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INDIEN Stunde der Scham

aus DER SPIEGEL 12/2001

Vertreter einer neuen Generation von Web-Journalisten haben für eine sensationelle Premiere gesorgt. Zwar ist Korruption auf dem Subkontinent ein Alltagsphänomen und Bestechlichkeit von Politikern kein Novum. Doch die Nachrichten-Website »tehelka.com« führte jetzt mit Hilfe mehrerer Videos erstmals landesweit vor, wie ranghohe Politiker tatsächlich Geld annehmen. Die als Waffenhändler verkleideten Journalisten hatten der Armee Wärmebildkameras angeboten. Sie übergaben dem Präsidenten der führenden indischen Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP), Bangaru Laxman, 100 000 Rupien (4700 Mark), damit dieser sich für das Geschäft einsetze - mit versteckten Kameras wurde die Annahme dokumentiert. Auch mehrere Beamte des Verteidigungsministeriums hatten Hilfe bei dem vermeintlichen Technik-Deal zugesagt, dafür aber hohe Geldforderungen gestellt. Die Bestechungsvideos lösten eine ernste Regierungskrise aus. Zunächst musste Laxman zurücktreten, dann wurde George Fernandes, der als integer geltende Verteidigungsminister, zur Abdankung gedrängt: Seine Lebensgefährtin, die Chefin der Samata-Partei, hatte bei der Aktion ebenfalls 200 000 Rupien eingestrichen. Fernandes gilt als Koordinator der bunten Regierungskoalition und war damit eine wichtige Stütze für Premier Atal Behari Vajpayee. Der hatte die BJP immer als honorige Alternative zur früher regierenden und von Skandalen beschädigten Kongress-Partei gepriesen. Nun jedoch gehen mehrere seiner Koalitionspartner auf Distanz - sie befürchten Stimmenverluste bei den bevorstehenden Regionalwahlen. Die Opposition dagegen feiert: Obwohl sie bislang zutiefst zerstritten war, hat sie sich in der »Stunde der Scham« zu gemeinsamen Protesten vereint.

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