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PAKISTAN Sturm im Land der Reinen

Der befürchtete US-Militärschlag gegen Afghanistan erhöht beim bisherigen Gönner Pakistan die Gefahr von Bürgerkrieg und Talibanisierung. Steinzeit-Islamisten hetzen zum »nationalen Widerstand« gegen das Militärregime.
Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 39/2001

Die Stimme des Schriftgelehrten hebt salbungsvoll an, mit Würde und mildem Tremolo. Doch lange kann der Maulana diese Pose nicht durchhalten. Schon nach wenigen Sätzen übermannt ihn Erregung; er wird lauter, immer lauter und schriller, als würde jemand den Knopf am Verstärker dramatisch aufdrehen. Irritiert schaltet ein Gehilfe die Lautsprecher ab: Die sind überflüssig, wenn Maulana Sami ul-Haq vom »Heiligen Krieg« redet.

Mit seinem flammend rot gefärbten Bart könnte der Gottesmann auch Mullah Barbarossa heißen. Rhetorische Brandsätze apokalyptischen Kalibers entströmen dem Munde Sami ul-Haqs anscheinend ohne Unterlass.

»Ein Hilferuf von unseren Brüdern in Afghanistan genügt, und wir eröffnen den Dschihad gegen die Vereinigten Staaten von Amerika«, ruft der Korankundige mit dem Paschtunen-Turban und der Gelehrtenbrille, der in Pakistan als geistiger Vater der Taliban gilt. »Ein Bruderwort aus Kabul oder Kandahar«, fügt Sami ul-Haq mit fast überkippender Stimme hinzu, »und

der vereinte Weltislam wird die Wirtschaft und die militärische Macht der Amerikaner zerschmettern.«

Fürs Nächste indessen will er sich damit begnügen, die Regierung seines eigenen Landes zu stürzen - der Islamischen Republik Pakistan, die über 140 Millionen Einwohner zählt und seit drei Jahren über die Atombombe verfügt. Deswegen rief er vergangene Woche den »nationalen Widerstand« gegen die Regierung des Generals und Präsidenten Pervez Musharraf aus. Der Grund ist die politische Kehrtwende des Militärherrschers - seine plötzliche Unterstützung für den amerikanischen Feldzug gegen den Terrorismus.

Seitdem drei US-Passagierflugzeuge von islamistischen Selbstmordkommandos gegen das World Trade Center in Manhattan und das Pentagon bei Washington gelenkt wurden und außerdem ein viertes bei Shanksville - rund 140 Kilometer von Camp David, dem Sommersitz des amerikanischen Präsidenten entfernt - auf einer Wiese zerschellte, haben selbst Drohungen radikaler, weltfremder Mullahs einen neuen, unheimlichen Realitätsbezug erhalten.

Sami ul-Haq betreibt rund zwei Autostunden nördlich von Islamabad, auf dem Paschtunen-Gebiet der North West Frontier Province, das »Harvard der Taliban«, wie ein amerikanischer Reporter es mokant ausdrückt.

Akora Khattak - ein großes Dorf, eine kleine Stadt - scheint in einer anderen Welt zu liegen: unterernährte Pferde ziehen bunt bemalte Holzwägelchen, Esel und Kamele wirbeln Staubwolken auf, die barfüßigen Frauen sind gänzlich durch braune Burkas verhüllt.

Über dem Ganzen thront ein weitläufiger Gebäudekomplex mit vielen Minaretten: der Orient, wie von einem entfesselten Konditor entworfen. Es ist die Madrassa, die Universität des Rector magnificus Sami ul-Haq. Hier sind Tausende seiner Stammes- und Glaubensbrüder aus Afghanistan indoktriniert worden. Das ist die ideologische Kaderschmiede der Taliban.

Ob es sich bei der Bürgerkriegsrhetorik des Maulana um ein konkretes Signal zu einem vorbereiteten Aufstand handelt oder doch nur um leeres Gefasel, könnte sich sehr rasch herausstellen.

Denn seit Ende vergangener Woche, beginnend mit dem Freitagsgebet in der Lal Masjid - der Roten Moschee in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad -, gilt für viele islamistische Mullahs im »Land der Reinen« die Parole des Maulana Sami ul-Haq: Alle Frommen sollen sich ab sofort zum Massenprotest versammeln, Pakistan durch Generalstreik lahm legen und damit das Regime des »Verräters« Pervez Musharraf in die Knie zwingen.

Sollte nun ein drakonischer Militärschlag der Amerikaner gegen den Nachbarn Afghanistan mit seiner unberechenbaren politischen Explosivkraft hinzukommen, könnte in Pakistan aus den Drohungen des großmäuligen Maulana grimmige Wirklichkeit werden.

Einen Vorgeschmack bietet Peschawar, die Hauptstadt der Paschtunen-Provinz an der Nordwestgrenze. Dort fühlt sich eine Mehrheit der Menschen mit den Stammesbrüdern jenseits des Khyber-Passes emotional verbunden - mit den Taliban von Afghanistan. In den Straßen der Altstadt Peschawars und im einstmals idyllischen »Basar der Märchenerzähler« dröhnen die Hassgesänge von Tausenden fanatisierter junger Männer.

Mit Stroh und Lumpen gefüllte Puppen in Lebensgröße, in denen George W. Bush sich nur mit Mühe wiedererkennen würde, gehen in Flammen auf. Noch freuen sich diese Frommen über die Fernsehleute aus dem Westen, die der Weltöffentlichkeit ihre Heldentaten zeigen. Aber den Kameramännern ist bewusst, wie schnell die Stimmung umschlagen kann in Gewalt. Maulana Sami ul-Haq versäumt es selten, in seinen Hasspredigten die westlichen Medien einzuschließen, die den Islam »ständig verleumden«.

Die ersten drei Toten gab es bereits am vergangenen Freitag. Nach blutigen Zusammenstößen patrouillierten bewaffnete Bereitschaftspolizisten durch die Wirtschaftsmetropole Karatschi, vor dem US-Konsulat und anderen diplomatischen Vertretungen westlicher Staaten gingen Panzerwagen in Stellung.

Doch nicht nur in Peschawar, in allen westlichen Grenzgebieten der Paschtunen-Provinz treten europäische Hilfsorganisationen den Rückzug an. Sogar die letzten westlichen Samariter, die vorvergangene Woche aus dem hungernden Afghanistan fliehen mussten, verlassen nun das pakistanische Peschawar, auch dort ihres Lebens nicht mehr sicher.

Selbst in Islamabad, Hochburg der Regierungsbeamten und Militärs, ist die Stimmung unruhig, von einer lauernden Spannung erfüllt, wie sie einem Sturm vorausgehen mag. Patrouillen der Polizei in Uniform sind geschäftig unterwegs, trotten im Gleichschritt durch Villenviertel, ihre gefürchteten Lathi-Knüppel gegen die Brust gedrückt. Ein paar mutmaßliche Sektierer werden auf der Straße am Kragen gepackt und in ihren flatternden Gewändern zu einem Polizei-Lastwagen gezerrt.

Vor der indischen Botschaft warten täglich Hunderte von Afghanen - Mitglieder der einstigen Elite des Landes, die vor Jahren vor den Taliban geflüchtet ist - auf ein begehrtes Einreisevisum ins nächste Nachbarland. Sie empfinden Pakistan nicht mehr als sicheren Zufluchtsort.

In der abgesperrten und schwer bewachten Diplomaten-Enklave der Hauptstadt Islamabad wird wie ein Mantra die Lagebeurteilung rezitiert: »Der Widerstands-Aufruf der islamistischen Mullahs kann höchstens die Stammesgebiete destabilisieren. Aber ein US-Luftangriff gegen die Taliban jetzt oder in einer Woche, ohne Zeit zur psychologischen Vorbereitung, könnte ganz Pakistan in den Bürgerkrieg stürzen. Das Ergebnis wäre die Talibanisierung einer Atommacht.«

Pervez Musharraf hat am Mittwoch ausnahmsweise seine Khaki-Sommeruniform angezogen, mit vier langen Ordensstreifen, um den Pakistanern die Gefahren, die ihrem Land drohen, relativ unverblümt vor Augen zu führen. Wie ein bloßer Putschgeneral, als der er - bei oberflächlicher Betrachtung - nach seiner Machtübernahme vor zwei Jahren erscheinen mochte, wirkt der Berufsoffizier Musharraf an diesem Abend keineswegs.

Nur der sorgfältig gestutzte Schnurrbart erinnert daran, dass er das Militärhandwerk in der britischen Tradition erlernt hat. Die randlose Brille und der bedächtige, besonnene Vortrag seiner Rede an die Nation indessen würden eher zu einem Richter oder Universitätsprofessor passen.

Die erzürnte Supermacht Amerika hat ihm keine andere Wahl gelassen, als ihren »Krieg« gegen das Terror-Symbol Osama Bin Laden - und gegen das islamistische Taliban-Regime, das ihm Unterschlupf bietet - zu befürworten. Ja, er muss sein Land und seine gesamten Streitkräfte notfalls sogar in den Dienst der Amerikaner stellen.

»Wir werden Pakistan die Gelegenheit verschaffen, mit uns zusammenzuarbeiten«, lautete die Formulierung von Präsident George W. Bush, die von Musharraf sogleich als die massive Drohung verstanden wurde, als die sie auch gemeint war. »Rückhaltlos« soll diese Zusammenarbeit nun sein, verspricht der Militärherrscher. Das Ultimatum aus Washington nicht zu befolgen hätte Pakistan zum »Schurkenstaat« gemacht, gegen den jedes Mittel recht ist.

Mit der Befolgung der wenig verklausulierten Forderung aus dem Weißen Haus freilich zieht Pervez Musharraf den Vorwurf des Verrats an der islamischen Sache auf sich: aus der Sicht der Taliban, des Maulana Sami ul-Haq und der radikal-islamistischen Mullahs sowieso, aber nicht nur aus ihrer Sicht. Denn Pakistan hat - wie die Amerikaner selbst - die Steinzeit-Islamisten gefördert, als es galt, die Sowjetmacht wieder aus Afghanistan zu verjagen. Und Pakistan hat, auch noch unter Musharraf, den Glaubenskriegern jenseits der Grenze die Treue gehalten, sie mit Militärberatern und Geheimdienstlern aus den eigenen Reihen versorgt, mit Taliban-Nachwuchs aus der Kaderschmiede des Maulana Sami ul-Haq, mit Waffen und Treibstoff und Munition.

Damit ist es nun vorbei. Und mit seiner totalen Kehrtwendung riskiert General Musharraf den Krieg im eigenen Land, besonders dann, falls die Amerikaner ihre Bomben- und Raketenmacht über dem Taliban-Gebiet entfesseln sollten. Dann nämlich wären nicht nur die Fundamentalisten, sondern auch Millionen anderer Muslime in Pakistan herausgefordert: In ihrem wilden Anti-Amerikanismus nämlich stehen die Mullahs keineswegs allein.

»Es gelten jetzt andere Spielregeln«, hat der Bush-Vertrauensmann Richard Armitage den General und Präsidenten Musharraf wissen lassen. Der hat zwar verstanden, doch die Mehrheit seiner Landsleute hat das Pech, die neuen Welt-Spielregeln noch nicht zu kennen. CARLOS WIDMANN

* In Islamabad am vergangenen Mittwoch bei seiner offiziellenAnsprache an die Nation.

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