Zur Ausgabe
Artikel 42 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SOWJET-UNION Stunde der Rache

Generalsekretär Breschnew ist einen Mann los, der sich an seine Stelle setzen wollte: Politbüro-Mitglied Alexander Schelepin.
aus DER SPIEGEL 17/1975

Unter den 16 Mitgliedern des Moskauer Politbüro war er mit 56 Jahren das jüngste. Mit seinem Diplom vom noblen Maxim-Gorki-Institut für Philosophie, Literatur und Geschichte galt der Beamtensohn als humanistisch hochgebildet.

Als Mitglied des »Slawischen Komitees« der UdSSR verkörperte er dunkle Imperialgefühle vieler Russen. Auf dem Weg nach oben hatte er Erfahrungen und Alliierte in allen Apparaten sammeln können: Armee, Jugendverband, Partei, Regierung, Geheimpolizei.

Nun ist die Karriere zu Ende: Allround-Genie Alexander Schelepin, Anwärter auf höchste Weihen, wurde aus dem Politbüro hinauskatapultiert. Kein Freund half mehr -- kein Kamerad aus der Politruk-Zeit im Finnland-Krieg 1939/40, kein Jugendgenosse vom »Komsomol«, den Schelepin während des Zweiten Weltkriegs geführt hatte wie der erfolgreichere Honecker einst die FDJ.

Auch kein ehemaliger Untergebener aus dem Staatssicherheitsdienst KGB konnte noch Schützenhilfe leisten. Im Gegenteil: Die kurze Geheimdienst-Station geriet nachträglich zum dunklen Punkt in Schelepins Lebenslauf.

Der Humanist hatte die Nachfolge-Organisation von Tscheka, GPU und NKWD drei Jahre lang modernisiert: Tötungsbefehle durfte nur noch die Spitze erteilen -- von 1958 bis 1961 Schelepin selbst. Der Agent Bogdan Staschinski bekam 1959 von ihm den Befehl, den ukrainischen Emigrantenführer Stefan Bandera in München mit einer Blausäure-Pistole zu töten. Nach Vollzug bekam der Killer von Schelepin den »Rotbanner-Orden«.

Dafür mußte Schelepin jetzt büßen: Ihm hing noch immer ein BGH-Urteil gegen den inzwischen übergelaufenen Staschinski an, in dem der Dritte Strafsenat (Vorsitzender: Bundesrichter Jagusch) Staschinskis Arbeitgeber Schelepin als Schreibtischmörder eingestuft hatte. So eine Qualifizierung aber paßt nicht mehr zum Selbstverständnis der Sowjet-Union von heute.

Als das Urteil 1962 erging, war Schelepin schon gar nicht mehr KGB-Chef, sondern Sekretär des Zentralkomitees: Er hatte begriffen, daß er sich für weiteren Aufstieg des Geheimpolizisten-Geruchs entledigen müßte.

Auf dem 22. Parteitag 1961 hatte er am radikalsten gegen den Stalinismus geredet -- und er empfing dafür eine ungewöhnliche Machtposition: Als Chef des neuen »Komitees für Partei- und Staatskontrolle« im Rang eines Vizepremiers wurde Schelepin oberster Revisor von Partei- und Regierungsapparat mit der Befugnis zur Einsicht in die Personalakten aller Funktionäre.

Zum Dank für Mitarbeit an Chruschtschows Sturz gab ihm der neue Parteichef Breschnew 1964 einen Sitz im Politbüro: die Probezeit als Kandidat durfte Schelepin überspringen.

Kaum ein Jahr darauf wurde er übermütig und sammelte Mitstreiter für einen Neo-Stalinismus und Versöhnung mit Chinas Mao. Sofort verlor er sein einflußreiches Revisoren-Amt. 1967 kungelte Schelepin mit alten Freunden auf diplomatischen Posten in Nahost und stimulierte den Sechs-Tage-Krieg. Darauf feuerte Breschnew den glattgesichtigen Machtkämpfer auch noch aus dem ZK-Sekretariat.

Als Trostpreis bekam er immerhin die Führung der Staats-Gewerkschaften, und er behielt auch seinen Sitz im Politbüro. Von dort aus bereitete Schelepin sehr still und zu schlau die Stunde der Rache vor.

Er pflegte wieder sein Image. Mit dem damaligen DGB-Vorsitzenden Rosenberg tauschte er Wangenküsse, als erstes Politbüro-Mitglied besuchte er 1969 die Botschaft der Bundesrepublik in Moskaus Großer Grusinischer Straße Nr. 17.

Während der Kreml-Debatten um das Amt des Generalsekretärs Breschnew zur Jahreswende 1974/75 war es dann soweit: Die »Prawda« forderte »neue, frische Kräfte« für die leitenden Parteiorgane. Junggeselle Schelepin wurde wieder übermütig.

Den sowjetischen Falken im ZK hatte er sich als kommender Mann durch die Losung empfohlen, Millionen Gewerkschafter Westeuropas mit Tausenden Kommunisten zum »Friedenskampf« zusammenzuschließen. Nun wollte er auch noch den ZK-Tauben Entspannungslust beweisen, und seine vom Westen anerkannte Integrität dazu: Wie Breschnew unmittelbar vor dem eigenen Amtsantritt 1964, so reiste Schelepin im Januar in die DDR -- und zusätzlich machte er noch einen Abstecher nach Düsseldorf, zum DGB.

Was dann geschah, werten seine betrogenen Anhänger als eine Intrige: »Bei den disziplinierten Deutschen«, so ein sowjetischer Gewährsmann, fiel der erwartete öffentliche Eklat aus. Bundesjustizminister Vogel hatte den seit 1962 bestehenden Haftbefehl gegen den Staschinski-Chef storniert.

Dadurch ließ sich Schelepin verleiten, im April auch zu Gewerksehaftern nach London zu reisen. wo er -- nicht gewarnt von Sowjetbotschafter Nikolai Lunkow, früher DDR-Berater -- nebst Double auf 3000 Demonstranten stieß, die ihm den Schreibtischmord vorhielten. Der Vorsitzende der britischen Elektriker- und Klempner-Gewerkschaft, Chapple, sah die einzige Erfahrung des Sowjet-Kollegen mit dem Proletariat darin, »Arbeiter ins Gefängnis zu stecken«.

Der » unwillkommenste Besucher Englands seit Rudolf Heß« (so Labour-Abgeordneter Janner) wurde

vorzeitig vom Politbüro zurückgerufen. Und da gerade wurde in Lissabon ein Scheck für Portugals Gewerkschaften über 700 000 Escudos (70 000 Mark) publik, mit Schelepins Unterschrift.

Vorigen Mittwoch mußte Schelepin seinen Politbüro-Sitz räumen, zehn Monate vor dem nächsten Parteitag, auf dem das ganz unauffällig hätte passieren können. Anders als im Dezember sprachen die 222 ZK-Genossen Breschnew wieder ihr Vertrauen aus. Der wurde -- unter Überspringen des Generalobersten -- zum Armeegeneral befördert.

Von den sechs Politbürokraten. die im August 1968 für die CSSR-Intervention stimmten, ist (nach den Falken Schelest und Woronow) mit Schelepin der dritte aus dem obersten Machtorgan der UdSSR ausgeschieden.

Zur Ausgabe
Artikel 42 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.