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VAN GOGH-AUSSTELLUNG Stuhl hinter Glas

aus DER SPIEGEL 50/1957

Mit beträchtlichem Wortaufwand versucht der Leiter des van Gogh-Archivs in Den Haag, Dr. Mark Edo Tralbaut, die Besucher in der Krupp-»Villa Hügel« mit dem bekannt zu machen, was er »in aller Bescheidenheit als ersten Versuch einer wissenschaftlichen Ausstellung« oder, weniger bescheiden, als die »erste wissenschaftliche van Gogh-Ausstellung« bezeichnete. »Es sei erwähnt«, so formulierte es der Holländer Tralbaut, »daß die Verwirklichung dieser kühnen Initiative eine äußerste Anspannung aller Kräfte erforderte.«

Ziel dieser »kühnen Initiative« war eine von Tralbaut unter der Ägide des »Vereins Villa Hügel« zusammengestellte Schau unter dem Titel »Vincent van Gogh, Leben und Schaffen« mit dem Untertitel »Dokumentation, Gemälde, Zeichnungen«, die voraussichtlich bis Mitte Dezember in Essen zu sehen sein wird. Im Gegensatz zu herkömmlichen Kunstausstellungen

stehen bei dieser als »wissenschaftlich« deklarierten Schau nicht die Werke des holländischen Malers im Vordergrund, sondern das, was die Veranstalter unter Dokumenten aus seinem Lebensumkreis verstehen.

Jahre seines Lebens hat der vitale Dr. Tralbaut sich nahezu ausschließlich damit beschäftigt, akribisch allen biographischen Spuren des Malers van Gogh nachzugehen und zusammenzutragen, was er an Daten, Äußerungen, Briefen, Archivalien und sonstigen Einzelheiten aus dem Leben van Goghs auftreiben konnte. Das vorläufige Ergebnis dieser Arbeit zeigt er nun in Essen: Eine Ausstellung, die über den Maler Vincent van Gogh nur noch wenig bietet, über sein Leben dagegen um so mehr vermitteln möchte.

»Im heutigen Stadium der allgemeinen Bewunderung (für den Maler van Gogh)«,

so argumentiert Dr. Tralbaut, »darf die breite Masse als reif genug angesehen werden, dieser Kunst nicht mehr einseitig von der emotionalen Seite her zu begegnen, sondern sie auch von einem anderen Gesichtspunkt aus zu betrachten ... Schafft dieses günstige Klima nicht die besten Voraussetzungen für ein solches Unternehmen wie das unsere?«

Nun ist allerdings der Gedanke nicht ganz neu, bei Ausstellungen außer den Bildern eines Malers auch einige Hinterlassenschaften zu zeigen. Bereits 1937 wurden zum Beispiel bei der van Gogh-Ausstellung in Paris auch Dokumente gezeigt. Ähnliches geschah bei der Gedächtnis -Ausstellung 1953, die nacheinander im Gemeente Museum Den Haag, dem Rijksmuseum Kröger-Müller im holländischen Otterlo und im Stedelijk-Museum von Amsterdam zu sehen war. In allen diesen Fällen blieben allerdings die ausgestellten Bilder deutlich von den Dokumenten getrennt. Die Besucher konnten darauf verzichten, die dokumentarischen Tafeln anzusehen, und fanden sich ebenso gut zurecht, wenn sie nur die Bilder betrachteten.

Das ist in Tralbauts van Gogh-Schau anders. Von den fast vierhundert Ausstellungsstücken sind nur rund hundert Zeichnungen und Gemälde, die übrigen drei Viertel sind Photos, Zettel, Stammbäume, Landkarten, Zeugnisse, Briefe, Atteste, Stadtpläne oder etwa Plakate mit dem Werbetext der Nervenheilanstalt Saint Paul de Mausole, in die sich van Gogh begeben mußte: »Privates Unternehmen für die Behandlung von Geisteskranken beiderlei Geschlechts. Dieses Haus, gegründet 1806, liegt in einer prächtigen Landschaft und bietet alle Voraussetzungen für das

Wohlergehen ... Alle Auskünfte durch den Direktor.«

Nun ist ohne Zweifel das öffentliche Interesse an der Biographie van Goghs größer als an den Lebensumständen anderer Maler: Das von Leidenschaften und kompromißlosen. Entschlüssen bestimmte Dasein des 1853 in Holland geborenen Vincent van Gogh erfüllt alle bürgerlich-romantischen Vorstellungen von echtem Künstlerschicksal. Zu Lebzeiten van Goghs, dessen Werk heute in Moskau ebenso hoch geschätzt wird wie in New York, konnte nur ein einziges seiner Bilder verkauft werden, und von den 37 Jahren seines Lebens hat er sich nur die letzten fünf ausschließlich der Malerei widmen können.

Zum Kummer seiner Eltern scheiterten alle Versuche Vincents, sich

- als Angestellter einer

Kunsthandlung in Paris und London oder als Hauslehrer - im bürgerlichen Dasein zu behaupten. Er war nicht fähig, die Termine eines geregelten Lebens einzuhalten, liebte fast immer unglücklich, versuchte sich als Quäker, Asket und Wanderprediger im belgischen Industrierevier, obwohl er nicht in der Lage war,

sich verständlich auszudrücken, so daß die Frauen und Kinder, die er zur Güte ermahnen wollte, entsetzt schreiend vor ihm flohen und sich in ihren Häusern versteckten.

Erst 1885 konnte ihm sein Bruder Theo van Gogh, Direktor einer Kunsthandlung, Mittel zur Verfügung stellen, die es ihm

ermöglichten, zunächst in Antwerpen, später in Paris und schließlich in der südfranzösischen Provence zu malen: In dieser südlichen Landschaft, bei Arles, fand er seinen Stil, der heute fast jedem Teenager als farbige Offenbarung gilt - die von der Sonne durchglühten Landschaften, Brücken, Zimmer und Sonnenblumen.

Auch in diesen fünf letzten Lebensjahren wurde der fanatisch arbeitende Maler von Depressionen befallen. Er versuchte, seinen Freund Paul Gauguin - der später als Südsee-Maler berühmt wurde - auf offener Straße mit einem Rasiermesser umzubringen, schreckte aber vor der Tat zurück und schnitt sich zur Strafe sein linkes Ohr ab. Dann wickelte er sein Ohr in ein Taschentuch und überreichte es so verpackt nachts einer Dame namens Rachel, die er schätzte und die in einem Bordell zu Hause war.

Nach diesem Zwischenfall wurde van Gogh für einige Zeit in ein Hospital gebracht, bald darauf - auf eine Petition seiner Nachbarn hin - zum zweiten Male. Später begab er sich freiwillig in eine private Nervenheilanstalt in Saint-Rémy, in der ihm eines seiner beiden Zimmer als Atelier eingerichtet wurde. Am 27. Juli 1890 erbat er sich unter dem Vorwand, auf die Vogeljagd gehen zu wollen, eine Pistole und schoß sich in die Brust. An der Verletzung starb er zwei Tage später.

Die Dokumente zu diesem bewegten Malerleben - das inzwischen Filmproduzenten, Schriftsteller und Dramatiker für ihre Geschäfte ausgewertet haben - hat nun Tralbaut für die Essener van Gogh-Ausstellung zusammengetragen, um dem »Verlangen nach besserem Begreifen des tragischen Nord-Brabanters und seiner erschütternden Darstellungen« entgegenzukommen.

Bereits in der Eingangshalle der Ausstellung werden die Besucher, wie es der Kunstkritiker Gerhard Schön im »Rheinischen Merkur« nannte, »mit einem Aplomb sondergleichen« empfangen: »Vierundzwanzig Augenpaare blicken einem entgegen, es sind die Augen des Malers Vincent van Gogh, dem die mit kaum faßlicher Mühe

vorbereitete Ausstellung gewidmet ist. In zwei Zwölferreihen übereinandergestaffelt, sind die Augen stark vergrößerte Detailaufnahmen von Selbstbildnissen des Künstlers. 'Diese Augen sahen die Welt neu, heute sehen wir sie mit diesen Augen', verkündet ein Spruchband. Es fährt einem gehörig in die Glieder, so nachdrücklich an die Zügel einer Ausstellungsidee genommen zu werden. Vielleicht gibt es, wagt man gerade noch zu denken, Leute, die die Welt noch nicht oder auch nicht mehr mit den brennenden, sengenden, bohrenden Augen van Goghs zu sehen belieben ...«

In den neun Sälen der Ausstellung wird gezeigt, was nach Ansicht der Veranstalter der »breiten Masse« zur Aufhellung des Maler-Phänomens dienen kann. Dazu gehören Photographien der Zeitgenossen van Goghs und seiner »frühen Verehrer«; eine

Landkarte bezeichnet alle Orte, »wo er lebte und arbeitete«, eine andere zeigt die »Museen, die seine Bilder besitzen«.

Zu sehen sind etwa ein Grundriß der Landschaft Nord-Brabant, in der van Gogh geboren wurde, ein Stadtplan des Geburtsortes Groß-Zundert aus dem Jahre 1780 -Vincent kam 1853 zur Welt -, ein Photo des Rathauses daselbst, eine Sammelliste aus dem Jahre 1861, in der Einwohner von Groß-Zundert ihre Spenden zur Linderung einer Überschwemmungsnot zeichneten. Die Aussteller vermerken dazu: »Vincents Vater spendete also als zweiter, unmittelbar nach dem Bürgermeister, einen beinahe gleich hohen Betrag.«

Weitere Ausstellungsstücke, die zum besseren Verständnis des Malers dienen sollen, sind etwa ein »Albumblatt mit Blumen« aus der Jungmädchenzeit der Mutter van Goghs, Photographien der Grabsteine seiner Brüder, das Innere der Kunsthandlung Goupil, in der Vincent als Lehrling, und die Außenansicht der Schule, in der er als Lehrer gearbeitet hat. Die Ausstellung zeigt das Photo eines Küsters, bei dem der Maler kurze Zeit wohnte, ebenso wie - hinter Glas vor dem Zugriff der Bewunderer sorgfältig geschützt

- einen Stuhl, auf dem er saß, dargeboten

unter der Balkenschrift: »Ein stiller Zeuge von Vincents Liebe und Leid in Arles«

Die Orte, die van Gogh irgendwann einmal besuchte, und der heutige Zustand der Landschaften und Ansichten, die Vincent irgendwann einmal gemalt hat, wurden photographiert Eine der zum Teil meterhohen Photographien zeigt die »sogenannte Zelle« van Goghs in der Heilanstalt von Saint-Rémy-de-Provence: Diese Zelle hat jedoch mit dem Gelaß, in dem Vincent wohnte, nichts zu tun, sondern wurde lediglich für die Tausende von Interessierten hergerichtet, die Jahr für Jahr die Heilanstalt besuchen.

Die Zelle, in der Vincent lebte, kann wegen Baufälligkeit des Stiftes nicht mehr betreten werden, doch hat sich einer der zahlreich beauftragten Photographen (insgesamt wurden für die Ausstellung 2000 Aufnahmen gemacht) dennoch hineingewagt: Sein Photo zeigt unter dem plakativen Titel »Genie hinter Gittern« die Landschaft, die Vincent van Gogh von seinem Fenster aus sehen konnte.

Auch das Sterbezimmer ist photographiert. Der Katalog vermerkt dazu: »Die Dachkammer, wo Vincent zwei Tage, nachdem er sich eine Kugel in den Leib gejagt hatte, seinen Geist aufgab, wird immerzu von seinen Bewunderern aus aller Welt besucht Das Bett steht dort der Form halber. Es hat mit van Gogh nichts zu schaffen.«

An einer anderen Stelle wird eine Notiz aus dem Lokalteil der Zeitung »Le Forum Républicain« reproduziert, die am 30. September 1888 bekanntgab: »Vergangenen Sonntag um 11.30 abends sprach Vincent Vangogh, Maler, aus Holland stammend, am Bordell Nr. 1 vor, verlangte nach einer gewissen Rachel und übergab ihr ... sein Ohr mit den Worten: 'Verwahr dieses Ding gut.' Danach verschwand er. Von diesem Vorgang, der nur die Tat eines unglücklichen Geisteskranken sein kann, benachrichtigt, begab sich die Polizei am anderen Morgen zu dem Obengenannten und fand ihn in seinem Bett vor. Er gab kaum noch ein Lebenszeichen von sich. Der Unglückliche wurde schleunigst in ein Krankenhaus geschafft.

In einem anderen Saal sind einige Routine-Anmerkungen der Irrenärzte reproduziert, die van Gogh behandelten, so eine Anmerkung aus dem Monats-Rapport des Dr. Peyron aus Saint-Rémy: »Dieser Kranke kommt aus dem Spital in Arles, in das er infolge eines Anfalles von plötzlich eingetretenem akutem Wahnsinn nebst Gesichts- und Gehörhalluzinationen, die ihn erschreckten, eintrat. Während dieses Anfalls schnitt er sich das linke Ohr ab, hat jedoch von all diesen Tatsachen nur eine sehr unklare Erinnerung behalten und kann sich nicht Rechenschaft darüber geben.«

Besonders krasse Beispiele aber für die naive Dokumentations-Technik der Aussteller - die »Frankfurter Allgemeine« nannte das Unternehmen ein »großartig monströses Unikum« - sind zwei Photographien, die ebenfalls zur besseren Kenntnis des Malgenies van Gogh beitragen sollen. Eines dieser Photos zeigt das Treppenhaus der Nervenheilanstalt in Saint-Rémy und wird kommentiert: »Vincents Zelle lag, wie bereits früher gesagt, im 1. Stock. Auf dem Weg von und zum Park mußte er also immer die Treppe benutzen ...«

Das andere Photo stellt ein römisches Monument dar, genannt »Les Antiques«, das sich in der Nähe der Heilanstalt befand. Erläutert der Katalog: »Dieses Bild sah Vincent vor sich, wenn er aus dem Asyl kam. Daß er die Ruinen auf keinem Bild ... darstellte, läßt auf eine große Gleichgültigkeit diesen Denkmälern gegenüber schließen. Das darf uns aber nicht verwundern ...«

Dreizehnjähriger van Gogh

Vaters Spenden, Mutters Blumenalbum

Forscher Tralbaut: »Erste wissenschaftliche van Gogh-Ausstellung«

van Gogh-Gemälde »Irrenhausgarten": Das Ohr im Taschentuch

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