Zur Ausgabe
Artikel 18 / 74
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SPD-GESCHICHTE Stumme Hunde

Warum stimmte die SPD 1933 im Reichstag für Hitlers Außenpolitik? Ein Buch des Sozialdemokraten Wilhelm Hoegner entfacht die alte Kontroverse aufs neue.
aus DER SPIEGEL 3/1978

Der Lektor des sozialdemokratische Jean-Christophe-Verlages in Zürich erschrak. Was er da in dem vor ihm liegenden Manuskript las, war die erbarmungsloseste Abrechnung eines führenden Genossen mit den Fehlern und Schwächen der SPD in den Tagen der national sozialistischen Machtübernahme im Frühjahr 1933.

»Wir leisteten keinen Widerstand. Wir warfen dem siegreichen politischen Gegner keine Prügel in den Weg«, schrieb der Autor. »Die Alten (in der SPD-Führung) bangen um ihren Ruhm. Wie alte, lächerlich gewordene Schauspieler oder Sängerinnen merken sie nie, wann der Vorhang gefallen ist.«

Und weiter: »Wir waren und blieben in allem waschechte Parlamentarier, d. h. wir redeten über die Dinge, andere aber gestalteten, meisterten sie. Während bereits Konzentrationslager errichtet und viele unserer Anhänger »auf der Flucht erschossen« waren, wurde bei uns im engsten Kreis ein erbitterter Kampf um Mandate geführt.«

»Unser Parteivorstand«, zürnte der Autor, »hatte sich heimlich ins Ausland begeben ... Die besseren Herrschaften hatten sich nach Verabredung untereinander in Sicherheit gebracht. Wir Parteimitglieder minderen Rechts waren als Fraß für die Konzentrationslager gerade gut genug.«

Verfasser der Schelte war der Jurist Wilhelm Hoegner, bis 1933 SPD-Abgeordneter im bayrischen Landtag und im Berliner Reichstag, der sich durch eine kühne Flucht vor seinen Nazi-Verfolgern in die Schweiz gerettet hatte und 1937 versuchte, seine schriftlich niedergelegten Erfahrungen und Erlebnisse in einem Zürcher Verlag zu veröffentlichen.

Dem Lektor des Verlags aber war Hoegners kritischer

Inside-Bericht zu kompromißlos. »Die Mitteilung dieser Tatsachen an den Gegner«, urteilte er in einem Brief an Hoegner »ist nicht angezeigt. Viele Genossen müßten das Buch als einen Rückenschuß empfinden.«

Hoegner schrieb zurück: »Wenn unser Leben überhaupt noch einen Sinn haben soll, so kann es doch nur der sein, daß wir wenigstens noch die Ehrlichkeit auf uns bringen, die Ursachen unserer Niederlage unerbittlich aufzudecken, damit die Genossen in anderen Ländern ein Beispiel haben, wie sie es im Ernstfall nicht machen sollen.«

Aber der Autor drang mit seinen Argumenten nicht durch, das Buch wurde nicht gedruckt. Erst jetzt ließ Hoegner, nach dem Krieg zweimal bayrischer Ministerpräsident, inzwischen 90 Jahre alt, das Buch erscheinen -- unverändert, ungekürzt, ohne jeden zusätzlichen stilistischen Feinschliff*.

So stellt sein Buch heute ein Dokument der Zeitgeschichte dar, das sich von landläufigen Memoiren abhebt. Deren Autoren neigen meistens dazu, das eigene Verhalten in möglichst günstigem Licht darzustellen und über Peinliches hinwegzuhuschen.

Hoegner dagegen deckt fast verbissen eigenes Verschulden auf: »Ich war sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter und bin daher mitverant-

* Wilhelm Hoegner: »Flucht vor Hitler«. Nymphenburger Verlagshandlung, München; 296 Seiten; 26 Mark.

wortlich für den Untergang meiner Partei.«

Seine »Hauptsünde« sei gewesen, daß er sich »aus Abneigung gegen mögliche Quengeleien gewisser Parteibürokraten davon abhalten ließ, zu bürgerlichen Politikern zu gehen, ihnen die Größe der (Nazi-)Gefahr zu schildern und mit ihnen gemeinsame Abwehrmaßnahmen zu besprechen«.

Als sich die Nationalsozialisten im Spätsommer 1932 auf einen Furt mit dem Zentrum einließen und damit im Reichstag eine Mehrheit gewannen, hielten Hoegner und seine Genossen das lediglich für ein »ergötzliches Spiel«. Wohl witterten die Sozialdemokraten, daß »eine schwarz-braune Regierung in der Luft lag«, aber ihnen fiel dazu nichts anderes ein, als »unsere Zentrumskollegen mit dem Lied vom schwarz-braunen Mädel zu ärgern«.

Dann aber bereitete Hitler mit Hilfe der Deutschnationalen seinen Machtantritt vor. Der Reichskanzler Schleicher stürzte am 28. Januar 1933, dennoch dauerte es noch zwei Tage, bis die Regierung Hitler-Papen-Hugenberg zustande kam, die sich im Reichstag nur auf eine Minderheit von Nationalsozialisten und Deutschnationalen stützen konnte.

Hoegner moniert: »Aber auch diese Galgenfrist wurde von den Gegnern Hitlers nicht ausgenützt. Das Zentrum hatte sich längst in das scheinbar Unvermeidliche geschickt. Es suchte nur noch Garantien für »katholische Belange« zu ergattern. Wir Sozialdemokraten aber waren ebenso wie die Kommunisten gelähmt.«

An zwei Reichstagssitzungen dürften die Sozialdemokraten noch teilnehmen. Zum letztenmal raffte sich die SPD zu einer Gegenwehr auf -- im Parlament.

Am 23. März 1933 stimmte allein die SPD gegen das Ermächtigungsgesetz, das der Hitler-Regierung eine fast unbeschränkte Machtbefugnis einräumte. Und als der SPD-Vorsitzende Otto Wels die Gründe dargelegt hatte, warum seine Partei diesem Gesetz die Zustimmung verweigern müsse, eilte Hitler noch einmal zum Podium, kanzelte die SPD ab und schloß mit den Worten: »Sie, meine Herren, sind nicht mehr benötigt. Ich will auch gar nicht, daß Sie für das Ermächtigungsgesetz stimmen. Deutschland soll frei werden, aber nicht durch Sie.«

Hoegner: »Das klatschte und schnalzte wie Peitschenhiebe auf unsere Köpfe, das fiel wie fressendes Feuer auf uns herab.«

Dennoch stimmte die SPD dann in der Reichstagssitzung vom 17. Mai 1933 gemeinsam mit den Nationalsozialisten für das von Hitler proklamierte Programm, die Deutschland vom Versailler Friedensvertrag auferlegten Beschränkungen zu beseitigen ("Gleichberechtigung Deutschlands"), was im Ausland Verwunderung, ja Bestür-

* Vor seinem Nachkriegs-Porträt in einer Ausstellung des Stadtmuseums München, 1970.

zung auslöste. Hoegner erklärt die Gründe dieser scheinbaren Anbiederung.

Die SPD-Fraktion war im Mai 1933 zerstritten: Der Parteivorstand, kurz zuvor heimlich ins Ausland abgewandert, schickte einen Kurier nach Berlin, den ehemaligen »Vorwärts »-Chefredakteur Friedrich Stampfer, der den Genossen die Weisung übermittelte, der

Reichstagssitzung fernzubleiben und diesen Schritt in der Öffentlichkeit mit der Mißhandlung von SPD-Anhängern in den Konzentrationslagern zu begründen. Stampfer trat dabei jedoch so überheblich auf, daß sich die Abgeordneten seinen Worten verschlossen.

Als Stampfer merkte, daß die Mehrheit der Genossen keine Lust hatte,

den Weisungen der Parteizentrale zu folgen, wurde er »ärgerlich und immer hämischer« (Hoegner): Die Abgeordneten, stichelte er, sollten sich doch nicht von der Rücksicht auf die parlamentarischen Aufwandsentschädigungen leiten lassen, die würden ihnen die Nazis ohnehin bald entziehen. Da kam es zum Eklat.

»Wir sprangen auf«, berichtet Hoegner, »schrien alle durcheinander, und einige machten Miene, auf Stampfer loszugehen und ihn mit der flachen Hand zu züchtigen. So schätzte uns also der Parteivorstand ein. Das war zuviel.«

Der Parteivorstand schickte daraufhin einen anderen Sendboten, den populären Hans Vogel, der es besser verstand, mit den heimatlichen Genossen umzugehen. Schon neigte sich die Parlamentarier-Mehrheit Vogels Argumenten zu, da machte der ins damals noch französische Saarbrücken ausgewichene Wels wieder alles zunichte. Er rief an und erteilte der Fraktion den »förmlichen Parteibefehl«, an der Sitzung des Reichstags nicht teilzunehmen.

Hoegner: »Das ging entschieden zu weit. In der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gab es bei aller hergebrachten Disziplin keine Befehle, sondern nur Beschlüsse des Parteivorstands. Wieder fielen harte Worte, und die Stimmung gegen Saarbrücken wuchs.«

Inzwischen erfuhren die Genossen von Paul Löbe, im Ältestenrat des Reichstags hätten sich Nationalsozialisten und bürgerliche Parteien geeinigt, eine gemeinsame Erklärung abzugeben, die im Reichstag nach Hitlers Rede verlesen werden sollte. Der Wortlaut: Der Reichstag als die Vertretung des deutschen Volkes billigt die Erklärung der Reichsregierung und stellt sich in dieser für das Leben der Nation entscheidenden Schicksalsfrage der Gleichberechtigung geschlossen hinter die Reichsregierung.

Andere Erklärungen, so Löbe weiter, würde der Reichstagspräsident Hermann Göring nicht zulassen. Der nationalsozialistische Reichsinnenminister Frick habe noch erklärt: »Uns ist es gleichgültig, ob die Sozialdemokraten der Entschließung des Reichstages zustimmen oder nicht. Auf alle Fälle ögen sie wissen, daß uns das Leben der Nation höher steht als das Leben einzelner Menschen.«

Den Genossen war klar, was Frick mit seiner Äußerung gemeint hatte. Wenn sie der Erklärung nicht zustimmten, würde »die berühmte Nacht der langen Messer« (Hoegner) anbrechen, die von der SA schon häufig in Aussicht gestellt worden war.

»Wir sahen uns verzweifelt an«, erinnert sich der Autor. »Man hatte uns die letzte Möglichkeit genommen, von der Tribüne des Reichstags herab die furchtbaren Schandtaten der SA und SS in den Konzentrationslagern an den Pranger zu stellen.«

Hoegner stellt fest: »Die Gleichberechtigung Deutschlands in der Welt hatten auch wir Sozialdemokraten immer und immer wieder gefordert. Jetzt * Politiker und leitende Rundfunkangestellte, unter ihnen v.l.) die SPD-Abgeordneten Heilmann und Ebert, nach der Einlieferung in das KZ Oranienburg.

aber brachte uns die Drohung Fricks in eine Zwangslage ... Wenn nun Hitler uns im Reichstag wieder mit Schmähungen überhäufte, mußten wir das wie stumme Hunde über uns ergehen lassen. Wir alle waren im Innersten zerrissen.«

Die Fraktion entschied sich schließlich für die Teilnahme an der Plenarsitzung und für die gemeinsame Erklärung.

Die letzte Reichstagssitzung, zu der Sozialdemokraten zugelassen wurden, war »für viele von uns noch qualvoller, als es unsere Anwesenheit an der Sitzung vom 23. März 1933 gewesen war. Damals hatten wir damit gerechnet, im schlimmsten Fall das Leben zu verlieren. Diesmal aber hatten manche unter uns das Gefühl, der Ehre verlustig zu gehen«.

Als aber Hitler seine Rede begann, erlebten die Genossen eine Überraschung. Der neue Kanzler vermied jeden Angriff auf die SPD, selbst für den NS-Gegner Hoegner klang die Rede »äußerst maßvoll": »Eine sanftere Friedensrede hätte auch Stresemann nicht halten können.« Als Göring zur Abstimmung aufrief, erhoben sich auch die Mitglieder der SPD-Fraktion und stimmten der Reichstagserklärung zu.

Was danach folgte, schildert Hoegner nicht ohne Rührung so: »Da brach ein Beifallssturm der anderen Abgeordneten los. Selbst unser unversöhnlichster Gegner, Adolf Hitler, schien einen Augenblick bewegt. Er erhob sich und klatschte uns Beifall zu. Der Reichstagspräsident Göring aber stand auf und sprach großartig die Worte: »Das deutsche Volk ist immer einig, wenn es sein Schicksal gilt. Dann fingen die deutschnationalen Abgeordneten das Deutschlandlied zu singen an. Die meisten in unseren Reihen sangen mit. Manchen liefen die Tränen über die Wangen. Es war, als hätte uns Sozialdemokraten, die man immer als die verlorenen Söhne des Vaterlandes beschimpfte, einen unsterblichen Augenblick lang die gemeinsame Mutter Deutschland ans Herz gedrückt.«

Doch der Traum von der nationalen Solidarität verflog im Nu. Den neuen Machthabern war die Zustimmung der SPD zwar außenpolitisch willkommen, innenpolitisch aber verdarb sie ihnen das Konzept der angestrebten totalitären Gleichschaltung aller Parteien außerhalb der NSDAP. Ein Vorwand für den Schlag gegen die SPD war rasch gefunden.

Der geflüchtete SPD-Vorstand prangerte die nationalsozialistischen Machthaber und ihre Greueltaten in den Konzentrationslagern an. Daraufhin erklärte die Reichsregierung am 22. Juni 1933 die SPD zur staats- und volksfeindlichen Partei. Ihr Vermögen wurde eingezogen, ihre Lokale geschlossen. 3000 führende Mitglieder wurden in Konzentrationslager eingeliefert.

Wilhelm Hoegner lebte damals schon längst in wechselnden Verstecken illegal in München. Während er sich zur Flucht vor Hitler rüstete, besuchte er in einer Juninacht mit ein paar Genossen den »Meerpalast«, ein Lokal, in dessen Hinterzimmer sie sich schon zu manchem Geheimtreff eingefunden hatten.

Die Kellnerin flüsterte ihnen zu, daß Heinrich Himmler, damals noch Chef der bayrischen politischen Polizei, im Schankraum mit seinem Gehilfen Heydrich zeche. »Wir spähten«, erzählt Hoegner, »durch eine Lücke des Vorhangs in den Saal und erblickten die verhaßten Gegner kaum zwanzig Schritt von uns an einem Ecktisch.«

Einer der Lauscher trug eine geladene Pistole in der Tasche. Die Gelegenheit zum Attentat auf die beiden Zecher war, wie Hoegner nachträglich einfiel, »ungewöhnlich günstig, wir hätten den Rückzug in den Hof und die Flucht in eine Nebenstraße für uns frei gehabt«.

Gleichwohl kam es keinem der Verfolgten in den Sinn, zu schießen. Sie zahlten still und stahlen sich davon. »Der Meuchelmord im politischen Kampf«, so urteilte der Landgerichtsrat a. D. Hoegner, »erschien uns erst recht verabscheuungswürdig.«

Resignierend erkannte er: »Wir blieben im Haß noch vernünftig. Wir waren Erben des Humanismus, der liberalen bürgerlichen Kultur und deshalb in einem rauhen Zeitalter des blutigen Heroismus und der machiavellistischen Machtpolitik lebensuntüchtig geworden und zum Untergang bestimmt.«

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 74
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.