Zur Ausgabe
Artikel 21 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ATTENTAT Stunde im Park

aus DER SPIEGEL 17/1971

Der Gärtner und Hausmeister Carsten Eggert, 20, studierte den Moskauer Gewaltverzichtsvertrag und das Warschauer Abkommen, vom Bundespresseamt ließ er sich den »Bericht zur Lage der Nation« schicken.

Am 7. April verließ er seinen Arbeitsplatz Im Blindenheim zu Nümbrecht bei Köln und kaufte sich in der Domstadt einen Dolch mit Horngriff und neun Zentimeter langer Klinge sowie eine Eisenbahnfahrkarte nach Bonn, um dort vier Männer umzubringen, die für die deutsche Ostpolitik stehen: Bundespräsident Gustav Heinemann, Kanzler Willy Brandt, Außenminister Walter Scheel und SPD-Fraktionschef Herbert Wehner.

Jetzt sitzt Eggert, des Attentatsversuchs beschuldigt, in der Kölner Haftanstalt Ossendorf ein. Vor Bonns Ermittlungsbeamten malte er neben seine Unterschrift unter das Vernehmungsprotokoll ein Hakenkreuz.

Seit seiner Festnahme im Park der Bundespräsidenten-Villa am Donnerstag vorletzter Woche arbeiten die Bonner Einvernehmer, so Oberstaatsanwalt Bruno Schwellnus, »mit Hochdruck, um herauszufinden, ob es sich um einen Einzeltäter handelt oder ob eine rechtsradikale Gruppe dahintersteckt«.

Zwar bot sich alsbald der Recklinghausener Rechtsanwalt Wilhelm Schöttler »im Auftrag eines finanziellen Mäzens« (Schwellnus) an, Eggert kostenlos zu verteidigen, und der Oberstaatsanwalt weiß: »Der meldet sich immer, wenn es um Interessen Rechtsradikaler geht.« Doch bislang fand Schwellnus keinen Anhaltspunkt dafür, »daß Eggert der verlängerte Arm irgendeiner Organisation ist«.

Nach Hintermännern befragt, tat Eggert geheimnisvoll: »Ich kann nur sagen: Ich möchte noch weiterleben.«

Bundespräsident Heinemann wies auf Hintermänner anderer Art hin. Er bezeichnete den Anschlag als den »Ertrag monatelanger Hetze, die mit den gemeinsten Aufforderungen bis hin zur Gewalttatsdrohung geführt worden« sei.

Attentäter Eggert hatte nach seiner Ankunft in Bonn am frühen Gründonnerstag-Nachmittag am Hauptbahnhof ein Taxi bestiegen und sich zum vorgesehenen Tatort, Kaiser-Friedrich-Straße 16-18, fahren lassen. Unterwegs zeigte er dem Fahrer ein Zeitungsphoto von Adolf Hitler.

Zunächst ging Eggert dann zur benachbarten Polizeiwache Süd in der Adenauer-Allee. Seine Absicht: »Ich wollte die personelle Besetzung der Grenzschutzwache vor dem Präsidialamt auskundschaften.« Doch ihn verließ die Courage. Statt die Polizeibeamten auszufragen, bat er sie um eine Bescheinigung seiner Anwesenheit in Bonn. Er sei Bundeswehrsoldat, habe den Zug verpaßt und brauche nun einen Aufenthaltsnachweis. Den erhielt er.

Draußen warf Eggert das Papier weg und schlenderte hinüber zu Heinemanns Amtssitz. Von der Rheinseite aus inspizierte er die übermannshohe Mauer, die den Präsidialpark von der Uferpromenade trennt, und beobachtete die Grenzschutzbeamten auf ihrer Patrouille. An dieser Stelle, so erkannte er, werde er nicht in den Park kommen.

Was er nicht bemerkte: Die Standarte auf dem Dach der Villa Hammerschmidt war eingezogen, ein Zeichen für Heinemanns Abwesenheit. Der Präsident machte Osterurlaub im Schwarzwald.

Am späten Nachmittag sprach Eggert den Grenzschutzposten am Haupttor an und fragte in der Hoffnung, eingelassen zu werden, nach einem Autogramm des Bundespräsidenten. Der Wachmann wehrte ihn ab: »Das geht nicht.« Eggert zog vorerst enttäuscht ab.

In einem Lokal an der nahe gelegenen Kaiserstraße trank er eine Coca und versuchte, mit dem Präsidialamt zu telephonieren. Er wählte aber eine veraltete Nummer. Ein Tonband beschied ihn: »Die Rufnummer des Teilnehmers hat sich geändert« Eggert hielt das »für Tarnung«.

Wieder begab er sich vor Ort und entdeckte schließlich an der Ecke Adenauer-Allee 1 Kaiser-Friedrich-Straße eine Möglichkeit, die Mauer unbemerkt zu überwinden. Als er um 19.34 Uhr in den Park kletterte, trug er nur das Hitler-Porträt, den historischen Aufruf zur NSDAP-Neugründung aus dem Jahre 1925 und seinen Dolch bei sich.

Er schlich sich hinter den Büschen an der Mauer entlang zum Palmenhaus und gelangte durch einen Mauerdurchbruch auch auf das Nachbargrundstück« in den Park des Kanzler-Palais Schaumburg. Eggert:« Ich habe mich nach einem Fluchtweg umgesehen.«

Dann pirschte er sich schließlich an die Villa Hammerschmidt heran, und erst 30 Meter vor der Residenz entdeckte ihn um 20.40 Uhr ein Grenzschützer. Der alarmierte über das Sprechfunkgerät den Offizier vom Dienst, und Eggert rannte los. Es gelang ihm noch, ans Haus heranzukommen, aber dann wurde er unter einem Fenster der Villa gestellt. Eggert zog zunächst seinen Dolch, ließ sich dann aber entwaffnen.

Das wirre Unternehmen, so fanden die Untersuchungsbeamten heraus, entsprach der Persönlichkeit des Täters. Eggert, Sohn eines Hamburger Krankenpflegers, hatte nach einer Gärtnerlehre seinen Wehrdienst angetreten, wurde wegen wiederholter Fahnenflucht zu Jugendstrafe verurteilt und Anfang März aus der Bundeswehr entlassen. Dann bewarb er sich schriftlich als Hausmeister beim evangelischen Blindenheim in Nümbrecht: »Ich habe Freude an der Arbeit mit blinden alten Menschen.«

Aber als er nach nur zehn Tagen seinen Job verließ, um Gustav Heinemann zu ermorden, hatte er zwei Blinde um etwas Geld erleichtert. Sein Zimmer in Nümbrecht schmückten Photos von US-Präsident Richard Nixon und Willy Brandt mit Autogrammen; Eggert hatte sie beim Bundespresseamt bestellt.

Für sein politisches Weltbild gab der Attentäter zwei Merkpunkte: »Ich habe die da oben aus dem Weg schaffen wollen, ich bin gegen kommunistische Politik.« Und: »Adolf Hitler ist für mich ein Idol, ein Mann, wie ich mir einen Führer vorstelle.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 21 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel