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DFU Stunde gekommen

aus DER SPIEGEL 48/1964

Nach Gründung der Deutschen Friedens-Union (DFU) sprach SPD -Pressechef Franz Barsig 1961, die neue Partei sei nichts als Walter Ulbrichts »verlängerter Arm«.

Nach den letzten Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen hob die Armprothese Ulbrichts einen SPD-Mann auf den Oberbürgermeisterstuhl der Klingenstadt Solingen.

Die Wahlen in Solingen hatten mit einem Unentschieden zwischen Sozialdemokraten einerseits und CDU wie FDP andererseits, geendet: Die SPD erhielt 23 Stadtratssitze, Christdemokraten (17) und Freidemokraten (sechs) stellten ebenfalls 23 Stadträte. Die restlichen drei Ratsstühle eroberte die DFU für den Schlosser Willi Lohbach, den städtischen Gartenarbeiter Werner Lüttgens und den Kaufmann Hermann Richard Dörr.

Diese Konstellation versetzte die Friedens-Union, die den Kampf gegen Atomwaffen und die Verständigung mit der DDR aufs Panier geschrieben hat, zum erstenmal in die Lage, in einem Großstadt-Parlament eine entscheidende politische Rolle zu spielen: Sie wurde, so das »Solinger Tageblatt«, zum »Zünglein an der Waage«.

Zwar konnte die aus Pazifisten, Atomtod-Gegnern, linken Professoren und Pastoren, Marxisten, Ost-Kontaktlern und Kommunisten bunt zusammengewürfelte DFU-Truppe seit ihrer Gründung (1960 in Stuttgart) mit lautstarker Unterstützung linksradikaler Blätter bereits mehrfach in Gemeinde - und Stadträte einsickern, politisches Gewicht erlangten »Die Freunde Ulbrichts« (SPD-Barsigs Interpretation der Initialen DFU) jedoch nicht.

In Solingen schlug jetzt ihre Stunde: Die drei DFU-Sendlinge waren in der neuen Umgebung noch nicht heimisch geworden, da wurden ihnen bereits wichtige Entscheidungen abverlangt: Als stärkste Fraktion begehrte die SPD Absetzung des CDU-Oberbürgermeisters Otto Voos und präsentierte als neuen Kandidaten den Messerschleifer Heinz Dunkel, 32.

CDU und Freie Demokraten hielten jedoch an Otto Voos fest, nachdem Verständigungs-Palaver zwischen Christ - und Sozialdemokraten kein Ergebnis gebracht hatten. So fiel den Neu-Parlamentariern von der DFU die Entscheidung zu: Sie halfen dem Sozialdemokraten Dunkel als jüngstem OB Nordrhein-Westfalens auf den Schild.

Mit tiefer Besorgnis um die Demokratie in Deutschland« vernahmen Solingens Christdemokraten diese Entscheidung und deklamierten, die SPD nehme »offensichtlich Volksfrontmehrheit in Kauf«, um an die Spitze zu kommen. Und das katholische Blatt »Echo der Zeit« assistierte, dem neuen Stadtoberhaupt sei »sozusagen die Amtskette von der DFU umgelegt« worden.

Solingens OB Dunkel ("Wir haben die DFU im Wahlkampf vor den Bauch getreten, wo wir nur konnten") nimmt

den Anbiederungsversuch der Friedens freunde von der praktischen Seite: »Wir wollen unsere Vorstellungen verwirklichen. Wer da mit uns stimmt, ist un egal.«

Solinger OB Dunkel

»Vor den Bauch getreten«

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