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NAHOST Sturmwarnung am Golf

Präsident Bush verschärft den Ton gegenüber Iran. Die Verbündeten in der Region bringt er damit in Verlegenheit: Sie trauen weder Teheran noch Washingtons neuer Strategie in Bagdad.
Von Ralf Hoppe, Georg Mascolo und Bernhard Zand
aus DER SPIEGEL 4/2007

Die Gastgeber haben einen Kleiderständer, schwer beladen mit Wintermänteln, vor die Wohnungstür geschoben, um verräterische Geräusche zu dämpfen, sie haben die Fenster mit Decken verhängt. Junge Frauen tanzen mit jungen Männern, der Whiskey kommt aus Amerika, der Rotwein aus Armenien. Das kann gefährlich sein in Teheran.

Die Party findet in einem Apartment am Vanak-Platz statt, im feinen Teheraner Norden. Die Gäste sind zwischen 20 und 35, liberal, westlich orientiert. Die Gastgeber sind ein Geschwisterpaar, beide ledig, und leben noch bei den Eltern. Die aber sind für zwei Wochen in Europa. Die Stimmung ist gut.

Nach einer knappen Stunde ist die Hälfte des Alkoholvorrats weggetrunken. Die Gastgeberin reicht entschuldigend ein Tablett mit Fruchtsäften. Je bedrohlicher die Politik, sagt eine junge Frau, desto größer die Lust am Feiern. Aber eigentlich solle man über Politik nicht reden, das verderbe die Laune.

In der Küche wird trotzdem diskutiert. Die amerikanischen Drohgebärden, die Gefahr eines israelischen Bombenangriffs, eines Krieges: »Wenn es dazu kommt«, sagt einer, »dann wird es das Land einigen und Ahmadinedschad noch stärker.« Alle Gäste sind sich einig, dass der Präsident im Ton falsch, in der Sache richtig gehandelt habe. Arrogant und blind sei es von den USA, den Iranern grundsätzlich böse Absichten zu unterstellen. »Die Amerikaner führen einen desaströsen Angriffskrieg im Irak«, sagt der Architekt, »und wir sollen die Achse des Bösen sein?«

Nach den jüngsten Verbalattacken Ahmadinedschads gegen Israel und die USA hat Amerika den Ton nun tatsächlich verschärft und setzt auch bemerkenswerte Zeichen in der Region. Seit Dezember kreuzt nach mehrmonatiger Unterbrechung wieder ein Flottenverband der U. S. Navy im Persischen Golf, geleitet vom Flugzeugträger »Dwight D. Eisenhower«. Ende Januar wird dazu die »John C. Stennis« eintreffen, deren Trägergruppe im November ein Manöver abhielt, bei dem sie »die Unterstützung einer neugewählten Regierung gegen einen anhaltenden Aufstand« simulierte. »Die Operationen«, hieß es auf der Website der »USS Stennis«, »finden vor dem Hintergrund wachsender innerer und globaler Spannungen statt, die auf die nuklearen Ambitionen eines benachbarten Landes zurückgehen.«

Mehrere US-Flugzeugträger am Golf - das hat es in den vergangenen 15 Jahren fünfmal gegeben: zu Beginn des Golfkriegs

1991; vor den Bombenkampagnen »Desert Strike« 1996 und »Desert Fox« 1998; im Frühjahr 2003. Nur einmal folgte einem derartigen Aufmarsch kein Militärschlag: Anfang Mai 1998, als das irakische Regime sich vorübergehend mit den Auflagen des Uno-Sicherheitsrats abfand.

Anfang Januar wurde die Ablösung von Armeegeneral John Abizaid als Oberbefehlshaber der US-Kräfte im Nahen Osten angekündigt; er gilt als Gegner eines Militärschlags gegen Iran. Mitte Januar gab das Pentagon zudem bekannt, dass es die Verbündeten Kuweit und Katar mit der neuesten Version des Raketenabwehrsystems Patriot aufgerüstet habe. Im Februar wird das Expeditionskorps ESG 2 der Marineinfanterie nach Bahrein verlegt, ein Verband, der, so sein Kommandeur, »stets das Unerwartete zu erwarten hat und auf Einsätze jeder Art vorbereitet ist«.

Die Beobachter im Nahen Osten beunruhigt die verschärfte Kompromisslosigkeit gegenüber Iran und, in dessen Gefolge, Syrien. Die Regime in Teheran und Damaskus erlaubten Terroristen und Aufständischen den Zugang in den Irak, vor allem Iran leiste »handfeste Unterstützung für Angriffe auf amerikanische Truppen«, sagte Bush zur Begründung seiner veränderten Strategie für den Nahen Osten.

Den Worten folgen Taten. Dreimal in vier Wochen haben US-Soldaten Iraner im Irak festgenommen, sogar im Wohnkomplex des einflussreichen Schiitenführers Abd al-Asis al-Hakim. Vorvergangene Woche stürmten sie ein iranisches Verbindungsbüro in der Kurdenhauptstadt Arbil.

Was genau Amerika den Iranern vorwirft, bleibt, gemessen an der politischen Bedeutung der Maßnahmen, eher vage. Es geht um ein Bündel von Übeltaten, die sich um Finanzierung, Ausbildung und Waffenlieferungen an Terroristen drehen.

Den härtesten Verdacht haben im Herbst 2005 britische Offizielle im Südirak formuliert. Sie hatten zwei nicht detonierte Bomben sichergestellt, deren Analyse auf eine »iranische Signatur« hinwies: Die infrarotgesteuerten, auch schwere Panzerung durchschlagenden Sprengsätze seien von der libanesischen Hisbollah entwickelt und über die iranischen Revolutionsgarden an schiitische Milizen im Irak weitergegeben worden. In Trainingslagern jenseits der Grenze, so der Vorwurf der Briten, bildeten die Iraner massenhaft irakische Kämpfer aus.

Die Behauptung, dass Iran nicht nur schiitische Milizen im Konfessionskrieg unterstütze, sondern direkt für den Tod amerikanischer Soldaten verantwortlich sei, wirft allerdings eine Frage auf: Ihre schwersten Verluste hat die US-Armee nach wie vor im Sunniten-Dreieck, wo sie vor allem gegen al-Qaida und Anhänger des Saddam-Regimes kämpft. Warum sollte Iran gerade diese beiden Gruppen mit Waffen versorgen - ihre eigenen und die Todfeinde ihrer schiitischen Verbündeten?

Iran fische eben »in gefährlichen Wassern«, sagte US-Vizepräsident Richard Cheney. Teheran betrachte »die Fähigkeit, im Ausland terroristische Anschläge verüben zu können, als Kernelement seiner Strategie«, meinte auch John Negroponte, der Chef über alle US-Geheimdienste, vorige Woche vor dem US-Senat.

Dass im Irak immer wieder Waffen iranischer Herkunft auftauchen, ist unbestritten. Vor allem die Kurden machen gute Geschäfte mit Iran, an der Grenze werden auch Waffen verschoben. Wie viel davon reine Schmuggelware ist, wie viel gezielte Unterstützung für den Aufstand, darüber gibt es nur Mutmaßungen.

»Warum sollten die Iraner im Irak Unruhe stiften?«, hat Iraks Präsident Dschalal Talabani einmal bemerkt, »ihre schiitischen Brüder sind doch ohnehin an der Macht hier.« Womit er beiläufig auf das Dilemma hinwies, in das Washington sich zwischen Bagdad, Teheran und Riad hineinmanövriert hat: Iran war der erste Nachbar, der die irakische Nachkriegsregierung anerkannte und bis heute offiziell unterstützt. Es sind, ironischerweise, Amerikas sunnitische Verbündete in der Region, die Probleme mit der Schiiten-Dominanz im Irak haben.

Entsprechend halbherzig reagierten die Außenminister der sechs Golfstaaten, Ägyptens und Jordaniens vorige Woche auf Bushs Irak-Rede. Das Kommuniqué, das sie nach ihrem Treffen mit Condoleezza Rice in Kuweit verabschiedeten, ist ein Lehrstück in arabischer Diplomatie. Es unterstützt das »Prinzip der Nichteinmischung« und warnt davor, ohne Iran oder die USA beim Namen zu nennen, den Irak zu einem »Schlachtfeld regionaler und internationaler Mächte« zu machen.

Die arabischen Sunniten fürchten den aggressiven Iran, aber sie trauen auch ihrer amerikanischen Schutzmacht nicht mehr.

Worauf aber läuft die Strategie der Regierung Bush gegenüber Iran hinaus? Während Kommentatoren in der Region erste »Sturmwarnungen« - so die »Gulf News« in Dubai - herausgeben, geht man in Amerika bislang noch vom Versuch einer Einschüchterung aus: Das Weiße Haus hoffe, Iran zu verunsichern und die Realisten in Teheran zum Widerstand gegen Präsident Ahmadinedschad zu bewegen. Auch ein geschwächtes Amerika, so die Botschaft an den Erzfeind, wird die Region nicht kampflos räumen.

Kommt die Botschaft an? Die Iraner, sagt Mohammed Atrianfar, Chef der Reformerzeitung »Karkonan« und Vertrauter des Ex-Präsidenten Mohammed Chatami, seien durch Amerikas Drohungen in eine »Falle zwischen der Wut der eigenen Regierung und der Wut der Amerikaner« geraten: »Es gibt keinen Iraner, der nicht für die friedliche Nutzung der Atomenergie wäre, dahinter stehen wir alle.«

So gleichgeschaltet, wie das Land unter Präsident Ahmadinedschad erscheine, sei es keineswegs, nicht einmal für die Regierung gelte das. »Eine Regierung ist wie ein Eisberg. Das meiste sieht man nicht«, meint Atrianfar. Daran könnte etwas sein.

Während Ahmadinedschad jüngst in Südamerika weilte, tat sich in Teheran Ungewohntes: Mehrere Zeitungen, die dem Religionsführer Ali Chamenei nahestehen, übten Kritik an der Kompromisslosigkeit des Präsidenten - in Sachen Atomenergie, aber auch gegenüber der Uno, wodurch Iran wirtschaftlich geschwächt werde.

RALF HOPPE, GEORG MASCOLO, BERNHARD ZAND

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