma, die »Swedish Commercial Television Co.«, hat bereits einen Vertrag mit einer deutschen »angesehenen privaten Luftreederei« unterzeichnet, die drei Maschinen vom Typ Convair 240 für das Unternehmen verchartern will. »Eine Maschine wird mit zwei 10-Kilowatt-Sendern und einer Spezialantenne ausgestattet, die es uns bei 7000 Meter Flughöhe ermöglicht, ganz Südschweden, Südnorwegen und Dänemark mit unserem Fernsehprogramm zu versorgen« erläuterte der technische Leiter der Swedish Commercial Television Co., Ingenieur Astner.

Dieses Flugzeug soll außerhalb der Landesgrenzen über dem Kattegat zwischen Göteborg und Halmstad kreisen Astner: »Eine zweite Maschine, die über der Ostsee fliegen soll, wird das Programm von dem Mutterflugzeug übernehmen und als Relaisstation die Gebiete Nordschwedens und Teile von Finnland versorgen.« Das dritte Flugzeug wollen die schwedischen Fernsehwerber dazu benutzen, aktuelle Filmstreifen aus England, der Bundesrepublik und anderen europäischen Fernsehländern heranzuschaffen.

Um Streitigkeiten mit den schwedischen Behörden zu vermeiden, hat Wallström von vornherein darauf verzichtet, Start - und Landeerlaubnis für seine Maschinen auf schwedischen Flughäfen zu beantragen. Er will seine Fernsehflugzeuge von Hamburg aus einsetzen.

In den Funkhäusern der skandinavischen Länder haben die Vorarbeiten der illegalen Fernsehkonkurrenz neue Aktivität ausgelöst. Unter den beamteten Rundfunkleuten scheint sich jetzt die Ansicht durchzusetzen, daß den privaten Konkurrenzunternehmen mit anderen als juristischen Mitteln begegnet werden müsse. Die Radio-Direktoren erwägen, nunmehr ihre starre Anti-Werbungs-Position aufzugeben.

Wie die deutschen Funk-Intendanten, die eilends Werbesendungen in ihre Programme aufnahmen, als sich die Gefahr eines zweiten, kommerziellen Fernsehens außerhalb des Monopolrundfunks abzeichnete, wollen die skandinavischen Sender Werbefernsehen in eigener Regie betreiben. »Das staatliche Werbefernsehen«, erklärte der Fernseh-Experte der dänischen Postverwaltung, Diplomingenieur Lonberg Nielson, »wird die illegalen Privatsender töten.«

Unterdessen bereiten auch holländische Geschäftsleute nach skandinavischem Vorbild »freie Werberundfunkprogramme« vor. Die Holländer haben ein deutsches Feuerschiff gekauft, das - außerhalb der Hoheitsgewässer im Ärmelkanal verankert und mit der Flagge Panamas ausstaffiert - als schwimmender Reklame-Sender dienen soll.

Sendeschiff »Mercur": Auf gestohlenen Wellen

Wallström

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