Zur Ausgabe
Artikel 52 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

PORTUGAL Stumpfe Hörner

Portugals Toreros wollen ihren spanischen Kollegen nacheifern und die Stiere nicht nur kampfunfähig machen, sondern töten. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Viele Frauen bekreuzigten sich, einige weinten laut oder schlugen entsetzt die Hände vor die Augen. Doch die meisten Zuschauer in der Stierkampfarena von Moita bei Lissabon schrien begeistert: »Töte ihn, töte ihn!«

»Es war wie im Traum«, erinnert sich der Torero Mario Coelho, »und als ich erwachte, lag der Stier sterbend im Arena-Sand.« Coelho hatte den 529 Kilogramm schweren »Corisco« mit einem einzigen Degenstoß getötet. Von der Menge ließ er sich im Triumphzug durch die Straßen von Moita tragen.

Doch dann kam die Polizei und nahm den Helden fest: Im Gegensatz zu Spanien ist es nämlich in Portugal verboten, Kampfstiere in der Arena abzustechen. Das Ortsgericht von Moita verurteilte den Matador zu 60 Tagen Gefängnis mit Bewährung - eine milde Strafe.

Coelhos tödlicher Degenstoß und das juristische Nachspiel haben in Portugal erneut die Diskussion entfacht, welche Art des Stierkampfs denn die einzig authentische und welche die wahrhaft portugiesische sei.

Kämpfer, Züchter und Veranstalter, unterstützt von Anhängern der spanischen Version des Stierkampfes, wollen jetzt gegen die »fortschreitende Dekadenz«, so Torero Coelho, vorgehen. Beim Prozeß gegen den Gesetzesbrecher von Moita präsentierte die Verteidigung die besten Veterinäre und Stierkampfexperten des Landes. Sie alle erklärten, die spanische Corrida, die mit dem Tod des Stieres endet, sei »humaner«.

Die Kampfstiere, führten sie an, würden anders als gemästete Fleischrinder mindestens vier Jahre in Freiheit leben, ehe sie nach maximal 20minütigem, genau geregeltem Kampf in der Arena einen »anständigeren« Tod als im Schlachthaus stürben.

In Portugal überlebe der Stier zwar den Kampf, doch nur, um schwer verwundet durch die Banderillas mit ihren scharfen Eisenhaken im Nacken, ohne medizinische Versorgung tagelang dahinzusiechen - Endstation Schlachthaus.

Als dann auch noch der Dorfgeistliche Padre Fernandes, der das Fleisch des Stieres »Corisco« an die Armen von Moita verteilt hatte, sich mit christlichen Argumenten für den Stier-Tod in der Arena einsetzte, sprach der Ortsrichter Guilherme Augusto da Igreja das milde Urteil gegen Coelho aus. Doch Portugals oberster Staatsanwalt legte sogleich Berufung ein. Er teilt die Ansicht der Tierschützer, die den Beginn »blutiger

Barbarei im friedliebenden Portugal« befürchten.

Seit dem 18. Jahrhundert sind die Portugiesen, die auch als einer der ersten Staaten Europas vor 119 Jahren die Todesstrafe abschafften, stolz auf ihre friedliche Variante der »Touradas«, mit der sie sich vom todbringenden Spektakel im Nachbarland Spanien unterscheiden.

Bis vor zwei Jahrhunderten waren die Stierkampfpraktiken in den beiden iberischen Ländern noch identisch gewesen. Vor allem Jungaristokraten suchten im Kampf gegen die speziell gezüchteten Stiere ihren Mut zu beweisen. Als dann immer mehr Adelssöhne durch die Hörner starben, wurde die Corrida in Spanien zeitweilig ganz verboten.

Die Portugiesen hingegen minderten für Mensch und Tier das Risiko eines blutigen Kampfausgangs. Den Tieren wurden stumpfe Kappen auf die Hörner gesetzt, die Toreros kämpften vom Pferd aus und durften den Stier nicht mehr töten.

In Portugal entwickelte sich der Kampf seither zu einer Art Geschicklichkeitsspiel, an dessen Ende die Demütigung des Tieres steht: Acht mutige Burschen stürzen sich auf den Stier, ziehen ihn am Schwanz und zwingen ihn zu Boden. »Psychisch gebrochen«, so der Stierkampfexperte Jose Antonio Lazaro aus Lissabon, wird er dann von Ochsen begleitet unter friedlichem Glockengebimmel aus der Arena getrieben - für Anhänger des Stierkampfes spanischer Art eine groteske Szene.

Nicht immer hielten die Portugiesen das gesetzlich fixierte Tötungsverbot auch wirklich ein. Im Dorf Barrancos nahe der spanischen Grenze beispielsweise sicherten sich die Einwohner ein Sonderrecht auf Stierkämpfe im spanischen Stil. Sie hatten gedroht: »Wenn wir unsere Stiere nicht töten dürfen, dann töten wir die Polizei, die das verhindern will.« Auch in anderen Dörfern und Städten gab es - vor allem nach der Revolution von 1974 - »spanische« Corridas unter dem Motto: »Hier bestimmt jetzt das Volk.«

Bisher konnte sich der in Portugal mächtige Tierschutzverband durchsetzen. Die Polizei verhinderte eine Ausweitung spanischer Stierkampfmethoden. So suchten sich die meisten portugiesischen Toreros außerhalb des eigenen Landes in Spanien und Südamerika Arbeit. Kampfstierzüchter verkaufen ihre besten Exemplare ins Nachbarland, wo Angriffslust und Mut der Tiere geschätzt und die Matadore fürstlich bezahlt werden. Fürs eigene Land, zum Kampf gegen Pferd und Reiter, reichen Stiere zweiter Wahl.

Eine Gruppe von 25 Abgeordneten der sozialdemokratischen Regierungspartei PSD hat inzwischen einen Gesetzesantrag zur Änderung des Stierkampf-Reglements eingebracht. Zum 12. Jahrestag der Revolution im kommenden April hat die Stierkämpfer-Vereinigung »Fiesta Brava« in Lissabon einen Kongreß einberufen, bei dem vor allem die Nachteile der portugiesischen »Touradas« diskutiert werden sollen.

Der Held der Arena von Moita, Mario Coelho, wird wahrscheinlich daran nicht teilnehmen können. Er wurde inzwischen bei Stierkämpfen so schwer verletzt, daß er wiederholt operiert werden mußte.

Zur Ausgabe
Artikel 52 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.