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RUMÄNIEN Stumpfer Kampfgeist

Durch verschärfte ideologische Kontrolle versucht KP-Chef Ceaucescu verlorenes Terrain für seine Partei zurückzugewinnen -- gegen den Widerstand pragmatischer Genossen.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Der Jubel war spontan. Mit rhythmischen Schreien feierten 3000 Studenten und Professoren auf dem Campus der Universität von Bukarest ein Idol: »Ceau -- ceau -- sescu!«

Rumäniens Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu, 53, -- »der sich nach eigenem Bekenntnis »unter solchen Intellektuellen nie richtig wohl fühlt« -- unterbrach seinen Vortrag und fragte unsicher: »Ich weiß nicht, wie ich diesen Beifall verstehen soll.«

Aber die Begeisterung war echt -- damals, im Herbst 1970. Denn der Partei-Obere, weltweit anerkanntes Symbol für national-kommunistische Eigenwilligkeit, hatte in seiner Rede soeben den Akademikern jene Selbstbestimmung zugestanden, die für Ceausescus Außenpolitik seit langem »heilige Sache« war: »Die Regierung kann natürlich die Probleme der Universitäten nicht so gut verstehen wie die Universität selbst. Sie muß in eigener Sache urteilen. Wir müssen diese neue Freiheit mit allen Mitteln schützen.

Die neue Freiheit währte kaum ein Jahr. Inzwischen urteilt allein die Parteiführung über die Probleme der Hochschulen -- strenger als je zuvor.

Denn: Anfang Juli diktierte Ceausescu auf einer Sondersitzung des ZK-Exekutivkomitees ein neues Ideologie-Programm zur totalen politischen Kontrolle über die rumänische Innenpolitik. Heftig kritisierte der KP-Chef die »lauwarme Bequemlichkeit, kleinbürgerliche Nachsicht und mangelnde Festigkeit« seiner Genossen im Kampf gegen »Liberalismus, Kosmopolitismus und ausländische Dekadenz« -- Eiferer Ceausescu: »Wir sind keine Priester, Genossen, wir sind Kommunisten! Wir dürfen nicht den Geist der Milde walten lassen ...

Der plötzliche Sinneswandel des KP-Chefs kam selbst für die Partei unvorbereitet, galt doch gerade der pragmatische Ceausescu seit seinem Machtantritt vor sechs Jahren als Garant für eine schrittweise Abkehr von stalinistischen Methoden.

Um beim Volk Rückhalt für seinen nationalkommunistischen Weg zu finden, hatte der Nachfolger des rumänischen Stalinisten Gheorghiu-Dej den Kirchenkampf eingestellt und einen Burgfrieden mit den nationalen Minderheiten geschlossen. Parallel zur weltoffenen Außenpolitik konnten Wissenschaftler und Künstler Kontakte auch zum westlichen Ausland knüpfen.

Bukarester Bühnen spielten West-Dramatiker wie Sartre, Miller. Osborne und sogar den exilrumänischen Absurden Ionesco; rumänische Verlage druckten Bücher von Kafka, Proust und Joyce. Filmtheater und Fernsehen zeigten die neuesten Produktionen von Fellini und Antonioni manchmal noch eher als die westliche Provinz.

Ein Gastspiel Louis Armstrongs inspirierte 1966 zur Gründung eines Lehrstuhls für Jazz-Musik am Bukarester Konservatorium. Architektur- Studenten -- Mitglieder der KP -- organisierten in einem ehemaligen Bäckerei-Gewölbe, dekoriert mit psychedelischen Posters« einen Rock- und Beat-Keller.

Kritik von Partei-Konservativen, so des gestürzten rumänischen Kulturpapstes Beniuc ("hinterlistig präsentierte bourgeoise Propaganda"), wehrte Ceausescu 1965 noch entschieden ab: Die Kenntnis vom Besten der Weltkultur trägt zum besseren Kennenlernen der einzelnen Nationalkulturen bei. Ohne Zweifel kann man niemandem eine bestimmte Art zu schreiben, zu malen oder zu komponieren aufdrängen.

Aber am 6. Juli 1971 -- knapp drei Wochen nach der Rückkehr von einer Peking-Reise -- erklärte der Parteichef genau das Gegenteil:

Die Kunst muß einem einzigen Zweck dienen: der sozialistischen, kommunistischen Erziehung ... Leider müssen wir sagen, daß viele vom Rundfunk und Fernsehen ausgestrahlte Programme rückständige Auffassungen, Einflüsse der dekadenten Kultur fördern ... Ebenso obliegt es uns, im Theater das Repertoire der ausländischen Bühnenstücke zu revidieren ... Es gibt Bücher, die in Auflagen von Zehntausenden Stück erscheinen und die eine Apologie der bürgerlichen Lebensweise, sogar eine Apologie des Verbrechens sind.

Die Strafrede Ceausescus beschränkte sich nicht auf die Künstler. Den Funktionären in Partei und Staat warf er vor, sie glichen bürokratischen »Stubengelehrten« und nicht »Führern des revolutionären Kampfes«, den Fabrikdirektoren »kriecherische Haltung gegenüber allem, was fremd ist«, und den Arbeitern Gewinnsucht, ihr »Verlangen nach zusätzlichen Zahlungen«.

Für den radikalen Kurswechsel, der von westlichen Kommentatoren unter Anspielung auf die China-Reise als »kleine Kulturrevolution« interpretiert wird, gibt es drei Gründe:

* Der Pragmatismus, mit dem Ceausescu unter Verzicht auf Feindbilder seine Außen- und Wirtschaftspolitik betreibt, hat zu einer Entideologisierung im Volk geführt und die Führungsrolle der Partei geschwächt.

* Als Folge der zahlreichen Westkontakte durch Auslandsreisen, steigende Touristenzahlen und wirtschaftliche Zusammenarbeit wirkt westliches Konsumdenken für die Rumänen als gefährliches Leitbild. Die Unzufriedenheit über Versorgungsmängel und fehlende Entwicklungs-Chancen im eigenen Land wächst. > Die von Rumänien angestrebte Vermittler-Rolle im ideologischen Streit zwischen Moskau und Peking setzt eine für beide Seiten glaubwürdige Autorität der rumänischen KP voraus.

Das neue Partei-Programm Ceausescus »Die Schaffung des neuen sozialistischen Menschen« galt vor allem den Kultur- und Propaganda-Funktionären. Sie hatten versucht, die Intellektuellen mit weicher Welle für die Partei zu gewinnen -- der KP-Chef nannte ihre Methode »lau«.

Das Staatskomitee für Kultur und Kunst beim Ministerrat wurde Mitte Juli dem ZK der Partei unterstellt und kontrolliert in Zukunft auch Rundfunk und Fernsehen. Ihre Posten verloren der Leiter der ZK-Propaganda-Abteilung, Radulescu, und der ZK-Sekretär für Jugendfragen, Iliescu, den Ceausescu erst vor neun Monaten aus dem Jugendverband an die Parteispitze geholt hatte.

Beide waren auf Auslandsreisen mehrfach für eine »Versachlichung der Politik« eingetreten. Iliescu organisierte 1969 die erste rumänische Konferenz von europäischen Jugendverbänden -- darunter auch Linksradikale, Sozialdemokraten, Liberale und Christlich-Soziale -- und verhandelte voriges Jahr in Bonn über einen deutsch-rumänischen Jugendaustausch.

Sogar Ministerpräsident Maurer hatte kurz vor Ceausescus Rede auf einer Reise durch die Provinzen die »fachliche Bildung« als wichtigste Voraussetzung gefordert. Ceausescu dagegen: Die Führungskader in Staat und Wirtschaft »sind nicht nur Spezialisten, sondern in erster Linie Politiker ... erst in zweiter Linie sind sie Fachleute«.

Neue Pflichtfächer für alle Schüler und Studenten: marxistische Gesellschaftswissenschaft und Arbeit in der Produktion. Die Aufsicht über die Bukarester Uni wurde drei Partei-Konservativen übertragen, einer von ihnen ist Redaktions-Mitglied der in Prag erscheinenden Zeitschrift »Probleme des Friedens und des Sozialismus«.

Altkommunist Gheorghe Ivascu, Anhänger des »Sozialistischen Realismus übernahm die renommierte Literaturzeitschrift »Romania Literara«. Die hatte bisher Nicolae Breban, Schriftsteller und ZK-Mitglied. redigiert, der sich vor Ceausescus Machtantritt sein Geld als Taxifahrer verdienen mußte. Von Paris aus protestierte Breban im September gegen den neuen Kultur-Fahrplan des KP-Chefs und zog es vor. mit der Heimreise zu warten.

Von der Frankfurter Buchmesse reiste Mitte Oktober die rumänische Delegation unter Protest wieder ab. als dort ein Buch von Paul Goma erschien. Goma, Parteimitglied und Redakteur der Zeitschrift »Viata Romaneasca«, hatte mit Duldung der Partei dem Frankfurter Suhrkamp Verlag die Weltrechte an seinem Manuskript »Ostinato"* übertragen: autobiographisch eingefärbte Erinnerungen politischer Häftlinge der Stalinzeit. Sechs Tage nach der Ceausescu-Rede -- für den Verlag zu spät -- versuchte der Autor (offensichtlich auf Parteibefehl) den Druck seines Buches rückgängig zu machen.

Der Intendant der Rumänischen Oper, der Bassist Octav Enigarescu, und der Chef des Bukarester Operettenhauses mußten ihre Sessel räumen: wegen »fehlerhafter Repertoire-Politik«. Solisten, »die nur den Beifall des Auslandes kennen« und in die Heimat wie zu Gastspielen kämen, wurden in der Zeitung »Saptamina« kritisiert.

Aus dem Fernseh-Programm verschwanden westliche Abenteuer- Serien, aus den Filmtheatern Western und Krimis, nur Oldtimer wie »Der Glöckner von Notre Dame« und »Romeo und Julia« dürfen weiter gespielt werden.

Doch Ceausescus Großreinemachen richtete sich nicht nur gegen das Kultur-Programm, sondern gegen Unordnung überhaupt: »Es gibt Schulmeister und Ärzte, die das gesetzlich garantierte Recht auf kostenlosen Unterricht und medizinische Betreuung annullieren«, wetterte die Parteizeitung »Scinteia« gegen die weitverbreitete Korruption.

Drei Import-Fachleute der chemischen Industrie standen Ende September vor 600 Funktionären in einem Schauprozeß, weil sie von westlichen Partner-Firmen Getränke, Radioapparate und Uhren angenommen hatten, Wegen Unterschlagung von einer Million Mark wurde der ehemalige Verwalter eines staatlichen Lebensmittellagers Ende Oktober hingerichtet.

Vorletzte Woche verlor der Vize-Bürgermeister von Bukarest wegen Bestechung beim Bau seines Privathauses seinen Job; zwei Tage später wurde der Minister für Baustoff-Industrie gefeuert. Grund: »Übergriffe und Mißachtung der sozialistischen Gesetzgebung.«

Die Partei verbot den Zeitungen der nationalen Minderheiten, weiterhin Ortsnamen in deutscher oder ungarischer Sprache zu bezeichnen. Von einem Tag auf den anderen meldete der deutschsprachige »Neue Weg« statt aus Kronstadt nun aus Brasov, statt aus Bukarest aus Bucuresti -- nur Moskau durfte für die deutschen Leser seinen deutschen Namen behalten.

Aber trotz befohlener Massenversammlungen im ganzen Land -- laut Parteibericht wurde der neue Kurs bis-

* Paul Gania: »Osunato«, Suhrkamp verlag. Frankfurt/Main. 1971, 485 Seiten, 28 Mark.

her mit über 2,5 Millionen Rumänen »diskutiert« -- gelang es Ceausescu nicht, die Werktätigen gegen die »parasitären Intellektuellen und Bürokraten« aufzuputschen. Der Vize-Präsident des neuen »Rates für sozialistische Kultur und Erziehung«, Ion Jinga, vor Gewerkschaftlern: »Wir wissen, was wir zu tun haben ... aber wir wissen nicht, wie.

Der deutschstämmige Parteisekretär von Hermannstadt, Winter, klagte: Vielerorts gebe es »nahezu keinen Widerstand gegenüber reaktionären Ansichten«. Parteichef Ceausescu rief die Führungsgremien seiner Partei in der vorletzten Woche zum Rapport -- das fünfte Treffen zum gleichen Thema in knapp vier Monaten.

Der Führer, der bisher nur von seinen Genossen Selbstkritik verlangte, entdeckte »abgestumpften Kampfgeist« bei sich selbst: »Wenn nicht alles so geht, wie es müßte, fühle ich zweifellos, daß es auch in meiner Arbeit Unzulänglichkeiten und Mängel gibt.«

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