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Unfälle Sturz im Jammertal

Rudolf Scharping hat seinen Wiederaufstieg selbst gebremst - durch einen Crash mit dem Rad.
aus DER SPIEGEL 24/1996

Der Himmel war blau, die Sonne knallte auf den Asphalt und erhitzte die Luft auf 30 Grad im Schatten. Der Wind wehte schwach aus Südost.

Ihre hochwertigen Räder der Marke Schauff, hergestellt im rheinland-pfälzischen Remagen, trieben die beiden trainierten Biker mit kräftigen Tritten voran. Sein renntaugliches Fahrgerät mit keramikbeschichteten Felgen und einer professionellen Shimano-Dura-Ace-Ausstattung für Schaltung und Bremsen hatte der bekanntere der beiden Radler vor zwei Jahren bei Schauff geordert.

Gegen elf Uhr am vergangenen Donnerstag erreichten die Tourenfahrer - der Bonner SPD-Fraktionschef Rudolf Scharping und sein Leibwächter Jupp Castor - das auf einer Anhöhe gelegene Dorf Attenhausen. Von dort ging's die Landstraße 323 hinab zum Dörsbach, der durch das Jammertal fließt.

In einer Linkskurve der Gefällstrecke flog Scharping, »offensichtlich auf Grund eines Bremsfehlers« (Polizeibericht), über den Lenker auf die Straße. Spekulationen der Bild-Zeitung, wonach seine Geschwindigkeit zum Unfallzeitpunkt »mindestens 45 Stundenkilometer« betragen habe, wies ein Scharping-Vertrauter energisch zurück ("alles Scheiße"). Nähere Auskünfte verweigerte der SPD-Politiker, der am Tag nach dem Malheur vom Koblenzer St.-Martin-Unfallkrankenhaus aus seine Wochenendtermine delegierte.

Ausgerechnet der Mann, der beim Radeln mehr Power hat als jeder andere Bonner Spitzenpolitiker, laboriert jetzt an einer Gehirnerschütterung und an einer Platzwunde am Hinterkopf. Für die anstehenden Beratungen über die Sparpläne der Bundesregierung ist Scharping außer Gefecht gesetzt.

Der Sturz des Rudolf Scharping, 48, unterbrach jäh das überraschende Zwischenhoch in seiner Karriere. Der Mann, der Niederlagen gewohnt ist, hatte sich schon in einem neuen Hochgefühl gesonnt.

So gut wie jetzt, vertraute Scharping am vergangenen Dienstag seinem Fraktionsmanager Peter Struck an, sei es ihm schon lange nicht mehr gegangen.

Nachdem er im vergangenen November das Amt des Parteivorsitzenden an Oskar Lafontaine abgeben mußte, hatte sich der steife Westerwälder einem Imagewechsel unterzogen. Der neue Scharping - ohne Bart, locker geföhnt, leger gewandet - kommt besser an als der alte.

Auch Struck geriet beim Zwiegespräch mit seinem Chef ins Schwärmen: »Rudolf, dein Aufstieg läßt sich in vier Worte fassen: Rasur, Frisur, Montur, Statur.« Der Rudolf hörte das gern: »Ein schöner Vierklang.«

Wie der Unfall passiert sein könnte, erläutert der Hamburger Experte Michael Schäfer vom Edel-Fahrradladen »The New Cyclist": Bremst ein Radler auf abschüssiger Strecke in einer Kurve, sagt Schäfer, »dann richtet sich das Rad aus der Schräglage auf und die Fliehkraft haut den Fahrer weg«.

Einen technischen Defekt schließt die Polizei aus - zur Erleichterung von Fahrradhersteller Hans Schauff aus Remagen. Schauff hatte Scharping auf das 4200 Mark teure Rennrad »30 Prozent Journalistenrabatt« gewährt.

Möglicherweise zog Scharping sich die schweren Kopfverletzungen auch deshalb zu, weil er während der Tour keinen Helm trug. Ein Fahrradhelm dämpft den Stoß auf den Kopf, weil er die zerstörerische Kraft auf eine größere Fläche verteilt. Außerdem vermindert der Kopfschutz beispielsweise durch eine sich verformende Hartschaumschicht das Aufpralltempo des Schädels um 15 Stundenkilometer - das Risiko einer Gehirnerschütterung ist deutlich geringer.

Obwohl es durch Stürze manchmal sogar zu tödlichen Kopfverletzungen kommt, treten auch Radler-Lobbyisten wie der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) nicht für eine Helmpflicht ein: Der Griff zum Kopfschutz, so der ADFC, müsse der »freien Entscheidung« jedes Bikers überlassen bleiben.

Nach einer Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen hat sich die Zahl der Helmträger unter den deutschen Radfahrern in jüngerer Zeit mehr als verdoppelt - von zwei Prozent 1992 auf fünf Prozent im vergangenen Jahr. Wesentlich höher ist die Quote bei Kindern bis zu zehn Jahren, die in Westdeutschland zu 41 Prozent, im Osten zu 19 Prozent von ihren Eltern Helme bekommen.

Helmzwang gibt es jedoch neuerdings für Rennradler. Laut Reglement des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) ist seit Anfang dieses Monats der Kopfschutz bei allen Straßenwettbewerben und Querfeldeinrennen obligatorisch. Letzter Anlaß für diese Verordnung war der Unfalltod des Profis Fabio Casartelli im vergangenen Sommer bei der Tour de France.

Daß Scharping, der selbst schon mehrere Gipfel der Tour de France bezwungen hat und als erfahrener Amateur gilt, ohne Helm unterwegs war, stößt bei Experten auf Unverständnis. Die Unbedachtheit des Spitzen-Sozis, kritisiert etwa BDR-Sprecher Markus Böcker, sei »eine schwache Leistung«.

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