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STULLE MIT WURST

aus DER SPIEGEL 8/1968

Jetzt wissen wir es aus seinem eigenen Mund, Axel Springer liest Angriffe auf sich und sein Verlagshaus nicht, all die »perfiden Dinge": »Ich lasse sie lesen.«

Seine Meinung über das von ihm nicht gelesene Springer-Psychogramm des ehemaligen Springer-Kolumnisten Wilhelm Backhaus Im SPIEGEL tat der Verleger auf dem Fernsehschirm mit dem Hinweis kund, Autor Backhaus sei seit 1946 ein »Sozialfall« seines Hauses.

Somit ist die Vermutung nicht abwegig, daß die Beschreibung der Seelenlandschaft Axel Springers dessen Beifall kaum gefunden hat. Zum Glück fällt tätige Reue in diesem Fall nicht schwer. Axel Springer hat in letzter Zeit in zahlreichen Reden und Interviews so viele Auskünfte über sein Seelenleben gegeben, daß sich aus ihnen jetzt -- ohne unzulässige Verletzung seiner Intimsphäre -- mühelos ein offizielles Psychogramm erstellen läßt. »Rücksichtsloser Machthunger« hieß es im Psychogramm. Wie ungerecht! Die »Neue Revue« stellte Axel Springer die Frage: »Sind Sie machthungrig?« Und Springer antwortete ebenso klar: »Nein!« Sein Hunger steht nicht nach der Macht. Sein Hunger äußert sich vielmehr

bescheiden: »Das Allerschönste ist für mich eine Stulle mit Wurst.«

Das Psychogramm wollte eine »weibliche Komponente im Springerschen Wesen« entdecken, sprach gar von »femininem Subjektivismus«. Weit gefehlt! »Es sitzt vor ihnen ein Mann«, sagte Axel Springer zu seinem Fernseh-Interviewer Klaus Harpprecht, und der widersprach nicht! Auch nicht, als Springer -- stets auf seine Person bezogen -- Insistierte: »Das ist der Entwicklungsgang eines Mannes.« Während noch das SPIEGEL-Psychogramm Springer eine »stark weibliche Einstellung zu den Dingen« unterstellte, forderte Springer eine »männliche Nahost-Politik«.

Psychogramm: »Gefallsucht«, »eine gute Portion Narzißmus"' »Verliebtheit in sich selbst«. Keine Rede davon! Axel Springer ist lediglich zu völlig objektiven Feststellungen fähig, wie ganz beiläufig zu Ben Witter in der »Zeit": »Und in Weidners Prominentensanatorium, es war Anfang der dreißiger Jahre, machte ich die Bekanntschaft des Berliner Nervenarztes Professor Dr. 1. H. Schultz. Er sagte, daß aus mir entweder etwas ganz Großes oder gar nichts werden würde. In seinen Lebenserinnerungen las ich später, daß ich einen sehr starken Eindruck auf ihn gemacht hatte, er erwähnte meinen trockenen niederdeutschen Humor und die, wie er es nannte, wirklich geistvollen, schnellen Einfälle und Formulierungen.«

Das also ist das ehrliche, das wahrhaftige Psychogramm Axel Springers. Kurz vor sieben Uhr wird er munter, so vertraut er der »Neuen Revue« an, hört den Gottesdienst im Funk und die Sendung für die Brüder-Schwestern in der Zone, trinkt dünnen Kaffee und treibt »scharfe Gymnastik«. Die allmorgendliche Rasur, so bekannte er Ben Witter, gemahnt ihn an Bruder Dutschke: »Ich verstehe Rudi Dutschke gut. Woraus besteht denn unser Leben zu 90 Prozent, nein, ich möchte sagen, zu 95? Aus grauer Pflichterfüllung, denken wir nur mal ans Rasieren jeden Morgen, und was dann alles kommt und immer wiederkommt.«

Daß er angefeindet wird, versteht er nicht, er wünscht doch nur, daß »alle sich auf das besinnen«, was in einem »Altonaer Bekenntnis« niedergelegt ist, das sein Vater 1933 druckte: »Wir aber glauben, lehren und bekennen, daß um unserer Sünden willen nie ein Zustand erreicht

werden kann, in welchem Leistung und Lohn sich wirklich entsprechen, in welchem es keinen Krieg irgendwelcher Art mehr geben ... wird.«

Es ist ihm ernst mit diesem Bekenntnis. Auf Harpprechts Frage, ob er sehr reich sei, widerspricht er: »Ein Angehöriger meines Berufes, der vor einer technischen Revolution steht, der kann gar nicht reich sein.«

So lebt er bescheiden dahin mit Jet, Rolls und Wurststulle. Im Fernsehen gesteht er, daß er sich mit Herz und Hand dem deutschen Vaterland ergeben hat. Den anspruchsvolleren »Zeit«-Lesern bekennt er, nachts lese er Pascal Und auch die Leser der »Neuen Revue« werden zufriedengestellt: »Mein liebstes Getränk: immer noch Bier.« Golf spielt er am liebsten allein, aber: »Noch lieber Ist mir Fußball. Wenn ich irgendwo ein paar Jungs kicken sehe, bleibe ich stehen und schaue eine Weile zu.

So steht Axel Springer mit festen Füßen in unserer Welt. Kein großer Fehler, der zu bereuen wäre. Denn, so resümiert er sein vorbildhaftes Leben: Dich würde alles noch einmal so machen, wie ich's gemacht habe, einschließlich der Fehler.«

Otto Köhler
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